Lügen im Parkour

Hallo zusammen,

an dieser Stelle möchte ich einige der häufigsten Lügen aufzeigen, die ich in der deutschsprachigen Parkour-Community immer wieder und seit einiger Zeit beobachte.

Wenn ich hier von Lügen spreche, meine ich keine bewußten, absichtlich begangenen Täuschungen. Nein, die meisten dieser Dinge geschehen unbewußt. Letztlich sind es Dinge, mit denen sich einzelne Menschen selbst belügen. Oder wenn man so will – Situationen, wo Leute anders handeln, als sie selbst als Anspruch formulieren. Wo Ideale und konkretes Tun auseinandergehen.

Besonders anfällig für solche Dinge ist natürlich alles, was mit der Philosophie des Parkour zu tun hat.

Nun denn, ansprechen möchte ich:

1. Respekt

Das Thema Respekt ist wohl das, gegen welches ständig erheblich verstoßen wird. Offiziell ist Respekt Teil der Philosophie von Parkour: Respekt vor Umgebung und Hindernis. Respekt vor dem eigenen Körper. Respekt gegenüber seinen Mitmenschen.

Daß dieser Anspruch existiert, ist gut und wichtig. Parkour bedeutet ein Stück weit, seine eigene Freiheit wiederzufinden. Freiheit bedeutet aber – so verrückt das klingen mag – immer auch Verantwortung. Dnn wir sind nicht alleine auf dieser Welt. Wird einer plötzlich freier als Andere, setzt sich bewußt über Grenzen hinweg, so kann das u. U. Auswirkungen auf andere Menschen haben. Und ja – jeder Mensch ist für seine Handlungen voll verantwortlich.

Daher finde ich Respekt im Parkour absolut wichtig.

Und das nicht nur vom Standpunkt der Verantwortung aus. Auch für den Ausübenden selbst – Respekt ist eine wichtige Brücke hin zu anderen Menschen. Nur wen ich respektiere, mit dem kann ich auf Augenhöhe umgehen, mit dem kann ich wirklichen Kontakt aufbauen. Menschlichkeit geht letztlich nicht ohne Respekt.

Doch die Realität im Parkour sieht anders aus. Um das zu belegen genügt ein Blick in ein beliebiges Parkourforum im deutschsprachigen Raum. Da wird nicht nur gespamt, da wird immer und immer wieder gegen andere Leute persönlich geschossen. Und das nicht nur von Anfängern, die die Philosophie nicht verinnerlicht hätten – sondern gerade auch und massiv immer wieder von Leuten, die bereits wasweißich wie lange im Training sind. Und das nicht in Einzelfällen, sondern im großen Stil.
Traurig, das so zu sehen.

Und, wenn ich noch eins draufsetzen darf: schaut Euch mal die „Big Players“ der Szene an. Daniel, der das Forum hostet und den Markenschutz besitzt. Der hoch Medienpräsente Österreicher Andi. Sandra, die offiziell Parkour nach David Belle vertritt. Von denen kann keiner keinen leiden, soweit ich weiß, und da hat es in vielen Fällen verbale Auseinandersetzungen in der Öffentlichkeit bis hin zu Rechtsstreitigkeiten gegeben. Und viele andere hängen mit drin, viel zu leicht läßt sich die Szene polarisieren.

Warum eigentlich?

Wenn Respekt als Umgangsform postuliert wird, aber dennoch auch unter weit Fortgeschrittenen immer und immer wieder Reibereien auftreten, dann KANN da etwas nicht stimmen. Dann fehlt da etwas im Training, was eben zu dieser Form des Respektes führt – oder der Anspruch an sich ist falsch.

Ich bin ohnehin der Ansicht – jegliches Training mit dem menschlichen Potenzial ist vergeudet, wenn das Herz nicht mitwächst.

Parkour ist auch ein persönlicher Reifungsprozeß. Wer auch nach Jahren Training es immer noch nötig hat, einzelgängerisch aufzutreten, andere anzublaffen und unnötig persönlich zu werden, Fronten zu bilden etc., der hat aus meiner Sicht einige ganz wichtige Teile nicht verstanden. Punkt.

2. freie Bewegung

Parkour ist die Kunst der effizienten Fortbewegung. Parkour ist verdammt noch mal nicht die Kunst, sich mit sorgfältig abgemessenem Anlauf hoch konzentriert vor ein krass hohes Hindernis zu stellen, dieses möglichst spektakulär zu überwinden und danach wieder stehenzubleiben.

Es geht im Parkour darum, mit der Umgebung zu spielen. Sich der Umgebung anzupassen, sich frei durch den Raum zu bewegen und dabei etwaige Hindernisse kreativ zu überwinden.

Wenn Du einen fragst, der Parkour trainiert, dann wird er Dir wahrscheinlich so was ähnliches sagen. Warum aber halten sich die meisten nicht dran? Warum trainieren die meisten wirklich nur einzelne Hindernisse? Bei wem gehört Laufen mit zum Training – worum es im Parkour eigentlich geht? Wer trainiert wirklich Anwendung, Kombinationen, Läufe? Wer baut Parkour ganz selbstverständlich in seine Bewegungsabläufe mit ein, wer „lebt“ wirklich Parkour?

Die allermeisten trainieren nur einzelne Bewegungen. Nein, nichts gegen Techniktraining, ist eine nette Grundlage. Aber: wer lernen will, sich frei zu bewegen, sollte genau das AUCH trainieren!

Hab ich die Szene schon beschrieben? Ich ging mal mit einem Trainingspartner durch ein Waldstück, als ein Wildgatter uns den Weg versperrte, vielleicht knapp brusthoch. Drüber durften wir, da ging der Weg weiter. P. spannte seinen Körper an, fixierte das Hindernis, schätzte den Anlauf mit einem Blick ab, sprintete los und flog über das Geländer. Ich hingegen schmunzelte innerlich, ging einfach in meinem normalen Gang weiter und sprang eben am Geländer angekommen ebenfalls über jenes.

P.: *klick* Parkour an, hüpfen, *klick* Parkour aus. Malte: einfach den Sprung eingebaut in den Trott, in dem ich eh gerade war, eben meinen Weg gegangen. Was ist mehr Parkour?

Ganz im Ernst, wie geht eigentlich freie Bewegung? Wie kommt man da hin? Jedenfalls mit Sicherheit nicht, indem man nur einzelne Sprünge trainiert.

3. Parkour ist ungefährlich

Es wird immer wieder Wert drauf gelegt – Parkour ist nicht gefährlich. ODer, wie Andi mal so schön sagte: nur so gefährlich, wie Du es Dir machst. Solange jeder in seinem Rahmen bleibt und nur das macht, was er sicher schafft, ohne Schaden zu nehmen (was nicht nur heißt: kein Krankenheus, sondern auch: ich kann mich in 20 Jahren noch gut bewegen), ist ja alles gut und ungefährlich.

Und offiziell halten sich natürlich alle brav dran.

Aber stimmt das auch? SEHR viele erfahrene Traceure haben sich bereits größere Schäden und Brüche zugezogen. SEHR viele, die auch nur ein paar Monate trainieren, haben Knieprobleme. Macht mal die AUgen auf; hört Euch auf der Straße bei Euren Trainingspartnern um, schaut, was die „Großen“ zu berichten haben. Ich kenne genügend Geschichten von Operationen etc.

Schaut hin. Wie viele Leute gibt es, die mehr als ein Jahr trainieren und von keinerlei Schäden zu berichten haben?

Warum ist das so? Das muß durchaus nicht so sein. Es ist kein Automatismus, daß man sich bei Parkour selbst kaputt machen will. Doch ist einiges noch ziemlich heftig drin in den Köpfen. Jugendlicher Übermut, über die eigenen Grenzen zu gehen. Ein bißchen Show noch immer. Ein bißchen sich selbst was beweisen, toll und krass sein zu wollen.

Die Folgen sind da. Kraß find ich, daß viele das so nicht wahrnehmen. Auch Selbstwahrnehmung muß man erst lernen. Wenn die Knie bereits schmerzen, ist höchste Alarmstufe, so weit sollte es gar nicht erst kommen dürfen. Tut es aber leider…

Ehrlich Leute – paßt auf Euch auf.

Anekdote dazu: einst fragte mich in Köln ein Freerunner (einer von der Sorte, der ständig über seine Grenzen geht, anderen Leute blöde Sprüche drückt etc.), ob ich einen seiner Lieblingssprünge nachmachen könne. Das war eine Katze von einem Klettergerüst runter, vom Gerüst über eine Stange in Beckenhöhe und dann zwei Meter abwärts in Sand. Meine Antwort war: „klar schaff ich das, ist ja nicht weiter schwer. Aber warum zum Teufel sollte ich so einen Mist tun?“

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Vielleicht ergänze ich mit der Zeit noch weitere Punkte hier, dieser Artikel ist mit Sicherheit noch nicht vollständig. Ein paar Punkte habe ich bewußt rausgelassen, und auch ich habe mit Sicherheit noch blinde Flecken, wo ich selbst Dinge nicht wahrnehme. Für entsprechende Hinweise bin ich dankbar – denn eben diese blinden Flecke aufzulösen ist mir wichtig.

Lieben Gruß,

Malte

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Training: der mentale Anteil

Den folgenden Beitrag schrieb ich am 8. Juni 2007 in Parkour.de. Vorangegangen war die Frage, wie man denn den mentalen Anteil von Parkour gezielt trainieren könne.

Das Original ist hier zu finden (Anmeldung erforderlich): http://www.parkour.de/forum/thread.php?postid=78929#post78929

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Hey Jonas,

geile Frage.

Richtig, in meinem Blog habe ich nur einen kleinen Teil dessen angerissen, was – zumindest für mich – den mentalen Teil ausmacht.

Schwer, da was wirklich gezielt zu trainieren. Wenn man gar nicht genau weiß, wo die Reise hingehen soll, wie sollte man da gezielt trainieren können? Schwer, wenn man nicht einen bereits weit fortgeschrittenen Lehrer hat.

Ganz wesentlich aber kommt man an den mentalen Anteil dran, wenn man wirklich ernsthaft trainiert. Mit reinem Nachdenken kommt man nicht sonderlich weiter – da kommt man nur zu theoretischen Ergebnissen und nicht zu wirklich praktischen Ideen.

Wenngleich es natürlich auch wichtig ist, das, was man tut, zu reflektieren. Aber eben nicht nur.

Einige Eckpunkte, die nötig sind, damit das Training auch was bringt in der Richtung:

– Effizienz ist schon eine gute Leitlinie. Nicht jede Bewegung muß effizient sein, aber dennoch sollte das ein wesentliches Trainingsziel sein. Und damit läßt sich spielen: was ist jetzt wirklich effizient? Ist es effizient, immer nur einzelne Bewegungen separiert auf Maximum zu trainieren? Ist ein Katzensprung über eine Tischtennisplatte effizient oder könnte ich auch was anderes machen oder drumrumlaufen? Was wäre effizient, wenn ich jetzt die Hände nicht benutzen könnte? Wie würde Effizienz aussehen, wenn hier nicht eine kleine Stufe, sondern ein großer Abgrund wäre? Oder wenn ich Kleidung trage, die ich nicht schmutzig machen darf, weil ich gerade auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch bin?

– Parkour bedeutet, seinen eigenen Weg zu wählen und ihn effizient zu gehen. Das ist nicht nur ein körperlicher Prozeß, sondern läßt sich auch auf Schwierigkeiten (=Hindernisse) im Alltag anwenden. Schau mal, wo Du in Deinem Alltag lernen kannst, selbständig auf Deine Art Deinen selbst gewählten (Lebens-)Weg zu gehen.

– Lerne, auf Deinen Körper und seine Signale zu hören. Und auf Deine Intuition. Dafür ist Parkour recht klasse. Schmerzen meine Gelenke? Dann mach ich etwas falsch. Autsch, das hat reingehauen, so was sollte ich noch lassen. Und hey, das hat sich jetzt voll flüssig angefühlt. Und den Sprung da spür ich, also mach ich ihn. Wenn ich ihn nicht fühle, laß ichs lieber. Und so weiter…

– Parkour bedeutet wesentlich mehr Freiheit. Freiheit bedeutet aber auch Verantwortung. Kann ich voll zu dem stehen, was ich tue? Würde ich das auch tun, wenn der Grundstücksbesitzer oder ein Polizist danebenstehen würde? Damit lernst Du, was okay ist und was nicht, lernst gleichzeitig, zu Dir selbst zu stehen – oder die Dinge eben zu lassen, wenn Du das nicht kannst. Aber übernimm die Verantwortung! Für Dich und für das, was Du tust.

– Entsprechend, lern auch, die Dinge um ihrer Selbst Willen zu tun und nicht, um damit anzugeben (wenn das der Fall ist). Hättest Du den Sprung jetzt auch gemacht, wenn keine Zuschauer da gewesen wären?

Im Idealfal ist es Dir dann irgendwann egal, ob Zuschauer da sind oder nicht. Leute stacheln Dich nicht zu irgend etwas an, was eigentlich zu viel ist, und da Du zu etwas stehen kannst, was Du tust, ist es aber auch völlig egal, wenn Du mitten in einer Menschenmenge trainierst.

– Entdecke, wofür Du trainierst. Da mußt Du nicht sofort eine Antwort drauf haben. Aber beobachte das mal. Trainierst Du, um stark zu werden? Um nützlich zu werden, anderen helfen zu können? Um zum Muskelprotz zu werden und Dein Sixpack vorzeigen zu können, bei Partys alle möglichen „Tricks“ zu reißen? Oder gar, um Dich als Mensch weiterzuentwickeln? Trainierst Du, um möglichst schnell möglichst krasse Sachen zu können? Oder geht es Dir mehr um Beweglichkeit, die Du auch in vierzig Jahren noch hast?
Deine eigene Antwort darauf wird sich immer mal wieder verändern, und das ist gut und richtig so. Aber beobachte ruhig Deine Motivation und passe Dein Training drauf an, statt nur das zu trainieren, was die Anderen auch trainieren. Auch das ist ein Stück Gehen des eigenen Weges.

– lerne volle Präsenz und Aufmerksamkeit, in jedem Moment Deines Handelns. Das hilft enorm für die Klarheit auch in Deinem Alltag.

…das ist das, was mir gerader so spontan einfällt. Kannst ja mal schauen, was davon Dich anspricht.

Letztlich geht es immer darum, nicht nur in Trainings Parkour zu trainieren, sondern Parkour, das effiziente Gehen Deines ganz persönlichen, eigenen Weges zu einem Teil von Dir selbst werden zu lassen. DU BIST PARKOUR.

Lieben Gruß,

Malte

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Trainingsziele und Aufmerksamkeit

Zu dem Beitrag „Kraft und Technik“ habe ich einige Antworten bekommen. Eine davon bekam ich per Foren-PN; meine Rückantwort fiel etwas länger aus, und sie könnte noch für andere Menschen interessant sein. Ich veröffentliche sie daher hier.

Es macht Sinn, vorher den Beitrag „Kraft und Technik“ gelesen zu haben. Bin ja mal richtig gespannt auf weitere Erfahrungsberichte und Ideen…

Lieben Gruß,

Malte

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Hey ***,

erst mal ganz lieben Dank für Deine PN! Mich freut, daß es da draußen in der großen weiten Welt Leute gibt, die ein wenig ähnlich denken – und mit denen ein Austausch spannend sein kann. Denn letztlich – so oft meinen Leute, die Weisheit gefunden zu haben. Dabei hat jeder immer nur ein ganz kleines Stückchen von der Wahrheit, soweit es überhaupt eine gibt. Es gibt eigentlich kaum was Spannenderes, als aufzumachen und zu vergleichen. Was hast Du über die Welt herausgefunden? Was ich?

Was die unterschieldichen Definitionen von Parkour etc. angeht: Geh einfach raus und bewege Dich so, wie es Dir in den Sinn kommt. Ich trainiere noch nicht mal wirklich – was ich tue, tu ich immer, weil es mir gerade Frude bereitet. Der Trainingseffekt kommt dabei von selbst. Na okay, ab und zu trainiere ich auch mal einzelne BEwegungsabläufe – aber das soll nicht der Hauptteil sein.

Letztlich ist die Frage eine gute, in welche Richtung solls gehen? Ist eher der mentale Part wichtig – zu einem spielerischen Menschen zu werden, offen für seine Umgebung, der viel wahrnimmt, und einfach Freude am Leben hat? Dann brauchst Du kein Krafttraining, dann geh wirklich einfach raus und spiel, geh bewußt los und nutze die sich bietenden Gelegenheiten, um Spaß zu haben. Ein Schritt mehr auf dem Weg zu einem unkomplizierten, offenen, fröhlichen, freien Menschen – was in unserer heutigen Zeit so wertvoll ist.

Oder geht es darum, wirklich fliehen zu können? Dann ist vielleicht der Bewegungsfluß und die Effizienz besonders wichtig, dann kann man auf Schnelligkeit der Bewegungen trainieren.

Oder willst Du wirklich nützlich werden (soweit Du das nicht durch die Fröhlichkeit und innere Freiheit eh schon bist)? Dann wäre es eine gute Idee, alle möglichen Situationen mal durchzuspielen. Und natürlich auch die Reflexe zu üben, damit Du lernst, im richtigen Moment das Richtige zu tun.

Oder was auch immer man gern lernen möchte – Möglichkeiten und deren Kombinationen gibt es nahezu unendlich.

Letztlich wirst Du für Dich selbst entscheiden müssen, wo es Dich mit Deinem Training hinzieht. Und damit gehst Du Deinen eigenen Weg – was wiederum auch sehr viel mit Parkour zu tun hat… Und wahrscheinlich wird Dein Weg nicht nur einer der genannten sein, sondern verschiedenste Anteile von unterschiedlichen Zielen beinhalten. Ja: wenn man nur einen Weg geht, kommt man nicht wirklich voran, entwickelt man sich als Gesamtperson nicht wirklich weiter. Wenn Du immer nur an Deinen Techniken übst und diese auf Weite und Höhe optimierst, lernst Du nicht unbedingt diese Freiheit und Freude, die wirkliche Freiheit der Bewegung mit sich bringen kann. Wenn Du dagegen ausschließlich Dich frei über Hindernisse bewegst, wirst Du auf gewisse Höhen limitiert bleiben. Weiterentwicklung kann also eigentlich nur auf mehreren Wegen gleichzeitig erfolgen, wenn Du mich fragst…

Wobei: wenn ich meine Richtung einfach spüre und das umsetze, kann ich mir viel Nachdenkarbeit über Zieldefinitionen ganz einfach sparen. Und dafür einfach rausgehen und machen. Dein Körper wird Dir schon sagen, was für ihn gerade ansteht – wenn Du drauf hörst und nicht nur intellektuell über Ziele nachdenkst.

Sich bewegen ist mehr als nur den Arm zu heben, ja. Was ist Bewegung? Das ist eine verdammt gute Frage.

…ich halte sehr viel davon, seine „üblichen Trainingsplätze“ mal zu verlassen. Rumzufahren, unterschiedliche Leute an unterschiedlichen Orten kennenzulernen. Wo ich auch hinkomme, ich suche mir jeweils Läufer in der Umgebung, und das macht richtig Spaß. Gerade davon lernt man enorm viel. Wenn Du Dir jetzt den Wald als Trainingsort mit dazunimmst: spannendes Erfahrungsfeld! Keine rechten Winkel, sehr unterschiedliche Untergründe etc. …

Die Sache mit dem T’ai Chi: schwer, da was Allgemeines drüber zu sagen. Was ich lerne, ist auch nicht wirklich T’ai Chi, sondern eine freie Richtung, die sich daran anlehnt. In Richtung T’ai Chi gibt es einige richtig gute Ansätze und viel Schrott, was auf dem Markt rumflitzt. Ich hatte das Glück, an einen verdammt guten Lehrer zu geraten. Schwer, das hier per Internet zu vertiefen.

Die Sache mit der Aufmerksamkeit: genau, die Kampfsportler kennen das auch. Hast Du mal einem der großen Altmeister in die Augen geblickt? Deren Augen sind ganz weich, sanft, und bekommen unglaublich viel mit. Und wenn dann der Zeitpunkt gekommen ist, handeln die mit einer unglaublichen Eleganz und inneren Ruhe, bei der sie diese Art von Offenheit und Aufmerksamkeit beibehalten. Das geht dann irgendwann über rein physische Fähigkeiten hinaus – ich habe einen dieser Meister gesehen, wie er überraschend von hinten angegriffen wurde und, ohne den Angriff gesehen zu haben, adäquat reagierte…

Auch diese Meister haben gleichzeitig die konkrete Situation als auch das gesamte Umfeld im Blick. Und meiner Meinung nach braucht es diese Offenheit auch für einen guten Parkour.

Mach mal Folgendes, wenn Du diesen Absatz zu Ende gelesen hast: schau mal geradeaus und strecke die Arme vor Dich, je einen Finger (bzw den Daumen) nach vorne gestreckt. bewege diesen nach oben gestreckten Finger. Und dann bewege die Arme nach außen, den linken nach links und den rechten nach rechts. schau aber weiter geradeaus dabei. Irgendwann hast Du die Hände mit den sich bewegenden Fingern in den beiden Augenwinkeln. Schau mal, wie weit Du noch die Bewegung der Finger sehen kannst, ohne den Blick nach vorne zu verlieren. Bei den meisten Menschen ergibt sich ein Winkel von 170 Grad! Das heißt, wir können nicht nur geradeaus schauen, sondern können in einem riesigen Gesichtskreis Bewegungen erkennen!

Dasselbe kannst Du nach oben und nach unten machen. Dann kennst Du die wirkliche Größe Deines Gesichtsfgeldes.

Und jetzt versuche mal bewußt, Dein ganzes Gesichtsfeld gleichzeitig wahrzunehmen. Natürlich siehst Du nicht alles gleichmäßig scharf. Aber das macht nichts – es reicht, wenn Du in diesem Gesichtsfeld Bewegungen sehen kannst. Und ja, in diesem Bereich wird Dir jede einzelne Bewegung auffallen. Versuche, ohne die Augen zu bewegen, dieses ganze Feld von 170 Grads gleichzeitig wahrzunehmen. (Wenn Du eine Brille trägst, kann es Dir leichter fallen, sie vorher auszuziehen – Brillen sind auf Fokus geschliffen).

Stell Dir vor, Du bist ein Jäger der Steinzeit. Du pirschst durch den Wald. Du mußt die Tiere sehen, bevor sie Dich sehen. Sowohl die Tiere, die Du jagen willst, als auch Deine Feinde, Löwe, Tiger und Bär. Kannst Du Dir vorstellen, wie hilfreich das ist, in so einem breiten Feld jede Bewegung sehen zu können? Wenn Du was siehst, kannst Du ja wieder fokussieren und genau hinschauen. Aber Für die Wahrnehmung ist es super, gleichzeitig das gesamte Feld wahrzunehmen.

Im Wildnistraining nennen wir diesen Zustand „Eulenblick“. Diese Art zu schauen ist erst mal ungewohnt, aber sie ist unglaublich sanft und entspannend für die Augen. Und man ist automatisch aufmerksamer, bekommt viel mehr mit. Probier das mal im Wald, wirst staunen, was Du mitbekommst.

Gleichzeitig wirst Du einiges über Dich selbst erfahren – vor allem, wie leicht es ist, aus diesem Zustand wieder rauszufallen. Vor allem dann, wenn sich Gedanken in den Kopf einschleichen. Grübeln hat mit Offenheit für die Umgebung nichts zu tun…

Nächster Schritt: dasselbe mit dem Hören. versuch mal, um Dich herum alles zu hören, was da ist (besonders spannend wieder im Wald). Welche Geräusche sind vor Dir, welche hinter Dir, welche links, welche rechts, welche vielleicht oben? Kannst Du all diese Geräusche gleichzeitig um Dich herum hören, also nicht erst einem, dann dem anderen lauschen, sondern gleichzeitig alle wahrnehmen? Welches ist das leiseste Geräusch, welches Du hörst? Welches ist noch leiser?

Mit der Zeit lernst Du, wirklich das ganze Orchester um Dich herum gleichzeitig wahrzunehmen. Wenns nicht gleich klappt, bitte nicht ärgern – einfach jeweils so machen, wies gerade geht. Braucht ein wenig Übung.

Wenn das mit dem Hören klappt, bekommst Du eine erste Ahnung davon, wie man wirklich um sich herum umfassend alles gleichzeitig wahrnehmen kann. Das kann ein unglaublich intensives Gefühl sein, sich wirklich zu spüren und in alles um einen herum perfekt eingebunden zu sein. Leider kennen heute nicht mehr viele Menschen dieses Gefühl.

Wenn beides für sich gut klappt, kombiniere Eulenaugen mit den „Rehohren“, wie wirs nennen. Und wenns Dir dann noch gelingt, Dich selbst dabei zu spüren – schwer zu beschreiben, das Gefühl.

Kann übrigens nicht drum gehen, das zum Dauerzustand werden zu lassen. Wenn man diesen Status festzuhalten versucht, macht man ihn sich um so schneller kaputt. Übe das, wann immer Du magst – das setzt sich mehr und mehr von selber um.

Wenn Dich das interessiert, experimentiere erst einmal damit. Um das dann zu festigen, wenn Dus richtig raus hast, mach das mal einige Wochen lang: daß Du immer, wenn Du gerade dran denkst, mal gerade in Eulenaugen und Rehohren gehst. Das ist auch im Alltag unglaublich entspannend und bringt einen immer wieder zwischendurch für einen Moment in die Bewußtheit.

Dann verstehst Du vielleicht ein wenig, was Dein Kampfsportfreud Dir auch zu erklären versucht – diese Art von Offenheit, die ich meine. Wirkliche Aufmerksamkeit.

Ich bin sehr gespannt, von Deinen Erfahrungen zu hören.

Diese Antwort ist auch ein wenig länger geworden, mir sind beim Tippen selbst erst mal paar Sachen klar geworden, und da sind richtig viele Dinge drin, die ich insgesamt wichtig finde. Ich erlaube mir daher mal, diesen Text wiederum in meinen Blog zu stellen – sind ja keine persönlichen Sachen von Dir drin, und die Inhalte könnten noch weitere Menschen interessieren.

Danke Dir ganz herzlich für Dein Interesse, für Deine Initiative!

Lieben Gruß,

Malte

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Kraft und Technik? Oder: Was trainiere ich überhaupt?

Anfängerhinweis: dieser Beitrag ist ganz und gar nicht anfängertauglich., Ich werde hier viele Fragen aufwerfen, vieles in Frage stellen, und und werde oft genug die Antworten schuldig bleiben. Hier mitzulesen macht nur Sinn, wenn Du schon ein gutes Grundrepertiore hast und Dein Training selbstverantwortlich und bewußt systematisch betreibst. In der Regel wird das erst nach einigen Monaten der Fall sein.

Anderenfalls läufst Du Gefahr, dich verwirren zu lassen. Manchmal ist es besser, etwas nicht Perfektes zu trainieren, als gar nicht zu trainieren, weil man den perfekten Weg nicht findet.

Überlegs Dir also gut…

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Was trainiere ich eigentlich genau? Oder wo will ich hin? Parkour ist mich Sicherheit nur ein kleiner Teil von dem, was ich eigentlich will. Aber geht das denn überhaupt? Mache ich damit überhaupt noch Parkour? Ich gehe meinen sehr eigenen Weg, habe meine sehr eigenen Trainingsideen. Aber vielleicht ist gerade das Parkour? Ach was, scheiß drauf, forget about the names…

Darum gehts aber auch gar nicht. Ich merke jedenfalls, daß ich nicht nur Parkour so trainieren mag, wie er her in Deutschland überwiegend trainiert wird. Mir geht es keineswegs um Maximalsachen. Mir geht es auch nur sekundär um Fliehen, etc. Mir geht es, im physischen Teil, um Weiterentwicklung. Um Bewegung, Beweglichkeit, Fluß, um Freilegung von Ressourcen und Potenzial, um Freiheit. Ich kanns noch nicht ganz auf den Punkt bringen, was und wofür ich trainiere. Ich merke nur, es tut gut, unter anderem auch auf körperlicher Ebene die eigenen Potenziale zu entwickeln und für eine ausgewogene Fortentwicklung zu sorgen.

Daß ich das nicht nur auf körperlicher, sondern auch auf geistiger und seelischer Ebene anstrebe, versteht sich von selbst.

Parkourtraining, so wie die meisten hier in Deutschland trainieren, besteht vor allem aus Krafttraining und Techniktraining. Ist zwar nett, aber aus meiner Sicht reduziert das Bewegung nur auf diese beiden Punkte, Kraft und Technik. Bewegung, sowie Körperentwicklung, ist aber soo viel mehr…

Was das Krafttraining angeht, so halte ich es alleine für untauglich für eine gute Körperentwicklung; Kraft ist m. E. nur ein Teil dessen, was an physischer Entwicklung für Parkour nötig ist. Ich werde öfters darauf angesprochen, warum ich denn kein klassisches Krafttraining mache. Hier meine Antwort:

– Bei dem, wo ich hin will, brauche ich nicht in erster Linie Kraft. Was ich brauche, ist Körperspannung.

– Ich gehe so weit zu behaupten, daß die richtige Körperspannung die einzige physische Grundlage ist, die man fürs Parkourtraining braucht. Auch richtiges Federn: vergiß die Technik, wenn im richtigen Moment Deine Körperspannung stimmt. Denn die verteilt den Stoß schon von selbst.

– Kraft ist ein Bestandteil von Körperspannung, und Krafttraining kann ein Weg sein, um dort hinzukommen. Allerdings läuft Krafttraining Gefahr, die Körperspannung nur partiell aufzubauen, und behebt auch nur teilweise Haltungs- und Körperspannungsschäden, die aufgrund unserer Sozialisation vorgegeben sind. So haben die meisten Menschen in den Schultern zu viel Spannung und im restlichen Körper zu wenig. Reines Krafttrainng läuft Gefahr, diese Mißstände sogar zu verschärfen und jedenfalls den Körper nicht ausgewogen weiterzuentwickeln.

– Gar nichts halte ich von repetitiven Übungen wie Liegestützen etc. So sehr Du die auch variierst, Du wirst keine natürlichen Bewegungsabläufe, wie Du sie im Parkour brauchst, trainieren, sondern immer nur isolierte Bewegungen. Außerdem haben sie keinen Inhalt; siehe unten. Das hat mir mein Körper auch schon immer signalisiert: zu repetitiven Übungen mußte ich den immer zwingen, da hat er immer Widerstand geleistet. Quadrupedale Sachen und anwendungsbezogene Übungen, die Fortbewegung beinhalten, liebe ich dagegen regelrecht^^
– Noch weniger halte ich vom gezielten Aufbau einzelner Muskelpartien oder gar einzelner Muskeln, wies im Fitneßstudio oft betrieben wird. Im Parkour gehts um das Zusammenspiel der Muskeln, nicht um Maximalleistungen einzelner Muskelgruppen.

– Bei Krafttraining werden oft genug nur die Bewegungsmuskeln trainiert. Das ist VÖLLIG unzureichend – unser Bewegungsapparat umfaßt VIEL mehr als nur die Bewegungsmuskulatur. Hier liegt auch wieder eine Gefahr ungleichmäßiger Körperentwicklung! Denn die trainierten Muskeln entwickeln sich schnell. Gelenke, Sehnen etc. kommen mit diesem Entwicklungstempo oft nicht mit und verkraften die Leistungen, die die Muskeln da plötzlich veranstalten, oft nicht wirklich. Gefahr von Schädigungen!
Außerdem haben wir auch noch so was wie Stützmuskulatur, die unseren Körper überhaupt zusammenhält. Die kommt im Training sehr oft zu kurz. Dabei macht die wesentlich die Körperspannung aus und hilft bei sehr vielen Dingen wesentlich mit. Ich habe sogar Gründe anzunehmen, daß die Stützmuskulatur viel mit dem zu tun hat, was Blane als „Grandfather Strength“ bezeichnete.
Also, nur Bewegungsmuskulatur zu trainieren halte ich für Unsinn. Zumal es von einem gleichmäßig ausgebildeten Körper eher wegführt.

– Noch ein Punkt: ich trainiere Parkour und andere Bewegungskünste aus Freude an der Fortbewegung, nicht um der Maximalleistungen Willen. Ich will einfach in der Lage sein, mit dem Körper, den ich nun mal habe, mich frei zu bewegen. Ich will keinen Körper, den ich ständig lebenslang hardcore trainieren muß, damit er leistungsfähig bleibt. Ich will das, was ich halt habe, nutzen lernen. Punkt.

– Repetitive Kraftübungen – und auch viele andere – haben keinen Inhalt. Dies ist ein Punkt, der vielleicht etwas abgedreht klingen mag, auf den ersten Blick. Aber Du kennst das bestimt auch: da ist diese Mauer. Du läufst los, schießt Dich hoch. Hängst oben dran, und schwups bist Du im Stütz und oben. Du hast eigentlich kaum Kraft gebraucht… Schwung? Nein, nur Schwung ist es auch nicht. Da ist noch irgend etwas, was Dich nach vorne, nach oben schiebt… Man kann das als energetischen Prozeß beschreiben oder als was auch immer. Für mich hat das viel damit zu tun, daß die Bewegung einen Inhalt hat. Ich habe eine Richtung, ich will da hoch, meine Aufmerksamkeit wandet mir bereits voraus auf die Krone der Mauer. Ich kann eine Treppe hochgehen, langsam und bei jedem Schritt stöhnend, und dann ist das auch schwer, wenn ich das nur mit Kraft mache. Ich kann aber auch gerade hellwach sein, da hoch wollen und schwups mal eben die Treppe raufflitzen und hab kaum Kraft gebraucht. Diesen Unterschied meine ich, das hat viel damit zu tun, was ich in „ein anderer Gang“ bereits beschrieb.
Nenn es Fluß oder wie auch immer. Wenn Du diesen Drive hast, brauchst Du kaum mehr Kraft! Und mir ist SEHR wichtig, genau diesen Drive zu kultivieren und zu üben. Inzwischen kann ich regelrecht damit arbeiten. Habe mal ne Hell Night mitgemacht – ich war fix und alle, konnte mich physisch nicht mehr bewegen, ging mental in diesen Zustand der Leichtigkeit und kam plötzlich mit einem Mal wieder irre weit…
Die meisten Kraftübungen, vor allem die repetitiven, haben in der Regel diesen Drive NICHT mit drin! Im Gegenteil geht es da gerade darum, den Muskeln einen Widerstand zu bieten und gerade eben NICHT damit zu arbeiten. Schade – ich will mir das nämlich bloß nicht abtrainieren.

Aus den genannten Gründen mache ich kein klassisches Krafttraining. Ich bleibe halt in meinem körperlichen Rahmen, und die Kraft kommt im Training dann von selbst. Sagen wir so: ich hab mit 7 Fuß aus dem Stand angefangen, heute nach 16 Monaten nicht intensivem Training bin ich bei fast 10. Ist doch okay.

Was ich aber begleitend noch mache, sind bestimmte Übungen aus Richtung T’ai Chi, die die Körperstruktur formen, eben die genannten Ungleichheiten der körperlichen Entwicklung aufheben und damit Haltungsschäden vorbeugen; die die Stützmuskulatur, Gelenke und Sehnen mittrainieren und die genannten energetischen Prozesse fühlbar machen und in Gang bringen. Konkretere Infos bei Interesse.

…ja, so viel zum Thema Krafttraining. Das war bereits eine Menge. Nun habe ich in der Einleitung aber noch einen zweiten Bereich angeschnitten: das Techniktraining… Also halali, ab die Post zu diesem Thema.

Ja, ich habe immer auch Techniktraining gemacht und werde das auch weiterhin tun. Aber auch das Techniktraining hat aus meiner Sicht einige Haken. Ich wechsle gerne Techniktraining mit anderen Dingen ab, wie etwa Flußtraining. Warum ich Techniktraining für unvollständig halte? Also:

– Im Techniktraining fixierst Du Dich auf einige wenige Möglichkeiten, Hindernisse zu überwinden. Du hast Dein Grundrepertoire an Bewegungen, die Du richtig gut kannst, und fertig. Und wehe, ein Hindernis paßt mal nicht ins Schema Deiner Bewegungen – was dann? Wirkliche Freiheit der Bewegung bekommst Du, wenn Du spontan angemessen reagieren kannst. Techniktraining läuft Gefahr, sich selbst auf einige Bewegungen zu limitieren.

– Techniktraining verführt massiv dazu, jede einzelne Technik bis zum Abwinken auf Maximalleistung zu trainieren. Das ist zum einen für das körperliche Wohlergehen mehr als fragwürdig (Anfangs hab ich fast nur am Maximum trainiert und sehr bald Knieschmerzen bekommen, war mir eine Lehre). Zum Anderen  lernt man damit eben nur Maximalsprünge und keinen wirklichen Bewegungsfluß.
– Im Techniktraining geht es fast immer nur um die Ausführung eines einzigen, isolierten Sprunges. Oder manchmal auch einer Kombination. Die meisten Leute bleiben dann direkt nach dem Hindernis stehen. Hallo? Wenn solche Leute dann versuchen, einen Run zu machen, überwinden sie ein Hindernis, bleiben stehen, peilen das nächste an, nehmen Anlauf, und dann gehts erst weiter. DAS ist kein Fluß! Das hat mit Anwendungsbezug absolut NICHTS mehr zu tun! Aber eben diese Marotte gewöhnt man sich im Parkourtraining ganz schnell an, wenn man nur Kraft und Technik trainiert.
– Damit einher geht auch, daß man nur Konzentration lernt, nicht Aufmerksamkeit. Ist ja gut auch zu können, ist aber unvollständig. Wenn Du Dir ein Hindernis suchst, welches etwas schwerer zu überwinden ist, und nur dieses eine angehst, wirst Du Dich voll auf dieses eine Hindernis konzentrieren und alles andere drumrum ausblenden. Nett auch zu7 können – reicht aber nicht. Wenn Du wirklich im Bewegungsfluß bist – bei einem Run oder sonstwie – kannst Du Dich nicht nur auf eine Sache konzentrieren. Klar mußt Du auch voll bei der Sache sein und mitkriegen, was Du da gerade tust. Aber gleichzeitig mußt Du auch die Gesamtsituation im Blick haben. Wo ist der leichteste Weg, den es anzusteuern gilt? Wo sind andere Hindernisse? Welchen Weg wähle ich am besten? Wo ist ggfs mein Verfolger gerade? Wo sind mögliche Störquellen? Und so weiter…
Diese Art der Aufmerksamkeit wirst Du niemals bekommen, wenn Du immer nur ein isoliertes Hindernis anrennst oder eine vorher sorgfältig durchdachte Minikombi durchführst.
– Wenn Du nur Techniktraining machst, hast Du plötzlich Ansprüche an Hindernisse. Plötzlich kannst Du Dich nur noch da sinnvoll bewegen, wo die Hindernisse bestimmte Qualitäten aufweisen. Plötzlich gibts für Dich „geile Spots“ und „schlechte Spots“. Dabei gehts doch drum, sich in jeder Lage frei zu bewegen, oder? Warum müssen es eigentlich immer die Extrema sein?
– Im normalen Techniktraining machst Du Dir Bewegungen, Bewegungsabläufe zur Routine. Das hat Vorteile – dadurch kann der Körper sie jederzeit spontan abrufen. Aber auch Nachteile – Du fixierst Dich eben auf die Bewegungen, deren Abläufe, und dann ist schwer zu variieren.
Mir fiel das letztens auf, als ich mit einem Freund, der auch Parkour übt, durch ein Waldstück ging. Plötzlich war quer über den Weg ein Tor – man durfte durch, aber die Wildtiere halt nicht. Kaum sah mein Freund das Tor, ging er in Habachtstellung, fixierte sich voll auf das Tor, ging in Körperspannung, spurtete los und flog im nächsten Moment über das Tor. Genau wie im Techniktraining halt.
Ich dagegen blieb einfach in meiner Bewegung, im Wandern. Als ich dann am Tor ankam, halt eine Hand drauf und drübergeschwungen, fertig. Wozu dieser Anlauf? Warum nicht einfach in der Bewegung bleiben, in der man gerade ist? Was von beidem ist wohl die freiere Art der Bewegung?
Nun ja, zu solchen Mustern verleitet das reine Techniktraining…
Noch einmal: ich betreibe selbst u. a. auch Techniktraining und finde es soo schlecht nicht. Aber es kann immer nur Teil von etwas sein. Es gibt eine ganze Menge Faktoren, die man im Techniktraining eben nicht trainiert. Laß jemanden, der immer nur Techniktraining gemacht hat, mal nen kleinen Run machen – der wird sein blaues Wunder erleben. Vor allem wird der Höhen plötzlich ganz anders wahrnehmen, die Maximalleistungen sinken rapide (muß man sich erst mal dran gewöhnen, echt!), die einfachsten Sachen aus dem Techniktraining werden plötzlich zur riesigen Herausforderung. Das mit der Aufmerksamkeit wird nicht einfach, und schon nach kürzester Zeit ist derjenige fix und fertig. Also kann reines Techniktraining schon mal nicht der Weisheit letzter Schluß sein…

Ja, genug gelästert. Ich glaube, damit ist klar, warum ich mich vom üblichen reinen Kraft- und Techniktraining inzwischen zunehmend abgrenze. Wenn ich noch ein wenig nachdenke, finde ich bestimmt noch paar hundert Argumente mehr.

Aber was dann? Was ist meine Alternative? Ganz ehrlich, da forsche ich selbst noch, und bin über Anregungen aller Art herzlich dankbar. Ich bin gerade dabei, noch etliche Sachen auszuprobieren. Definitiv sind im Moment folgende Dinge Teil meines Weges:

– Körperstrukturtraining, wie oben beschrieben. Das sind Übungen aus dem T’ai Chi und verwandten Systemen, zT auf meine Bedürfnisse angepaßt und abgewandelt. Das sind zT reine Standübungen, Positionen über eine Zeit lang zu halten, was die Stützmuskulatur und den Energiefluß erheblich trainiert (bitte nicht einfach nachmachen, kann auch Schäden hervorrufen, wenn mans falsch macht!).

– Als Krafttraining werde ich weiterhin Handstände und fortbewegungsbasierte Übungen (quadrupedale Sachen etc) machen.

– Übungen zur freien Bewegung: in eine gleichmäßige Körperspannung zu gehen und sich darin einfach frei und mühelos zu bewegen – bitte ebenfalls nicht einfach nachmachen, bei Bedarf nachfragen!

– Techniktraining wird weiter Bestandteil meines Trainings sein

– Flußtraining: einfach loslaufen und im Bewegungsfluß bleiben. Kontrolle ist dabei oberstes Gebot, ebenso wie Durchgängigkeit der Bewegung. Heißt, nach einem Hindernis nicht zu stoppen (mich also in obigem Sinne zu Aufmerksamkeit statt Konzentration zu zwingen). Heißt sogar, in keinem Moment den Körper so zu verspannen, daß sich ein Muskel nicht mehr bewegen kann. Also komplett locker bleiben, aber auch nicht zu locker. Kein Stopp in welchem Moment auch immer. Um das zu gewährleisten, sind diese Übungen anfangs noch sehr langsam, Geschwindigkeit kommt erst mit der Zeit.

– Konditionstraining. In letzter Zeit hab ich tierisch Spaß dran, einfach mal kurze Strecken zu spurten. Zum Joggen kann ich meinen Körper immer noch nicht überreden, wird Gründe haben, komm ich vielleicht irgendwann hinter. Aber kurze Runs mit Power hinzulegen geht auch schon tierisch an die Kondition; der Kölner Stangenspielplatz ist dafür geil, einmal rüber und alles mitnehmen was kommt, und Du bist platt^^

– Flexibilität wird ein weiterer Körperfaktor sein, werde ich wohl separat trainieren. Auch dazu gibts paar richtig schöne Sachen aus dem T’ai Chi.

– Habe derzeit wieder Spaß am Schwimmen bekommen. Werd ich wohl öfters mal machen. Auch hier kann man wieder auf Kraft und Ausdauer gehen oder einfach spielen, sich treiben lassen, sich durchs Wasser winden.

– Was den anaeroben Bereich angeht, da hab ich noch ne Menge Nachholbedarf, da versagen meine Muskeln SEHR schnell. Mal schauen, was ich in der Richtung noch machen werde.

… und vielleicht noch weitere Dinge? Ich freu mich definitiv auf Anregungen.

Sowieso, das war jetzt verdammt viel Text, und vieles davon läuft quer zur heutigen Trainingspraxis. Ich möchte noch mal betonen, daß das hier, was das Training angeht, mein persönlicher Weg ist, geleitet von meinen persönlichen Zielsetzungen. Ich bin nun mal einfach schon 30, und so sind eben nicht die Maximalleistungen mein Ziel, wie bei vielen Jüngeren. Sondern ich möchte lernen, meinen Körper zu bewegen, so wie er ist, und möchte auch mit 50, 70 und 90 mich im Rahmen meiner Möglichkeiten noc hordentlich bewegen können. Dauerhafte Freiheit statt schneller Erfolge.

Das heißt noch lange nicht, daß mein Weg auch für Dich der richtige sein muß. Such Dir gefälligst Deinen eigenen 😉 Aber vielleicht habe ich Dir einige Gedanken mitgeben können, und mit Sicherheit verstehst Du meinen Weg jetzt besser und weißt, warum ich den Neunfußarmsprung im Mediapark nicht trainiere *lol*

Ich freue mich sehr auf Eure Kommentare. Bitte nicht einfach nur „boah“ und „toll“ und „wow“ oder „so’n Scheiß“ oder so – Kommentare bitte inhaltlich, sonst kann ich auch drauf verzichten. Danke!

Lieben Gruß,

Malte

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Die Rolle

Ich habe in einigen Dingen meine etwas eigene Herangehensweise an die Rolle. Dieser Artikel wird keines der vorhandenen Rolltutorials ersetzen. Dennoch möchte ich hier aus meiner Sicht einige Dinge einbringen, die mir zur Rolle aufgefallen sind. Der erste Teil richtet sich an diejenigen, die die Rolle (schon seit einiger Zeit) üben und verbessern wollen, der zweite Teil sei Leuten vorbehalten, die die Rolle flüssig beherrschen. Für komplette Anfänger ist dieser Text nicht geeignet.
Grundsätzlich: ich übernehme keine Garantie oder Haftung fürs Gelingen, für Verletzungen oder sonstwas. Nur, wer meine Hinweise richtig verstanden hat, möge sie ausprobieren, und auch nur in dem Rahmen, den er / sie selbst eigenverantwortlich bestimmt. Für die eigene Sicherheit muß schon jeder selbst die Verantwortung übernehmen.
Bilder einsetzen

Die Rolle wird oft sehr technisch eingeübt. Du schlägst noch mit dem Kopf an? Dann dreh ihn zur Seite. Die Beine? Ja, halt die soundso. Und das mit der Schulter mußt Du halt üben… So oder ähnlich klingen vielee der Tipps, die Anfängern oft gegeben werden.

Ich persönlich bin ein großer Freund davon, mit inneren Bildern zu arbeiten. Zum Beispiel: ich bin eine Kugel. Oder: ich fließe über den Boden, vertraue mich dem Boden an, bin zähflüssig und fließe dahin. Oder wie auch immer…

Für diesen Ansatz bin ich oft verlacht worden. Genauso oft aber hab ich die Rückmeldung bekommen, daß das hilfreich sei. Also kann es nicht ganz falsch sein…

Wichtig dabei ist, das jeweilige Bild auch wirklich zu spüren, wirklich zu dem zu werden, was man sich gerade vorstellt. Nicht nur ein Bild in seinem inneren Auge zu produzieren, sondern wirklich mit der ganzen Person in diese Vorstellung, pardon: in diese Realität einzutauchen.

Meine Erfahrung ist, daß sich dann ganz oft Probleme, die man mit reiner Haltungskorrektur nicht wegbekommen hat, sich fast von selber lösen.

Mir waren bei der Rolle lange die Beine im Weg. Bin nie sauber aufgekommen. Das Problem war offensichtlich: ich hielt die Beine noch weit vom Körper gestreckt, hätte sie mehr anziehen müssen. Aber koordiniere so was mal als Anfänger, der seinen Körper gerade erst kennenlernt… alle technischen Tipps haben versagt, ich konnte das einfach nicht umsetzen.

Dann ging ich irgendwann in die Vorstellung: ich bin eine Kugel. Ich rolle. Und hoppla: plötzlich hatten sich meine Beine so angezogen, ganz von selbst, daß ich sauber auf ihnen angekommen bin und aus der Rolle gleich wieder hochkonnte.

Und die Schulter schmerzte plötzlich auch nicht mehr. Welch ein Schritt…

Probiere das jeder für sich aus. Mir persönlich haben solche Bilder schon viel weitergeholfen.

Der Übergang

Eine Rolle besteht ja durchaus nicht nur aus der eigentlichen Rolle, zumindest im Parkour nicht. Mindestens genauso wichtig ist die Überleitung vom Fall, also vom Landen, in die Rollbewegung. Dabei sollen die Beine die Fallenergie nach vorne umleiten und die Rolle selbst soll den eigentlichen Fall abfangen. Häufiger Anfängerfehler, mit den Beinen die komplette Fallenergie zu absorbieren und dann in eine völlig nutzlose Rolle zu gehen – macht so kaum Sinn…

Wies aber richtig geht, dazu habe ich noch keine verläßliche Aussage gehört, bzw jeder sagt da was Anderes. Von Mathias aus Duisburg habe ich mal eine hohe Rolle gesehen, wo er bei der Landung die Beine überhaupt nicht beugt und mit den Armen fast schon ein Rad bildet, an dem entlang er sich abrollt. Argument war da, das sei klasse, da die Beine da eben nichts abbekämen. Andererseits halte ich das auch nicht für falsch, wie viele andere das tun, beim Umleiten der Fallrichtung nach vorne gleich schon einen Teil des Aufpralls mit den Beinen abzufangen – eben so viel, wie die problemlos vertragen – und dann relativ flach zu rollen (Team Ukemi: „high impact flatens the Roll“).

Und auch, wenn man die Beine einsetzt – dann gibt es Varianten, einfach einzuknicken und zu rollen, sich noch nach vorne abzudrücken und zu rollen und vieles mehr. Fakt ist, eine Überleitung muß es geben. Wie aber ist sie sinnvoll?

Ich lasse diese Frage mal offen stehen und freue mich auf Eure Ideen und Antworten.

Rolltraining: mal ganz langsam!

Soo viele haben Schwierigkeiten mit dem Erlernen der Rolle. Ich behaupte sogar, daß sie eine der schwierigsten Basistechniken ist – auch viele fitte Leute haben nach einem Jahr immer noch ein Problem damit.

Problembereiche sind meist: Anhauen der Schulter beim Aufsetzen, Anschlag an den Beckenknochen während des Rollvorganges, Rollen über die Wirbelsäule, Abknicken der Rollrichtung während des Rollens.

Als Lösung wird hier meist nur gesagt: Üben wie bescheuert. Ganz ehrlich, ich glaub nicht, daß das reicht.

Meine persönliche Antwort: zu 80% ist das eine Frage der richtigen Körperspannung. Die meisten Menschen haben Spannung an manchen Stellen zu viel und an anderen zu wenig, sind unausgewogen. Stimmt die Körperspannung beim Rollen nicht, so läuft die Rolle anders als beabsichtigt. Mit Schwung kann man noch einiges überdecken, so daß die Rolle doch „klappt“ – aber die Schulter schmerzt trotzdem…

Probier mal, die Rolle gaaaanz langsam zu machen. So daß Du wirklich keinen Schwung drin hast, der irgend etwas überdecken könnte. Eine wirklich gute Rolle kann man auch in Zeitlupe machen und an einer beliebigen Stelle halten, ohne daß man weiterrollt. Jawohl.

Wenn man die Rolle wirklich gaaanz langsam in Zeitlupe ausführt, merkt man sehr schnell sehr deutlich, wo sie wirklich kontrolliert und von der Körperspannung geleitet wird und wo noch Bedarf ist. So werden viele Menschen feststellen, daß sie sehr kontrolliert weit runtergehen können, bis die Schulter etwa 15 cm über dem Boden schwebt, und daß sie sich dann fallen lassen, statt kontrolliert runterzugehen. Effekt: die Schulter knallt auf den Boden. Genau dasselbe passiert dann auch in der schnellen Bewegung!

Hat man einmal herausgefunden, an welchen Stellen die Körperspannung fehlt, kann man anfangen, rumzuprobieren. Laß dann mal einzelne stark angespannte Körperpartien locker oder spanne schlaffe an und schau mal, an welcher Stelle es gelegen hat. Und konzentrier Dich dabei nicht nur aufs Offensichtliche. Spann zum Beispiel beim Rollen mal Deine Bauchmuskeln etwas mehr an, als Du meinst, daß es sein müsse. Bei vielen ist die Spannung in den Bauchmuskeln zu schlaff. Wenns das nicht ist, probier mal andere Dinge durch – im langsamen Rolltraining merkst Du sofort die Unterschiede.

Das soll natürlich das schnelle Rollen nicht ersetzen. Sehr wohl aber ergänzen.

Wenn Dus ausprobiert hast, freue ich mich über einen Erfahrungsbericht.

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Rolle Teil 2. Ab hier wirds verwirrend für Dich, wenn Du an der Rolle noch übst, und das kann viel kaputt machen. Sei bitte so ehrlich und höre bei diesem Absatz auf zu lesen, wenn Du nicht schon seit einiger Zeit die Rolle richtig gut beherrschst – also effizient und schmerzfrei. Danke.

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An dieser Stelle möchte ich nämlich die Rolle selbst als Technik hinterfragen. Denn sie ist letztlich eine Technik aus unserem Standardrepertoire.

Damit ist sie eine festgelegte, im Körpergedächtnis verankerte Routine. Und wie alle Routinen, die wir so haben, ist sie eine  Vereinfachung und eine Einschränkung.

Eine Vereinfachung deshalb, weil sie einfach als Standard uns zur Verfügung steht und jederzeit, auch spontan, abrufbar ist.

Eine Einschränkung – ich glaub, das muß ich erklären.

Also, Du hast die Rolle gelernt, kannst sie flüssig, mit dem eingeübten Bewegungsablauf. Was aber, wenn irgend etwas plötzlich anders ist? Wenn Du während des Landeanflugs siehst: oh scheiße, da ist eine Kante, oder ein zersplittertes Glas Heftzwecken, da kann ich ja gar nicht rollen? Was, wenn Dein Verfolger (Parkour ist von der Geschichte her immer noch ein Fluchtsport) Dich gerade im Sprung erwischt hat und Dich so festhält, daß Du zwar fällst, aber nicht rollen kannst (mir letztens in einem Training so gegangen, welch ein Schreck)? Was, wenn Du bei einem Bail mit den Händen voran fällst und die Füße nicht mehr nach unten bekommst(mir auch schon passiert)? Was wenn… irgend etwas anders ist, so daß Du auf Deine Routine nicht mehr zurückgreifen kannst?

Die meisten von uns sind dann aufgeschmissen. Und es bleibt praktisch keine Zeit zum Reagieren.

Für mich ist eine Rolle nicht gleich einer Rolle. Eine Rolle kann – das ist sie meistens – ein eingeübter, abrufbarer Bewegungsablauf sein. Oder eine Rolle kann eine Landung sein, bei der man die Fallenergie zunächst mit den Beinen, dann mit den Armen und letztlich dann mit dem sich bewegenden Körper abfängst. Und weil Du gerade so viel Schwung hast und eh weiterlaufen willst, nutzt Du halt den Schwung noch um aufzustehen.

Unterschied klar? Wenn nicht, dann lies bitte noch mal nach. Vielleicht kommst Du mit etwas Geduld dahinter.

Ist in der Tat ein interessantes Experiment, diese Bewegung mal zu durchleuchten und zu zerlegen in das, was es jeweils ist. Kannst Du das? Eine Rolle zu machen, ohne hinterher wieder aufstehen zu müssen? Du wirst feststellen, dafür brauchst Du gar nicht zu rollen. Hauptsache, Dein Körper bewegt sich so, daß er auch einen Teil des Impacts mit abfängt. Dafür gibt es unterschiedliche Möglichkeiten. Letztlich muß dazu der Körper einfach nur kontrolliert kollabieren (womit wir wieder beim Thema Körperspannung wären. Ist die richtige körperspannung da, kollabiert der Körper beim Impact von selbst so, daß sich der Schlag optimal verteilt. Voraussetzung, daß man nicht anspannt, um sich abzufangen, oder locker läßt, und daß die Körperspannung wirklich gleichmäßig verteilt ist. Wird nicht beim ersten Versuch klappen, dafür sind unsere Muster zu fest).

Im Ernst, probier ruhig mal, wie Du Deinen Körper zur Landung einsetzen kanst, wenn Du hinterher nicht wieder aufstehen mußt. Anwendungsgebiete sind alle, wo man auf der Stelle landen muß. Meinetwegen, ich springe aus einer Höhe in ein Gebüsch. Groß rollen ist da nicht, aber im Moment des Aufpralls muß ich quasi bewegungslos liegenbleiben, um nicht gesehen zu werden. Dennoch soll der Impact nicht nur mit Armen und Beinen abgefangen werden. Wie mache ich das? Und was mache ich, wenn ich zwar an der Stelle ordentlich landen kann, aber Rollen wegen Scherben in Rollrichtung nicht geht? Und auch hier nicht nur Arme und Beine alles abfangen sollen? Probier mal aus und schreib mir Deine Erfahrungen, ich finds spannend.

Ebenso wichtig finde ich bailtaugliches Training. Was mache ich, wenn ich mit den Armen voran runtersegel? In die Richtung denke ich, seit ich das Video von Livewire gesehen hab (welches ich insgesamt zu heftig finde). Am Ende hat er einen Bail mit drin, wo er aus anderthalb Metern Höhe kopfüber stürzt und sich ordentlich abfängt. Hat mich damals schwer beeindruckt: http://www.youtube.com/watch?v=pHlTWkDhz0w

Auf jeden Fall lohnt es sich sicherlich, so was mit ins Training einzubeziehen. Handstand ist mit Sicherheit nicht übel für so was. Flugrolle ebenfalls hilfreich. Und einige Zeit lang bin ich an irgend welchen Wänden oder Geräten in den Handstand gegangen und hab mich dann einfach abgestoßen und mich hintenüber fallen gelassen und geschaut, was passiert – allerdings bisher nur auf weichen Untergründen, für harte bin ich noch nicht rund genug.

Vielleicht hat noch jemand Ideen, wie man so was trainieren kann?

Wie auch immer – jeder einzelne wird sich entscheiden müssen. Ob er seinem Körper einfach einen Rollreflex antrainiert, der dann aber relativ starr is. Oder ob er mehr auf Flexibilisierung geht, lernt, sich jeder beliebigen Situation anzupassen.

Mann ,was bin ich auf Eure Comments gespannt… Immer her damit 😉

Lieben Gruß,

Malte

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Ein anderer Gang

Parkour bedeutet für mich auch, einen anderen Gang einzulegen.

Ein anderer Gang? Was heißt das?

Ich erinnere mich an eine Exkursion mit der Uni. Geographen. Wir gingen ins Siebengebirge, unter anderem auf den meist bestiegensten Berg Deutschlands, den Drachenfels. Fester Weg. Okay, es geht ein wenig hoch, aber gut zu gehen.

Vorneweg marschierte mein Prof – immerhin damals bereits 63 Jahre alt – munteren Schrittes voran, und rannte der Gruppe weg. Hintendrein die Studenten, nur mit leichtem Tagesgepäck, schwitzend, stöhnend, sich schleppend, fluchend über den schnellen Schritt des alten Mannes.

Ich war schon damals der einzige, der mit dem Prof Schritt halten konnte.

Einige Tage später habe ich meinen Rucksack mit 15 kg Material vollgepackt und bin gemütlich 30 km durch dieses Gebirge gewandert, ohne mich zu überanstrengen. Und die Studentengruppe war schon nach vier Kilometern mit Tagesgepäck fix und alle gewesen…

Woran liegt das? Mein Prof war spindeldürr und alles andere als kräftig. Ich für meinen Teil wanderte damals zwar ab und zu, war aber ansonsten völlig unsportlich, da ich im Studium meinen Körper völlig vernachlässigt hatte. Wieso also konnten der Prof und ich eine ganze Gruppe fitter junger Leute mühelos hinter uns lassen?

Ähnliches diese Woche mit einer Schülergruppe. Eine kleinere Wanderung, drei Kilometer weit etwa. Die Gruppe zog sich von Station zu Station fürchterlich weit auseinander. Vorneweg ich in normalem Schritt mit einigen etwas Fitteren, die insgesamt völlig unterfordert waren. Hinten dran die Gruppe derer, die überhaupt nicht voran kamen. Sprüche wie „Malte, willst Du uns umbringen??“ waren durchaus ernst gemeint.

Auch hier fiel mir wieder auf, daß das wenig mit den körperlichen Voraussetzungen zu tun zu haben schien. In der Gruppe vorne waren ebenso sportliche Leute wie solche, die eine völlig erbärmliche Körperspannung hatten.

So weit muß ich noch nicht mal denken. Schaut Euch mal an, wie die Menschen neben Euch die Treppe hochgehen, im Vergleich zu Euch. Die einen schleppen sich rauf, Stufe um Stufe, sind oben angekommen fix und alle und müssen erst mal verschnaufen. Andere flitzen mal eben rauf und scheinen die Belastung kaum zu merken. Liegt das an der Kraft, sportlichen Erfahrung, oder woran?

Ich stelle für mich mehr und mehr fest, daß Menschen bei der gleichen Belastung äußerst ungleich reagieren. Sich damit also sehr unterschiedlich effizient bewegen. Und ich meine zu beobachten, daß das nicht nur mit den körperlichen Gegebenheiten zu tun hat. Wie gesagt – ich persönlich habe kaum Kraft, kaum Ausdauer, und bin bei den genannten Dingen trotzdem immer vorne mit dabei. Warum eigentlich?

Ich beobachte für mich bisher zwei Faktoren, die dies wesentlich zu bestimmen scheinen.

Erst mal – und das hat teilweise mit sportlicher Erfahrung zu tun – die Gewohnheit des Körpers, sich so zu bewegen. Das ist wohl auch mit einer der Gründe, warum viele Anfänger zu Beginn des Parkourtrainings sehr schnell große Erfolge verbuchen, schnelle Fortschritte machen: der Körper lernt, sich effizient zu bewegen.

Eben einen Gang hochzuschalten, sich in einen effizienteren Modus zu begeben.

Das Andere, was damit einhergeht, ist aber mit Sicherheit das Mindset. Wie man sich hängen läßt. In welcher Stimmung man ist, wie man sich auf die Bewegung einläßt, welche inneren Widerstände man hat – jawohl, ich behaupte, die wirken massiv auch auf den Körper. Auch eigene Überzeugungen, Lehrsätze, Erfahrungen – wie wir uns bewegen, wird ganz wesentlich vom Kopf gesteuert.

Jedes der Kinder der Schulklasse hätte die Möglichkeit gehabt, einfach fröhlich mitzulaufen, wenn der Kopf sich drauf eingelassen hätte. Es hätte nur einer Aufgabe der inneren Widerstände (oh ja, die waren motzig, aber hallo) bedurft.

Allein das macht schon einen Gang mehr in Sachen Effizienz. Oder wahrscheinlich gar mehrere.

Ich habe mehrere „Flashs“ gehabt, wo die Dinge, die ich tat, plötzlich wesentlich effizienter liefen. Das betrifft sowohl das Parkourtraining als auch Bewegung im Alltag und sogar alltägliche Arbeitsabläufe.

Letztlich haben wir selbst die freie Entscheidung darüber, wie effizient wir handeln. Wir brauchen nur einen Gang höher zu schalten. Manchmal muß man erst das Bewußtsein dafür bekommen, daß es da noch einen Gang mehr gibt, diesen mal kennen gelernt haben. Aber an sich können wir das alle.

Und damit eine gemeine Frage: wieviele solcher Gänge gibt es? Bewegt sich etwa ein David Belle schon im höchsten – oder gibt es da noch mehr?

Und jetzt fragt mich bitte nicht, wie Ihr einen Gang weiter kommt. Den Schritt müßt Ihr selbst gehen – und den Weg dahin finden, wenn Ihr wirklich verstanden habt, was ich meine.

See you flying.

Lieben Gruß,

Malte

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Parkour und Wettbewerb

Derzeit sind verschiedene Versuche im Kommen. Parkourwettbewerbe zu veranstalten. Ich halte davon gar nichts, für mich ist Parkour nicht mit Wettbewerb vereinbar.

Die Gründe dafür haben Hebertiste und PK17 in ihrem Statement vom 1. Mai 2007 dermaßen gut zusammengefaßt, daß ich ihren Text (übernommen aus: http://parkour.net/parkour/newbb/viewtopic.php?topic_id=9539&forum=1&post_id=139303#forumpost139303) hier einfach zitieren möchte. Er ist zwar in englisch – trotzdem viel Spaß damit.

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This community supports PARKOUR, not COMPETITION – Run Without Rivals

The members of this community stand firmly against the idea of organized parkour competition. Our reasons:

1.
We don’t believe in elites.
We don’t believe in any form of selection among practitioners.
We don’t believe in the necessity of any form of hierarchy of performance among practitioners.
We believe to be „the best“ doesn’t mean anything in parkour, because winning or losing don’t mean anything in parkour philosophy.
We do not accept such a drive as part of the parkour philosophy.

Instead, we believe the drive to train should always and only come from within.
We strive to be stronger for ourselves and others, not against people, but with and for others.
Therefore, we reject and disregard any form of rivalry between practitioners.
Instead, we value mutual respect and solidarity in making progress as individuals and as a community.

2.
We believe it stands against the philosophy of parkour to compete to win or earn anything that is not part of parkour values, such as medals, prizes, trophies, money, fame, recognition, or glory.
Same goes about showing off for a crowd.

Instead, we look for priceless and beneficial outcomes to our actions.
We also look for benefits we all can share.
We are givers, not takers.

3. Competition encourages the unready to sacrifice their health for early victories, or to reach a ranking that has no true meaning.
It forces elite competitors to constantly and repeatedly endanger their most precious good, health, because of obsession and obligation of victory, and whatever is at stake as a direct consequence of it, including money, rank or status, pride, and also professional or sponsoring contracts and profitable commercial deals.
It leads competitive practitioners to unbalance their training and focus only on the specific skills needed to win, leading to chronic injuries.
Despite official denials, doping is most of the time involved in every level of competition, that money is involved or not.
We believe the physical consequences of competing at high level goes against the philosophy of parkour which emphasizes on moderation and the necessity of enduring.

Instead, parkour is a humble, patient and lifelong discipline, and the human body requires incremental conditioning to ensure its resistance and longevity.
Moderation is a truly important value of parkour and an indispensable quality in order to preserve oneself and for the body to endure.
Therefore, we reject whatever goes against moderation and that impairs the body.

4. Parkour doesn’t belong to corporations, sponsors, medias, and people sitting at home to watch.
We believe we must not accept activities and plans that are abusively called parkour, that misuse its name and hijack its image to draw public and medias attention to something that is NOT parkour, despite the resistance of the majority of the community against such intentions.

Instead, we affirm parkour is a non-competitive discipline that belong to all practitioners, to the local communities, to the teams and friends, and to the human race as a whole.
We believe we must stand together against ambitions that do not reflect the original philosophy of parkour and that are disrespectful to the parkour philosophy and the parkour community.

Competition is not inevitable – it is just another obstacle! Support original parkour, keep our discipline free!

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Respekt: die Umgebung

Respekt ist ein Thema, welches im Zusammenhang mit Parkour oft genannt wird und m. E. ziemliche Bedeutung hat. Ich werde demnächst ausführlicher über das Thema Respekt als solches schreiben; dies hier ist ein Teilbereich davon, aus aktuellem Anlaß.

– Juni 2006, Parkoursommertreffen Köln: J. springt über ein Geländer und macht einen Armsprung mit viel Wucht an ein zweites, knallt heftigst dagegen. Es ist noch heute locker.

– Juni 2006, Parkoursommertreffen in Köln: teilnehmende Idioten aus einer anderen Stadt beschmieren etliche unserer Trainingshindernisse, darunter auch Häuschen auf einem Kinderspielplatz, mit Edding mit dem Schriftzug „parkour.de“.

– ca. Dezember 2006: in Oberhausen direkt am Bahnhof gibt es eine schräge Mauer, an der sich wunderbar Passe-Murailles überwinden lassen. So ziemlich alle aus der Trainingsgruppe springen dann auf das Dach dahinter. Dieses ist nicht nur privat, sondern auch nur mit Dachpape gedeckt. Aus Erfahrung weiß ich, wie empfindlich diese gegen Reibekräfte und vor allem gegen kleinste Steinchen unterm Schuh ist – und wie teuer Feuchtigkeitsschäden an Dächern werden können. Meine Hinweise zeigen nur geringe Wirkung.

– Februar 2007, Mediapark Köln. Ich war nicht dabei, keine Ahnung, wer das war – aber von einem weiteren Geländer ist eine Querverstrebung abgerissen. Hängt noch heute lose da, Frage der Zeit, bis sie vollkommen abreißt, weil jemand nicht aufpaßt, an der Stelle sogar mit Verletzungsrisiko.

– März 2007, Köln Innenstadt: J. will unbedingt einen Passe-Muraille an einem Fenster eines Geschäftshauses machen. Rennt an der Mauer hoch, um ans Fensterbrett zu kommen, immer und immer wieder. Male mir aus, was das (zu Recht) für Ärger gibt, wenn er das jemals in der Woche macht, wo wirklich mal jemand drin ist.

– April 2007, Köln Außenbezirk: Beim Training macht ein übermütiger Nachwüchsler einen Armsprung an einen unzureichend befestigten Metallzaun, knallt mit voller Wucht dagegen. Daraufhin bricht um die Verankerung herum ein größeres Stück aus der Mauer, die Verankerung an dieser Stelle liegt frei. Dennoch wird der Zaun weiterhin von weiteren übermütigen Nachwüchslern besprungen.

– Mai 2007, Duisburg Landschaftspark: beim Training finden einige tierisch Spaß dran, über die Begrenzungsmauer eines Pflanzenbeetes zu springen, einmal durchs Beet zu rennen und auf der anderen Seite wieder über die Mauer zu setzen. Dabei gehen mehrere Leute wild über die offensichtlich planvoll und sorgfältig angelegten Pflanzreihen, trampeln sogar ohne Bedacht über die Pflanzen. Als ich bestürzt protestiere, können die wenigsten meine Bedenken verstehen. Getrampelt wird weiter – ich halte mich aus dem Beet komplett raus, da ich als Bodenkundler auch die Wirkung von verdichtetem Boden auf Kulturpflanzen abschätzen kann, von direkten Trittschäden ganz zu schweigen. Kurz darauf höre ich gerüchteweise, daß die dortigen Gärtner eben wegen solchen Aktionen bereits stinksauer seien.

…diese Liste könnte ich endlos fortsetzen.

Kleinigkeiten? Nicht wirklich. In allen diesen Fällen hat es Grenzüberschreitungen oder sogar konkrete Schäden gegeben. Viele beruhten auf Selbstüberschätzung und Bedachtlosigkeit, einige auf Ignoranz von Arbeitskraft oder Eigentum anderer Menschen.

Nein, es sind fast nie wirkliche Unfälle, die zu Beschädigungen führen. Fast immer ist es der Übermut, die fehlende Selbsteinschätzung, die fehlende wirkliche Anpassung an die Umgebung.

Mir tut das herzlich weh, das so zu sehen. Zu sehen, wie viele richtig schöne Trainingsobjekte der Fahrlässigkeit zum Opfer fallen. Zu sehen, daß die unbedachte Ausübung meiner Lieblingskunst immer wieder Spuren der Zerstörung hinterläßt, wo doch eigentlich Kreativität, Weiterentwicklung, Menschlichkeit entstehen soll. Daß Menschen zu Recht skeptisch werden, auf die entstandenen Schäden verweisen, der Ruf des Parkour damit einen Schlag erleidet; so was provoziert geradezu Platzverweise, gerade an schönen, viel genutzten Spots.

Und mir tut es weh, Ignoranz zu erleben, wo eigentlich Respekt angesagt wäre. Gerade auch im Umgang mit der Umgebung und damit letztlich auch mit anderen Menschen – denn wir sind nicht alleine auf dieser Welt.

Parkour zu trainieren bedeutet ein Stück weit auch Freiheit zu erlangen. Doch Freiheit geht nicht ohne Verantwortung. Für uns und für alles, was von unserem Handeln mit betroffen ist.

Danke für Eure Mithilfe.

Lieben Gruß,

Malte

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Etre et durer

…aus dem gleichnamigen Thread auf Parkour.de – 2. Feb. 2007. Insgesamt SEHR lesenswerter Thread, auch Ylos Gedanken haben mich sehr berührt.
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Parkour ist aus meiner Sicht eine verdammt gute Chance, auf genau die Fragen Antworten zu finden. Beziehungsweise, sie gar nicht erst stellen zu müssen.

Wenn ich mir die Frage stelle, ob ich eigentlich BIN, und all die anderen, die Du stellst, dann bin ich bei einem wertvollen Zwischenschritt gelandet. Nicht weniger, nicht mehr.

Denn es ist in der Tat so, daß viele Menschen sich selbst von der Realität abschneiden. Oft ist es der kleine Plappermann auf der Schulter, der einem beständig ins Ohr flüstert: das war nicht gut. Du bist nicht gut. Du solltest anders sein. Mach das doch mal so oder so. Dü müßtest jetzt aber mal. Sei doch mal Du selbst. Und so weiter…

Die ewige, nie stillstehende Gedankenmaschinerie.

Der ständige innere Zweifel, der alles kritisch beäugt.

Doch das ist nicht die Realität. Im Gegenteil, so was schneidet einen davon ab, einfach zu sein. Sich selbst wahrzunehmen. Die Welt um einen herum wahrzunehmen. Realitäten wirklich zu erkennen. Einfach da zu sein, intensiv zu leben.

Viele Menschen sind zu sehr in ihrer inneren Welt, in den scheinbaren Notwendigkeiten des Alltags und nicht zuletzt in ihren Bewertungen, Zweifeln und Ängsten gefangen, um sich selbst und die Welt um sich herum wirklich wahrnehmen zu können. Ja, ich glaube, daß es (zumindest in unserer Zivilisation) den allermeisten Menschen so geht.

Wenn Du Dir die o. g. Fragen stellst, hast Du zumindest schon mal gespürt, daß da was nicht stimmt. Damit bist Du auf einem guten Weg. Doch dabei stehen zu bleiben reicht nicht. Denn das führt auf Dauer in den Frust.

Nun kommt aber Parkour ins Spiel. Im Parkour bist Du zunächst mal frei. Du hast Dich und Deinen Körper und gehst in direkten Kontakt mit Deiner Umgebung. Keine direkten „Notwendigkeiten“ des Alltags. Die Ängste – sehr offensichtlich, damit kannst Du arbeiten. Der Plappermann auf der Schulter mag immer noch da sein, aber gemeinerweise ist Parkour etwas Handfestes, Konkretes, wo Du ein Ergebnis direkt feststellen kannst: Du bist über das Hindernis drübergekommen oder eben nicht.

Im Parkour mußt Du im Moment sein. Dich wirklich auf Dich selbst und aufs Hindernis, auf Deine Umgebung einlassen, sonst legts Dich lang (klare Rückmeldung Freude ). Mit der Zeit wird Dir die Konzentration auf ein Hindernis nicht mehr reichen, schließlich willst Du nicht lernen, ein einzelnes Hindernis zu überwinden, sondern Deinen Weg zu gehen. Du mußt also Deine komplette Umgebung realistisch wahrnehmen. Und Dich mit Dir selbst und Deinen Fähigkeiten auseinandersetzen.

Und wenn Du Dich plötzlich wahrnimmst, dann wirst Du früher oder später feststellen müssen: Du bist!

Damit erübrigen sich dann die o. g. Fragen völlig von selbst.

An diesen Punkt wirst Du aber niemals nur mit Deinem Kopf kommen. Das ist eine Aufgabe, die man mit Nachdenken allein nicht lösen kann. Dafür braucht es eben eine Nutzung all unserer Fähigkeiten. Auch, aber bei weitem nicht nur unserer mentalen Fähigkeiten.

Deshalb vermeide ich inzwischen in Sachen Parkour den Begriff „Philosophie“. Denn dieser klingt so, als würde man begleitend zu dem, was man da tut, mit dem Kopf bestimmte Dinge austüfteln. Es geht aber nicht darum, Dinge kopfmäßig zu erfassen – sonst haben wir wieder eine Trennung zwischen dem Kopf, der meint, alles einordnen zu müssen, und dem Körper, der da draußen irgendwie agiert.

Nein, es geht nicht nur um verstandesmäßiges Verstehen. Damit geht es aus meiner Sicht auch nicht, wie Du schreibst, um irgend eine Metaphorik. Es geht drum, Mensch zu werden. Sich selbst zu erleben, die Grenzen des Geistes zu sprengen und wirklich wieder ein vollständiges menschliches Wesen zu werden, das seine gewaltigen Potenziale erkennt, annimmt und nutzt.

Parkour bedeutet, möglichst effizient Hindernisse zu überwinden. Auch diejenigen, die unsere Gesellschaft und unsere Sozialisation aufbauen, die uns von uns selbst abschneiden.

Parkour ist eine Chance, wieder Mensch zu werden.

Lieben Gruß,

Malte

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Parkour mit Freerun

…geschrieben im Forum auf Parkour24.de im gleichnamigen Beitrag, 21. Feb. 2007

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Grüß Euch,

die Diskussion ist noch nicht soo alt.Ich greif sie mal auf, denn hier liegt aus meiner Sicht ein wesentlicher Punkt des Parkour.

„Die Technik von Parkour“ ist sehr relativ. Was ist diese Technik? Ja okay, es gibt ein paar Grundbewegungen. Aber die alleine machen Parkour noch nicht zu Parkour.

Den Fehler machen nämlich viele – einfach nur einige Bewegungen trainieren. Ist schade, denn damit reduziert man sich selbst. Parkour ist soo viel mehr…

Wenn ich gerade mal Hebertiste zitieren darf, aka Erwan, der zu den konstruktivesten Leuten im Parkour.net-Forum gehört:

„If parkour to you is only reproducing specific moves you’ve seen on vids, you’re totally missing the point, because you’re just limiting your practice to what you think it is. But parkour is not only the moves you can put a name on, guys wake up !“ – Hebertiste in: http://parkour.net/modules/newbb/viewtopic.php?topic_id=3751&forum=1

übersetzt ungefähr: „Wenn Parkour für Dich nichts anderes ist als bestimmte Moves zu machen, die Du in Videos gesehen hast, dann verfehlst Du das, worum es geht- weil Du Deine Praxis auf diese Bewegungen limitierst. Doch Parkour besteht nicht nur aus den Bewegungen, denen Du einen Namen geben kannst. Leute, wacht auf!“

Parkour ist so viel mehr, als irgend welche Techniken zu trainieren. Parkour ist die Kunst der effizienten Fortbewegung. Parkour bedeutet, seinen Weg zu wählen und ihn dann zu gehen. Hindernisse (auf der Straße wie im eigenen Alltag) kreativ anzugehen und zu überwinden. Nützlich zu werden, indem man seine Fähigkeiten ausbaut.

Im Training ist mir wichtig, immer wieder neue Ideen zu finden. Mit den Hindernissen zu spielen. Klar, ich übe auch die Grundbewegungen, ist ein Teil davon. Aber vor allem spiele ich viel mit den Hindernissen. Wie komme ich da drüber? Wie komme ich da noch drüber? Ganz viele Methoden ausprobieren, kreativ werden. Nicht meine Techniken auf das Hindernis anwenden, sondern Methoden entwickeln, die gerade für das Hindernis passen.

Erst letztens habe ich wieder eine Dreiviertelstunde an einem Geländer verbracht, uns ist immer wieder was Neues eingefallen. Oder letztens am Spielplatz eine halbe Stunde an einer Schaukel. Durchspringen ohne sie zu berühren. Durchspringen, während sie schwingt. Durchspringenwährend sie schwingt aus dem Lauf heraus, wo man sich die Stellung der Schaukel nicht aussuchen kann. Flugrolle durch die schwingende Schaukel (hab ich mich dann nicht mehr getraut). Unter der schwingenden Schaukel durchrobben. Und was weiß ich was noch alles…

Und ich trainiere auch gezielt, nicht nur ein Hindernis anzugehen, sondern möglichst oft mehrere hintereinander. Im Fluß zu bleiben, spontane Entscheidungen zu treffen. Nicht nach jedem einzelnen Hindernis stehen zu bleiben.

Kurz und gut: Parkour ist VIEL mehr als nur die Techniken, die Grundbewegungen.

Daß Parkour im wesentlichen auch vom mentalen Anteil geprägt ist (der eh nach Videos kaum objektiv zu beurteilen ist), ist ja bekannt. Was dazu gehört, weniger. Gute Stichpunkte hier sind eben effiziente Fortbewegung, Kunst, Nützlichkeit, das Überwinden von Hindernissen auch im Denken, Umgang mit Angst, Verantwortung. Und noch so einiges mehr.

Bezüglich eines Videos von den „Grundbewegungen“ auf die „Parkourtechnik“ zu schließen ist also an sich schon recht weit hergeholt.

Und dann die Relation zwischen Freerunning und Parkour… im Parkour geht es ja um die effiziente Fortbewegung, das hat sich so weit rumgesprochen. Flips und andere akrobatische Einlagen haben nichts mit effizienter Fortbewegung zu tun, sind also kein Parkour. Trainieren kann man sie natürlich trotzdem, sind schon nett für die Körperkontrolle etc. Flips kann ich nicht und trainere ich nicht, Handstand dagegen (obwohl auch keine effiziente Fortbewegung) trainiere ich recht intensiv, und kann das auch empfehlen, da gute Basis für vieles.

Manche Leute meinen, sobald mal ein Flip in einem Video ist, ist es damit automatisch kein Parkour mehr. Das ist mir persönlich zu dogmatisch. Klar, Flips sind kein Parkour. Doch solange

– effiziente Bewegungen ganz deutlich den Hauptteil eines Videos ausmachen;
– einige wenige akrobatische Elemente nicht für die Show, sondern aus Freude an der Körperbeherrschung eingebaut werden;
– generell keine Show, sondern Kunst der Fortbewegung rüberkommt;
– und überhaupt die Herangehensweise und Lebenseinstellung des Parkour sichtbar wird,

Ist es für mich Parkour, auch wenn mal ein Flip drin ist. Ich selbst nenne es dann „Parkour plus T“ (T = Tricks), um es sprachlich klar zu differenzieren. Oder ich sage halt, da ist Parkour, wo jemand noch einen Flip mit eingebaut hat.

Wenn aber

– die Tricks ein wesentliches Gewicht im Video gewinnen;
– das Richtung Show zielt;
– jemand immer nur einzelne Hindernisse angeht und wohlmöglich danach direkt stehenbleibt;
– mehr gemacht wird, als für den Körper zumutbar ist (passiert leider oft);
– die Herangehensweise und Lebenseinstellung des Parkour nicht rüberkommt,

ist es für mich auch kein Parkourvideo.

Kurz zusammengefaßt: Parkour ist mehr als paar Bewegungen, die in einer Liste von Grundbewegungen auftauchen mögen. Es ist zwar gut, diese Bewegungen zu trainieren – aber auch, sich davon zu lösen.

Steven aus der Schweiz – definitiv einer der fittesten Traceure im deutschsprachigen Raum – soll kürzlich auf dem PSP-Workshop in Berlin gesagt haben:

„Hört auf, Bewegungen zu trainieren, und lernt Euch zu bewegen“.

Geiler Satz, bringts in aller Kürze auf den Punkt. Noch mal zum Mitschreiben:

„Hört auf, Bewegungen zu trainieren, und lernt Euch zu bewegen“.

DANKE an Steven für diesen Augenöffner…

Lieben Gruß,

Malte

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Ergänzung auf einen Beitrag, noch am selben Tag:

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Unsere Gesellschaft funktioniert leider so, daß man ständig bewertet und verglichen wird, gerade auch in der Schule. Mit der Zeit übernimmt man das sehr leicht. Und will immer „besser“ sein. Viele Leute wollen gleich schon sein und nicht werden. Dabei ist gerade das Werden, die Entwicklung, unglaublich spannend…

Diese ewige Fixierung auf die Bewertung ist aus meiner Sicht eines der mentalen Hindernisse, die es im Parkour zu überwinden gilt.

Denn wir lernen oft, unser Selbstwertgefühl daraus zu ziehen, wie toll wir doch sind und wie gut wir andere damit beeindrucken können, daß wir „besser“ sind als sie.

Wenn Du genau hinguckst: welch ein armseliger Blödsinn! Jeder Mensch ist an sich bereits ein Kunstwerk der Natur. Jeder Mensch hat unglaubliche Potenziale und Fähigkeiten, und mit etwas Neugierde auf sich selbst und viel Ausprobieren kann man diese Potenziale entwickeln.

Und dann kommt auch der Selbstwert aus sich selbst heraus. Dann hat mans nicht mehr nötig, sich mit Anderen zu vergleichen. Und kann plötzlich viel entspannter mit Menschen umgehen, weil man nicht mehr auf Wettbewerb und Vergleiche angewiesen ist.

Dirk aus Köln, ebenfalls recht erfahrener Läufer (vgl. Aktuelle-Stunde-Beitrag) hat das mal wunderschön auf den Punkt gebracht:

„Im Parkour geht es nicht darum, ob ich besser bin als jemand anders. Es geht darum, ob ich besser bin als letzte Woche.“

Ich selbst bin seit einem Jahr dabei. Ich sehe andere Leute, die kürzer dabei sind und mit einem tollen Talent und viel Training mich in den Skills bereits weit überholt haben. Bin ich deswegen schlecht? Nein. Was sind schon die Skills. Ich gehe meinen Weg durch mein Leben. Und diesen Weg gehe ich recht erfolgreich, ich bin mit mir zufrieden. Und Kay, der wesentlich kürzer dabei ist, macht viel weitere Katzensprünge als ich. Hey, was freu ich mich für ihn! Da hat er auch richtig kräftig für gearbeitet. Schön zu sehen, wie er sich macht. Ich trainier echt gern mit ihm. Oder mit Toby, der tierisch Kraft aufgebaut hat und mit dieser einen unglaublich weichen Stil läuft. Das macht richtig Spaß, ihm dabei zuzusehen, und ich lern jedes Mal von seinen vielen Ideen.

Wenn ich jetzt in der Ecke stehen und mich ärgern würde, daß die alle so viel besser sind – ich hätte weniger Spaß, würde weniger von den Anderen lernen, würde mein Wohlergeben von Anderen abhängig machen. Mir würds doof gehen, ich würde mich aus Ehrgeiz im Training vielleicht überfordern und mich leichter verletzen. Und hätte definitiv keinen so guten, entspannten Draht zu genau diesen Leuten, von denen ich jetzt so viel lerne…

Ich gehe meinen Weg. Und ich freue mich, wenn andere die ihren finden. Was sollen die ganzen Vergleiche…

Lieben Gruß,

Malte

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Und noch weiter, auch am selben Tag:

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Danke für den Hinweis.

Eigentlich geht es nicht um den Vergleich an sich, sondern um die Wertung dahinter.

Natürlich schau ich auch: was machen andere anders als ich, um neue Ideen zu bekommen.

Nur, wenn man anfängt, sich deswegen toll oder mies zu fühlen, stimmt da was nicht. Ist nur in unserer Gesellschaft reichlich verbreitet.

Muß zugeben, daß ich mich selbst noch nicht 100% davon gelöst habe. Aber ich gehe sehr bewußt damit um, und kann da schon recht gut differenzieren. Und ist schon viel entspannter geworden bei mir.

Lieben Gruß,

Malte

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Das Gemeine ist: je mehr ich mir um so was Sorgen mache, desto weniger komm ich voran.

Klingt seltsam? Ist aber so.

Wenn ich für mich trainere, eine Leidenschaft entwickle, werd ich sehr schnell besser, was auch immer es geht.

Wenn ich den Blick immer drauf habe, wer sonst noch gut ist, stehe ich selbst unter Druck. Ich arbeite dann nur noch, um Anderen zu genügen. Weniger Freude, weniger Fortschritt…

Wir haben in der Schule gelernt, daß man arbeiten muß, um dieses und jenes zu erreichen – gute Noten, keinen Ärger, Anerkennung und was weiß ich was. Da geht es nicht um die Sache an sich, sondern um das, was man dafür bekommt. Die Psychologen nennen das „sekundäre Motivation“.

Wie viel schöner und effizienter aber ist das Lernen aus Leidenschaft! Was die Psychologen „primäre Motivation“ nennen, das Lernen aus Interesse an der Sache selbst. Gitarre, Parkour, Wildnistraining – die Sachen, die ich recht gut kann, hab ich alle nicht unter Druck, sondern aus Leidenschaft gelernt. Erst da beginnt dann auch Meisterschaft, wenn mans lang genug macht.

Wenn ich wirklich gut werden will, tu ich gut dran, nicht nur auf die Anderen zu schauen. Sondern vor allem die Dinge für mich selbst zu tun.

Lieben Gruß,

Malte

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