Wettertraining, Diskomfort und Kreativität im Training

Den folgenden Text veröffentlichte ich aus aktuellem und generellem Anlass am 20. April 2008 im Forum von Parkour.de.

Hallöchen, zusammen,

in den letzten Tagen ist es mir immer mal wieder über den Weg gelaufen, das Thema: Winter und Regenwetter scheinen viele Traceure vom Training abzuhalten. In den Forendiskussionen ist das ja immer wieder zu beobachten: ich suche für den Winter eine Halle, damit ich weitertrainieren kann. Ich komm heute nicht zum Training, weil es regnet. Und so weiter…

Witzig auch zu beobachten: in den Foren sind immer ganz schnell Leute zur Stelle, die widersprechen und auf Trainingseffekte durch widrige Umstände hinweisen. Sieht man aber in der Realität nach, dann sind die Wintertrainings höchstens ein fünftel so groß wie die im Sommer, und selbst im Sommer hatte ich zu durchaus nciht ungünstigen Zeiten den kompletten Kölner Mediapark schon für mich alleine, wenns geregnet hat^^

Ich finde das immer wieder schade, da sich viele damit von einigem Trainingspotenzial abschneiden – ohne es selbst zu bemerken. Als Begründungen werden meistens zwei Argumente gebracht: a) könne man bei Nässe oder Kälte gar nicht so viel machen; b) das sei ja unbequem, und daher lege man das Training doch lieber auf trockenere, weniger kalte Zeiten.

Ich möchte im Folgenden auf beide Argumente eingehen, weil ich beide für blödsinnig halte.

a) was kann man noch trainieren, wenns nass oder kalt ist?

Diese Frage zu beantworten hat viel mit der Trainingseinstellung, mit den Zielen hinter dem Training zu tun. Warum trainiere ich Parkour, und was macht Parkour für mich aus? Ausgehend von allen möglichen spektakulären Videos scheinen viele der Ansicht zu sein, Parkour sei, wenn man fürchterlich spektakuläre Sprünge machen könne. Wenn man PArkour so definiert – ja klar, dann ist Nässe hinderlich, denn da gehen einfach lange nicht so große, „krasse“ Sachen wie im Trockenen. Überhaupt gar keine Frage.

Doch geht es wirklich nur um die großen Sachen? Parkour ist für mich viel mehr, erheblich mehr. Parkour ist für mich die Kunst der effizienten Fortbewegung. Mir geht es um eigene Fortentwicklung. Mich selbst vernünftig bewegen zu lernen. Meine Umgebung anders wahrzunehmen, einen kreativen Umgang mit Hindernissen zu entwickeln. Mein Handlungsrepertoire zu erweitern, mein menschliches Potenzial zu entdecken und nutzen zu lernen. Mir geht es darum, mich mental weiterzuentwickeln. Darum, in jeder nur denkbaren Situation handlungsfähig zu sein. Dass man auch spektakuläre Sachen machen kann, ist für mich eher ein Nebenprodukt dessen, was ich eigentlich trainiere. Es geht nicht um die große Show, um sich oder anderen was beweisen müssen. Es geht um eigene Freiheit in einem ganz gewissen Sinne.

Ich will lernen, in jeder Situation klarzukommen. Eine durchaus häufige real existierende Situation ist nun mal, dass es draußen nass ist. Ganz ehrlich, wenn ich in die Richtung will, die ich gerade beschrieben habe, dann kann man Training im Regen gar nicht ausklammern. Dann ist sogar gerade das ein wichtiger Trainingsinhalt. Eben WEIL da nicht mehr alles so geht wie im Trockenen…

Ja, die ganz großen Sprünge wirst Du im Regen nicht lernen. Wenns Dir nur drum geht, krass zu sein und nichts weiter, dann brauchst Du hier gar nicht mehr weiterzulesen. Dann geht das alles Dich nichts an. Geh in Deine Halle und zauber da rum. Viel Spaß dabei.

Was aber geht noch, wenns nass ist? Alles ist erheblich rutschiger, man muss sich auf die unterschiedlichen Oberflächen völlig neu einstellen, muss richtig vorsichtig sein, was man tut. Doch mit etwas Kreativität findet man schnell die Antworten: Nässe ist gerade DAS geniale Trainingsfeld, um Sorgfalt zu üben. Gerade wenn es rutschig ist, ist man auf richtig gute Technik angewiesen, damit die Dinge funktionieren. Ein Präzisionssprung etwa auf nasse Fliesen oder gar auf ein nasses Geländer braucht eine richtig gute Landung, wenn nichts passieren soll. Ein Katzen-Absprung auf nassem Holzboden darf nicht zu nachlässig sein, wenn der Absprung gelingen soll. Beste Gelegenheit also, um Präzision und Sorgfalt in allen Techniken zu üben (was ohnehin wichtiger Trainingsinhalt sein sollte) – nasse Oberflächen geben einem sehr schnell eine deutliche Rückmeldung, wenn eine Technik nicht funktioniert hat ^^

Gleichzeitig erfordert Nässe noch mal eine erheblich bessere Selbsteinschätzung. Was kann ich, wie weit sind meine Skills, wie zuverlässig kann ich die nötige Sorgfalt aufbringen? Training im Nassen stellt permanent die Herausforderung, immer wieder aufs Neue abzuschätzen, was geht und was nicht.

Glaub mir, das fördert das Zusammenspiel zwischen Dir, Deinem Körper und den Hindernissen ganz enorm.

Sei Dir bewusst, wenn Du im Nassen rausgehst, dass Du erheblich sorgfältiger vorgehen musst. Dann aber ist Training gerade in der Nässe eine hervorragende Schulung für unglaublich viele Skills, die hinter unserer Kunst stehen.

Ja, und was, wenn man gar nicht rauskann, wenn vor der Tür meterhoch Schnee liegt? Noch heute las ich so was in einem reaktivierten Winterthread…

Man, wie geil ist denn bitte Schnee? Was man da alles lernen kann. Bei einem meiner ersten Trainings in Köln lag eine dünne Schneeschicht. Ich hab das gleich erst mal für Rolltraining genutzt – im Schnee sah man wunderschön meine Rolllinie. Vielleicht findest Du sogar einen (dick genug) zugefrorenen See – ich warte schon zwei Winter lang vergeblich darauf, dass die Dorftümpel hier zufrieren und ich etwas Eistraining machen kann (Körperspannung und Sorgfalt bis zum Abwinken; Landungen und Rollen auf Eis stell ich mir witzig vor^^) Sollte der Schnee meterhoch liegen, kannst Du durchaus damit spielen, Dir Deinen Weg da durch zu bahnen, DIch selbst darin noch mühelos zu bewegen. Und ein mentales Training ists sowieso, dazu später.

Und selbst wenn Du gar nicht rauskannst, geht erheblich mehr als reines Krafttraining auch zu Hause. Da ist ebenfalls Kreativität gefragt – ob Du Deine BEttkante zum Hindernis umfunktionierst, an einer Stuhllehne übst oder wasweißichwas. Und selbst auf noch so begrenztem Raum kann man durchaus üben, sich ökonomisch zu bewegen – effizientes Bewegen fängt nicht erst beim Flug über Hindernisse an, die meisten Menschen bewegen im Alltag ihre Körper schon völlig unökonomisch.

Aber ich komm ins erzählen. Ich wollte hier eigentlich nur zärtlich andeuten, dass man wirklich jeder Situation trainingsmäßig was abgewinnen kann, wenn man nicht nur Riesensprünge zum Trainingsziel erklärt. Und dass es eigentlich sogar eine Notwendigkeit ist, das zu nehmen, was eben gerade da ist – diese Fähigkeit find ich ebenfalls einen wichtigen Trainingsinhalt.

b) aber es ist doch kalt!?

Stimmt. Und?

Das ist durchaus auch etwas, was ich oft beobachte: dass viele Menschen vor einem gewissen Diskomfort zurückschrecken. Sprich: es ist kalt, ich könnnte frieren oder mir mehrere Schichten anziehen müssen. Und da kommt doch tatsächlich mein innerer Schweinehund an und sagt: och nö. Und deswegen trainier ich lieber den ganzen Winter über nicht…

Oder was!?

Es ist immer wieder ernüchternd zu sehen, wie viel Macht eben dieser Innere Schweinehund über Menschen hat. Ein bisschen davon ist ja völlig in Ordnung. Doch wenn er anfängt, mich von erheblichen Teilen meines Trainings abzuschneiden, dann stimmt da was nicht. Denn in diesem Fall nimmt mir dieser innere Schweinehund eine wichtige Erfahrung.

Die Welt da draußen ist bei Regen oder im Winter eine völlig andere, durchaus spannend zu entdecken. Traurig daher, dass viele Menschen dann nicht rausgehen…

Eben dieser Diskomfort birgt eine ganz erhebliche Erfahrung in sich, die auch mit innerer Freiheit zu tun hat. Nämlich: was ist Luxus und was brauche ich wirklich zum Leben? Was ist nur inneres Genöle, und was ist wirklich wichtig? Wo beschränke ich mich mit meinen Glaubenssätzen selbst, und was ist Realität?

Natürlich will ich hier niemanden auffordern, bei -40° C nackt draußen rumzulaufen und sich Erfrierungen zu holen. Das wäre ganz einfach Blödsinn. Aber dieser Diskomfort, das „Unangenehme“, ist noch WEIT davon entfernt, meinem Körper wirklich zu schaden. Alles, was passiert, ist, dass mein Körper ein Signal sendet: „es ist kalt“. Dieses Signal kommt in unserem Kopf an, und dort passiert dann die Assoziationskette. Da werten wir „kalt“ als „ungemütlich“, da haben wir die Hektik unserer Eltern vor Augen, die uns als Kindern immer sagten, Kind, zieh Dich warm an, es ist sooo fürchterlich kalt da draußen, oder geh besser gar nicht erst raus. Da ist das Gefühl der bequemen Zentralheizungswärme, die uns der Notwendigkeit enthebt, die Welt um uns rum wirklich wahrzunehmen, weil sie uns vor gewissen Sinneseindrücken „schützt“. Und natürlich der Innere Schweinehund. Und all das sagt in uns: „och nö“, wenn wir den Regen sehen oder die Kälte spüren. Aber noch einmal: die Realität ist zu 99,9%, dass diese Kälte weit jenseits eines gefährlichen BEreiches ist. Und es ist nicht die Sinnesempfindung selbst, die uns die Dinge unangenehm erscheinen lässt, sondern unsere endlose Kette von Assoziationen, die wir da dranhängen.

Merkst Du was? Wir selbst sind es, die uns da selbst beschränken. Auf ein Training zu verzichten, nur weils unbequem sein könnte? Mit innerer Freiheit, wie viele sie im Parkour suchen, hat das nichts zu tun. Freiheit, ja bitte, aber nur bei Sonnenschein?

Mach mal ein Experiment, wenn Du magst. Wenns nächstes Mal draussen kalt und össelig ist – ein Wetter, bei dem Du nicht gern vor die Tür gehen würdest – dann geh raus. Eben drum. Und zieh weniger an als sonst für so ein Wetter. Klar, nicht so, dass es richtig eklig wird. Aber Du solltest in der Lage sein, die Kälte und ggfs die Nässe auf Deiner Haut zu spüren. Und raus mit Dir, und streif ein wenig durch die Gegend.

Was passiert? Vermutlich folgendes: Deine Körper zieht sich zusammen, der Kopf geht vor und klemmt sich zwischen die Schultern, Du gehst etwas vornübergebeugt, der Atem wird flacher, der Körper geht etwas in Spannung, vielleicht bildet sich Gänsehaut oder der Körper zittert sogar etwas, und wahrscheinlich wird Deine Laune missmutig.

Interessant bereits an dieser Stelle. Hier liegt eine mehr oder weniger automatische Reaktion des Körpers vor. Und zwar eine erlernte, aber dennoch eine Schutzreaktion, die versucht, uns von dem abzuschneiden, was da um uns herum vorgeht. Wer sich ernsthaft für seinen Körper und sein eigens Verhalten interessiert, hat hier ein fantastisches Studienobjekt für automatische Körperreaktionen. Und für das Zusammenspiel zwischen Körper, Geist und Seele, denn dieses krampfartige Verhalten macht sich auf allen Ebenen bemerkbar. Die Schuld an unseren Empfindungen und der Laune geben wir nur zu oft dem Regen; dabei ist es eigentlich ein Prozess, der in unserem Inneren läuft, der uns das antut. Es sind unsere Bewertungsmuster und Handlungsweisen, die diesen Zustand hervorrufen. Der Regen oder die Kälte dagegen sind ja zunächst im ungefährlichen Bereich.

Okay. Versuchen wir mal, dieses Spiel zu durchbrechen. Wenn Du an diesem Punkt gelebten Diskomforts angekommen bist, dann mach mal auf. Atme tief und kräftig durch. Entspanne Deinen Körper, richte Dich wieder auf. Erlaube es dem „unangenehmen“ Gefühl, dass es da sein darf. Begrüße die Kälte und Nässe wie einen Freund, lasse sie durch Dich hindurchfließen. Auch Kälte ist so was wie eine Energie. Gib Dich diesen Empfindungen völlig hin – Realität sind sie sowieso. Wenn Wind da ist, lasse Dich bewusst durchpusten. Du kannst den Atem für die Entspannung benutzen. Aber entspanne Dich, lass los.

Vielleicht merkst Du, wie plötzlich auch die angespannte Geisteshaltung, die schlechte Laune, schwindet. Und dass Du plötzlich eine ganz andere Wahrnehmung für Deine Umgebung entwickelst, erheblich mehr mitbekommst, als vorher in der wehrigen Haltung.

Spür mal rein: wie schlimm ist es wirklich, jetzt hier draußen zu sein? Wenns stimmt, dann fühlst Du zwar die Kälte, aber sie ist nicht mehr schlimm. Gegenüber dem motzigen Zustand vorher, der sich gegen jede Lösungsmöglichkeit sträubt, werden dir plötzlich jetzt Dinge einfallen, die Du tun kannst, um Dich warmzuhalten – und sei es, durch die Gegend zu hüpfen, die Hände zu reiben oder was auch immer.

Wenn Du das Gefühl hast, Du hast jetzt genügend mitbekommen, dann geh wieder rain. Zieh Dich um, wenn Du magst, dusche warm, setz Dich mit einem guten Buch und einem guten Tee an die Heizung und genieße die Vorzüge modernen Wohnungsbaus (die man dann plötzlich richtig zu schätzen lernt).

Es ist nicht schlimm, wenn mal etwas „unangenehm“ ist. Gerade diese Dinge bergen meist verdeckte Lehren in sich, die aufzuspüren spannend sein kann. Gerade aus der Beschäftigung mit Dingen, die ich ohne wirklichen Grund als unangenehm empfand, habe ich einige der wichtigsten Lektionen meines Lebens ziehen können. Der Umgang mit Kälte ist hier ein wunderbares Modell, um das zu trainieren…

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Ich bin nicht der Typ, der extra rausgeht, nur weils regnet. Aber ich lasse mich von Regen, Winter etc. nicht vom Training abhalten, wenn ich Lust zu trainieren habe. Noch einmal: es kann nicht drum gehen, fahrlässig Unterkühlungen oder Erfrierungen in Kauf zu nehmen. Wie überall (und gerade im Parkour) geht es auch hier darum, das richtige Maß zu finden. Doch hält unser Körper erheblich merh aus, als wir oft für möglich halten, und mit unserer überdimensionierten Bequemlichkeit und oft fehlendem Bewusstsein für Möglichkeiten unter ungünstigen Bedingungen beschneiden wir uns nur zu oft selbst.

Parkourtraining bietet die Möglichkeit, auch hier einen anderen Umgang mit den Dingen zu finden.

Lieben Gruß,

Malte

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Ein Kommentar zu Wettertraining, Diskomfort und Kreativität im Training

  1. Revelation sagt:

    Guter Beitrag xD

    Da steckt was dahinter ^^

    lG aus Leoben
    Revelation

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