Die eigenen Grenzen

Zwei Aussagen haben mir in der letzten Zeit arg zu denken gegeben.

erstens, David Belle, im „New Yorker“-Interview:

„Ein guter Krieger kann überall kämpfen. Im Parkour ist es ähnlich: du musst dich an alles anpassen, was da ist, und handlungsfähig sein. Akrobatik ist was anderes. Du kannst ein bisschen davon machen, aber keine Stunde lang. Einen Parkour laufen aber kannst Du eine lange Zeit.“ – eigene Übersetzung

Yann Hnautra in der „Generation Yamakasi – Vol au dessus des Cités“-Reportage zu den Häftlingen:

„Ihr seid jetzt alle müde. Nicht, weil ihr das Training nicht beenden könntet. Sondern, weil ihr handelt wie verrückt. […] Versucht nicht, schnell zu sein, denn dann werdet ihr müde, und ihr glaubt, ihr könntet das hier nicht tun. Das ist falsch! Ihr könnt alles tun! Ihr irrt euch, ihr habts noch nicht verstanden. Ihr habt nicht verstanden, was ihr tun solltet. Es ist nicht leicht, im Leben konkret zu sein. […] Relativität ist wichtig. Es ist wichtig, fair zu anderen Menschen zu sein, und wichtig, fair zu sich selbst zu sein. […] das ist kein Ausdauerwettbewerb.“ eigene Übersetzung

Ach!? Es ist in der Tat möglich, Parkour eine sehr lange Zeit zu betreiben? Okay, ich hab auch schon an sieben-Stunden-Trainings teilgenommen, ja. Aber wenn ich ehrlich bin, bestanden diese Trainings jeweils zu höchstens 50% aus wirklicher körperlicher Betätigung, wenn überhaupt. Parkour, so, wie ich es bisher kennengelernt habe, in wirklich durchgängiger Bewegung mehr als ein, zwei Minuten zu betreiben, geht dermaßen an die Substanz und macht dermaßen platt, das ist schon nicht mehr schön. Ein Run quer über den Stangenspielplatz in Köln, alle Hindernisse mitnehmend, und ich bin platt. Bei einer „Tour de Mediapark“, ebenfalls alle Hindernisse mitnehmend, werden mir selbst bei nur schnellerem Joggingtempo sehr bald die Beine schwer, und ich kann nur noch langsam weiterlaufen.

Wenn ich also den gewohnten Trainingsstil mehr als wenige Minuten durchziehe, geht das heftigst an die Substanz. Von „ich kann jederzeit alles tun, was ich mag“ ist das weit entfernt. Von wirklicher Nutzbarkeit – da muss ich nicht mal mit dem abgegriffenen Verfolgungsbeispiel kommen – auch. Sprich: wenn ich ehrlich bin, gehe ich in meinem alltäglichen Parkourtraining ständig über die Grenzen hinaus. Nicht über die Grenzen des Machbaren. Sondern über die Grenzen des dauerhaft Sinnvollen.

Hab schon häufig beobachtet, dass wir Menschen uns dazu neigen, uns in allen möglichen Zusammenhängen so zu verausgaben, dass wir letztlich ausgepowert sind. Teilweise tun wir das sogar im sozialen Bereich und werfen es dann Anderen vor, dass wir uns ausgepowert haben. Beliebtes Spiel etwa in Beziehungen. Oder im Arbeitsleben.

Oder eben im Parkour. Wenn man sich das genau ansieht, wird dieser Mechanismus da leicht sichtbar. Man muss nur einfach mal versuchen, fünf Minuten ohne Unterbrechung, ohne Stehenbleiben in dem gewohnten Stil zu trainieren.

Wäre es nicht spannender – oder zumindest auch spannend – seinen Rahmen zu entwickeln, in dem man dauerhaft aktiv bleiben kann? Welcher ist dieser Rahmen eigentlich, den wir so dauernd überschreiten?

Ich habe gestern u. a. mit Yves trainiert, hier in der Eifel in einem wunderschönen von Steinen durchsetzten Waldgebiet. Yves hatte zwischendurch eine gute Idee: einfach mal zehn Minuten in Bewegung zu bleiben. Nicht auszuruhen, nicht abzusetzen, sondern durchgängig in Bewegung zu bleiben. Dabei ruhig auch kleinere Sprünge einzubauen. Oder was auch immer einem gerade gefällt – sich möglichst frei durch das Gebiet zu bewegen, eben ohne anzuhalten, abzusetzen. Immer mal wieder zwischendurch waren kleinere Sprünge oder Klettereinlagen dabei, aber wir waren durchgängig in Bewegung. Aus diesem Spiel wurde erheblich mehr als zehn Minuten, könnte eine halbe Stunde geworden sein. Wir haben gemerkt, dass das schon auf gewisse Art erschöpfte, eine Art von „Ausdauer“ ansprach, die mir so bisher nicht bekannt war. Aber gleichzeitig, dass wir auf diese Art in der Tat uns sehr lange kontinuierlich bewegen konnten. In einem ganz anderen Rahmen als bei den großen Sprüngen, kleinteiligere, verspieltere Bewegungen, mehr Leichtigkeit.

Ja, Techniktraining, Suche nach Herausforderungen etc. sind schon gut und wichtig. Aber eben diesen Rahmen kennen zu lernen, in dem man seinen Körper wirklich dauerhaft nutzen kann, finde ich ebenfalls einen wichtigen Trainingsinhalt. Wird für mich ab sofort einen Teil meiner Trainingsaufmerksamkeit bekommen.

Lieben Gruß,

Malte

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5 Kommentare zu Die eigenen Grenzen

  1. Marc sagt:

    😀 YES!!
    DAS entspricht meiner Vorstellung von Parkour ^^ nicht nur einzelne Sprünge und Techniken üben, sondern dem Körper die Ausdauer anzutrainieren die er für eine lange andauernde Belastung braucht.

    In den fiktiven „Notsituationen“ die sich ein Traceur irgendwann in seiner Laufbahn ausmalt wird die Technik nur eine kleine Rolle spielen. Viel wichtiger ist da, dass der Körper die Belastung, die von ihm gefordert wird, durchhält. Viel laufen ist sicher eine gute Sache. Das machen auch viele, aber die Anstrengung wird um einiges größer wenn zu dem laufen auch noch Bewegungen des Oberkörpers, Stopps und Sprints und Kraftakte hinzukommen. Die Atmung und die Anforderung an unser Herz ist nicht so rhytmisch wie beim laufen, sondern ein wechselndes Auf und Ab. Das führt zu einer viel höheren Belastung.

    Ich finds gut das du diesen Aspekt in dein Training aufnimmst, und bin gespannt darauf welche Erfahrungen du damit machen wirst, welche neuen Probleme das mit sich bringt und welche positiven Veränderungen das bewirkt 🙂 !!

    Einen sportlichen Gruß aus Duisburg !!

  2. robert sagt:

    Ein bischen komisch gewählt finde ich das Zitat von David Belle. Meiner meinung nach kann man Parkour wirklich jederzeit und überall machen-wenn auch nur im übertragenen Sinne bzw. im mentalen. Wenn ich mich durch eine Stadt bewege und weiß, dass es bis zu dieser Mauer nur noch 3 Schritte sind oder 1 gesprungener und ich auch weiß, dass ich genau diese mauer am schnellsten und effektivsten mit einer Katze überwinde, ist dass für mich auch schon parkour.
    Im Idealfall sollte natürlich auch die Bewegung folgen.

    Mit seinem Vergleich zu Akrobatik wollte er sehr wahrscheinlich ausdrücken, das nach einem flip die bewegung vorbei ist. Der natürliche bewegungsfluss ist gestoppt.

    In einem Interview erwähnte er mal, dass flow sehr wichtig für ihn ist, mit der Umgebung eins zu werden- um und über sie drüber fließen so zu sagen. Und diesen zustand der Leichtigkeit erreiche, der kontrolle, erreiche ich durchaus in dem ich einfach durch die stadt gehe

  3. Schade dass dieser Blog untergegangen ist, aber das ist ein ganz interessanter Artikel! Selbsteinschätzung ist wichtig bei so einem Sport, ich betreibe kein Parkour, würde es aber gerne. Vielleicht belebst du deinen Blog ja wieder 🙂

  4. Azrael sagt:

    Das ist der erste Blog den ich lese und ich bin begeistert.

    Die Art wie du Parkour definierst und ausübst ist vorbildlich.
    Es gibt nicht viele Traceure, die ich kenne, die so auf die Philosophie eingehen und dann merken, dass man auch seinen eigenen Geist entfalten muss. Diese Balance ist ziemlich schwierig.

    Wie wärs mal mit nem gemeinsamen Training? 😛

    Grüße aus Hameln

    [Keep the Spirit Alive – Urban Spirits]

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