Kreativer Ausdruck und Bewegungskunst

Ein Hindernis ist wie eine Leinwand die man auf unterschiedlichste Weise gestalten kann, wie ein Künstler erschafft man etwas, nur in Form von Bewegung.“ – Jason, August 2006 im Forum von parkour.de

Kreativer Ausdruck ist ein Aspekt von Kunst, auf den sich vor allem das Freerunning beruft. Für Traceure ist das aber auch nicht uninteressant – zum einen vermischen sich in den individuellen Trainingsstilen Parkour und Freerunning ohnehin mehr, als so mancher wahrhaben will, andererseits gehört dieser Aspekt von Kunst m. E. eigentlich in jede Handlung, sei es Alltag, Sporttraining oder Tanzstunde.

Aber was ist kreativer Ausdruck eigentlich? In der allgemeinen Forendiskussion ist das fast ausschließlich ein Schlagwort, was begründet, daß man sich nicht nur an Effizienz orientiert, sondern auch artistische Einlagen mit einbaut. Darüber hinaus scheint mir dieser Begriff in den meisten Diskussionen eine leere Worthülse zu sein. Dabei ist das, was dahintersteht, eigentlich gigantisch und ein m. E. mehr als bedeutender Aspekt von Kunst an sich und Lebenskunst im Besonderen.

Ausdruck bedeutet zunächst, etwas innerlich Vorhandenem eine reale Form zu geben. Ich kan mit Worten etwa ein Gefühl ausdrücken. Das kann ich rein inhaltlich tun, indem ich beschreibe, was ich fühle. In der Regel wird das aber nur ein Abbild meines Gefühls sein und kein vollständiger Ausdruck. Ein lautes Lachen, ein Weinkrampf, ein lautes Stöhnen oder ein genußvolles Räkeln in der Sonne wird in der Regel mein Gefühl erheblich besser in die Realität umsetzen als das reine Wort. (Übrigens neigen besonders negative Gefühle durch direkten, aber nicht überzogenen Ausdruck dazu, sich schneller aufzulösen).

Sich ausdrücken in dem Sinne also meint, dem, was in mir vorgeht, einen Ausdruck zu schaffen, es zu manifestieren. In der Regel wird der Körper das dazu verwendete Medium sein. Was dabei passiert, ist vor allem eine komplette Integration des Menschen – ein Gefühl bleibt nicht nur auf der emotionalen Ebene, sondern drückt sich auch im Körper aus.

Wie oft doch schneiden wir uns von unserem Potenzial ab. Wie oft meinen, wir, Probleme nur mit dem Kopf, nur mit emotionalen Ausbrüchen oder nur mit dem Körper lösen zu müssen. Ja, wie oft handeln wir völlig anders, als wir eigentlich denken und fühlen. Der „Freund“, mit dem ich höflich telefoniere, obwohl ich nun wirklich gerade keinen Bock auf den habe. Oder wie oft hab ich schon unwillig Sachen getan, aus Höflichkeit oder weil ich mich nicht traute, Nein zu sagen – obwohl ichs gar nicht wollte?

Ein Schauspieler ist genau dann gut, wenn er die Rolle gut fühlt und das ausdrücken kann. Musik wird (für mich) genau dann gut, wenn sie nicht nur leise und laute Töne korrekt harmonisch aneinanderreiht, sondern Musiker und Zuhörer berührt. Bewegung wird für mich zur Kunst, wenn jemand nicht nur seinen Körper bewegt und emotional unbeteiligt bleibt, sondern wirklich voll mit Kopf, Herz und Hand bei der Sache ist.

Vielleicht ahnst Du langsam, was ich meine mit „kreativem Ausdruck“. Eben Körper, Geist und Emotionen miteinander zu verbinden. Raum geben, daß sich das, wonach ich mich fühle, sich in meinem Handeln ausdrücken kann. Eigentlich ist das mit die größte Freiheit, die es gibt. Und setzt ein ungeheures Potenzial frei. Leute, die das, was sie machen, mit Leidenschaft und Hingabe (neben der notwendigen Bedachtsamkeit) tun, werden sich erheblich leichter, besser, ausdrucksstärker bewegen als Leute, die nur ihren Körper bewegen. Ja, ich rede hier von Leidenschaft, von Hingabe, von Voll-bei-der-Sache-sein, von die Sau rauslassen ebenso wie von leisen Tönen – was halt gerade so anliegt. Ausdruck! Das tun, was gerade anliegt. Das, was da ist, Wirklichkeit werden lassen. Das braucht Größe – wer sich selbst ausdrückt, nimmt sich nicht um jeden Preis zugunsten von Anderen zurück (was nicht heißt, daß er das reine Arschloch werden muß – wenn er nicht ganz gefühlskalt ist, wird er auch Freundschaft und Nähe viel intensiver empfinden und ausdrücken können). Kreativer Ausdruck heißt, seine eigene Größe annehmen, seine Freiheit in Anspruch zu nehmen, man selbst zu sein.

Kreativer Ausdruck ist oft das Argument des Freerunning. Aber einen Salto oder Wallspin zu machen muß noch lange nicht kreativer Ausdruck sein. Kreativer Ausdruck wird sich sicherlich nicht auf einige wenige einstudierte Techniken beschränken. Sich auszudrücken heißt Lebendigkeit zu leben.

Das kann mit Sicherheit sehr unterschiedlich aussehen. Das kann sich in Bewegung à la Parkour, FR oder Yamakasi ausdrücken. Das kann aber genauso gut auch in sehr stiller Form passieren. Alles zu seiner Zeit.

Wie genau geht kreativer Ausdruck? Und was gibts eigentlich auszudrücken? Genau an diesem Punkt schick ich Dich los zum Ausprobieren – denn diese Antworten kannst Du nur für Dich selbst finden.

Freue mich auf Deine Rückmeldungen.

Lieben Gruß,

Malte

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5 Kommentare zu Kreativer Ausdruck und Bewegungskunst

  1. Trickstar sagt:

    Kreativität im Parkour heißt für mich aber auch, meine Bewegungen neuen Situationen und Umgebungen anzupassen, oder neue Bewegungen und Bewegungsabläufe zu schaffen. Wer einmal Querfeldein durch ein unbekanntes Waldstück gerannt ist, weiß wie kreativ man dabei sein kann und muß. Gleiches gilt für jede Mauer in der Stadt, schick 20 Traceure zu einem Spot, jeder wird sich in ihm anders bewegen, die Hindernisse unterschiedlich nutzen – das ist Kreativität auch in der effizienten Fortbewegung.

  2. parkourblog sagt:

    Hi Andreas,

    Jo.

    Mir gings in dem Beitrag hier eher um den Ausdruck. Versteht sich von selbst, daß das nicht der einzige Bereich im Parkour ist, wo Kreativität angebracht ist 😉

    Lieben Gruß,

    Malte

  3. Herr von und zu Lorenz sagt:

    sehr schöner beitrag. will jetzt hier gar nichts ausführen, nur sagen, dass es echt interessant ist, verschiedene typen (im sinne von handeln, bewegen, trainieren…) kennen zu lernen.
    lg und schöne ostern

  4. maddocmax sagt:

    Hallo Malte,

    immer wieder schön, Deinen Weblog zu durchstöbern. Leider lässt das meine Zeit nicht oft genug zu. Deine Postings regen immer schön zum denken an. 🙂

    Finde das Zitat von Jason auch sehr schön getroffen.

    Das ist jetzt eigentlich auch nicht eine Anwort auf deinen Post, sondern was mir persönlich grad durch den Kopf schießt. Wiederhole bestimmt Teile von Dir und schweife bestimmt ab…^^

    —–

    Viele sitzen leider in einem selbstgebauten Gedankengefängnis. Parkour ist nur Parkour, wenn etwas effizient ist und bei Freerunnig gehts ums Posen… das Thema hatten wir ja schon, lol.
    Leider sehen aber viele nicht was noch hinter Parkour steckt, was Parkour und Freerunning stellenweise fast schon gleich setzt. Ohne Frage, bei einem Parkour-Run geht es nur um Effizienz aber diese muss auch erst einmal definiert werden. Nur wer ineffizinte Bewegungen trainiert, weiß sich effizient zu bewegen.

    Warum sag ich jetzt, dass Freerunning und Parkour stellenweise fast gleich sind, das ist doch ein typisches Hassthema^^. Bei beiden werden Bewegungen trainiert… So, dass sie sich gut anfühlen. Wenn sich eine Bewegung gut anfühlt, dann ist sie für mich „rund“. „Rund“ kann ich jetzt schlecht beschreiben. Man könnte fast sagen Perfekt. Eine runde Bewegung hat einen schönen Bewegungsablauf/fluss, ist energiesparend und gelenkschonend. Das interessante daran ist, nach meiner bisherigen Beobachtung: Desto „runder“ ein Bewegungsablauf ist, desto ästhetischer wird diese auch. Beim Freerunning ist ein Ziel der Ausdruck und die Asthetik. Beim Parkour auch…, wenn dadurch eine „runde“ Bewegung entsteht.

    Aber wie bekommt man einen Bewegungsablauf rund? Emotionsloses Wiederholen von Bewegungen bringt meiner Meinung nach nur etwas. Klar, durch die Wiederholungen verbessern sich viele Sachen, wie Kraft, Ausdauer, Präzision,… aber was bringt das, wenn man nicht mit ganzen Gefühl bei der Sache ist. Bewegung kommt erst durch Bewegung. Aber wer diese Bewegungen spontan fühlt, denkt und dann Umsetzen kann, hat viel mehr Vorteile, als jemand, der nur stupide sein Bewegungsrepertoire aufstockt.

    Kreativität, Spontanität, Bewegungskunst, Spaß, Nachdenken, Handeln, seine Gedanken einen Ausdruck in Form einer Bewegung frei zu geben…
    …das hängt für mich alles irgendwie in meinem innersten zusammen. Das bedeutet nicht, dass ich mich perfekt bewegen kann. Nein, bestimmt nicht. Ich lerne immer weiter (und werde nie damit aufhören), aber wie man lernt, wird dadurch sehr stark beeinflusst, meiner Meinung nach.

    Aber wo fängt der kreative Ausdruck an? Im Kopf? Oder an sich ein spontaner Impuls an einem „Hindernis“? Wovon die die Kreativität abhängig? Intelligenz? Ein Mensch ist das Produkt aus seinen Genen, seiner Bildung, seinen Erfahrungen und seinem sozialen Umfeld. (Was mich an Deine Webseite erinnert: „Kein Mensch ist von sich aus böse“. Anstatt dem Böse kann man auch viele andere Begriffe einsetzen – ich weiß, etwas aus dem Kontext gerissen^^). Was hat alles darauf Einfluss?

    Ein paar Worte meinerseits. Wenn jemand was damit anfangen kann, viel Spaß. Ich habe einfach geschrieben…

    gruß Tobias „max“ Prange

  5. parkourblog sagt:

    Hay Tobias,

    lieben Dank für Deine Anmerkungen. Paar spannende Aspekte drin.

    „Viele sitzen leider in einem selbstgebauten Gedankengefängnis“ – ja. Einer meiner Lehrer hat das mal treffend formuliert: die meisten Menschen leben in einer \“Box\“, die sie von der eigentlichen Welt abschneidet. Diese Box ist letztlich ein Konstrukt des eigenen Kopfes, welches die Wahrnehmung beeinflußt und uns eine Menge Zeug suggeriert. Folglich können viele Menschen nur das wahrnehmen, was durch die Box reinkommt, und können über ihren eigenen kleinen Tellerrand oft nicht hinausschauen.

    Eine unglaubliche, aber extremst weit verbreitete Form der Selbsteinschränkung. Langes Thema.

    Zu dem „Hassthema“ Parkour und Freerun hab ich hier ja auch schon mal geschrieben. David Belle sagte im New Yorker-Interview dazu sinngemäß: „in the end, we’re all doin‘ the same“…

    Es geht letztlich um völlig andere Dinge als um die Einhaltung einer Definition. Box.

    Wie bekommt man einen Bewegungsablauf rund? Verdammt geile Frage. Ich stimme Dir zu, jede Art von Monotonie bringt so ziemlich gar nichts. Nach meiner Erfahrung bringt Training immer nur was, wenn man wirklich bei der Sache ist. Wieviele Menschen joggen regelmäßig – Ohrstöpsel im Ohr, Kappe tief im Gesicht, Blick stur auf den Boden vor sich, Gedanken völlig woanders – und machen so gut wie überhaupt gar keine Fortschritte? Reine physische Bewegung kannste vergessen. Wenn nicht Kopf, Herz und Hand gleichermaßen miteinander agieren, tut sich überhaupt gar nichts. Punkt. Gibts sogar Studien drüber, und Erfahrungswerte in Massen.

    „Bewegung kommt erst durch Bewegung“ – wunderschöner Satz. Stimmt. Wenn ich noch ergänzen darf, dass Bewegung durchaus nichts rein physisches ist…

    „Wo fängt der kreative Ausdruck an?“ fragst Du. Gute Frage. Und bei der Art, wie Du hier fragst, wirst Du NIE zu einer Antwort kommen. Denn diese Fragen kommen wiederum aus dem Kopf. Kreativer Ausdruck aber besteht darin, dass mans TUT. Und nicht daraus, dass man drüber nachdenkt^^ Der Kopf kann bestimmte Dinge, für die er gar nicht zuständig ist, gar nicht erfassen.

    Die Frage ist ja eigentlich: was gibts auszudrücken? Was ist das, was die Impulse ausmacht, was den inneren Teil auch von Bewegung ausmacht? Unser Kopf ist es gewohnt, die Kontrolle über unsere Handlungen zu führen. Er ist oft so dominant, daß wir teilweise gar nicht mehr merken, was in uns sonst noch so lebendig ist.

    Dabei ist es so einfach: mal nen Moment das ewige Denken und Analysieren abstellen und reinspüren. Da gibts in der Tat normalerweise irgendwelche Regungen in uns. Denen über Bewegung Ausdruck zu geben ist was so dermaßen Geiles^^ Gibt Leute, die da unbewußt von selbst hinkommen. Aber manche Leute stehen sich mit dem Kopf selbst im Weg dabei, diese Dinge mitzukriegen. Box.

    Was nicht heißt, daß der Kopf „böse“ wäre oder so. Er ist überaus wertvoll für viele Dinge. Aber wenn er die alleinige Kontrolle über den Alltag zu übernehmen versucht, schneidet er uns von einigen anderen Dingen ab. Letztlich geht es drum, mit Körper, Geist und Seele (oder wie auch immer man das nennen und klassifizieren will) wieder „ganz“ zu werden, alle Anteile in uns gleichwertig handeln zu lassen.

    Ich hab in einem älteren Beitrag mal geschrieben: „Parkour ist eine Chance, wieder Mensch zu werden“. Vor dem Hintergrund der letzten Absätze dürfte dieser Satz eine ganz eigene Dimension bekommen haben^^ Klar kann man Parkour auch rein physisch betreiben. Damit aber verpaßt man eine große Chance, sich auch persönlich weiterzuentwickeln. Und worum gehts eigentlich letztlich in dem, was wir tun?^^

    Lieben Gruß,

    Malte

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