Fußgewölbe

Ich bin soeben per PN im Forum gefragt worden, wie ich es denn geschafft habe, mein Fußgewölbe wieder aufzurichten. Diese Frage ist mir schon öfters gestellt worden, aber ich hab sie glaub ich nie so ausführlich beantwortet wie hier. Ich stelle meine Antwort daher hier ein – vielleicht dient sie ja dem einen oder anderen als Inspiration.

Hallo, xxx,

huah, die wesentlichsten Sachen kann ich Dir nicht „mal so eben“ erklären. Aber Deine Frage ist verdammt gut und wichtig, und ich wills zumindest versuchen. Ich betone hiermit ausdrücklich, dass ich kein Arzt o. ä. bin und hier nur meine Erfahrungen und meine persönliche Herangehensweise benenne, dass das nicht 1:1 auf jeden Menschen übertragbar und bei Interesse kritisch zu hinterfragen und anzupassen ist.

Zunächst, ich stecke seit über drei Jahren in einem Training, in dem es unter anderem um eine sinnvolle Organisation der Körperstruktur geht. Obwohl das eher ein Nebenaspekt des Trainings ist, hat sich mein Körper seitdem kräftig neu organisiert; das Fußgewölbe trägt wieder, meine Beine sind wieder gleich lang, mein Hohlkreuz ist fast weg und eine ganze Reihe weiterer Haltungsstörungen haben sich behoben. Das Ganze nennt sich Ki-Training, eigentlich gehts um ganz andere Dinge, und die Körperstruktursachen sind nur ein kleiner Nebenerfolg. Dummerweise gibts das Ki-Training in dieser Form nur relativ selten – unter dem Namen wird auf dem Markt auch allerlei Mist angeboten^^

Die Methoden stammen teilweise aus dem T’ai Chi und dem Qi Gong – wobei auch da auf dem Markt wiederum eine Menge Schrott unterwegs ist.

Von dem, was ich mal eben so weitererzählen kann: Mir gehts ganz viel darum, dem Fuß seine natürliche Funktionalität wiederzugeben. Diese ist in unserer modernen Zeit sehr zurückgegangen. Was tut so ein Fuß von Natur aus? Stell Dir vor, Du bist ein Indianer und barfuß oder in Mokassins unterwegs. Was hat Dein Fuß zu tun?

Erst mal muss er überhaupt das Körpergewicht tragen. Dafür verfügt der Fuß über eine gewisse Statik. Im Grunde verteilt sich das Gewicht auf drei Punkte: äußerer Ballen, innerer Ballen, Ferse. Dazwischen spannt sich das Fußgewölbe auf, welches wie eine Brücke das Gewicht trägt und über diese drei Punkte verteilt.

Dann muss er für das Gleichgewicht sorgen. Deswegen ist der Fuß von einer ungeheuren Zahl von Muskeln durchzogen, die ihn in sich erstaunlich beweglich machen. Damit kann sich der Fuß anpassen – bedenke, zu damaligen Zeiten war der Boden höchst uneben, nicht so glatt wie heute. Auch die Greiffunktion dr Zehen ist hier zu nennen – die Zehen sind in der Lage, sich richtig in den Boden zu krallen und hier ebenfalls für Halt zu sorgen.

Und nicht zuletzt wurden Füße immer schon als Werkzeuge eingesetzt. Vor allem, um sich voranzutasten. Auch in unebenem Gelände konnte ein Indianer es sich nie leisten, die ganze Zeit auf den Boden zu schauen, wohin er denn nun seine Füße setzt. Seine Augen brauchte er für die Landschaft, denn da konnte ein Tiger, ein Freund, ein Feind, ein Beutetier lauern. So was sieht man besser, bevor man selbst gesehen wird. Also: Augen in die Landschaft, Aufmerksamkeit. Mit dem Untergrund mussten die Füße schon selbst klarkommen. Und das möglichst so, dass es nicht dauernd knackst… das heißt, vor allem die Ballen sind tastempfindlich, mit denen wurde der Untergrund oft erst vorsichtig betastet, bevor wirklich das Gewicht auf den Fuß kam. Mit etwas Übung kann man sich so recht zügig in unebenem Gelände bewegen, ohne ständig auf den Boden schauen zu müssen. Und ja, die Funktionalität der Füße ist auch etwa bei japanischen Zimmerleuten genutzt worden, die auf Balken kletterten und teilweise wohl sogar Werkzeuge mit den Füßen hielten.

So, schauen wir uns doch mal an, was von dieser Funktionalität heute noch aktiv verwendet wird. Wir tragen heute Schuhe mit Stützfunktion. Mit steifen Sohlen, mit Schäften, die das Fußgelenk stabilisieren, mit Fußbetten, die das Gewicht auf die ganze Sohle verteilen statt auf diese drei Kontaktpunkte und damit dem Fußgewölbe die Arbeit abnehmen. Die Sohlen sind so steif, dass die Greiffunktion der Zehen nutzlos geworden ist, die Füße kaum noch Spielraum haben. Moderne Schuhe verändern sogar das Abrollverhalten. Die gedämpfte Ferse verführt zu einer sehr seltsamen Gehweise, die ohne diese Dämpfung alles andere als gesund wäre. Gleichzeitig wird in der Regel die Ferse hochgelagert, was zu einer völlig anderen Körperstruktur und -haltung führt.

Unsere Straßen, auf der wir uns für gewöhnlich bewegen, sind komplett eben, es gibt keine unebenen Flächen mehr. Tasten ist unnötig geworden, wir müssen nicht mal mehr die Füße haben. Wenn doch mal eine Unebenheit auftaucht, fängt sofort das Stolpern an. Hast Du mal in der Stadt jemanden gesehen, der einen Bordstein übersehen hat? Da haben sich Leute schon was dran gebrochen. Bei einem natürlichen Laufverhalten sollte so eine Unebenheit – auch überraschend – kein Problem darstellen.

Im Grunde, wenn Du diesen Gedanken weiterdenkst, betrifft das die gesamte Person, nicht nur den Fuß. Das moderne Leben mit all seinen Zerstreuungen udn Sorgen lässt viele von uns in Gedanken sein, was gegenüber der gelassenen Aufmerksamkeit der Indianer sich heftig auf den Körper auswirkt. Hat ein „natürlich“ lebender Mensch eine gewisse Grundspannung in Körper und Nervensystem und eine gewisse dauernde Aufmerksamkeit, die ihn vor Tigern warnt, leben viele von uns heute sehr stark im Kopf, gehen ihren Gedankenwelten nach, sind nicht mehr wirklich aufmerksam in der Umgebung, nicht mehr präsent im Körper. Moderne Menschen haben oft zuviel Spannung in den Schultern – oft mit dazwischen eingeklemmtem Kopf – und zu wenig Spannung im Rest des Körpers. Wirklich achtsam mit sich und seiner Umgebung sind nicht mehr viele. Und das hat erhebliche körperliche Auswirkungen, viele unserer Zivilisationserscheinungen haben damit zu tun.

Zurück zum Fuß. Wenn Du seine Möglichkeiten und Bestimmungen anschaust und siehst, wie wir ihn heute nutzen, dann wundert eigentlich überhaupt nicht mehr, dass seine Funktionen inklusive der Stützfunktion des Fußgewölbes verkümmern, oder? Unsere Fußmuskeln sind untrainiert und mangels Muskeln miteinander verklebt, unser Körper weiß die oft gar nicht mehr anzusteuern. Das Gewölbe stützt nicht mehr richtig,

Ein wesentlicher Teil meiner Herangehensweise ist es, diese natürlichen Funktionen wieder zu aktivieren, notwendig zu machen. Und: überhaupt wieder Bewusstsein in die Füße zu kriegen, welches eine wichtige Basis für die reale Nutzung der Füße ist. In der Regel reagiert nach meinen Erfahrungen der Fuß dann selbst und stellt seine Funktionen wieder her. Das ist auch der einzige mir bekannte praktikable Weg – da ein Teil der Muskeln, vor allem in Sachen Fußgewölbe, autonom arbeitet und nicht willentlich angesteuert werden kann. Sehr wohl aber kann man dem Körper die Notwendigkeit geben und die unbewussten Programme damit aktivieren.

So, konkret, was kann man tun? Grundsätzlich, natürliche Bedingungen wieder herzustellen. Dazu gehört für mich, dass ich sehr viel barfuß laufe. Zu Hause eigentlich nur. Manchmal auch draußen. Wenn ich rausgehe, trage ich Schuhe, die eine dünne, flexible Sohle haben, ohne die Ferse anzuheben. Zu meinen Lieblingsschuhen gehören verschiedene Arten von Mokassins, Jika-Tabis, die teureren Feiyues (deren Sohle einfach dünner und flexibler ist als bei den Billigimitaten). Über letztere beide habe ich hier im Forum schon einiges geschrieben, siehe das.

Ich bin viel draußen, bin viel im Wald, bewege mich dabei bewusst viel auf unebenem Boden, gehe sehr oft von den Wegen runter. Das ist schon mal eine gute Grundlage.

Dann gibt es noch einiges, was man tun kann, um etwas gezielter dran zu arbeiten. Wenn ich irgendwo sitze, massiere ich mir öfters die Füße, um etwas Bewusstheit dort hin zu bekommen. Dann bewege ich die Füße viel in sich, versuche, welche Bewegungen damit gehen. War zum Beispiel erstaunt zu bemerken, dass ich den Ballen am großen Zeh separat bewegen kann. Auch andere Muskeln kann ich inzwischen gezielt ansteuern – aber das muss der Körper erst mal lernen, am Anfang tut sich wahrscheinlich erst einmal noch gar nichts.

Dann taste ich mit den Füßen öfters gezielt. Suche mir unebene Untergründe – und sei es meine Couchmatratze, die auf dem Boden liegt – und versuche, mit den Füßen die Form zu ertasten. Und versuche mal mit den Zehen zu greifen. Allein schon einen Bleistift aufzuheben, der auf dem Boden liegt, ist mit untrainierten Füßen gar nicht so leicht. Zwischen großem Zeh und Nachbarzehen Dinge einzuklemmen geht noch, aber wenn ich wirklich alle Zehen einsetzen will…? Hab auch schon mal eine Matratze mit den Zehen abgezogen, also vom Laken befreit, das ist auch witzig.

Dann, im Stehen barfuß kann man versuchen, mit den Zehen sich voranzuziehen. Mit beiden Füßen gleichzeitig mit den Zehen sich so in den Boden graben, dass man etwas nach vorne rutscht.

Und versuch mal im Stehen, die Muskeln der drei Kontaktpunkte zum Boden direkt anzusteuern. Also mal die Muskeln des inneren Ballens anspannen, dann die Muskeln des äußeren Ballens, dann die Fersenmuskeln (ja! da sind auch welche!).

Ja, und dann experimentiere ich gerade sehr erfolgreich mit der Laufmethodik. Ich habs zum Thema Hackenpolsterung und Tasten schon angesprochen, dass ich es für wenig natürlich halte, mit den Hacken zuerst aufzukommen, wie fast jeder das tut. Zu dem Thema hab ich mal ausführlicher was in meinem Blog geschrieben. Wenns Dich näher interessiert, schau mal hier: http://parkourblog.maltehoevel.de/2008/06/03/ballengang-ein-selbstversuch/

Vielleicht hast Du ja noch weitere Ideen?

Okay. Das ist noch nicht alles, was ich zu sagen hätte, noch lange nicht. Aber das ist der Part, den ich Dir „mal eben“ erklären kann. Der Rest würde nicht über das Wort, nicht übers Netz gehen. Aber ich glaube, das hier reicht auch fürs Erste. Ist ja nu schon ne ganze Menge an Ansätzen 😉

Freue mich natürlich über Feedback von Dir.

Du bist nicht der Einzige, den diese Frage interessiert, aber so ausführlich hab ich bisher noch nicht drüber geschrieben. Ich erlaube mir daher mal, diesen Text hier in meinen Blog zu stellen – da kommt er auch Anderen noch zugute.

Lieben Gruß,

Malte

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