Hindernisse

Hallo,

Ein paar Worte zu Parkour, Hindernissen und Alltag.

Parkour ist ja eine Kunst, die sich unter anderem mit dem effizienten Überwinden von Hindernissen beschäftigt. Immer wieder wird auch betont, dies lasse sich auf das eigene Leben, auf den Alltag übertragen; entweder durch Nutzung als Sinnbild für den Alltag oder eben als Training im Umgang mit schwierigen Situationen; beides stimmt, doch wie funktioniert das?

Hast Du mal beobachtet, wie Menschen im Alltag mit Hindernissen, sprich: Problemen aller Art umgehen? Denn solche gibt es im Alltag eines Jeden mehr oder weniger. Was kann nicht alles zum Hindernis, zu einer einschränkenden Schwierigkeit werden: große Berge an Arbeit, die von uns in Schule, Studium/Ausbildung oder Job verlangt werden, die uns manchmal über den Kopf wachsen mögen. Alle möglichen Regeln, Normen, Erwartungen. Die Vielzahl der Dinge, die unsere Aufmerksamkeit fordern und uns kaum Zeit für uns lassen. Das Finanzloch auf dem Konto. Der eigene innere Schweinehund, der mich dieses oder jenes nicht umsetzen läßt. Eltern oder Chefs mit ihren Forderungen und Reglementierungen. Krankheiten. Oder was auch immer – die Liste möglicher Schwierigkeiten ist lang.

Wie gehen nun Menschen mit solchen Schwierigkeiten um? Schau Dich mal um, bei anderen Menschen und bei Dir selbst: was für mögliche Verhaltensweisen gibt es?

Ich nenne im Folgenden mal einige; diese Liste ist mit Sicherheit nicht vollständig und bedarf dringend einer Ergänzung.

Wenn Hindernisse der oben genannten Art im Alltag auftauchen, dann gibt es Leute, die diesen Hindernissen ausweichen. Die die Probleme nicht angehen. Die die Probleme einfach bestehen lassen, sich mit anderen Dingen beschäftigen und nichts an den eigentlichen Gegebenheiten ändern.
Dann gibts Leute – eine Steigerungsform davon – die die Probleme kleinreden oder sie einfach ignorieren oder einfach das Problem wegdefinieren („eigentlich war mir die Lohnerhöhung ja sowieso egal“). Oder, noch grandioser: das Problem an sich wegzudefinieren und einfach so zu tun, als sei da gar nichts – um dann genau reinzulaufen.
Andere Leute wiederum versuchen gar nicht erst, das Problem anzugehen und resignieren einfach, ohne es wirklich versucht zu haben. Meist mit einer Mischung aus Trauer und Gleichgültigkeit. Oder, noch heftiger: sie stehen vor dem Problem, fühlen sich völlig überfordert, weil es so groß erscheint, und machen gar nichts.
Dann gibts die ganz Ungestümen. Die sich auf das Problem werfen, kämpfen, es niederringen. Im Alltag heißt das, die werden massiv und streiten gegen jeden, der sich ihnen in den Weg stellt. Klagen bei jeder kleinen Chance juristisch gegen „Feinde“. Oder nutzen andere Methoden, das Problem gewaltsam zu eliminieren. Wenn man sie drauf anspricht, daß das nicht die beste Lösung sei, wird man hören: wieso, ich habs doch geschafft?

Andere Leute wiederum sind ganz schnell mit Urteilen dabei – verurteilen das Hindernis oder gar sich selbst. Können stundenlang schimpfen und wettern und darüber klagen, daß sich ihnen da was in den Weg stellt.

Was gibts noch? Natürlich die Leute, die einfach drauflosstürmen, sich aufs Problem stürzen, hauptsache Power, und dann irgendwie schauen, daß sie durchkommen. Und die, die sich die Sache einfach ansehen und dann tun, was ihnen notwendig erscheint.

Ja, dies sind nur einige Beispiele. Welche davon aber sind sinnvoll? Hier kommt Parkour ins Spiel, denn Parkour hat die unglaublich geile Eigenschaft, sehr direkt, unmittelbar und ehrlich zu sein. Denn in den meisten Fällen hat keine der oben genannten Handlungsweisen SO unmittelbares Feedback, daß man ihren Erfolg danach beurteilen könnte. Unser Alltag ist oft sehr komplex, Richtig und Falsch sind oftmals sehr relativ. Im Parkour dagegen werden die Sachen deutlich: Du bist drüber oder eben nicht, und Du hast Dich dabei auf die Schnauze gelegt oder eben nicht. Das ist sehr deutlich und unmißverständlich. Deswegen untersuchen wir mit Hilfe des Parkour einfach mal sämtliche oben aufgeführten Verhaltensweisen.

Stell Dir vor, Du stehst vor einer Mauer. Stabil, guter Grip, vielleicht brusthoch. Mit etwas Übung kein Problem, da drüberzukommen. Diese Mauer versperrt Dir den Weg, den Du gerade zu gehen beabsichtigst. Was also kannst Du nun tun?

Schauen wir doch mal, was mit den oben beschriebenen Handlungsweisen jeweils passieren würde. Ich nehme dieselbe Reihenfolge der Verhaltensweisen wie oben.

Diejenigen, die ausweichen, werden feststellen: aha, da gehts nicht weiter. Also binden sie sich vielleicht erst mal die Schuhe zu, nehmen sich einen Schluck zu trinken und grübeln vielleicht was jetzt zu machen sei; nach einiger Zeit wird so einer weggehen und das, was er hinter der Mauer zu tun hatte, eben unerledigt lassen oder auf später verschieben.
In der Steigerungsform würde so ein Mensch vor der Mauer stehen, wahrscheinlich ein wenig damit hadern, daß sie da ist, und schlußendlich erklären, das da hinter der Mauer sei für ihn ja eh unwichtig und er habe da eigentlich nie hingewollt.
Oder noch grandioser: einfach völlig zu ignorieren, daß da eine Mauer ist, und trotzdem da langzulaufen – immer wieder gegen die Mauer gegen. Und auch wirklich immer wieder – denn schließlich ist da nach der eigenen Definition nichts, was einen aufhalten könnte.

Resignieren oder sich überfordert fühlen ist auch häufig anzutreffen. Das sind dann die Leute, die vor der Mauer stehenbleiben, den Kopf hängen lassen, sich hilflos fühlen und dann resigniert abdrehen, wahrscheinlich erfolglos drüber nachsinnend, ob sie nicht einfach hinter der Mauer wen anrufen können, der die Sachen für sie erledigt oder wasweißich. Oder, noch geschickter, der Weg der Überforderung: man hocke sich unmittelbar vor die Mauer, nähere sich, so daß die Augen nur noch höchstens dreißig Zentimeter von der Wand entfernt sind. Was hat man dann im Gesichtsfeld? Natürlich, überall nur Mauer. Kein Wunder, wenn man sich hilflos und klein fühlt, wenn das Problem so übermächtig zu sein scheint. Oder? Da kann man doch nur verzweifeln?

Die Methode des Kampfes ist auch immer mal wieder zu beobachten. Am Beispiel der Mauer hieße das: ich besorg mir ne Spitzhacke, oder noch besser einen Preßlufthammer. Oder gar einen Bagger. Und dann nichts wie drauf auf die Wand, weg damit, stört doch eh. Immer feste druff, bis sie so kaputt wie möglich ist. Und da ich ein gründlicher Mensch bin, zerstöre ich die Mauer nicht nur so, daß ich durchkomme, sondern gleich völlig und ganz. Ja, und wenn Du dann so einem Baggerfahrer ins Gewissen redest und ihm sagst, das wäre doch auch sanfter gegangen, wird er, in den Trümmern stehend, Dir stolz sagen: wieso, hat doch funktioniert, ich bin doch durch?

Urteile sind auch klasse. Funktioniert so: ich komm an die Mauer, stelle fest, daß mir da was im Weg steht, und werd erst mal sauer. Oder weinerlich. Stelle mich vor die Wand, trete dagegen, schimpfe oder weine. Verurteile die Wand, find sie reichlich blöde, schimpfe auf die Leute, die diese Wand erbaut haben und finde garantiert tausend Argumente, warum es blöde war, die gerade da hinzubauen. Oder aber ich finde Argumente dafür, warum ich unfähig bin. Weil ich etwa den Weg falsch geplant habe. Auf die Idee, über die Mauer zu klettern, komme ich so aber bestimmt nicht – das wäre zu einfach, das wäre ja eine Lösung. Viele Menschen stecken so in ihren Problemen fest, daß sie Lösungen gar nicht sehen mögen.

Was war da noch? Ach ja, die Unbedachten. Die, kaum daß sie die Mauer wahrgenommen haben, sich schon auf Selbige stürzen. sich irgendwie dagegen schmeißen und schauen, was passiert. Vielleicht knallen sie einfach nur dagegen und müssen feststellen, daß sie nicht durchkommen. Vielleicht bekommen sie mit etwas Geschick denn doch die Mauerkrone zu fassen und können sich irgendwie drüberschwingen. Wie sie dann auf der anderen Seite aufkommen, ist allerdings schon wieder Glückssache – mit viel Glück kommen sie tatsächlich unbeschadet rüber. Und sind dann ganz stolz auf ihre Künste – denn sie haben ja funktioniert.

Und dann gibts noch die, die sich die Mauer kurz, aber gründlich und sachlich ansehen und halt drüberklettern. Oder beim Angucken feststellen, daß da etwas weiter rechts ein Durchgang ist, den man problemlos benutzen kann.

So betrachtet klingt vieles davon reichlich skurril, oder? Dabei habe ich nichts anderes getan, als einfach und ohne Übertreibung ganz normale, alltägliche Verhaltensmuster, die sich bei vielen Menschen beobachten lassen, auf eine einfache Parkoursituation zu übertragen. Wie gesagt, Parkour ist in einem gewissen Sinne sehr direkt und ehrlich – gewisse Dinge werden daran sehr deutlich.

Wenn aber diese Dinge so skurril sind, warum tun wir das dann ständig?

Vielleicht wird jetzt auch verständlich, in welcher Weise Parkour genutzt werden kann, um auch ein Bewußtsein für den Umgang mit Alltagssituationen zu bekommen.

Übrigens sind mir einige der genannten Situationen im Parkour sogar auch schon begegnet. Das mit dem Urteilen, das Irgendwiedrauflos und einige andere Dinge sind soo selten gar nicht mal im Umgang mit Hindernissen, auch im Parkour.

Parkour hat die Kraft, solche Dinge in ihrer ganzen Skurrilität sichtbar zu machen – wenn man drauf achtet und sich für Erfahrungen dieser Art öffnet. Und damit bekomme ich die Möglichkeit, mir die Vielfalt möglicher Reaktionen anzusehen und vertraut zu machen – udn dann jeweils, im Parkour wie im Alltag, bewußt entscheiden zu können, welches Mittel ich nehmen mag. Frei ist, wer die Wahl hat – viele unserer Verhaltensweisen sind mehr oder weniger automatische Reaktionen, Muster, die wir uns im Laufe unseres Lebens angeeignet haben. Indem wir diese erkennen, können wir auch Alternativen prüfen, bewußter durch den Alltag gehen – und gewinnen damit erheblich an Freiheit. Denn in den allermeisten Fällen haben wir erheblich mehr Wahlmöglichkeiten, als wir meinen. Ob die Mauer da steht oder nicht können wir uns zwar nicht aussuchen. Wie wir mit dem Fakt der dort existierenden Mauer umgehen, können wir allerdings sehr wohl beeinflussen. Und nur zu oft wird dann erkennbar sein: auch wenn mir gerade ein Bagger fehlt, kann es sehr wohl Möglichkeiten geben, diese Mauer zu überwinden.

So, genug gelesen. Raus jetzt ins Leben – und glaub mir ja nichts. Überprüfe meine Worte, wenns Dich interessiert, teste, widerlege oder verifiziere das, was ich schreibe. Wenn Dus mir einfach nur glaubst, hast Du nciht wirklich Einsicht erreicht. Die kann ich Dir nicht abnehmen, das mußt Du schon selbst tun.

Ich bin gespannt, von Deinen Erfahrungen zu hören.

Lieben Gruß,

Malte

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Break

Ich mache kein Parkour mehr in diesem Sinne.

Ich hatte ja schon immer meine eigenen Ziele, meinen sehr eigenen Weg. Ich bin, gemessen an Leistungen, nie wirklich gut gewesen. Darum ging es mir ja auch nie. Ich wollte einfach nur lernen, mich vernünftig zu bewegen.

Dieses Ziel habe ich weitestgehend erreicht.

Und ich merke, daß meine physische Entwicklung derzeit bei mir keine hohe Priorität mehr hat, eher nebenbei selbstverständlich weiterläuft. Andere Dinge sind gerade wichtiger. Es war ja nie nur Parkour, was ich trainiert habe, im Gegenteil ergänzte sich das zu einem guten Gesamtpaket. Eigentlich ist es der Weg des Kriegers, der mich fasziniert – des friedlichen Kriegers, der eben nicht nur kämpfen kann, sondern vor allem den Weg der Bewußtseinsschulung geht und auch im heilerischen, spirituellen und künstlerischen Bereich Fertigkeiten aufweist. Wer mehr über meine Vision dieser Richtung wissen will, möge mich fragen.
Sich entsprechend bewegen zu können ist Teil dessen. Nur brauche ich dafür keine Spitzenleistungen – in Sachen Parkour dürfte ich zum fähigsten Prozent der Weltbevölkerung zählen (wie eigentlich jeder, der ein Weilchen trainiert hat), und das reicht mir völlig. Zumal Parkour auch nur ein Teil dessen ist, was ich als Fähigkeit, sich zu bewegen, verstehe.

Gleichzeitig merke ich, wie ich anfange, wirklich mal Verantwortung für mich selbst zu übernehmen. Meine hohen Onlinezeiten in der Vergangenheit waren durchaus auch ein Teil Realitätsflucht – eine einfache Möglichkeit, Zeit halbwegs nützlich totzuschlagen und bestimmte Dinge nicht angehen zu müssen.

Plötzlich aber entdecke ich, wieviel Spannendes und Schönes es auf dieser Welt noch zu entdecken gibt. Die viele Zeit im Netz mag zwar durchaus anderen Menschen weitergeholfen haben, mich selbst hat das aber auf meinem persönlichen Weg – nein, auch nicht nur gebremst, es war durchaus auch wertvoll, sich auszutauschen. Aber in dem Maß war das einfach nicht mehr gesund. Ich werde daher bis auf Weiteres aus dem Internet aussteigen. Also nicht mehr in den Foren posten, und auch meine Messenger lasse ich aus.

Ich werde natürlich nicht aufhören, mich zu bewegen. Bewegung ist Leben. Vielleicht komme ich auch bei dem einen oder anderen Trainingstreffen mal vorbei – um mitzuspielen. Aber sicherlich nicht mehr, um ernsthaft zu trainieren, mich zu verbessern; meine Ziele sind andere geworden. Es kann sogar sein, daß ich irgendwann noch einmal einen Flash bekomme, wieder gezielter aufzubauen und zu trainieren. Werde sehen, was die Zukunft bringt. Bis auf Weiteres jedenfalls führt mein Weg in eine andere Richtung.

Was ich in den letzten zwei Jahren sehr genossen habe, ist die Community, mit der ich mich tief verbunden fühle. Ich habe hier viel Gemeinschaft, Nähe, gemeinsames Wachstum, Freundschaften gespürt, und das tut mehr als gut. So gern ich hier Anschluß halten würde – da ich entweder oft weit fahren oder regelmäßig ins Internet gehen müßte, um weiter in der Community zu bleiben, wird der Kontakt schwächer werden. Zu einigen Leuten werde ich selbstverständlich Kontakt halten, die mir mit der Zeit wichtig geworden sind. Und, wie gesagt – ich kann mir gut vorstellen, noch zu dem einen oder anderen Treffen zu kommen.

Nur: meine persönliche Weiterentwicklung läuft eben nicht mehr wesentlich über Parkour.

Ein liebes Dankeschön in die Runde für zwei saugute Jahre – ich nehm mir selbst ungeheuer viel aus dieser Zeit mit.

Lieben Gruß,

Malte

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Das Dilema von Parkour, Bewegung und Lehre

Ich habe gerade ein Parkourvideo gesehen. Und es hat mich berührt und zutiefst nachdenklich gestimmt.

Meine Gedanken hierzu sind noch erheblich unstrukturiert; es sind mehrere Fäden, die hier zusammenlaufen. Noch ist es viel Text, viel Annäherung; vielleicht merkst Du ja, worum es mir geht. Wahrscheinlich werde ich diesen Text in den nächsten Tagen durch einen prägnanteren ersetzen – sobald ich mich selbst richtig verstanden habe.

Es war ein Video von einem Erzieher-Azubi, der selbst schon jahrelang Parkour betreibt, den ich kenne und schätze. Er hat ein Parkourprojekt in seiner Einrichtung gemacht und einen Tag des Gruppentrainings gefilmt – er und drei Kinder auf einem Abenteuerspielplatz.

Ich wurde immer verdutzter, als ich dieses Video sah – es war ein Parkourtraining, beinhaltete aber rein gar keine Grundtechniken. Und keine einzige schnelle Bewegung. Alles, was darin geschah: er ließ die Kids jede Menge balancieren, hangeln und an irgend etwas entlangkraxeln.

Parkour? Parkourtraining?

Wie mir später auffiel: ja. Und nein. Und irgendwie auch wieder doch.

Das Bild des Parkour ist weitgehend geprägt von den „Profis“: Leuten, die sich mit unglaublicher Geschwindigkeit fast fliegend durch den Großstadtdschungel bewegen. Ja klar, wir wissen alle, daß da ne Menge Training zu gehört, daß man sich da rantasten und viel kleinteilige Basisarbeit machen muß. Ja. Aber nebenbei, wissen wir das wirklich? Halten wir uns dran?

Wenn Anfänger mit dem Parkour beginnen, sind es oft eben diese schnellen Bewegungen, welche den Reiz ausmachen. Viele – zumindest die vernünftigeren – machen Basisarbeit wie Krafttraining etc., aber so ziemlich jeder beginnt recht schnell auch mit den schnellen, heftigen Sachen, vor allem mit den Grundtechniken. Sind nicht sie es, die Parkour ausmachen?

Die meisten Leute, die länger dabei bleiben, verschieben mit der Zeit den Schwerpunkt ihrer Bemühungen in Richtung Basisarbeit, also erst mal die körperliche Basis aufzubauen, um die Sprünge auch wirklich machen zu können. Auch mir ging das so: ich mache heute, nach fast zwei Jahren Training, Sprünge nicht mehr, die ich nach einem halben Jahr noch gemacht hatte. Ich hab mich ein wenig von den Extrma verabschiedet bzw nähere mich früheren „Leistungen“ langsam wieder an. Ähnliche Prozesse sehe ich bei vielen – daß man mit der Zeit merkt, worum es eigentlich geht, und langsamer, dafür aber gründlicher aufbaut.

Und ja, eigentlich wäre es sinnvoll so anzufangen. Erst von vornherein langsam aufzubauen und die „großen“ Sachen erst langsam mit dazuzunehmen.

Doch, Dilemma Nr. 1: es sind gerade die größeren Dinger, die motivieren. Diese Motivation auf „später“ zu verlegen, um erst mal klein anzufangen, übersteigt erheblich die Geduld der meisten Anfänger.

Und natürlich wäre es sinnvoll, so anzufangen, wie der Trainer in jenem Video das mit seinen Kindern machte: viel experimentieren lassen, viel ausprobieren lassen, und erst nach und nach kleine Hilfen anzufüttern, so daß die Kinder sich die Grundtechniken praktisch von selbst erarbeiten und sie damit flexibler nutzen können, als wenn man ihnen gleich ein Standardrepertoire von Bewegungen zeigt. Vgl. dazu auch meinen Beitrag „Lernwege“. Das Lernen wäre somit erheblich gründlicher, das erlernte Wissen nutzbringender, die Bewegungen natürlicher statt auf einige Bewegungsmuster limitiert.

Dilemma Nr. 2 ist daher die häufige Fixierung auf die Grundtechniken – die Ungeduld verleitet dazu, schnell vorankommen zu wollen. Und diese Grundbewegungen bieten sich hier geradezu an – nur überspringt man dabei das eigene Erarbeiten, welches an sich unglaublich lehrreich ist und die Basis für natürliche, freie Bewegung darstellt.

(zu freier Bewegung übrigens einen neuen, mehr als sauguten Beitrag von Hebertiste im parkour.net-Forum: http://parkour.net/forum/index.php?s=&showtopic=13448&view=findpost&p=164907; Lang, aber lohnt sich. Aber so was von!)

Doch wenn ich mir das Video so ansehe; wenn ich nach dem Training die Kinder fragen würde: „so, und was habt Ihr heute gelernt?“ wüßten die wahrscheinlich nicht allzu viel zu sagen. Klar, würden sie sagen, wir haben eine gute Zeit gehabt. Aber gelernt?
Ich mein, klar haben die Kinder dabei gelernt. Sie haben einen Ansatz bekommen, sich mehr oder weniger natürlich zu bewegen.

(Dabei Dilemma Nr. 3: wie natürlich war das wirklich? Es waren langsame, gezielte Aktionen. Die Kinder bewegen sich, statt vor der Glotze zu sitzen, das ist ein verdammt guter Anfang. Aber war das wirklich spielerisch, war das wirklich frei? War das so, wie Kinder sich über all die Jahrhunderte und Jahrtausende spielend draußen bewegt haben, bevor es Computer gab? Denn eigentlich geht es doch darum, sich frei zu bewegen, und da können an sich wir von Kindern noch ne Menge lernen – solange sie gewissermaßen natürlich aufwachsen konnten. Bringt nun Training dieser Art Kinder näher an ihr Bewegungspotenzial oder entfernt es sie sogar von der Freiheit der Bewegung, die sie mit ihrer unbeschwerten Art so haben, indem wir ihnen Aufgaben und Muster aufdrücken?)

Aber zurück zum Lernen, denn das ist Dilemma Nr. 4. Was also haben sie gelernt? Wären sie nach der Trainingseinheit in der Lage, weiter zu trainieren, und würden das treffen, was Parkour ausmacht? Müssen wir überhaupt ständig was lernen? Aber ist nicht genau das Aufgabe eines Workshops? Haben sie einen Durchblick erhalten, in welche Richtung es weiter zu trainieren gilt, oder sind sie für weitere Trainings von einem Coach abhängig?

Im hier vorliegenden konkreten Fall ging es drum, Parkour an Kinder weiterzuvermitteln. Kleines Seitendilemma Nr. 5: bei aller Bewegungsfreude, die Kinder so haben: verdammt noch mal, wie kann man denen Parkour vermitteln, ohne die noch jungen Körper zu überlasten? Einerseits sind genau Kinder wie geschaffen dafür, sich entsprechend zu bewegen. Andererseits ist gerade ein Körper in dem Alter noch zu verformbar für Dinge wie Krafttraining, Drops etc. Wie kann ein sinnvolles Kinderprogramm aussehen, wie unterscheidet sich das von einem guten Erwachsenentraining? Da gibts bisher m. W. auch noch wenig Infos und Erfahrungen zu.

Das Hauptdilemma aber: Was ist eigentlich freie Bewegung? Wie kann man die leben, wie kann man die vermitteln? Entgegen aller Sensationslust, aber auch nicht zu statisch. Spontan und gern auch mal schnell, aber in einem gewissen Rahmen. Frei und doch strukturiert. Als Trainer Unabhängigkeit lehren. Wie, verdammt, geht das?

Whatever. Maybe you got my point.

Lieben Gruß,

Malte

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Lernwege

Forenbeitrag vom 12. November 2007 im Forum auf Parkour.de. Das Original seht im Beitrag „die Bewegung geht verloren!!“ von PascalPK. In diesem Beitrag hatte sich eine mehr oder weniger hitzige Diskussion darum entsponnen, ob nun die Grundbewegungen zu trainieren sinnvoll sei oder ob dabei nicht die Bewegung als solche verloren gehe. Der Originalthread steht hier: http://parkour-germany.de/board/wbb/index.php?page=Thread&threadID=8190

Lese gerade ein Buch von einem gewissen Herrn Feldenkrais, der sich intensiv mit Bewegung auseinandergesetzt hat und der damit auch durchaus einige Impulse zu Körperentwicklung und Parkourtraining gibt. Das Buch trägt den wunderschönen Namen „Bewußtheit durch Bewegung“. Aus diesem Buch möchte ich einige Punkte herausnehmen und mit dem Thema hier in Zusammenhang stellen – weils gerade so schön paßt. Dabei gehts mir gerade nicht um Bewegung an sich, sondern darum, wie man sie lernt – die Anwendung auf das Threadthema wird bald deutlich werden.

Feldenkrais hat u. a. untersucht, wie Menschen lernen. Er gliedert dabei drei Möglichkeiten aus, etwas zu lernen:

a) der natürliche Weg. Sprich: man TUT die Dinge einfach. Lernen durch Trial and Error, und das entwickelt sich eben. So haben wir alle mal laufen gelernt. So haben die Steinzeitleute Jagen oder Gerben gelernt. So haben wir ursprünglich als Kinder bevorzugt gelernt: man tut es eben, und dabei entwickeln sich gewisse Fertigkeiten von selbst.

b) mag dann der eine oder andere dabei sein, der ein wenig herumprobiert und feststellt: oh, so geht es noch besser. Er mag Laufen auf dem natürlichen Weg gelernt haben und stellt nun fest: wenn man die Füße so oder so setzt, rennt man kraftsparender. Sprich, er entwickelt seine Fertigkeit eine Stufe weiter. Vielleicht findet jemand anders etwas anderes heraus, und strickt sich sein System daraus. Viele der Künste dürften vor allem so entstanden sein. Und ja, auch Parkour.

c) ist der systematische Weg. Jemand hat sich vielleicht hingesetzt, ein System entworfen, erforscht nun die Möglichkeiten systematisch, bastelt ein Konzept draus, nach dem er arbeitet. Das Ergebnis ist oft hoch effizient. Viele Berufe folgen diesem Muster. Hier würde ich die Entwicklung und das Training der Grundtechniken einsortieren.

Meine persönliche Beobachtung ist, daß bei der Entwicklung eines Weges oft eine dieser Herangehensweisen dominiert; allerdings ist es m. E. durchaus möglich, sich einem Sachverhalt mit mehreren dieser Herangehensweisen gleichzeitig anzunähern.

Feldenkrais hat sich auch Gedanken drüber gemacht, welchen dieser Wege er für den sinnvollsten hält. Hierzu möchte ich ihn selbst sprechen lassen:

„In vielem ist es schwer zu sagen, ob der natürliche Weg der beste sei oder ob einer gleich damit beginnen solle, das methodische Stadium zu erlernen. […] Viele verstehen sich nicht aufs Trommeln, aufs Diskuswerfen, auf Hoch- und Weitsprung, aufs Atmen, aufs Flötenspiel, aufs Zeichnen, Rätselraten und viele andere ’natürliche‘ Tätigkeiten, die früher nie anders als auf dem natürlichen Weg erlernt wurden. Nur, heute wagt’s einer kaum, sich derlei selber beizubringen, da es ja dafür anerkannte Methoden gibt. […] er kann dafür keine Aufmerksamkeit erübrigen und ist vor allem beschäftigt mit Tätigkeiten, die er systematisch und bewußt erlernt hat. Solche Menschen nützen zwar der Gesellschaft wie sie ist, aber es fehlt ihnen an Spontaneität, und auf Gebieten außerhalb ihres beruflichen tun sie sich mit dem Leben schwer.[…]
Die dritte Stufe, die systematische, hat ihre Tücken. Zum Beispiel: was llgemein als ‚Gebiet für Spezialisten‘ gilt, wird von vielen für unzugänglich gehalten von vornherein. Sie versuchen nicht einmal, es zu betreten; sie versuchen nicht einmal, die ersten beiden Stufen zu erreichen, obwohl diese jederman erreichbar sind. Trotzdem ist diese Stufe sehr wichtig. Durch systematisches Tun können wir Verhaltens- und Handelnsweisen finden, die unseren […] Bedürfnissen entsprechen und die wir auf dem ’natürlichen Weg‘ vielleicht nicht finden würden, weil Umstände und äußere Einflüsse uns in Bahnen gelenkt haben mögen, in denen weiterzukommen unmöglich ist.“

Kurz auf den Punkt: systematisches Handeln ist sinnvoll, gut und notwendig, und damit hat das gezielte Training der Grundbewegungen durchaus Wert. Doch ist das Andere, das Ausprobieren, das natürliche Lernen, mindestens ebenso wertvoll. Und, wenn ich das noch ergänzen darf: jede Systematik birgt immer die Gefahr der Unvollständigkeit, was durch das natürliche Lernen wieder aufgefangen werden kann.

Daß das sture Nachmachen von Grundbewegungen gar nicht unbedingt soo systematisch ist, lasse ich hier mal außen vor – immerhin ist es ein System, innerhalb dessen man sich bewegt, wenn man danach trainiert.

Wir werden heute in Schule und Beruf oft darauf getrimmt, den systematischen Weg zu wählen. Ich halte das für notwendig, aber erheblich unvollständig. Die Folgen hat Feldenkrais ja bereits gut auf den Punkt gebracht.

Unsere Wahl, ob wir diese Fehler der Gesellschaft im Parkourtraining – unsere Freiheit, Hobby, Lebensphilosophie, persönlicher Entwicklungsweg – ob wir diese Fehler da wiederholen, oder ob wir endlich mal lernen, unser Potenzial voll zu nutzen.

Darum geht es aus meiner Sicht bei der Diskussion über die Rolle der Grundbewegungen im Parkour.

Und wer jetzt verstanden hat, ich sei für oder gegen ein Training der Grundbewegungen, hat nicht verstanden, was ich sagen wollte. Punkt.

Freue mich über Rückmeldungen aller Art.

Lieben Gruß,

Malte

Veröffentlicht unter Forenbeitr | 2 Kommentare

Den Körper kennen(lernen)

Erschreckend. Immer wieder…

Ich bin heute abend auf den Seiten von parkour.net herumgesurft und habe versucht, einiges herauszufinden über korrekte Landungen. Und mußte mal wieder feststellen: eigentlich weiß kaum einer so richtig was Genaues. Einige meinen, die einzig und allein richtige Lösung zu haben, doch da diese Leute sich oft genug gegenseitig widersprechen, können sie wohl nun nicht alle recht haben.

Wovon die Diskussion geprägt war, war vor allem von einer großen Unwissenheit über die Zusammenhänge im Körper. Dieses fehlende Wissen ist fürchterlich verbreitet in der Parkourszene. Wie kommen wir eigentlich dazu, unsere Körper gezielt extremen Bedingungen auszusetzen, ohne diese gut zu kennen? Das KANN doch langfristig nur zu Schäden führen.

Wer weiß schon wirklich, wie ein Kniegelenk aufgebaut ist und wie es funktioniert? Wer weiß, welche Körperelemente (es sind nicht nur die Muskeln, oh nein!) am Abfangen eines Aufpralls wirklich beteiligt sind, wie die zusammenarbeiten? Wer hat überhaupt Ahnung vom Tusammenspiel der Einzelteile unseres Körpers und wie man den am besten so ausbildet, daß dieses Zusammenspiel optimal laufen kann (halte ich sogar für wichtiger als Krafttraining)? Welche Möglichkeiten gibt es, den Aufprall bei Drops im Körper zu verteilen, und was davon ist unter welchen Bedingungen (Vorwärtsbewegung? Höhe?) sinnvoll? Welche Belastungen treten dabei eigentlich genau auf, was hat der Körper abzufangen? Was ist eine gute Körperstruktur, und wie wirkt Tätigkeit und Ausbildung unseres Bewegungsapparates auf die anderen Körperfunktionen? Wie ist zB der Zusammenhang zur Atmung? Und wofür sind die kleinen, feinen Muskeln in den unteren Muskelschichten, die sich unserer bewußten Kontrolle entziehen?

Die Liste der Fragen könnte ich noch erheblich weiter stricken. Daß wirklich jemand Antworten weiß, ist selten – aber fast jeder hat Meinungen, Theorien etc was man alles machen sollte und was nicht.

Bevor hier irgend welche Mißverständnisse entstehen, gleich vorweg: nein, viel besser bin ich da auch nicht, auch ich weiß verdammt wenig. Aber ich bin mir dessen voll bewußt und arbeite dran. Wobei, den Anspruch haben wir doch irgendwie alle, oder? Halten wir uns aber auch dran?

Frage ist, wie kann man überhaupt etwas über den Körper lernen? Allein aus Büchern und Internettexten mit Sicherheit nicht. So wichtig Wissen ist – ich behaupte, daß die moderne Wissenschaft viele Dinge noch gar nicht erkannt hat, einige Schwerpunkte anders setzt, als für Parkour nötig wäre, nicht alle Zusammenhänge erklärt. Das sieht man schon daran, daß es zig wissenschaftliche Systeme gibt; allein schon das westliche, welches wir gewohnt sind, und die asiatischen Herangehensweisen, die völlig andere Schwerpunkte setzen. Innerhalb derer gibt es wieder unterschiedlichste Systeme, wie Rolfing, Feldenkrais, Wushu, Chi Gong, T’ai Chi und wasweißichwasnochalles. Diese Systeme widersprechen sich teilweise gegenseitig, aber sind jeweils in sich weitgehend stimmig – davon abgesehen, daß es innerhalb jeder einzelnen Richtung etliche Diskussionspunkte und unterschiedliche Meinungen / Herangehensweisen gibt.

Sprich: es lohnt sich, durch all diese Systeme durchzustöbern und sich selbst seine Zusammenhänge zu knüpfen. Und sich daraus sein eigenes Bild vom Körper zu machen. Man hüte sich aber davor, jemals zu sicher mit seiner eigenen Meinung zu werden! Der Mensch erkennt in der Regel nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit, und jemand, der einen anderen Ausschnitt kennt, kann zu anderen Ergebnissen kommen und hat ebenso recht wie man selbst. Erst wenn man gemeinsam zusammenlegt, erweitert sich der eigene Horizont wirklich.

Doch jede theoretische Beschäftigung ist an sich schon zu wenig. Letztlich muß es ja drum gehen, den Körper, seinen Bau und seine Funktion kennenzulernen. Und das geht nicht rein in der Theorie. Meinen eigenen Körper lerne ich nur kennen, wenn ich mich wirklich mit ihm beschäftige. Wenn ich all die erlernten Theorien auch gleich auf den Körper anwende. Einfach mal nachfühlen: da fühle ich diesen Muskel, jene Sehne. Und wenn ich das jetzt anspanne, bewegt sich das so und so. Und durch die Bewegung passiert auch was mit den anderen Muskeln. Was mit welchen?

Sprich, es geht um die Neugierde, den eigenen Körper und seine Funktion zu entdecken. Das kann mit Hilfe der Theorie sein, die man an sich selbst gleich nachvollzieht (und rechne damit, viel davon als Schwachsinn zu entlarven!). Doch das muß nicht nur in der Theorie sein; viel geht auch übers spielen. Wenn ich so springe, und so lande, wo geht dann der Schlag hin, welche Muskeln arbeiten, was passiert da im Körper? Wie kann ichs anders machen, wo geht der Impact dann hin?

Und bitte, vergiß nicht, daß der Körper erheblich mehr ist als die Summe seiner Einzelteile. Letztlich geht es immer wieder darum, den ganzen Körper als solchen zu spüren, seine Zusammenhänge kennenzulernen. Dich wirklich wahrzunehmen; denn Du hast nicht einen Körper, in erster Linie BIST Du ein Körper. So betrachtet ist es eigentlich krass, was wir alles NICHT wissen und mitbekommen, oder?

Sprich: informiere Dich kräftig, bilde Dir Dein eigenes Bild. Setze es um in die Praxis, probiere es aus, ohne zu sehr den Theorien zu verfallen. Spüre Dich, den Körper, der Du bist. Und genieße es, wie Du Dich bewegst – das ist eine gute Grundlage.

Informationen gibt es im Netz und in Büchern reichlich. Daran solls nicht scheitern. Und Körper bist Du immer, kannst also jederzeit ausprobieren, neugierig sein. Ob Du abends, schon umgezogen, Deinen Körper inspizierst, herauszufinden versuchst, was einige Muskeln genau tun. Ob Du beim Training bewußt spürst, wie sich Dein Körper bewegt. Ob Du Bücher über Trainingslehre (selbst die ist in der Szene reichlich unbekannt!), T’ai Chi oder Anatomie liest. Oder einfach mal ausprobierst, wie dieses oder jenes funktioniert, und auch auf Details Deiner Bewegung achtest.

Wir haben nur den einen Körper. Wenn der gut funktionieren soll, muß der auch gut gepflegt werden – und blindes Krafttraining ohne Hintergrundwissen ist dafür definitiv nicht genug.

Ich wünsch Dir eine gute Portion Neugierde. Viel Spaß beim Erforschen!

Lieben Gruß,

Malte

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Parkour und die Künste der Fortbewegung. Oder: Freerunning – das ewige Schreckgespenst

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Freerunning ist in der Parkourszene immer wieder verrufen. Man habe nichts miteinander gemein, so der übliche Tenor. Die Bewegungen seien ähnlich, und das wars. Die Philosophie – falls es denn eine gebe, sei komplett anders. Oder: Parkour minus Philosophie plus akrobatische Einlagen gleich Freerunning. Flips sind kein Parkour, und wenn in einem Video ein Flip auftaucht, ist es damit kein Parkour mehr, sondern Freerunning.

Aber stimmt das alles auch so? In den Diskussionen, so lebhaft sie geführt werden, vermisse ich schon seit langem wirklich fundiertes Wissen über das, was die jeweiligen Disziplinen ausmacht. Und schon lange beobachte ich, daß zunehmend eher unbedeutende Nebensymptome (Flips) zu definitorischen Zwecken herangezogen werden – was eher von einem Mangel an Kenntnis der eigentlichen Inhalte zeugt.

Im Rahmen ausführlicher Recherchen zum Thema Parkour (in der Richtung kommt von mir in nächster Zeit noch mehr) hatte ich in den letzten Wochen die Gelegenheit, in einige der Themen tiefer einzutauchen. Aus den Rechercheergebnissen und meinen Gedanken dazu möchte ich hier einige Dinge zusammenstellen – die einen weniger üblichen Blick auf die Verständnisschwierigkeiten zwischen Freerunnern und Traceuren werfen. Ich weiß, daß die folgenden Zeilen bestehende Bilder angreifen und nicht widerspruchslos bleiben werden. Dennoch ist es mir ein Anliegen, auf eine ganze Reihe von Mißverständnissen hinzuweisen.

Im Folgenden kann ich nicht die ganze Geschichte erzählen; ich verkürze bewußt und beschränke mich auf das, was mir wichtig erscheint.

Fangen wir am Anfang an. In den 1980er Jahren lernte ein kleiner Junge namens David Belle von seinem Vater diverse Dinge, die er dann auf die Verhältnisse der Pariser Vorstädte übertrug. Zunächst war es ein Kinderspiel, und andere Kinder schlossen sich an. Mit den Kindern wurde mit der Zeit auch die Art der Bewegung erwachsen; aus Spiel wurde zunehmend ernsteres Training, Techniken entstanden, Inhalte wurden vertieft. Hieraus entstanden eine Menge Wege; zunächst formierte sich eine Gruppe, die später als die „Yamakasi“ bekannt werden sollte. David Belle und ein gewisser Sebastién Foucan, zunächst dabei, trennten sich von dieser Gruppe ab und gingen ihre eigenen Wege, fanden jeweils weitere Menschen, die sich ihnen anschlossen. Inwiefern bei der Trennung persönliche Befindlichkeiten mit im Spiel waren, ist aus heutiger Sicht schwer nachzuvollziehen. Jedenfalls entwickelten alle drei Gruppen ihre Wege recht individuell weiter.

Die wohl bekannteste Trainingsmotivation brachte David Belle selbst mit. Sein Vater hatte im Vietnamkrieg gekämpft und später als Feuerwehrmann gedient, wo er seine Fertigkeiten einsetzte, um Leben zu retten. David, der seinen Vater verehrte und ihm nacheiferte, hatte also eine klare Trainingsmotivation: die Fähigkeit zum Flüchten zu haben und seine Fähigkeiten so zu entwickeln, daß man anderen Menschen damit helfen kann. Parkour ist also rohes Ums-Leben-Rennen – oder seine Skills zum Wohle Anderer einsetzen zu können, gerade auch lebensrettend. Die Bewegungen des Parkour mußten also effizient sein; ohne Effizienz war der Fluchtgedanke abwegig, und auch lebensrettende Maßnahmen in Extremsituationen erfordern effizientes, direktes Handeln.

Sebastién Foucan hingegen bewegte sich ähnlich, hatte aber eine grundsätzlich andere Trainingsmotivation. Ihm ging es weniger um Nützlichkeit für Andere oder den Fluchtgedanken. Foucans Ziel ist es, sich durch die Bewegung auszudrücken und sich persönlich weiterzuentwickeln. Sein Ideal ist es, sich wie Wasser an die Gegebenheiten anzupassen; er sieht die Effizienz in seiner Kunst darin, der jeweiligen Situation angemessen zu handeln. Da ein wesentlicher Fokus im persönlichen Ausdrücken in Form von Bewegung besteht, gehören akrobatische Elemente wie Flips ausdrücklich mit dazu – wenn es eben gerade passend ist. Allerdings – und da täuschen sich viele in der Parkourszene – geht es ihm hierbei nicht um Show: „[I’d like to] show people it’s not show off and money“. Es gehe mehr um den Ausdruck persönlicher Freiheit: „[Freerunning] is a REVOLUTION and something free with no limit!“ (Quelle: http://foucan.forumactif.com/bienvenue-welcome-f1/sebastien-foucan-interview-ask-your-questions-t1183.htm – SEHR lesenswertes Foucan-Interview, was so einige Fragen klärt).

Damit hat Freerunning sehr wohl eine „Philosophie“.

Um noch die drei Richtungen zu vervollständigen: die Yamakasi ihrerseits sehen es als Trainingsziel, generell Körper und Geist zu stärken. Die Hintergründe dazu sind in der beeindruckenden Reportage „Yamakasi – Vol au dessus des Cités“ (im Internet frei verfügbar) zu sehen.

Und ebenfalls der Vollständigkeit halber: über die genannten hinaus haben sich etliche weitere Richtungen entwickelt, die zumeist von kleineren Gruppen vertreten werden.

Damit noch mal ein Wort zu Flips und anderen akrobatischen Elementen, an denen wir uns so oft zur Unterscheidung der Disziplinen festbeißen: darum ging es nie. Freerunning und Yamakasi beinhalten sie, das ist so weit klar. Aber auch David macht entsprechende Dinge, wenngleich seltener, und schämt sich offenbar nicht dafür. Er sagt deutlich, daß es eigentlich nicht zu Parkour gehört. Dennoch nimmt er selbst offenbar diesen Bereich recht locker. Warum auch nicht? Gelegentlich etwas Ineffizientes zu tun kann sowohl die Freude an der Bewegung fördern – was das Training interessanter und damit wieder effizienter macht – und ist mit Sicherheit auch nicht falsch für die Körperkoordination.

Noch einen drauf: David schließt solche Dinge selbst nicht dogmatisch aus. In einer von ihm häufig zitierten Aussage heißt es: „So if you do acrobatics things on the street with no other goal than showing off, please don’t say it’s parkour.“ – solange mal ausnahmsweise bißchen Akrobatik drin ist, es nicht wirklich darum geht und es nicht um Show geht, scheint er demnach nicht wirklich was dagegen zu haben. Nur grenzt er sich eben deutlich und zu Recht von Leuten ab, die auf Show gehen.

Ich glaube wirklich, es sind eigentlich nur wir in der Parkourcommunity, die solche Unterscheidungen so dogmatisch treffen. Warum eigentlich? David selbst betont ja immer wieder die Notwendigkeit des Respekts. Also auch vor Nachbardisziplinen. Warum wählen wir eine Abgrenzung über die Ausdrucksformen, während es eigentlich um handfeste Inhalte geht? Jede der oben genannten Disziplinen hat – na, ich nenns nicht gern eine Philosophie, treffender würd ich in dem Fall sagen: eine Trainingsmotivation. Darum geht es, nicht um das Vorhandensein von Flips oder Show (letztere hat in allen drei Richtungen nichts zu suchen).

A propos: sich durch Bewegung ausdrücken ist nicht gleich Show, himmelweiter Unterschied. Wohl der mißverstandendste Aspekt des Freerunning. Was bedeutet eigentlich sich ausdrücken? Wie geht das? Ich fänds durchaus spannend, das mal näher zu beleuchten. Denn das setzt menschliche Potenziale frei, die bei der reinen Konzentration auf Effizienz verloren zugehen drohen…

Bin gespannt auf Eure Kommentare.

Lieben Gruß,

Malte

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Parkour und Meditation (engl.)

Folgenden Text schrieb ich am 5. Oktober 2007 im internationalen, englischsprachigen Bereich auf Parkour.net. Ausgangsfrage war, ob Meditation ebenfalls hilfreich für das Parkourtraining sein kann. Da Parkour.net demnächst die meisten seiner Beiträge im Forum komplett löscht, möchte ich den Text hier reinstellen – wäre m. E. schade,wenn er verloren ginge.

Parkour IS a form of meditation!

In my understanding, you do repeat here a mistake about meditation which is very popular.

What is meditation? First of all, it is a state of mind in which you are just calm. There are ideally no thoughts any more, when thoughts pop up, you let them go instead of holding on them, as we often do in everyday life. And you are ideally just in the moment, on a certain way full and empty at the same time. Meditation is this state of calm mind, no more, no less. It is a very powerful state in which nice things are possible.

There are several ways of getting into this state of calmed mind. Some of those ways are mentioned here, and there are much more. One of the easiest: just sit down, relax, and try to find out the most silent sound around you. When you get one, find the next silent one 😉

But whatever, there are hundreds and thousands of ways of getting there. Some are very complicated, some very easy. Some get you very deep into calmness, others not so much (but that depends not on how complicate the way is, but on how deep you give yourself into). Which way you follow is not important, as long as the way works for you.

You can even do meditation in EVERYTHING you do. Once my father gave me a big box of walnuts he had collected unter his tree, and he told me: „there is much meditation inside“. That was when I realized that you can use EVERYTHING you do to get into the moment, into calmness, when you really DO what you do instead of thinking thusands of thoughts parallely. Really: when do we REALLY do anything, being totally inside of what we do, without permanent mental distribution? Means NOT concentration, not fixation on something, but means being empty and open for te moment. I even sometimes meditate while car driving – just being fully present in the moment, really aware on anything along my way without getting into any fixation on thoughts or something around me.

And that is the mistake many people do: meditation is something very practical, which can be done in every moment. You do not have to sit down and cut yourself off the world around you, do not have to meditate away. Yes, the way of taking extra time for meditation can help to get deeper into it, to experience this state, and maybe even to work with it on a spiritual level. But never stop at this! Any meditation exercise is useless when you do not transfer it to everyday life. Every exercise always have to be a bridge to improve your life and your way of acting in reality.

I have seen many people in esoteric contexts who always only meditated in silence and took extra time for it, often in very complicated ways. They often built up new worlds of spirit and lived more and more in these parallel worlds. The effect: they had more and more problems to live their everyday reality. They improved more and more in living in these „spiritual“ spaces and paid less and less attention for their physical and everyday reality. What is taht good for?

No, meditation has to be in everything that you do, not only in isolated moments. And you CAN use everything you do as a meditation: just when you let go off thoughts and really dive into the moment, into whatever you do. When you feel yourself, your body, your whole existence (and yes, the physical existence ist at least as real as the spiritual one 😉 ) and really do what you do with your full heart.

By the way: meditation is a state you maybe not feel special in. Many people think they have to feel great when they get into meditation – no, that’s not always the case. In Meditation you just don’t care about having to feel special.

…and that is where Parkour enters the game. To me, Parkour is a great, very easy form of meditation. You really have to be aware about what you do in every single moment. When you are not fully present, you may fall on your nose, hurt yourself or even break some of your bones. Normally, when you do Parkour, you are fully present in the moment. That’s already a form of meditation!

Many people I see doing Parkour – including myself – very easy drop into this kind of meditation easily just by doing fully what they do.

And I think Parkour is a very great form of meditation. It not only is an art which makes it easy to dive into, it also involves the body which is an important, but in meditations almost forgotten part of our existence.

Maybe meditation in this understanding is one of the aspects which make Parkour being an Art…

But at this point I have to make one warning: don’t try do find meditation in your Parkour training now! When you are out there, do parkour and think about how to feel meditation in your movements, then you are mentally again not really in what you are doing! Right? So, as in many cases, the sheer act of searching can hinder the finding.
Again: when you search this state actively, you shoot yourself out of the possibility to make it real. When you search those things, you won’t find them.

The only way is: just do what you do with all of your heart! Just do whatever you fell that has to be done, just be aware of yourself and of your surrounding, and really dive into whatever you do. In Parkour this will be easy for you, as you anyway have to be aware and fully present.

So just use Parkour to really BE. That’s it.

Best,

Malte

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Parkour, Freiheit und Bewegung

Original gepostet im Forum auf parkour.de, 17. August 2007

Hallo, zusammen,

ich stolpere für mich derzeit in Sachen Training immer wieder über einige Punkte, die mich beschäftigen. Im Moment versuche ich, mein Training entsprechend umzustellen.

Ausgangspunkt meiner Gedanken: Was ist Parkour eigentlich? Parkour ist die Kunst der effizienten Fortbewegung. Zudem hat das was für mich mit Freiheit zu tun – Freiheit der Bewegung, Gehen des eigenen Weges, Umgang mit Hindernissen, auch im Alltag.

Doch trainieren wir das wirklich?

Ist es Fortbewegung, wenn wir immer nur einzelne Sprünge und bestenfalls mal Minikombis trainieren?

Ist es Freiheit, wenn wir lediglich unseren Alltagsroutinen ein Dutzend weitere Bewegungsroutinen hinzufügen und diese bis zum Abwinken trainieren?

Ist es ein Gehen seines eigenen Weges, wenn wir immer nur einzelne Hindernisse mit sorgfältig abgeschätztem Anlauf frontal angehen? Lassen wir uns nicht dadurch auch von den Hindernissen lenken?

Wie geht es eigentlich, diese Dinge auf seinen Alltag zu übertragen?

Lernen wir wirkliche Freiheit der Fortbewegung, wenn wir diese nicht AUCH trainieren? Und wie trainiert man so was eigentlich?

Ist man „gut“ in Parkour, weil man eine Dreifünfzigmauer hochkommt oder sonstige krasse Sachen schafft?

Besteht die Effizienz der Fortbewegung ausschließlich in der Maximalleistung der einzelnen Bewegungen?

BTW, ist Schaffen gleich Können?

Ist es Freiheit, Deine Skills immer an den selben Hindernissen zu üben?

Kann Parkour nur an optimalen Trainingsplätzen stattfinden?

Kann man Parkour nur in der isolierten Trainingszeit trainieren? Wie kann man Parkour wirklich in den Alltag einbauen?

Kann man Parkour nur machen, wenn man sich aufgewärmt, sich zum optimalen Trainingsplatz begeben und seine Freunde um sich geschart hat? (Um Mißverständnissen vorzubeugen: wenn man wirklich im oberen Leistungsbereich trainiert, ist Aufwärmen unverzichtbar, klar).

Ist es wirklicher Bewegungsfluß, wenn man, um über ein kleines Hindernis zu springen, seinen gemütlichen Trott aufgibt, fixiert in Spannung geht, drauflosrennt und drübersetzt?

Bei einem Run – ist es Bewegungsfluß, jeweils das nächste Hindernis zu fixieren, nach selbigem fast stehenzubleiben und dann das nächste zu fixieren?

Kann man es sich auf der Flucht leisten, sich nur auf ein Hindernis zu konzentrieren und alles andere auszublenden?

Überhaupt, woher kommt Parkour eigentlich? Was soll das alles? Wofür trainiere ich das heute?

…und warum schreibe ich das hier alles eigentlich? Mit Sicherheit erwarte ich hier keine Antworten.

Ergänzungen folgen ggfs später.

Lieben Gruß,

Malte

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Wildnistraining und Parkour – eine Einladung

Ich bin wieder da.

Zehn Tage lang war ich jetzt draußen in der Wildnis, in den französischen Pyrenäen, alleine mit mir selbst (bzw zu dritt, wie der Brite sagt: „Me, myself and I“), um meine Wildnisfertigkeiten zu testen und zu erweitern.

Dabei ist mir u. a. aufgegangen, wie viel für mich tatsächlich das (Über-) Leben in der Wildnis und Parkour gemeinsam haben. Inhaltlich läßt sich sicherlich eine Brücke bauen über das Überwinden von Hindernissen, die sich in der Wildnis meinem Überleben in den Weg stellen mögen. Aber es ist noch so viel mehr, vieles, was nicht in Worte zu fassen ist. Der Spirit ist einfach verdammt ähnlich, das Gefühl, welches für mich hinter beidem steht. Nicht umsonst gehört beides für mich ganz klar zu meinem ganz eigenen Weg.

Das sehe nicht nur ich so. Immer wieder, wenn ich unter Parkourbegeisterten von meinem Job als Wildnistrainer erzähle, melden sich Leute mit Interesse, so was auch mal zu machen.

Es wird Zeit für mich, Wildnis und Parkour mehr miteinander zu verknüpfen. Und deswegen biete ich Euch ein Experiment an, welches ich schon lang im Kopf habe und welches nun langsam Form annehmen soll:

Ein Wildnistraining für Leute aus der Parkourszene.

Ich möchte gern mein Wissen weitergeben an Leute, die wirklich interessiert sind. Und davon gibts unter Nachwuchstraceuren eine ganze Menge.

Folgende Idee daher: Euch ein Wildnistraining anzubieten, in welchem ich die wichtigsten Fertigkeiten zeige und vermittle, die zum (Über-) Leben in der Natur nötig sind. Dazu gehören der Bau einer Überlebenshütte (warm und trocken ohne Schlafsack und Zelt), das Feuermachen mit Holzreibung, Bogenschießen, Werkzeughandhabung, einige handwerkliche Fertigkeiten, Schleichen / Tarnen, Bewegung in der Nacht, Wahrnehmung, evtl Scoutfertigkeiten, Pflanzenwissen, Spurenlesen und einiges mehr – auch spontan variabel, je nachdem, was Euch genau interessiert.

Von der Dauer her wäre wohl ein Wochenende am sinnvollsten; voraussichtlich Ende August oder September 2007; Raum Köln/Bonn/Eifel. Hängt vor allem von dem Platz ab, den ich finde, und von meinem sonstigen Terminkalender.

Wer wirklich interessiert ist, ist mir herzlich willkommen.

Ach ja, Kosten: ich müßte schon die Kosten wieder reinkriegen und würde die dann unter den Teilnehmenden aufteilen. Das werden vor allem Platzmiete sein, wenn eine anfällt, Essenskosten und ein wenig Material- und Organisationskosten, aber im überschaubaren Rahmen. Darüber hinaus – ich werd Materialabnutzung haben und hab als Freiberufler laufende Kosten – freue ich mich natürlich über einen freiwilligen Beitrag. Das, was Ihr geben mögt, einfach.

Wenn jemand selbst die Organisationskosten nicht aufbringen kann, aber trotzdem sehr gern dabei sein möchte – sprecht mich an, wir finden eine Lösung. Am Geld solls nicht scheitern.

Je nach Interesse kann ich das auch gern noch mal wiederholen. Ich werde bei den Interessierten diejenigen vorziehen, die ich schon was länger kenne und die schon länger ihr Interesse signalisiert haben. Aber grundsätzlich steht das Training allen aus der Parkourszene offen – ich hab mir aus der Community dermaßen viel für mich mitgenommen, jetzt möchte ich auch mal zurückgeben 😉

Wenn Leute aus anderen Gegenden Interesse haben, nur zu – ich komme auch gern zu Euch raus. Voraussetzungen: zwischen 6 und 12 Leuten, die klar zur Parkourcommunity zu rechnen sind. Ein gemeinsames freies Wochenende ;-), Kostenerstattung incl. Anreise (Zugfahrkarte oder 25 ct/km Auto, die als Kosten durchaus realistisch sind) und freiwilliger Beitrag. Und dann brauch ich natürlich den geeigneten Platz dafür: ein Waldstück, wo auch Laubwald bei sein sollte, nicht zu verwachsen, welches wir nutzen dürfen, wo wir uns drin bewegen und Hütten bauen dürfen und wo wir Feuerholz und Material für einige handwerkliche Dinge rausholen dürfen (Absprache mit Förster bzw Waldbesitzer zwingend nötig, mit Jagdpächter sinnvoll); in der Nähe einen Platz, wo wir zelten und in gewissem Rahmen auch Feuer machen dürfen. Und das alles natürlich so, daß man nicht ständig durch andere Leute gestört wird. Sprecht mich einfach an, wir klären dann die Details.
Wer Interesse hat, kann sich gern ab sofort melden. Ich freu mich, von Euch zu hören!

Lieben Gruß,

Malte

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Gesundes Laufen

Folgenden Beitrag verfaßte ich am 14. Juli 2007 auf Parkour.de. Vorher hatte ich in Bezug auf Feiyue-Schuhe einiges in der Richtung angedeutet. Hier antworte ich auf eine Nachfrage dazu.

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Das Thema ist ein sehr großes. Ich hab mich mal eine Zeit lang damit beschäftigt, wie Naturvölker liefen und wie wir das tun. Unser Laufstil ist erheblich degeneriert. Ich deute mal paar Sachen zärtlich an Freude

Wir laufen nicht mehr in unebenem Gelände, sondern auf geebneten Straßen ohne Hindernisse. Deswegen haben wir nicht mehr die Notwendigkeit, die Füße zu heben – die unseren verlassen oft nur wenige Zentimeter den Boden. Und wir brauchen nicht mehr vorsichtig aufzutreten – es gibt kaum was, worüber wir stolpern könnten.

Geh mal bewußt ein paar Schritte auf Straße mit normalen Schuhen. Wahrscheinlich wirst Du feststellen, daß Du bei jedem Schritt mit der Ferse aufkommst. (Der Künstler Hugo Kükelhaus schrieb mal sinngemäß: Laufen ist ein ständiges Abfangen des Falls). Und achte mal drauf: Bumm. Bumm. Jeder Schritt, jedes Aufkommen mit der Ferse ist ein Schlag in die Gelenke, in die Wirbelsäule! Jedem, der gewohnt ist, so zu laufen (rund 95% unserer Bevölkerung) kann ich nur empfehlen, Schuhe mit ordentlicher Fersendämpfung zu tragen. Alles andere geht entsprechend mehr auf den Körper – was der Hauptgrund ist, warum ich Feiyues nur eingeschränkt empfehlen kann.

Einer meiner Lehrer hat sich mal neben einem mittelmäßig genutzten Waldweg eingraben lassen. Immer, wenn sich jemand näherte, konnte er das auf weite Entfernung hören – weil jeder Schlag mit der Ferse bei jedem einzelnen Schritt im Boden deutlich zu hören war. Bumm. Bumm. Bumm…

Dazu kommt, daß wir durch unsere modernen Fußbetten nicht mehr selbst den Fuß halten müssen. Ohne Fußbettgewöhnung würde der Außenspann des Fußes einen Bogen bilden, der den Fuß trägt. Heute treten die meisten Leute, wenn sie denn mal barfuß laufen, mit der ganzen Fußsohle auf, weil die Körperspannung an den entsprechenden Stellen fehlt.

Ach ja, und schau mal, über welchen Zeh Du abrollst. Bei einem normalen Schuh wird das eher die äußere Zehenreihe sein. Wenn jemand mit etwas Übung barfuß läuft, rollt er in der Regel über den dicken Zeh ab, viel gerader als in modernen Schuhen. In den Feiyues ebenso.

Dieses Thema ist mit vielen anderen verknüpft. Durch die gepolsterte Ferse in den meisten Schuhen ist diese in der Regel auch ein wenig höher gelagert, was Auswirkungen auf die komplette Haltung hat.

Und letztlich ist das auch nur ein kleiner Teil vom Ganzen. Forscher im vorletzten Jahrhundert wunderten sich, warum die Indianer oft so kräftige Leute waren, obwohl sie kaum trainierten. Das lag demnach viel an der Körperhaltung, die die pflegten – den ganzen Körper gleichmäßig angespannt, aufrechte Wirbelsäule. Gegenüber unserer Art zu stehen etwas mehr in die Knie (Gelenke durchstrecken halte ich eh nichts von), Hüfte etwas nach vorn geschoben, und den Oberkörper aufgerichtet, als würde die Brust an einem Faden nach Vorne oben gezogen. Zunächst sehr ungewohnte Haltung, aber wohltuend. Interessanterweise ist das auch der Stand, der im T’ai Chi und benachbarten Disziplinen eingeübt wird.
Letztlich ist so ein Grundzustand, der irgendwo in der Mitte zwischen An- und Entspannung liegt, viel erholsamer als Abschlaffen. Ja, die meisten von uns (was sich durch Parkour übrigens ändern kann) haben zu viel Spannung in den Schultern und zu wenig im restlichen Körper.

Zum halbwegs gesunden Laufen kenne ich folgende Varianten, die sich alle dadurch auszeichnen, daß die Ferse eben nicht aufhaut:

– ordentliches Abrollen des ganzen Fußes. Dabei kommt zwar durchaus die Ferse zuerst auf dem Boden auf, überträgt die Energie des Laufens aber nicht auf den Boden. Gutes Joggingtraining beinhaltet auch sauberes Abrollen des Fußes. Mit etwas Achtsamkeit kann da aber jeder hinkommen.

– die Art, wie die Naturvölker liefen, übt man am besten ganz langsam zunächst, bevor das schneller werden kann: dabei setzt man den Fuß mit der Außenkante zuerst auf, also erst mal nicht mit der Ferse. Dabei kann man soar noch tasten, ob da Hindernisse sind – ein zum Schleichen sehr guter Schritt. Erst wenn der Fuß auf dem Boden gut steht, verlagert man das Gewicht darauf. Das Bein wird bei jedem Schritt vor den Körper gehalten, nicht darunter. Man schiebt dabei kontrolliert den Körper vorwärts, statt ihn fallen zu lassen und abzufangen. Und das Ganze möglichst in der o. g. Haltung. Wenns wirklich stimmt, dann bewegt sich beim Laufen der Körper nicht auf und ab, wie bei unserem „normalen“ Laufen, sondern wenn jemand Dich hinter einer flachen Mauer vorbeigehen sehen würde, sähe er Deinen Oberkörper praktisch immer auf einer Höhe dahingleiten. Und das ist, als würde man bei jedem Schritt den Boden streicheln, eine ganz sanfte Bewegung.

Eine Bekannte von mir kam mal zu einem alten Indianer. Sie wollte von ihm etwas über Heilpflanzen lernen. Er sah sie irritiert an und meinte: „Bevor Du die alten Lehren lernst, lerne erst einmal, über die Erde zu gehen“. – genau diese Dinge dürfte er gemeint haben.

– Wenn dieser Schritt etwas schneller werden soll, berührt irgendwann die Ferse den Boden gar nicht mehr, dann rollt man nur noch auf dem Ballen von außen nach innen ab.

Das Thema ist ein verdammt großes und hat viel mit unserer Entfernung von einem natürlichen, lebensbetonten Lebensstil zu tun. Ich übernehme keine Haftung für Eure Versuche zum Thema! Ich habe hier nur einen kleinen Teil des Gesamten darstellen können, und vieles mag mißverständlich sein. Wer keinen erfahrenen Lehrer in der Richtung hat und damit experimentieren möchte, nur zu – aber achtet sehr genau auf die Signale Eures Körpers und richtet Euch danach! Alles andere wäre Verantwortungslos.

Ich freue mich über Kommentare aller Art und beantworte gern konkrete Fragen. Allerdings bin ich ab Mittwoch im Urlaub.

Lieben Gruß,

Malte

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