| M | D | M | D | F | S | S |
|---|---|---|---|---|---|---|
| « Sep | ||||||
| 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 |
| 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 |
| 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20 | 21 |
| 22 | 23 | 24 | 25 | 26 | 27 | 28 |
| 29 | 30 | 31 | ||||
12.11.2007 von parkourblog.
Forenbeitrag vom 12. November 2007 im Forum auf Parkour.de. Das Original seht im Beitrag “die Bewegung geht verloren!!” von PascalPK. In diesem Beitrag hatte sich eine mehr oder weniger hitzige Diskussion darum entsponnen, ob nun die Grundbewegungen zu trainieren sinnvoll sei oder ob dabei nicht die Bewegung als solche verloren gehe. Der Originalthread steht hier: http://parkour-germany.de/board/wbb/index.php?page=Thread&threadID=8190
Lese gerade ein Buch von einem gewissen Herrn Feldenkrais, der sich intensiv mit Bewegung auseinandergesetzt hat und der damit auch durchaus einige Impulse zu Körperentwicklung und Parkourtraining gibt. Das Buch trägt den wunderschönen Namen “Bewußtheit durch Bewegung”. Aus diesem Buch möchte ich einige Punkte herausnehmen und mit dem Thema hier in Zusammenhang stellen - weils gerade so schön paßt. Dabei gehts mir gerade nicht um Bewegung an sich, sondern darum, wie man sie lernt - die Anwendung auf das Threadthema wird bald deutlich werden.
Feldenkrais hat u. a. untersucht, wie Menschen lernen. Er gliedert dabei drei Möglichkeiten aus, etwas zu lernen:
a) der natürliche Weg. Sprich: man TUT die Dinge einfach. Lernen durch Trial and Error, und das entwickelt sich eben. So haben wir alle mal laufen gelernt. So haben die Steinzeitleute Jagen oder Gerben gelernt. So haben wir ursprünglich als Kinder bevorzugt gelernt: man tut es eben, und dabei entwickeln sich gewisse Fertigkeiten von selbst.
b) mag dann der eine oder andere dabei sein, der ein wenig herumprobiert und feststellt: oh, so geht es noch besser. Er mag Laufen auf dem natürlichen Weg gelernt haben und stellt nun fest: wenn man die Füße so oder so setzt, rennt man kraftsparender. Sprich, er entwickelt seine Fertigkeit eine Stufe weiter. Vielleicht findet jemand anders etwas anderes heraus, und strickt sich sein System daraus. Viele der Künste dürften vor allem so entstanden sein. Und ja, auch Parkour.
c) ist der systematische Weg. Jemand hat sich vielleicht hingesetzt, ein System entworfen, erforscht nun die Möglichkeiten systematisch, bastelt ein Konzept draus, nach dem er arbeitet. Das Ergebnis ist oft hoch effizient. Viele Berufe folgen diesem Muster. Hier würde ich die Entwicklung und das Training der Grundtechniken einsortieren.
Meine persönliche Beobachtung ist, daß bei der Entwicklung eines Weges oft eine dieser Herangehensweisen dominiert; allerdings ist es m. E. durchaus möglich, sich einem Sachverhalt mit mehreren dieser Herangehensweisen gleichzeitig anzunähern.
Feldenkrais hat sich auch Gedanken drüber gemacht, welchen dieser Wege er für den sinnvollsten hält. Hierzu möchte ich ihn selbst sprechen lassen:
“In vielem ist es schwer zu sagen, ob der natürliche Weg der beste sei oder ob einer gleich damit beginnen solle, das methodische Stadium zu erlernen. […] Viele verstehen sich nicht aufs Trommeln, aufs Diskuswerfen, auf Hoch- und Weitsprung, aufs Atmen, aufs Flötenspiel, aufs Zeichnen, Rätselraten und viele andere ‘natürliche’ Tätigkeiten, die früher nie anders als auf dem natürlichen Weg erlernt wurden. Nur, heute wagt’s einer kaum, sich derlei selber beizubringen, da es ja dafür anerkannte Methoden gibt. […] er kann dafür keine Aufmerksamkeit erübrigen und ist vor allem beschäftigt mit Tätigkeiten, die er systematisch und bewußt erlernt hat. Solche Menschen nützen zwar der Gesellschaft wie sie ist, aber es fehlt ihnen an Spontaneität, und auf Gebieten außerhalb ihres beruflichen tun sie sich mit dem Leben schwer.[…]
Die dritte Stufe, die systematische, hat ihre Tücken. Zum Beispiel: was llgemein als ‘Gebiet für Spezialisten’ gilt, wird von vielen für unzugänglich gehalten von vornherein. Sie versuchen nicht einmal, es zu betreten; sie versuchen nicht einmal, die ersten beiden Stufen zu erreichen, obwohl diese jederman erreichbar sind. Trotzdem ist diese Stufe sehr wichtig. Durch systematisches Tun können wir Verhaltens- und Handelnsweisen finden, die unseren […] Bedürfnissen entsprechen und die wir auf dem ‘natürlichen Weg’ vielleicht nicht finden würden, weil Umstände und äußere Einflüsse uns in Bahnen gelenkt haben mögen, in denen weiterzukommen unmöglich ist.”
Kurz auf den Punkt: systematisches Handeln ist sinnvoll, gut und notwendig, und damit hat das gezielte Training der Grundbewegungen durchaus Wert. Doch ist das Andere, das Ausprobieren, das natürliche Lernen, mindestens ebenso wertvoll. Und, wenn ich das noch ergänzen darf: jede Systematik birgt immer die Gefahr der Unvollständigkeit, was durch das natürliche Lernen wieder aufgefangen werden kann.
Daß das sture Nachmachen von Grundbewegungen gar nicht unbedingt soo systematisch ist, lasse ich hier mal außen vor - immerhin ist es ein System, innerhalb dessen man sich bewegt, wenn man danach trainiert.
Wir werden heute in Schule und Beruf oft darauf getrimmt, den systematischen Weg zu wählen. Ich halte das für notwendig, aber erheblich unvollständig. Die Folgen hat Feldenkrais ja bereits gut auf den Punkt gebracht.
Unsere Wahl, ob wir diese Fehler der Gesellschaft im Parkourtraining - unsere Freiheit, Hobby, Lebensphilosophie, persönlicher Entwicklungsweg - ob wir diese Fehler da wiederholen, oder ob wir endlich mal lernen, unser Potenzial voll zu nutzen.
Darum geht es aus meiner Sicht bei der Diskussion über die Rolle der Grundbewegungen im Parkour.
Und wer jetzt verstanden hat, ich sei für oder gegen ein Training der Grundbewegungen, hat nicht verstanden, was ich sagen wollte. Punkt.
Freue mich über Rückmeldungen aller Art.
Lieben Gruß,
Malte
Geschrieben in Forenbeiträge | 3 Kommentare »
12.11.2007 von parkourblog.
Erschreckend. Immer wieder…
Ich bin heute abend auf den Seiten von parkour.net herumgesurft und habe versucht, einiges herauszufinden über korrekte Landungen. Und mußte mal wieder feststellen: eigentlich weiß kaum einer so richtig was Genaues. Einige meinen, die einzig und allein richtige Lösung zu haben, doch da diese Leute sich oft genug gegenseitig widersprechen, können sie wohl nun nicht alle recht haben.
Wovon die Diskussion geprägt war, war vor allem von einer großen Unwissenheit über die Zusammenhänge im Körper. Dieses fehlende Wissen ist fürchterlich verbreitet in der Parkourszene. Wie kommen wir eigentlich dazu, unsere Körper gezielt extremen Bedingungen auszusetzen, ohne diese gut zu kennen? Das KANN doch langfristig nur zu Schäden führen.
Wer weiß schon wirklich, wie ein Kniegelenk aufgebaut ist und wie es funktioniert? Wer weiß, welche Körperelemente (es sind nicht nur die Muskeln, oh nein!) am Abfangen eines Aufpralls wirklich beteiligt sind, wie die zusammenarbeiten? Wer hat überhaupt Ahnung vom Tusammenspiel der Einzelteile unseres Körpers und wie man den am besten so ausbildet, daß dieses Zusammenspiel optimal laufen kann (halte ich sogar für wichtiger als Krafttraining)? Welche Möglichkeiten gibt es, den Aufprall bei Drops im Körper zu verteilen, und was davon ist unter welchen Bedingungen (Vorwärtsbewegung? Höhe?) sinnvoll? Welche Belastungen treten dabei eigentlich genau auf, was hat der Körper abzufangen? Was ist eine gute Körperstruktur, und wie wirkt Tätigkeit und Ausbildung unseres Bewegungsapparates auf die anderen Körperfunktionen? Wie ist zB der Zusammenhang zur Atmung? Und wofür sind die kleinen, feinen Muskeln in den unteren Muskelschichten, die sich unserer bewußten Kontrolle entziehen?
Die Liste der Fragen könnte ich noch erheblich weiter stricken. Daß wirklich jemand Antworten weiß, ist selten - aber fast jeder hat Meinungen, Theorien etc was man alles machen sollte und was nicht.
Bevor hier irgend welche Mißverständnisse entstehen, gleich vorweg: nein, viel besser bin ich da auch nicht, auch ich weiß verdammt wenig. Aber ich bin mir dessen voll bewußt und arbeite dran. Wobei, den Anspruch haben wir doch irgendwie alle, oder? Halten wir uns aber auch dran?
Frage ist, wie kann man überhaupt etwas über den Körper lernen? Allein aus Büchern und Internettexten mit Sicherheit nicht. So wichtig Wissen ist - ich behaupte, daß die moderne Wissenschaft viele Dinge noch gar nicht erkannt hat, einige Schwerpunkte anders setzt, als für Parkour nötig wäre, nicht alle Zusammenhänge erklärt. Das sieht man schon daran, daß es zig wissenschaftliche Systeme gibt; allein schon das westliche, welches wir gewohnt sind, und die asiatischen Herangehensweisen, die völlig andere Schwerpunkte setzen. Innerhalb derer gibt es wieder unterschiedlichste Systeme, wie Rolfing, Feldenkrais, Wushu, Chi Gong, T’ai Chi und wasweißichwasnochalles. Diese Systeme widersprechen sich teilweise gegenseitig, aber sind jeweils in sich weitgehend stimmig - davon abgesehen, daß es innerhalb jeder einzelnen Richtung etliche Diskussionspunkte und unterschiedliche Meinungen / Herangehensweisen gibt.
Sprich: es lohnt sich, durch all diese Systeme durchzustöbern und sich selbst seine Zusammenhänge zu knüpfen. Und sich daraus sein eigenes Bild vom Körper zu machen. Man hüte sich aber davor, jemals zu sicher mit seiner eigenen Meinung zu werden! Der Mensch erkennt in der Regel nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit, und jemand, der einen anderen Ausschnitt kennt, kann zu anderen Ergebnissen kommen und hat ebenso recht wie man selbst. Erst wenn man gemeinsam zusammenlegt, erweitert sich der eigene Horizont wirklich.
Doch jede theoretische Beschäftigung ist an sich schon zu wenig. Letztlich muß es ja drum gehen, den Körper, seinen Bau und seine Funktion kennenzulernen. Und das geht nicht rein in der Theorie. Meinen eigenen Körper lerne ich nur kennen, wenn ich mich wirklich mit ihm beschäftige. Wenn ich all die erlernten Theorien auch gleich auf den Körper anwende. Einfach mal nachfühlen: da fühle ich diesen Muskel, jene Sehne. Und wenn ich das jetzt anspanne, bewegt sich das so und so. Und durch die Bewegung passiert auch was mit den anderen Muskeln. Was mit welchen?
Sprich, es geht um die Neugierde, den eigenen Körper und seine Funktion zu entdecken. Das kann mit Hilfe der Theorie sein, die man an sich selbst gleich nachvollzieht (und rechne damit, viel davon als Schwachsinn zu entlarven!). Doch das muß nicht nur in der Theorie sein; viel geht auch übers spielen. Wenn ich so springe, und so lande, wo geht dann der Schlag hin, welche Muskeln arbeiten, was passiert da im Körper? Wie kann ichs anders machen, wo geht der Impact dann hin?
Und bitte, vergiß nicht, daß der Körper erheblich mehr ist als die Summe seiner Einzelteile. Letztlich geht es immer wieder darum, den ganzen Körper als solchen zu spüren, seine Zusammenhänge kennenzulernen. Dich wirklich wahrzunehmen; denn Du hast nicht einen Körper, in erster Linie BIST Du ein Körper. So betrachtet ist es eigentlich krass, was wir alles NICHT wissen und mitbekommen, oder?
Sprich: informiere Dich kräftig, bilde Dir Dein eigenes Bild. Setze es um in die Praxis, probiere es aus, ohne zu sehr den Theorien zu verfallen. Spüre Dich, den Körper, der Du bist. Und genieße es, wie Du Dich bewegst - das ist eine gute Grundlage.
Informationen gibt es im Netz und in Büchern reichlich. Daran solls nicht scheitern. Und Körper bist Du immer, kannst also jederzeit ausprobieren, neugierig sein. Ob Du abends, schon umgezogen, Deinen Körper inspizierst, herauszufinden versuchst, was einige Muskeln genau tun. Ob Du beim Training bewußt spürst, wie sich Dein Körper bewegt. Ob Du Bücher über Trainingslehre (selbst die ist in der Szene reichlich unbekannt!), T’ai Chi oder Anatomie liest. Oder einfach mal ausprobierst, wie dieses oder jenes funktioniert, und auch auf Details Deiner Bewegung achtest.
Wir haben nur den einen Körper. Wenn der gut funktionieren soll, muß der auch gut gepflegt werden - und blindes Krafttraining ohne Hintergrundwissen ist dafür definitiv nicht genug.
Ich wünsch Dir eine gute Portion Neugierde. Viel Spaß beim Erforschen!
Lieben Gruß,
Malte
Geschrieben in Allgemein | 1 Kommentar »
27.10.2007 von parkourblog.
.
Freerunning ist in der Parkourszene immer wieder verrufen. Man habe nichts miteinander gemein, so der übliche Tenor. Die Bewegungen seien ähnlich, und das wars. Die Philosophie - falls es denn eine gebe, sei komplett anders. Oder: Parkour minus Philosophie plus akrobatische Einlagen gleich Freerunning. Flips sind kein Parkour, und wenn in einem Video ein Flip auftaucht, ist es damit kein Parkour mehr, sondern Freerunning.
Aber stimmt das alles auch so? In den Diskussionen, so lebhaft sie geführt werden, vermisse ich schon seit langem wirklich fundiertes Wissen über das, was die jeweiligen Disziplinen ausmacht. Und schon lange beobachte ich, daß zunehmend eher unbedeutende Nebensymptome (Flips) zu definitorischen Zwecken herangezogen werden - was eher von einem Mangel an Kenntnis der eigentlichen Inhalte zeugt.
Im Rahmen ausführlicher Recherchen zum Thema Parkour (in der Richtung kommt von mir in nächster Zeit noch mehr) hatte ich in den letzten Wochen die Gelegenheit, in einige der Themen tiefer einzutauchen. Aus den Rechercheergebnissen und meinen Gedanken dazu möchte ich hier einige Dinge zusammenstellen - die einen weniger üblichen Blick auf die Verständnisschwierigkeiten zwischen Freerunnern und Traceuren werfen. Ich weiß, daß die folgenden Zeilen bestehende Bilder angreifen und nicht widerspruchslos bleiben werden. Dennoch ist es mir ein Anliegen, auf eine ganze Reihe von Mißverständnissen hinzuweisen.
Im Folgenden kann ich nicht die ganze Geschichte erzählen; ich verkürze bewußt und beschränke mich auf das, was mir wichtig erscheint.
Fangen wir am Anfang an. In den 1980er Jahren lernte ein kleiner Junge namens David Belle von seinem Vater diverse Dinge, die er dann auf die Verhältnisse der Pariser Vorstädte übertrug. Zunächst war es ein Kinderspiel, und andere Kinder schlossen sich an. Mit den Kindern wurde mit der Zeit auch die Art der Bewegung erwachsen; aus Spiel wurde zunehmend ernsteres Training, Techniken entstanden, Inhalte wurden vertieft. Hieraus entstanden eine Menge Wege; zunächst formierte sich eine Gruppe, die später als die “Yamakasi” bekannt werden sollte. David Belle und ein gewisser Sebastién Foucan, zunächst dabei, trennten sich von dieser Gruppe ab und gingen ihre eigenen Wege, fanden jeweils weitere Menschen, die sich ihnen anschlossen. Inwiefern bei der Trennung persönliche Befindlichkeiten mit im Spiel waren, ist aus heutiger Sicht schwer nachzuvollziehen. Jedenfalls entwickelten alle drei Gruppen ihre Wege recht individuell weiter.
Die wohl bekannteste Trainingsmotivation brachte David Belle selbst mit. Sein Vater hatte im Vietnamkrieg gekämpft und später als Feuerwehrmann gedient, wo er seine Fertigkeiten einsetzte, um Leben zu retten. David, der seinen Vater verehrte und ihm nacheiferte, hatte also eine klare Trainingsmotivation: die Fähigkeit zum Flüchten zu haben und seine Fähigkeiten so zu entwickeln, daß man anderen Menschen damit helfen kann. Parkour ist also rohes Ums-Leben-Rennen - oder seine Skills zum Wohle Anderer einsetzen zu können, gerade auch lebensrettend. Die Bewegungen des Parkour mußten also effizient sein; ohne Effizienz war der Fluchtgedanke abwegig, und auch lebensrettende Maßnahmen in Extremsituationen erfordern effizientes, direktes Handeln.
Sebastién Foucan hingegen bewegte sich ähnlich, hatte aber eine grundsätzlich andere Trainingsmotivation. Ihm ging es weniger um Nützlichkeit für Andere oder den Fluchtgedanken. Foucans Ziel ist es, sich durch die Bewegung auszudrücken und sich persönlich weiterzuentwickeln. Sein Ideal ist es, sich wie Wasser an die Gegebenheiten anzupassen; er sieht die Effizienz in seiner Kunst darin, der jeweiligen Situation angemessen zu handeln. Da ein wesentlicher Fokus im persönlichen Ausdrücken in Form von Bewegung besteht, gehören akrobatische Elemente wie Flips ausdrücklich mit dazu - wenn es eben gerade passend ist. Allerdings - und da täuschen sich viele in der Parkourszene - geht es ihm hierbei nicht um Show: “[I’d like to] show people it’s not show off and money”. Es gehe mehr um den Ausdruck persönlicher Freiheit: “[Freerunning] is a REVOLUTION and something free with no limit!” (Quelle: http://foucan.forumactif.com/bienvenue-welcome-f1/sebastien-foucan-interview-ask-your-questions-t1183.htm - SEHR lesenswertes Foucan-Interview, was so einige Fragen klärt).
Damit hat Freerunning sehr wohl eine “Philosophie”.
Um noch die drei Richtungen zu vervollständigen: die Yamakasi ihrerseits sehen es als Trainingsziel, generell Körper und Geist zu stärken. Die Hintergründe dazu sind in der beeindruckenden Reportage “Yamakasi - Vol au dessus des Cités” (im Internet frei verfügbar) zu sehen.
Und ebenfalls der Vollständigkeit halber: über die genannten hinaus haben sich etliche weitere Richtungen entwickelt, die zumeist von kleineren Gruppen vertreten werden.
Damit noch mal ein Wort zu Flips und anderen akrobatischen Elementen, an denen wir uns so oft zur Unterscheidung der Disziplinen festbeißen: darum ging es nie. Freerunning und Yamakasi beinhalten sie, das ist so weit klar. Aber auch David macht entsprechende Dinge, wenngleich seltener, und schämt sich offenbar nicht dafür. Er sagt deutlich, daß es eigentlich nicht zu Parkour gehört. Dennoch nimmt er selbst offenbar diesen Bereich recht locker. Warum auch nicht? Gelegentlich etwas Ineffizientes zu tun kann sowohl die Freude an der Bewegung fördern - was das Training interessanter und damit wieder effizienter macht - und ist mit Sicherheit auch nicht falsch für die Körperkoordination.
Noch einen drauf: David schließt solche Dinge selbst nicht dogmatisch aus. In einer von ihm häufig zitierten Aussage heißt es: “So if you do acrobatics things on the street with no other goal than showing off, please don’t say it’s parkour.” - solange mal ausnahmsweise bißchen Akrobatik drin ist, es nicht wirklich darum geht und es nicht um Show geht, scheint er demnach nicht wirklich was dagegen zu haben. Nur grenzt er sich eben deutlich und zu Recht von Leuten ab, die auf Show gehen.
Ich glaube wirklich, es sind eigentlich nur wir in der Parkourcommunity, die solche Unterscheidungen so dogmatisch treffen. Warum eigentlich? David selbst betont ja immer wieder die Notwendigkeit des Respekts. Also auch vor Nachbardisziplinen. Warum wählen wir eine Abgrenzung über die Ausdrucksformen, während es eigentlich um handfeste Inhalte geht? Jede der oben genannten Disziplinen hat - na, ich nenns nicht gern eine Philosophie, treffender würd ich in dem Fall sagen: eine Trainingsmotivation. Darum geht es, nicht um das Vorhandensein von Flips oder Show (letztere hat in allen drei Richtungen nichts zu suchen).
A propos: sich durch Bewegung ausdrücken ist nicht gleich Show, himmelweiter Unterschied. Wohl der mißverstandendste Aspekt des Freerunning. Was bedeutet eigentlich sich ausdrücken? Wie geht das? Ich fänds durchaus spannend, das mal näher zu beleuchten. Denn das setzt menschliche Potenziale frei, die bei der reinen Konzentration auf Effizienz verloren zugehen drohen…
Bin gespannt auf Eure Kommentare.
Lieben Gruß,
Malte
Geschrieben in Allgemein | 8 Kommentare »
7.10.2007 von parkourblog.
Folgenden Text schrieb ich am 5. Oktober 2007 im internationalen, englischsprachigen Bereich auf Parkour.net. Ausgangsfrage war, ob Meditation ebenfalls hilfreich für das Parkourtraining sein kann. Da Parkour.net demnächst die meisten seiner Beiträge im Forum komplett löscht, möchte ich den Text hier reinstellen - wäre m. E. schade,wenn er verloren ginge.
Parkour IS a form of meditation!
In my understanding, you do repeat here a mistake about meditation which is very popular.
What is meditation? First of all, it is a state of mind in which you are just calm. There are ideally no thoughts any more, when thoughts pop up, you let them go instead of holding on them, as we often do in everyday life. And you are ideally just in the moment, on a certain way full and empty at the same time. Meditation is this state of calm mind, no more, no less. It is a very powerful state in which nice things are possible.
There are several ways of getting into this state of calmed mind. Some of those ways are mentioned here, and there are much more. One of the easiest: just sit down, relax, and try to find out the most silent sound around you. When you get one, find the next silent one
But whatever, there are hundreds and thousands of ways of getting there. Some are very complicated, some very easy. Some get you very deep into calmness, others not so much (but that depends not on how complicate the way is, but on how deep you give yourself into). Which way you follow is not important, as long as the way works for you.
You can even do meditation in EVERYTHING you do. Once my father gave me a big box of walnuts he had collected unter his tree, and he told me: “there is much meditation inside”. That was when I realized that you can use EVERYTHING you do to get into the moment, into calmness, when you really DO what you do instead of thinking thusands of thoughts parallely. Really: when do we REALLY do anything, being totally inside of what we do, without permanent mental distribution? Means NOT concentration, not fixation on something, but means being empty and open for te moment. I even sometimes meditate while car driving - just being fully present in the moment, really aware on anything along my way without getting into any fixation on thoughts or something around me.
And that is the mistake many people do: meditation is something very practical, which can be done in every moment. You do not have to sit down and cut yourself off the world around you, do not have to meditate away. Yes, the way of taking extra time for meditation can help to get deeper into it, to experience this state, and maybe even to work with it on a spiritual level. But never stop at this! Any meditation exercise is useless when you do not transfer it to everyday life. Every exercise always have to be a bridge to improve your life and your way of acting in reality.
I have seen many people in esoteric contexts who always only meditated in silence and took extra time for it, often in very complicated ways. They often built up new worlds of spirit and lived more and more in these parallel worlds. The effect: they had more and more problems to live their everyday reality. They improved more and more in living in these “spiritual” spaces and paid less and less attention for their physical and everyday reality. What is taht good for?
No, meditation has to be in everything that you do, not only in isolated moments. And you CAN use everything you do as a meditation: just when you let go off thoughts and really dive into the moment, into whatever you do. When you feel yourself, your body, your whole existence (and yes, the physical existence ist at least as real as the spiritual one
) and really do what you do with your full heart.
By the way: meditation is a state you maybe not feel special in. Many people think they have to feel great when they get into meditation - no, that’s not always the case. In Meditation you just don’t care about having to feel special.
…and that is where Parkour enters the game. To me, Parkour is a great, very easy form of meditation. You really have to be aware about what you do in every single moment. When you are not fully present, you may fall on your nose, hurt yourself or even break some of your bones. Normally, when you do Parkour, you are fully present in the moment. That’s already a form of meditation!
Many people I see doing Parkour - including myself - very easy drop into this kind of meditation easily just by doing fully what they do.
And I think Parkour is a very great form of meditation. It not only is an art which makes it easy to dive into, it also involves the body which is an important, but in meditations almost forgotten part of our existence.
Maybe meditation in this understanding is one of the aspects which make Parkour being an Art…
But at this point I have to make one warning: don’t try do find meditation in your Parkour training now! When you are out there, do parkour and think about how to feel meditation in your movements, then you are mentally again not really in what you are doing! Right? So, as in many cases, the sheer act of searching can hinder the finding.
Again: when you search this state actively, you shoot yourself out of the possibility to make it real. When you search those things, you won’t find them.
The only way is: just do what you do with all of your heart! Just do whatever you fell that has to be done, just be aware of yourself and of your surrounding, and really dive into whatever you do. In Parkour this will be easy for you, as you anyway have to be aware and fully present.
So just use Parkour to really BE. That’s it.
Best,
Malte
Geschrieben in Forenbeiträge | 1 Kommentar »
17.8.2007 von parkourblog.
Original gepostet im Forum auf parkour.de, 17. August 2007
Hallo, zusammen,
ich stolpere für mich derzeit in Sachen Training immer wieder über einige Punkte, die mich beschäftigen. Im Moment versuche ich, mein Training entsprechend umzustellen.
Ausgangspunkt meiner Gedanken: Was ist Parkour eigentlich? Parkour ist die Kunst der effizienten Fortbewegung. Zudem hat das was für mich mit Freiheit zu tun - Freiheit der Bewegung, Gehen des eigenen Weges, Umgang mit Hindernissen, auch im Alltag.
Doch trainieren wir das wirklich?
Ist es Fortbewegung, wenn wir immer nur einzelne Sprünge und bestenfalls mal Minikombis trainieren?
Ist es Freiheit, wenn wir lediglich unseren Alltagsroutinen ein Dutzend weitere Bewegungsroutinen hinzufügen und diese bis zum Abwinken trainieren?
Ist es ein Gehen seines eigenen Weges, wenn wir immer nur einzelne Hindernisse mit sorgfältig abgeschätztem Anlauf frontal angehen? Lassen wir uns nicht dadurch auch von den Hindernissen lenken?
Wie geht es eigentlich, diese Dinge auf seinen Alltag zu übertragen?
Lernen wir wirkliche Freiheit der Fortbewegung, wenn wir diese nicht AUCH trainieren? Und wie trainiert man so was eigentlich?
Ist man “gut” in Parkour, weil man eine Dreifünfzigmauer hochkommt oder sonstige krasse Sachen schafft?
Besteht die Effizienz der Fortbewegung ausschließlich in der Maximalleistung der einzelnen Bewegungen?
BTW, ist Schaffen gleich Können?
Ist es Freiheit, Deine Skills immer an den selben Hindernissen zu üben?
Kann Parkour nur an optimalen Trainingsplätzen stattfinden?
Kann man Parkour nur in der isolierten Trainingszeit trainieren? Wie kann man Parkour wirklich in den Alltag einbauen?
Kann man Parkour nur machen, wenn man sich aufgewärmt, sich zum optimalen Trainingsplatz begeben und seine Freunde um sich geschart hat? (Um Mißverständnissen vorzubeugen: wenn man wirklich im oberen Leistungsbereich trainiert, ist Aufwärmen unverzichtbar, klar).
Ist es wirklicher Bewegungsfluß, wenn man, um über ein kleines Hindernis zu springen, seinen gemütlichen Trott aufgibt, fixiert in Spannung geht, drauflosrennt und drübersetzt?
Bei einem Run - ist es Bewegungsfluß, jeweils das nächste Hindernis zu fixieren, nach selbigem fast stehenzubleiben und dann das nächste zu fixieren?
Kann man es sich auf der Flucht leisten, sich nur auf ein Hindernis zu konzentrieren und alles andere auszublenden?
Überhaupt, woher kommt Parkour eigentlich? Was soll das alles? Wofür trainiere ich das heute?
…und warum schreibe ich das hier alles eigentlich? Mit Sicherheit erwarte ich hier keine Antworten.
Ergänzungen folgen ggfs später.
Lieben Gruß,
Malte
Geschrieben in Forenbeiträge | 5 Kommentare »
2.8.2007 von parkourblog.
Ich bin wieder da.
Zehn Tage lang war ich jetzt draußen in der Wildnis, in den französischen Pyrenäen, alleine mit mir selbst (bzw zu dritt, wie der Brite sagt: “Me, myself and I”), um meine Wildnisfertigkeiten zu testen und zu erweitern.
Dabei ist mir u. a. aufgegangen, wie viel für mich tatsächlich das (Über-) Leben in der Wildnis und Parkour gemeinsam haben. Inhaltlich läßt sich sicherlich eine Brücke bauen über das Überwinden von Hindernissen, die sich in der Wildnis meinem Überleben in den Weg stellen mögen. Aber es ist noch so viel mehr, vieles, was nicht in Worte zu fassen ist. Der Spirit ist einfach verdammt ähnlich, das Gefühl, welches für mich hinter beidem steht. Nicht umsonst gehört beides für mich ganz klar zu meinem ganz eigenen Weg.
Das sehe nicht nur ich so. Immer wieder, wenn ich unter Parkourbegeisterten von meinem Job als Wildnistrainer erzähle, melden sich Leute mit Interesse, so was auch mal zu machen.
Es wird Zeit für mich, Wildnis und Parkour mehr miteinander zu verknüpfen. Und deswegen biete ich Euch ein Experiment an, welches ich schon lang im Kopf habe und welches nun langsam Form annehmen soll:
Ein Wildnistraining für Leute aus der Parkourszene.
Ich möchte gern mein Wissen weitergeben an Leute, die wirklich interessiert sind. Und davon gibts unter Nachwuchstraceuren eine ganze Menge.
Folgende Idee daher: Euch ein Wildnistraining anzubieten, in welchem ich die wichtigsten Fertigkeiten zeige und vermittle, die zum (Über-) Leben in der Natur nötig sind. Dazu gehören der Bau einer Überlebenshütte (warm und trocken ohne Schlafsack und Zelt), das Feuermachen mit Holzreibung, Bogenschießen, Werkzeughandhabung, einige handwerkliche Fertigkeiten, Schleichen / Tarnen, Bewegung in der Nacht, Wahrnehmung, evtl Scoutfertigkeiten, Pflanzenwissen, Spurenlesen und einiges mehr - auch spontan variabel, je nachdem, was Euch genau interessiert.
Von der Dauer her wäre wohl ein Wochenende am sinnvollsten; voraussichtlich Ende August oder September 2007; Raum Köln/Bonn/Eifel. Hängt vor allem von dem Platz ab, den ich finde, und von meinem sonstigen Terminkalender.
Wer wirklich interessiert ist, ist mir herzlich willkommen.
Ach ja, Kosten: ich müßte schon die Kosten wieder reinkriegen und würde die dann unter den Teilnehmenden aufteilen. Das werden vor allem Platzmiete sein, wenn eine anfällt, Essenskosten und ein wenig Material- und Organisationskosten, aber im überschaubaren Rahmen. Darüber hinaus - ich werd Materialabnutzung haben und hab als Freiberufler laufende Kosten - freue ich mich natürlich über einen freiwilligen Beitrag. Das, was Ihr geben mögt, einfach.
Wenn jemand selbst die Organisationskosten nicht aufbringen kann, aber trotzdem sehr gern dabei sein möchte - sprecht mich an, wir finden eine Lösung. Am Geld solls nicht scheitern.
Je nach Interesse kann ich das auch gern noch mal wiederholen. Ich werde bei den Interessierten diejenigen vorziehen, die ich schon was länger kenne und die schon länger ihr Interesse signalisiert haben. Aber grundsätzlich steht das Training allen aus der Parkourszene offen - ich hab mir aus der Community dermaßen viel für mich mitgenommen, jetzt möchte ich auch mal zurückgeben
Wenn Leute aus anderen Gegenden Interesse haben, nur zu - ich komme auch gern zu Euch raus. Voraussetzungen: zwischen 6 und 12 Leuten, die klar zur Parkourcommunity zu rechnen sind. Ein gemeinsames freies Wochenende ;-), Kostenerstattung incl. Anreise (Zugfahrkarte oder 25 ct/km Auto, die als Kosten durchaus realistisch sind) und freiwilliger Beitrag. Und dann brauch ich natürlich den geeigneten Platz dafür: ein Waldstück, wo auch Laubwald bei sein sollte, nicht zu verwachsen, welches wir nutzen dürfen, wo wir uns drin bewegen und Hütten bauen dürfen und wo wir Feuerholz und Material für einige handwerkliche Dinge rausholen dürfen (Absprache mit Förster bzw Waldbesitzer zwingend nötig, mit Jagdpächter sinnvoll); in der Nähe einen Platz, wo wir zelten und in gewissem Rahmen auch Feuer machen dürfen. Und das alles natürlich so, daß man nicht ständig durch andere Leute gestört wird. Sprecht mich einfach an, wir klären dann die Details.
Wer Interesse hat, kann sich gern ab sofort melden. Ich freu mich, von Euch zu hören!
Lieben Gruß,
Malte
Geschrieben in Allgemein | 7 Kommentare »
14.7.2007 von parkourblog.
Folgenden Beitrag verfaßte ich am 14. Juli 2007 auf Parkour.de. Vorher hatte ich in Bezug auf Feiyue-Schuhe einiges in der Richtung angedeutet. Hier antworte ich auf eine Nachfrage dazu.
————————————————
Das Thema ist ein sehr großes. Ich hab mich mal eine Zeit lang damit beschäftigt, wie Naturvölker liefen und wie wir das tun. Unser Laufstil ist erheblich degeneriert. Ich deute mal paar Sachen zärtlich an 
Wir laufen nicht mehr in unebenem Gelände, sondern auf geebneten Straßen ohne Hindernisse. Deswegen haben wir nicht mehr die Notwendigkeit, die Füße zu heben - die unseren verlassen oft nur wenige Zentimeter den Boden. Und wir brauchen nicht mehr vorsichtig aufzutreten - es gibt kaum was, worüber wir stolpern könnten.
Geh mal bewußt ein paar Schritte auf Straße mit normalen Schuhen. Wahrscheinlich wirst Du feststellen, daß Du bei jedem Schritt mit der Ferse aufkommst. (Der Künstler Hugo Kükelhaus schrieb mal sinngemäß: Laufen ist ein ständiges Abfangen des Falls). Und achte mal drauf: Bumm. Bumm. Jeder Schritt, jedes Aufkommen mit der Ferse ist ein Schlag in die Gelenke, in die Wirbelsäule! Jedem, der gewohnt ist, so zu laufen (rund 95% unserer Bevölkerung) kann ich nur empfehlen, Schuhe mit ordentlicher Fersendämpfung zu tragen. Alles andere geht entsprechend mehr auf den Körper - was der Hauptgrund ist, warum ich Feiyues nur eingeschränkt empfehlen kann.
Einer meiner Lehrer hat sich mal neben einem mittelmäßig genutzten Waldweg eingraben lassen. Immer, wenn sich jemand näherte, konnte er das auf weite Entfernung hören - weil jeder Schlag mit der Ferse bei jedem einzelnen Schritt im Boden deutlich zu hören war. Bumm. Bumm. Bumm…
Dazu kommt, daß wir durch unsere modernen Fußbetten nicht mehr selbst den Fuß halten müssen. Ohne Fußbettgewöhnung würde der Außenspann des Fußes einen Bogen bilden, der den Fuß trägt. Heute treten die meisten Leute, wenn sie denn mal barfuß laufen, mit der ganzen Fußsohle auf, weil die Körperspannung an den entsprechenden Stellen fehlt.
Ach ja, und schau mal, über welchen Zeh Du abrollst. Bei einem normalen Schuh wird das eher die äußere Zehenreihe sein. Wenn jemand mit etwas Übung barfuß läuft, rollt er in der Regel über den dicken Zeh ab, viel gerader als in modernen Schuhen. In den Feiyues ebenso.
Dieses Thema ist mit vielen anderen verknüpft. Durch die gepolsterte Ferse in den meisten Schuhen ist diese in der Regel auch ein wenig höher gelagert, was Auswirkungen auf die komplette Haltung hat.
Und letztlich ist das auch nur ein kleiner Teil vom Ganzen. Forscher im vorletzten Jahrhundert wunderten sich, warum die Indianer oft so kräftige Leute waren, obwohl sie kaum trainierten. Das lag demnach viel an der Körperhaltung, die die pflegten - den ganzen Körper gleichmäßig angespannt, aufrechte Wirbelsäule. Gegenüber unserer Art zu stehen etwas mehr in die Knie (Gelenke durchstrecken halte ich eh nichts von), Hüfte etwas nach vorn geschoben, und den Oberkörper aufgerichtet, als würde die Brust an einem Faden nach Vorne oben gezogen. Zunächst sehr ungewohnte Haltung, aber wohltuend. Interessanterweise ist das auch der Stand, der im T’ai Chi und benachbarten Disziplinen eingeübt wird.
Letztlich ist so ein Grundzustand, der irgendwo in der Mitte zwischen An- und Entspannung liegt, viel erholsamer als Abschlaffen. Ja, die meisten von uns (was sich durch Parkour übrigens ändern kann) haben zu viel Spannung in den Schultern und zu wenig im restlichen Körper.
Zum halbwegs gesunden Laufen kenne ich folgende Varianten, die sich alle dadurch auszeichnen, daß die Ferse eben nicht aufhaut:
- ordentliches Abrollen des ganzen Fußes. Dabei kommt zwar durchaus die Ferse zuerst auf dem Boden auf, überträgt die Energie des Laufens aber nicht auf den Boden. Gutes Joggingtraining beinhaltet auch sauberes Abrollen des Fußes. Mit etwas Achtsamkeit kann da aber jeder hinkommen.
- die Art, wie die Naturvölker liefen, übt man am besten ganz langsam zunächst, bevor das schneller werden kann: dabei setzt man den Fuß mit der Außenkante zuerst auf, also erst mal nicht mit der Ferse. Dabei kann man soar noch tasten, ob da Hindernisse sind - ein zum Schleichen sehr guter Schritt. Erst wenn der Fuß auf dem Boden gut steht, verlagert man das Gewicht darauf. Das Bein wird bei jedem Schritt vor den Körper gehalten, nicht darunter. Man schiebt dabei kontrolliert den Körper vorwärts, statt ihn fallen zu lassen und abzufangen. Und das Ganze möglichst in der o. g. Haltung. Wenns wirklich stimmt, dann bewegt sich beim Laufen der Körper nicht auf und ab, wie bei unserem “normalen” Laufen, sondern wenn jemand Dich hinter einer flachen Mauer vorbeigehen sehen würde, sähe er Deinen Oberkörper praktisch immer auf einer Höhe dahingleiten. Und das ist, als würde man bei jedem Schritt den Boden streicheln, eine ganz sanfte Bewegung.
Eine Bekannte von mir kam mal zu einem alten Indianer. Sie wollte von ihm etwas über Heilpflanzen lernen. Er sah sie irritiert an und meinte: “Bevor Du die alten Lehren lernst, lerne erst einmal, über die Erde zu gehen”. - genau diese Dinge dürfte er gemeint haben.
- Wenn dieser Schritt etwas schneller werden soll, berührt irgendwann die Ferse den Boden gar nicht mehr, dann rollt man nur noch auf dem Ballen von außen nach innen ab.
Das Thema ist ein verdammt großes und hat viel mit unserer Entfernung von einem natürlichen, lebensbetonten Lebensstil zu tun. Ich übernehme keine Haftung für Eure Versuche zum Thema! Ich habe hier nur einen kleinen Teil des Gesamten darstellen können, und vieles mag mißverständlich sein. Wer keinen erfahrenen Lehrer in der Richtung hat und damit experimentieren möchte, nur zu - aber achtet sehr genau auf die Signale Eures Körpers und richtet Euch danach! Alles andere wäre Verantwortungslos.
Ich freue mich über Kommentare aller Art und beantworte gern konkrete Fragen. Allerdings bin ich ab Mittwoch im Urlaub.
Lieben Gruß,
Malte
Geschrieben in Forenbeiträge | 1 Kommentar »
12.7.2007 von parkourblog.
Hallo zusammen,
an dieser Stelle möchte ich einige der häufigsten Lügen aufzeigen, die ich in der deutschsprachigen Parkour-Community immer wieder und seit einiger Zeit beobachte.
Wenn ich hier von Lügen spreche, meine ich keine bewußten, absichtlich begangenen Täuschungen. Nein, die meisten dieser Dinge geschehen unbewußt. Letztlich sind es Dinge, mit denen sich einzelne Menschen selbst belügen. Oder wenn man so will - Situationen, wo Leute anders handeln, als sie selbst als Anspruch formulieren. Wo Ideale und konkretes Tun auseinandergehen.
Besonders anfällig für solche Dinge ist natürlich alles, was mit der Philosophie des Parkour zu tun hat.
Nun denn, ansprechen möchte ich:
1. Respekt
Das Thema Respekt ist wohl das, gegen welches ständig erheblich verstoßen wird. Offiziell ist Respekt Teil der Philosophie von Parkour: Respekt vor Umgebung und Hindernis. Respekt vor dem eigenen Körper. Respekt gegenüber seinen Mitmenschen.
Daß dieser Anspruch existiert, ist gut und wichtig. Parkour bedeutet ein Stück weit, seine eigene Freiheit wiederzufinden. Freiheit bedeutet aber - so verrückt das klingen mag - immer auch Verantwortung. Dnn wir sind nicht alleine auf dieser Welt. Wird einer plötzlich freier als Andere, setzt sich bewußt über Grenzen hinweg, so kann das u. U. Auswirkungen auf andere Menschen haben. Und ja - jeder Mensch ist für seine Handlungen voll verantwortlich.
Daher finde ich Respekt im Parkour absolut wichtig.
Und das nicht nur vom Standpunkt der Verantwortung aus. Auch für den Ausübenden selbst - Respekt ist eine wichtige Brücke hin zu anderen Menschen. Nur wen ich respektiere, mit dem kann ich auf Augenhöhe umgehen, mit dem kann ich wirklichen Kontakt aufbauen. Menschlichkeit geht letztlich nicht ohne Respekt.
Doch die Realität im Parkour sieht anders aus. Um das zu belegen genügt ein Blick in ein beliebiges Parkourforum im deutschsprachigen Raum. Da wird nicht nur gespamt, da wird immer und immer wieder gegen andere Leute persönlich geschossen. Und das nicht nur von Anfängern, die die Philosophie nicht verinnerlicht hätten - sondern gerade auch und massiv immer wieder von Leuten, die bereits wasweißich wie lange im Training sind. Und das nicht in Einzelfällen, sondern im großen Stil.
Traurig, das so zu sehen.
Und, wenn ich noch eins draufsetzen darf: schaut Euch mal die “Big Players” der Szene an. Daniel, der das Forum hostet und den Markenschutz besitzt. Der hoch Medienpräsente Österreicher Andi. Sandra, die offiziell Parkour nach David Belle vertritt. Von denen kann keiner keinen leiden, soweit ich weiß, und da hat es in vielen Fällen verbale Auseinandersetzungen in der Öffentlichkeit bis hin zu Rechtsstreitigkeiten gegeben. Und viele andere hängen mit drin, viel zu leicht läßt sich die Szene polarisieren.
Warum eigentlich?
Wenn Respekt als Umgangsform postuliert wird, aber dennoch auch unter weit Fortgeschrittenen immer und immer wieder Reibereien auftreten, dann KANN da etwas nicht stimmen. Dann fehlt da etwas im Training, was eben zu dieser Form des Respektes führt - oder der Anspruch an sich ist falsch.
Ich bin ohnehin der Ansicht - jegliches Training mit dem menschlichen Potenzial ist vergeudet, wenn das Herz nicht mitwächst.
Parkour ist auch ein persönlicher Reifungsprozeß. Wer auch nach Jahren Training es immer noch nötig hat, einzelgängerisch aufzutreten, andere anzublaffen und unnötig persönlich zu werden, Fronten zu bilden etc., der hat aus meiner Sicht einige ganz wichtige Teile nicht verstanden. Punkt.
2. freie Bewegung
Parkour ist die Kunst der effizienten Fortbewegung. Parkour ist verdammt noch mal nicht die Kunst, sich mit sorgfältig abgemessenem Anlauf hoch konzentriert vor ein krass hohes Hindernis zu stellen, dieses möglichst spektakulär zu überwinden und danach wieder stehenzubleiben.
Es geht im Parkour darum, mit der Umgebung zu spielen. Sich der Umgebung anzupassen, sich frei durch den Raum zu bewegen und dabei etwaige Hindernisse kreativ zu überwinden.
Wenn Du einen fragst, der Parkour trainiert, dann wird er Dir wahrscheinlich so was ähnliches sagen. Warum aber halten sich die meisten nicht dran? Warum trainieren die meisten wirklich nur einzelne Hindernisse? Bei wem gehört Laufen mit zum Training - worum es im Parkour eigentlich geht? Wer trainiert wirklich Anwendung, Kombinationen, Läufe? Wer baut Parkour ganz selbstverständlich in seine Bewegungsabläufe mit ein, wer “lebt” wirklich Parkour?
Die allermeisten trainieren nur einzelne Bewegungen. Nein, nichts gegen Techniktraining, ist eine nette Grundlage. Aber: wer lernen will, sich frei zu bewegen, sollte genau das AUCH trainieren!
Hab ich die Szene schon beschrieben? Ich ging mal mit einem Trainingspartner durch ein Waldstück, als ein Wildgatter uns den Weg versperrte, vielleicht knapp brusthoch. Drüber durften wir, da ging der Weg weiter. P. spannte seinen Körper an, fixierte das Hindernis, schätzte den Anlauf mit einem Blick ab, sprintete los und flog über das Geländer. Ich hingegen schmunzelte innerlich, ging einfach in meinem normalen Gang weiter und sprang eben am Geländer angekommen ebenfalls über jenes.
P.: *klick* Parkour an, hüpfen, *klick* Parkour aus. Malte: einfach den Sprung eingebaut in den Trott, in dem ich eh gerade war, eben meinen Weg gegangen. Was ist mehr Parkour?
Ganz im Ernst, wie geht eigentlich freie Bewegung? Wie kommt man da hin? Jedenfalls mit Sicherheit nicht, indem man nur einzelne Sprünge trainiert.
3. Parkour ist ungefährlich
Es wird immer wieder Wert drauf gelegt - Parkour ist nicht gefährlich. ODer, wie Andi mal so schön sagte: nur so gefährlich, wie Du es Dir machst. Solange jeder in seinem Rahmen bleibt und nur das macht, was er sicher schafft, ohne Schaden zu nehmen (was nicht nur heißt: kein Krankenheus, sondern auch: ich kann mich in 20 Jahren noch gut bewegen), ist ja alles gut und ungefährlich.
Und offiziell halten sich natürlich alle brav dran.
Aber stimmt das auch? SEHR viele erfahrene Traceure haben sich bereits größere Schäden und Brüche zugezogen. SEHR viele, die auch nur ein paar Monate trainieren, haben Knieprobleme. Macht mal die AUgen auf; hört Euch auf der Straße bei Euren Trainingspartnern um, schaut, was die “Großen” zu berichten haben. Ich kenne genügend Geschichten von Operationen etc.
Schaut hin. Wie viele Leute gibt es, die mehr als ein Jahr trainieren und von keinerlei Schäden zu berichten haben?
Warum ist das so? Das muß durchaus nicht so sein. Es ist kein Automatismus, daß man sich bei Parkour selbst kaputt machen will. Doch ist einiges noch ziemlich heftig drin in den Köpfen. Jugendlicher Übermut, über die eigenen Grenzen zu gehen. Ein bißchen Show noch immer. Ein bißchen sich selbst was beweisen, toll und krass sein zu wollen.
Die Folgen sind da. Kraß find ich, daß viele das so nicht wahrnehmen. Auch Selbstwahrnehmung muß man erst lernen. Wenn die Knie bereits schmerzen, ist höchste Alarmstufe, so weit sollte es gar nicht erst kommen dürfen. Tut es aber leider…
Ehrlich Leute - paßt auf Euch auf.
Anekdote dazu: einst fragte mich in Köln ein Freerunner (einer von der Sorte, der ständig über seine Grenzen geht, anderen Leute blöde Sprüche drückt etc.), ob ich einen seiner Lieblingssprünge nachmachen könne. Das war eine Katze von einem Klettergerüst runter, vom Gerüst über eine Stange in Beckenhöhe und dann zwei Meter abwärts in Sand. Meine Antwort war: “klar schaff ich das, ist ja nicht weiter schwer. Aber warum zum Teufel sollte ich so einen Mist tun?”
—————————————————
Vielleicht ergänze ich mit der Zeit noch weitere Punkte hier, dieser Artikel ist mit Sicherheit noch nicht vollständig. Ein paar Punkte habe ich bewußt rausgelassen, und auch ich habe mit Sicherheit noch blinde Flecken, wo ich selbst Dinge nicht wahrnehme. Für entsprechende Hinweise bin ich dankbar - denn eben diese blinden Flecke aufzulösen ist mir wichtig.
Lieben Gruß,
Malte
Geschrieben in Allgemein | 5 Kommentare »
8.6.2007 von parkourblog.
Den folgenden Beitrag schrieb ich am 8. Juni 2007 in Parkour.de. Vorangegangen war die Frage, wie man denn den mentalen Anteil von Parkour gezielt trainieren könne.
Das Original ist hier zu finden (Anmeldung erforderlich): http://www.parkour.de/forum/thread.php?postid=78929#post78929
—————————————————
Hey Jonas,
geile Frage.
Richtig, in meinem Blog habe ich nur einen kleinen Teil dessen angerissen, was - zumindest für mich - den mentalen Teil ausmacht.
Schwer, da was wirklich gezielt zu trainieren. Wenn man gar nicht genau weiß, wo die Reise hingehen soll, wie sollte man da gezielt trainieren können? Schwer, wenn man nicht einen bereits weit fortgeschrittenen Lehrer hat.
Ganz wesentlich aber kommt man an den mentalen Anteil dran, wenn man wirklich ernsthaft trainiert. Mit reinem Nachdenken kommt man nicht sonderlich weiter - da kommt man nur zu theoretischen Ergebnissen und nicht zu wirklich praktischen Ideen.
Wenngleich es natürlich auch wichtig ist, das, was man tut, zu reflektieren. Aber eben nicht nur.
Einige Eckpunkte, die nötig sind, damit das Training auch was bringt in der Richtung:
- Effizienz ist schon eine gute Leitlinie. Nicht jede Bewegung muß effizient sein, aber dennoch sollte das ein wesentliches Trainingsziel sein. Und damit läßt sich spielen: was ist jetzt wirklich effizient? Ist es effizient, immer nur einzelne Bewegungen separiert auf Maximum zu trainieren? Ist ein Katzensprung über eine Tischtennisplatte effizient oder könnte ich auch was anderes machen oder drumrumlaufen? Was wäre effizient, wenn ich jetzt die Hände nicht benutzen könnte? Wie würde Effizienz aussehen, wenn hier nicht eine kleine Stufe, sondern ein großer Abgrund wäre? Oder wenn ich Kleidung trage, die ich nicht schmutzig machen darf, weil ich gerade auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch bin?
- Parkour bedeutet, seinen eigenen Weg zu wählen und ihn effizient zu gehen. Das ist nicht nur ein körperlicher Prozeß, sondern läßt sich auch auf Schwierigkeiten (=Hindernisse) im Alltag anwenden. Schau mal, wo Du in Deinem Alltag lernen kannst, selbständig auf Deine Art Deinen selbst gewählten (Lebens-)Weg zu gehen.
- Lerne, auf Deinen Körper und seine Signale zu hören. Und auf Deine Intuition. Dafür ist Parkour recht klasse. Schmerzen meine Gelenke? Dann mach ich etwas falsch. Autsch, das hat reingehauen, so was sollte ich noch lassen. Und hey, das hat sich jetzt voll flüssig angefühlt. Und den Sprung da spür ich, also mach ich ihn. Wenn ich ihn nicht fühle, laß ichs lieber. Und so weiter…
- Parkour bedeutet wesentlich mehr Freiheit. Freiheit bedeutet aber auch Verantwortung. Kann ich voll zu dem stehen, was ich tue? Würde ich das auch tun, wenn der Grundstücksbesitzer oder ein Polizist danebenstehen würde? Damit lernst Du, was okay ist und was nicht, lernst gleichzeitig, zu Dir selbst zu stehen - oder die Dinge eben zu lassen, wenn Du das nicht kannst. Aber übernimm die Verantwortung! Für Dich und für das, was Du tust.
- Entsprechend, lern auch, die Dinge um ihrer Selbst Willen zu tun und nicht, um damit anzugeben (wenn das der Fall ist). Hättest Du den Sprung jetzt auch gemacht, wenn keine Zuschauer da gewesen wären?
Im Idealfal ist es Dir dann irgendwann egal, ob Zuschauer da sind oder nicht. Leute stacheln Dich nicht zu irgend etwas an, was eigentlich zu viel ist, und da Du zu etwas stehen kannst, was Du tust, ist es aber auch völlig egal, wenn Du mitten in einer Menschenmenge trainierst.
- Entdecke, wofür Du trainierst. Da mußt Du nicht sofort eine Antwort drauf haben. Aber beobachte das mal. Trainierst Du, um stark zu werden? Um nützlich zu werden, anderen helfen zu können? Um zum Muskelprotz zu werden und Dein Sixpack vorzeigen zu können, bei Partys alle möglichen “Tricks” zu reißen? Oder gar, um Dich als Mensch weiterzuentwickeln? Trainierst Du, um möglichst schnell möglichst krasse Sachen zu können? Oder geht es Dir mehr um Beweglichkeit, die Du auch in vierzig Jahren noch hast?
Deine eigene Antwort darauf wird sich immer mal wieder verändern, und das ist gut und richtig so. Aber beobachte ruhig Deine Motivation und passe Dein Training drauf an, statt nur das zu trainieren, was die Anderen auch trainieren. Auch das ist ein Stück Gehen des eigenen Weges.
- lerne volle Präsenz und Aufmerksamkeit, in jedem Moment Deines Handelns. Das hilft enorm für die Klarheit auch in Deinem Alltag.
…das ist das, was mir gerader so spontan einfällt. Kannst ja mal schauen, was davon Dich anspricht.
Letztlich geht es immer darum, nicht nur in Trainings Parkour zu trainieren, sondern Parkour, das effiziente Gehen Deines ganz persönlichen, eigenen Weges zu einem Teil von Dir selbst werden zu lassen. DU BIST PARKOUR.
Lieben Gruß,
Malte
Geschrieben in Forenbeiträge | 2 Kommentare »
6.6.2007 von parkourblog.
Zu dem Beitrag “Kraft und Technik” habe ich einige Antworten bekommen. Eine davon bekam ich per Foren-PN; meine Rückantwort fiel etwas länger aus, und sie könnte noch für andere Menschen interessant sein. Ich veröffentliche sie daher hier.
Es macht Sinn, vorher den Beitrag “Kraft und Technik” gelesen zu haben. Bin ja mal richtig gespannt auf weitere Erfahrungsberichte und Ideen…
Lieben Gruß,
Malte
————————————————————
Hey ***,
erst mal ganz lieben Dank für Deine PN! Mich freut, daß es da draußen in der großen weiten Welt Leute gibt, die ein wenig ähnlich denken - und mit denen ein Austausch spannend sein kann. Denn letztlich - so oft meinen Leute, die Weisheit gefunden zu haben. Dabei hat jeder immer nur ein ganz kleines Stückchen von der Wahrheit, soweit es überhaupt eine gibt. Es gibt eigentlich kaum was Spannenderes, als aufzumachen und zu vergleichen. Was hast Du über die Welt herausgefunden? Was ich?
Was die unterschieldichen Definitionen von Parkour etc. angeht: Geh einfach raus und bewege Dich so, wie es Dir in den Sinn kommt. Ich trainiere noch nicht mal wirklich - was ich tue, tu ich immer, weil es mir gerade Frude bereitet. Der Trainingseffekt kommt dabei von selbst. Na okay, ab und zu trainiere ich auch mal einzelne BEwegungsabläufe - aber das soll nicht der Hauptteil sein.
Letztlich ist die Frage eine gute, in welche Richtung solls gehen? Ist eher der mentale Part wichtig - zu einem spielerischen Menschen zu werden, offen für seine Umgebung, der viel wahrnimmt, und einfach Freude am Leben hat? Dann brauchst Du kein Krafttraining, dann geh wirklich einfach raus und spiel, geh bewußt los und nutze die sich bietenden Gelegenheiten, um Spaß zu haben. Ein Schritt mehr auf dem Weg zu einem unkomplizierten, offenen, fröhlichen, freien Menschen - was in unserer heutigen Zeit so wertvoll ist.
Oder geht es darum, wirklich fliehen zu können? Dann ist vielleicht der Bewegungsfluß und die Effizienz besonders wichtig, dann kann man auf Schnelligkeit der Bewegungen trainieren.
Oder willst Du wirklich nützlich werden (soweit Du das nicht durch die Fröhlichkeit und innere Freiheit eh schon bist)? Dann wäre es eine gute Idee, alle möglichen Situationen mal durchzuspielen. Und natürlich auch die Reflexe zu üben, damit Du lernst, im richtigen Moment das Richtige zu tun.
Oder was auch immer man gern lernen möchte - Möglichkeiten und deren Kombinationen gibt es nahezu unendlich.
Letztlich wirst Du für Dich selbst entscheiden müssen, wo es Dich mit Deinem Training hinzieht. Und damit gehst Du Deinen eigenen Weg - was wiederum auch sehr viel mit Parkour zu tun hat… Und wahrscheinlich wird Dein Weg nicht nur einer der genannten sein, sondern verschiedenste Anteile von unterschiedlichen Zielen beinhalten. Ja: wenn man nur einen Weg geht, kommt man nicht wirklich voran, entwickelt man sich als Gesamtperson nicht wirklich weiter. Wenn Du immer nur an Deinen Techniken übst und diese auf Weite und Höhe optimierst, lernst Du nicht unbedingt diese Freiheit und Freude, die wirkliche Freiheit der Bewegung mit sich bringen kann. Wenn Du dagegen ausschließlich Dich frei über Hindernisse bewegst, wirst Du auf gewisse Höhen limitiert bleiben. Weiterentwicklung kann also eigentlich nur auf mehreren Wegen gleichzeitig erfolgen, wenn Du mich fragst…
Wobei: wenn ich meine Richtung einfach spüre und das umsetze, kann ich mir viel Nachdenkarbeit über Zieldefinitionen ganz einfach sparen. Und dafür einfach rausgehen und machen. Dein Körper wird Dir schon sagen, was für ihn gerade ansteht - wenn Du drauf hörst und nicht nur intellektuell über Ziele nachdenkst.
Sich bewegen ist mehr als nur den Arm zu heben, ja. Was ist Bewegung? Das ist eine verdammt gute Frage.
…ich halte sehr viel davon, seine “üblichen Trainingsplätze” mal zu verlassen. Rumzufahren, unterschiedliche Leute an unterschiedlichen Orten kennenzulernen. Wo ich auch hinkomme, ich suche mir jeweils Läufer in der Umgebung, und das macht richtig Spaß. Gerade davon lernt man enorm viel. Wenn Du Dir jetzt den Wald als Trainingsort mit dazunimmst: spannendes Erfahrungsfeld! Keine rechten Winkel, sehr unterschiedliche Untergründe etc. …
Die Sache mit dem T’ai Chi: schwer, da was Allgemeines drüber zu sagen. Was ich lerne, ist auch nicht wirklich T’ai Chi, sondern eine freie Richtung, die sich daran anlehnt. In Richtung T’ai Chi gibt es einige richtig gute Ansätze und viel Schrott, was auf dem Markt rumflitzt. Ich hatte das Glück, an einen verdammt guten Lehrer zu geraten. Schwer, das hier per Internet zu vertiefen.
Die Sache mit der Aufmerksamkeit: genau, die Kampfsportler kennen das auch. Hast Du mal einem der großen Altmeister in die Augen geblickt? Deren Augen sind ganz weich, sanft, und bekommen unglaublich viel mit. Und wenn dann der Zeitpunkt gekommen ist, handeln die mit einer unglaublichen Eleganz und inneren Ruhe, bei der sie diese Art von Offenheit und Aufmerksamkeit beibehalten. Das geht dann irgendwann über rein physische Fähigkeiten hinaus - ich habe einen dieser Meister gesehen, wie er überraschend von hinten angegriffen wurde und, ohne den Angriff gesehen zu haben, adäquat reagierte…
Auch diese Meister haben gleichzeitig die konkrete Situation als auch das gesamte Umfeld im Blick. Und meiner Meinung nach braucht es diese Offenheit auch für einen guten Parkour.
Mach mal Folgendes, wenn Du diesen Absatz zu Ende gelesen hast: schau mal geradeaus und strecke die Arme vor Dich, je einen Finger (bzw den Daumen) nach vorne gestreckt. bewege diesen nach oben gestreckten Finger. Und dann bewege die Arme nach außen, den linken nach links und den rechten nach rechts. schau aber weiter geradeaus dabei. Irgendwann hast Du die Hände mit den sich bewegenden Fingern in den beiden Augenwinkeln. Schau mal, wie weit Du noch die Bewegung der Finger sehen kannst, ohne den Blick nach vorne zu verlieren. Bei den meisten Menschen ergibt sich ein Winkel von 170 Grad! Das heißt, wir können nicht nur geradeaus schauen, sondern können in einem riesigen Gesichtskreis Bewegungen erkennen!
Dasselbe kannst Du nach oben und nach unten machen. Dann kennst Du die wirkliche Größe Deines Gesichtsfgeldes.
Und jetzt versuche mal bewußt, Dein ganzes Gesichtsfeld gleichzeitig wahrzunehmen. Natürlich siehst Du nicht alles gleichmäßig scharf. Aber das macht nichts - es reicht, wenn Du in diesem Gesichtsfeld Bewegungen sehen kannst. Und ja, in diesem Bereich wird Dir jede einzelne Bewegung auffallen. Versuche, ohne die Augen zu bewegen, dieses ganze Feld von 170 Grads gleichzeitig wahrzunehmen. (Wenn Du eine Brille trägst, kann es Dir leichter fallen, sie vorher auszuziehen - Brillen sind auf Fokus geschliffen).
Stell Dir vor, Du bist ein Jäger der Steinzeit. Du pirschst durch den Wald. Du mußt die Tiere sehen, bevor sie Dich sehen. Sowohl die Tiere, die Du jagen willst, als auch Deine Feinde, Löwe, Tiger und Bär. Kannst Du Dir vorstellen, wie hilfreich das ist, in so einem breiten Feld jede Bewegung sehen zu können? Wenn Du was siehst, kannst Du ja wieder fokussieren und genau hinschauen. Aber Für die Wahrnehmung ist es super, gleichzeitig das gesamte Feld wahrzunehmen.
Im Wildnistraining nennen wir diesen Zustand “Eulenblick”. Diese Art zu schauen ist erst mal ungewohnt, aber sie ist unglaublich sanft und entspannend für die Augen. Und man ist automatisch aufmerksamer, bekommt viel mehr mit. Probier das mal im Wald, wirst staunen, was Du mitbekommst.
Gleichzeitig wirst Du einiges über Dich selbst erfahren - vor allem, wie leicht es ist, aus diesem Zustand wieder rauszufallen. Vor allem dann, wenn sich Gedanken in den Kopf einschleichen. Grübeln hat mit Offenheit für die Umgebung nichts zu tun…
Nächster Schritt: dasselbe mit dem Hören. versuch mal, um Dich herum alles zu hören, was da ist (besonders spannend wieder im Wald). Welche Geräusche sind vor Dir, welche hinter Dir, welche links, welche rechts, welche vielleicht oben? Kannst Du all diese Geräusche gleichzeitig um Dich herum hören, also nicht erst einem, dann dem anderen lauschen, sondern gleichzeitig alle wahrnehmen? Welches ist das leiseste Geräusch, welches Du hörst? Welches ist noch leiser?
Mit der Zeit lernst Du, wirklich das ganze Orchester um Dich herum gleichzeitig wahrzunehmen. Wenns nicht gleich klappt, bitte nicht ärgern - einfach jeweils so machen, wies gerade geht. Braucht ein wenig Übung.
Wenn das mit dem Hören klappt, bekommst Du eine erste Ahnung davon, wie man wirklich um sich herum umfassend alles gleichzeitig wahrnehmen kann. Das kann ein unglaublich intensives Gefühl sein, sich wirklich zu spüren und in alles um einen herum perfekt eingebunden zu sein. Leider kennen heute nicht mehr viele Menschen dieses Gefühl.
Wenn beides für sich gut klappt, kombiniere Eulenaugen mit den “Rehohren”, wie wirs nennen. Und wenns Dir dann noch gelingt, Dich selbst dabei zu spüren - schwer zu beschreiben, das Gefühl.
Kann übrigens nicht drum gehen, das zum Dauerzustand werden zu lassen. Wenn man diesen Status festzuhalten versucht, macht man ihn sich um so schneller kaputt. Übe das, wann immer Du magst - das setzt sich mehr und mehr von selber um.
Wenn Dich das interessiert, experimentiere erst einmal damit. Um das dann zu festigen, wenn Dus richtig raus hast, mach das mal einige Wochen lang: daß Du immer, wenn Du gerade dran denkst, mal gerade in Eulenaugen und Rehohren gehst. Das ist auch im Alltag unglaublich entspannend und bringt einen immer wieder zwischendurch für einen Moment in die Bewußtheit.
Dann verstehst Du vielleicht ein wenig, was Dein Kampfsportfreud Dir auch zu erklären versucht - diese Art von Offenheit, die ich meine. Wirkliche Aufmerksamkeit.
Ich bin sehr gespannt, von Deinen Erfahrungen zu hören.
Diese Antwort ist auch ein wenig länger geworden, mir sind beim Tippen selbst erst mal paar Sachen klar geworden, und da sind richtig viele Dinge drin, die ich insgesamt wichtig finde. Ich erlaube mir daher mal, diesen Text wiederum in meinen Blog zu stellen - sind ja keine persönlichen Sachen von Dir drin, und die Inhalte könnten noch weitere Menschen interessieren.
Danke Dir ganz herzlich für Dein Interesse, für Deine Initiative!
Lieben Gruß,
Malte
Geschrieben in Allgemein | 1 Kommentar »