Archive für Januar 2008

Hindernisse

Hallo,

Ein paar Worte zu Parkour, Hindernissen und Alltag.

Parkour ist ja eine Kunst, die sich unter anderem mit dem effizienten Überwinden von Hindernissen beschäftigt. Immer wieder wird auch betont, dies lasse sich auf das eigene Leben, auf den Alltag übertragen; entweder durch Nutzung als Sinnbild für den Alltag oder eben als Training im Umgang mit schwierigen Situationen; beides stimmt, doch wie funktioniert das?

Hast Du mal beobachtet, wie Menschen im Alltag mit Hindernissen, sprich: Problemen aller Art umgehen? Denn solche gibt es im Alltag eines Jeden mehr oder weniger. Was kann nicht alles zum Hindernis, zu einer einschränkenden Schwierigkeit werden: große Berge an Arbeit, die von uns in Schule, Studium/Ausbildung oder Job verlangt werden, die uns manchmal über den Kopf wachsen mögen. Alle möglichen Regeln, Normen, Erwartungen. Die Vielzahl der Dinge, die unsere Aufmerksamkeit fordern und uns kaum Zeit für uns lassen. Das Finanzloch auf dem Konto. Der eigene innere Schweinehund, der mich dieses oder jenes nicht umsetzen läßt. Eltern oder Chefs mit ihren Forderungen und Reglementierungen. Krankheiten. Oder was auch immer - die Liste möglicher Schwierigkeiten ist lang.

Wie gehen nun Menschen mit solchen Schwierigkeiten um? Schau Dich mal um, bei anderen Menschen und bei Dir selbst: was für mögliche Verhaltensweisen gibt es?

Ich nenne im Folgenden mal einige; diese Liste ist mit Sicherheit nicht vollständig und bedarf dringend einer Ergänzung.

Wenn Hindernisse der oben genannten Art im Alltag auftauchen, dann gibt es Leute, die diesen Hindernissen ausweichen. Die die Probleme nicht angehen. Die die Probleme einfach bestehen lassen, sich mit anderen Dingen beschäftigen und nichts an den eigentlichen Gegebenheiten ändern.
Dann gibts Leute - eine Steigerungsform davon - die die Probleme kleinreden oder sie einfach ignorieren oder einfach das Problem wegdefinieren (”eigentlich war mir die Lohnerhöhung ja sowieso egal”). Oder, noch grandioser: das Problem an sich wegzudefinieren und einfach so zu tun, als sei da gar nichts - um dann genau reinzulaufen.
Andere Leute wiederum versuchen gar nicht erst, das Problem anzugehen und resignieren einfach, ohne es wirklich versucht zu haben. Meist mit einer Mischung aus Trauer und Gleichgültigkeit. Oder, noch heftiger: sie stehen vor dem Problem, fühlen sich völlig überfordert, weil es so groß erscheint, und machen gar nichts.
Dann gibts die ganz Ungestümen. Die sich auf das Problem werfen, kämpfen, es niederringen. Im Alltag heißt das, die werden massiv und streiten gegen jeden, der sich ihnen in den Weg stellt. Klagen bei jeder kleinen Chance juristisch gegen “Feinde”. Oder nutzen andere Methoden, das Problem gewaltsam zu eliminieren. Wenn man sie drauf anspricht, daß das nicht die beste Lösung sei, wird man hören: wieso, ich habs doch geschafft?

Andere Leute wiederum sind ganz schnell mit Urteilen dabei - verurteilen das Hindernis oder gar sich selbst. Können stundenlang schimpfen und wettern und darüber klagen, daß sich ihnen da was in den Weg stellt.

Was gibts noch? Natürlich die Leute, die einfach drauflosstürmen, sich aufs Problem stürzen, hauptsache Power, und dann irgendwie schauen, daß sie durchkommen. Und die, die sich die Sache einfach ansehen und dann tun, was ihnen notwendig erscheint.

Ja, dies sind nur einige Beispiele. Welche davon aber sind sinnvoll? Hier kommt Parkour ins Spiel, denn Parkour hat die unglaublich geile Eigenschaft, sehr direkt, unmittelbar und ehrlich zu sein. Denn in den meisten Fällen hat keine der oben genannten Handlungsweisen SO unmittelbares Feedback, daß man ihren Erfolg danach beurteilen könnte. Unser Alltag ist oft sehr komplex, Richtig und Falsch sind oftmals sehr relativ. Im Parkour dagegen werden die Sachen deutlich: Du bist drüber oder eben nicht, und Du hast Dich dabei auf die Schnauze gelegt oder eben nicht. Das ist sehr deutlich und unmißverständlich. Deswegen untersuchen wir mit Hilfe des Parkour einfach mal sämtliche oben aufgeführten Verhaltensweisen.

Stell Dir vor, Du stehst vor einer Mauer. Stabil, guter Grip, vielleicht brusthoch. Mit etwas Übung kein Problem, da drüberzukommen. Diese Mauer versperrt Dir den Weg, den Du gerade zu gehen beabsichtigst. Was also kannst Du nun tun?

Schauen wir doch mal, was mit den oben beschriebenen Handlungsweisen jeweils passieren würde. Ich nehme dieselbe Reihenfolge der Verhaltensweisen wie oben.

Diejenigen, die ausweichen, werden feststellen: aha, da gehts nicht weiter. Also binden sie sich vielleicht erst mal die Schuhe zu, nehmen sich einen Schluck zu trinken und grübeln vielleicht was jetzt zu machen sei; nach einiger Zeit wird so einer weggehen und das, was er hinter der Mauer zu tun hatte, eben unerledigt lassen oder auf später verschieben.
In der Steigerungsform würde so ein Mensch vor der Mauer stehen, wahrscheinlich ein wenig damit hadern, daß sie da ist, und schlußendlich erklären, das da hinter der Mauer sei für ihn ja eh unwichtig und er habe da eigentlich nie hingewollt.
Oder noch grandioser: einfach völlig zu ignorieren, daß da eine Mauer ist, und trotzdem da langzulaufen - immer wieder gegen die Mauer gegen. Und auch wirklich immer wieder - denn schließlich ist da nach der eigenen Definition nichts, was einen aufhalten könnte.

Resignieren oder sich überfordert fühlen ist auch häufig anzutreffen. Das sind dann die Leute, die vor der Mauer stehenbleiben, den Kopf hängen lassen, sich hilflos fühlen und dann resigniert abdrehen, wahrscheinlich erfolglos drüber nachsinnend, ob sie nicht einfach hinter der Mauer wen anrufen können, der die Sachen für sie erledigt oder wasweißich. Oder, noch geschickter, der Weg der Überforderung: man hocke sich unmittelbar vor die Mauer, nähere sich, so daß die Augen nur noch höchstens dreißig Zentimeter von der Wand entfernt sind. Was hat man dann im Gesichtsfeld? Natürlich, überall nur Mauer. Kein Wunder, wenn man sich hilflos und klein fühlt, wenn das Problem so übermächtig zu sein scheint. Oder? Da kann man doch nur verzweifeln?

Die Methode des Kampfes ist auch immer mal wieder zu beobachten. Am Beispiel der Mauer hieße das: ich besorg mir ne Spitzhacke, oder noch besser einen Preßlufthammer. Oder gar einen Bagger. Und dann nichts wie drauf auf die Wand, weg damit, stört doch eh. Immer feste druff, bis sie so kaputt wie möglich ist. Und da ich ein gründlicher Mensch bin, zerstöre ich die Mauer nicht nur so, daß ich durchkomme, sondern gleich völlig und ganz. Ja, und wenn Du dann so einem Baggerfahrer ins Gewissen redest und ihm sagst, das wäre doch auch sanfter gegangen, wird er, in den Trümmern stehend, Dir stolz sagen: wieso, hat doch funktioniert, ich bin doch durch?

Urteile sind auch klasse. Funktioniert so: ich komm an die Mauer, stelle fest, daß mir da was im Weg steht, und werd erst mal sauer. Oder weinerlich. Stelle mich vor die Wand, trete dagegen, schimpfe oder weine. Verurteile die Wand, find sie reichlich blöde, schimpfe auf die Leute, die diese Wand erbaut haben und finde garantiert tausend Argumente, warum es blöde war, die gerade da hinzubauen. Oder aber ich finde Argumente dafür, warum ich unfähig bin. Weil ich etwa den Weg falsch geplant habe. Auf die Idee, über die Mauer zu klettern, komme ich so aber bestimmt nicht - das wäre zu einfach, das wäre ja eine Lösung. Viele Menschen stecken so in ihren Problemen fest, daß sie Lösungen gar nicht sehen mögen.

Was war da noch? Ach ja, die Unbedachten. Die, kaum daß sie die Mauer wahrgenommen haben, sich schon auf Selbige stürzen. sich irgendwie dagegen schmeißen und schauen, was passiert. Vielleicht knallen sie einfach nur dagegen und müssen feststellen, daß sie nicht durchkommen. Vielleicht bekommen sie mit etwas Geschick denn doch die Mauerkrone zu fassen und können sich irgendwie drüberschwingen. Wie sie dann auf der anderen Seite aufkommen, ist allerdings schon wieder Glückssache - mit viel Glück kommen sie tatsächlich unbeschadet rüber. Und sind dann ganz stolz auf ihre Künste - denn sie haben ja funktioniert.

Und dann gibts noch die, die sich die Mauer kurz, aber gründlich und sachlich ansehen und halt drüberklettern. Oder beim Angucken feststellen, daß da etwas weiter rechts ein Durchgang ist, den man problemlos benutzen kann.

So betrachtet klingt vieles davon reichlich skurril, oder? Dabei habe ich nichts anderes getan, als einfach und ohne Übertreibung ganz normale, alltägliche Verhaltensmuster, die sich bei vielen Menschen beobachten lassen, auf eine einfache Parkoursituation zu übertragen. Wie gesagt, Parkour ist in einem gewissen Sinne sehr direkt und ehrlich - gewisse Dinge werden daran sehr deutlich.

Wenn aber diese Dinge so skurril sind, warum tun wir das dann ständig?

Vielleicht wird jetzt auch verständlich, in welcher Weise Parkour genutzt werden kann, um auch ein Bewußtsein für den Umgang mit Alltagssituationen zu bekommen.

Übrigens sind mir einige der genannten Situationen im Parkour sogar auch schon begegnet. Das mit dem Urteilen, das Irgendwiedrauflos und einige andere Dinge sind soo selten gar nicht mal im Umgang mit Hindernissen, auch im Parkour.

Parkour hat die Kraft, solche Dinge in ihrer ganzen Skurrilität sichtbar zu machen - wenn man drauf achtet und sich für Erfahrungen dieser Art öffnet. Und damit bekomme ich die Möglichkeit, mir die Vielfalt möglicher Reaktionen anzusehen und vertraut zu machen - udn dann jeweils, im Parkour wie im Alltag, bewußt entscheiden zu können, welches Mittel ich nehmen mag. Frei ist, wer die Wahl hat - viele unserer Verhaltensweisen sind mehr oder weniger automatische Reaktionen, Muster, die wir uns im Laufe unseres Lebens angeeignet haben. Indem wir diese erkennen, können wir auch Alternativen prüfen, bewußter durch den Alltag gehen - und gewinnen damit erheblich an Freiheit. Denn in den allermeisten Fällen haben wir erheblich mehr Wahlmöglichkeiten, als wir meinen. Ob die Mauer da steht oder nicht können wir uns zwar nicht aussuchen. Wie wir mit dem Fakt der dort existierenden Mauer umgehen, können wir allerdings sehr wohl beeinflussen. Und nur zu oft wird dann erkennbar sein: auch wenn mir gerade ein Bagger fehlt, kann es sehr wohl Möglichkeiten geben, diese Mauer zu überwinden.

So, genug gelesen. Raus jetzt ins Leben - und glaub mir ja nichts. Überprüfe meine Worte, wenns Dich interessiert, teste, widerlege oder verifiziere das, was ich schreibe. Wenn Dus mir einfach nur glaubst, hast Du nciht wirklich Einsicht erreicht. Die kann ich Dir nicht abnehmen, das mußt Du schon selbst tun.

Ich bin gespannt, von Deinen Erfahrungen zu hören.

Lieben Gruß,

Malte

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