Das Dilema von Parkour, Bewegung und Lehre

Ich habe gerade ein Parkourvideo gesehen. Und es hat mich berührt und zutiefst nachdenklich gestimmt.

Meine Gedanken hierzu sind noch erheblich unstrukturiert; es sind mehrere Fäden, die hier zusammenlaufen. Noch ist es viel Text, viel Annäherung; vielleicht merkst Du ja, worum es mir geht. Wahrscheinlich werde ich diesen Text in den nächsten Tagen durch einen prägnanteren ersetzen – sobald ich mich selbst richtig verstanden habe.

Es war ein Video von einem Erzieher-Azubi, der selbst schon jahrelang Parkour betreibt, den ich kenne und schätze. Er hat ein Parkourprojekt in seiner Einrichtung gemacht und einen Tag des Gruppentrainings gefilmt – er und drei Kinder auf einem Abenteuerspielplatz.

Ich wurde immer verdutzter, als ich dieses Video sah – es war ein Parkourtraining, beinhaltete aber rein gar keine Grundtechniken. Und keine einzige schnelle Bewegung. Alles, was darin geschah: er ließ die Kids jede Menge balancieren, hangeln und an irgend etwas entlangkraxeln.

Parkour? Parkourtraining?

Wie mir später auffiel: ja. Und nein. Und irgendwie auch wieder doch.

Das Bild des Parkour ist weitgehend geprägt von den „Profis“: Leuten, die sich mit unglaublicher Geschwindigkeit fast fliegend durch den Großstadtdschungel bewegen. Ja klar, wir wissen alle, daß da ne Menge Training zu gehört, daß man sich da rantasten und viel kleinteilige Basisarbeit machen muß. Ja. Aber nebenbei, wissen wir das wirklich? Halten wir uns dran?

Wenn Anfänger mit dem Parkour beginnen, sind es oft eben diese schnellen Bewegungen, welche den Reiz ausmachen. Viele – zumindest die vernünftigeren – machen Basisarbeit wie Krafttraining etc., aber so ziemlich jeder beginnt recht schnell auch mit den schnellen, heftigen Sachen, vor allem mit den Grundtechniken. Sind nicht sie es, die Parkour ausmachen?

Die meisten Leute, die länger dabei bleiben, verschieben mit der Zeit den Schwerpunkt ihrer Bemühungen in Richtung Basisarbeit, also erst mal die körperliche Basis aufzubauen, um die Sprünge auch wirklich machen zu können. Auch mir ging das so: ich mache heute, nach fast zwei Jahren Training, Sprünge nicht mehr, die ich nach einem halben Jahr noch gemacht hatte. Ich hab mich ein wenig von den Extrma verabschiedet bzw nähere mich früheren „Leistungen“ langsam wieder an. Ähnliche Prozesse sehe ich bei vielen – daß man mit der Zeit merkt, worum es eigentlich geht, und langsamer, dafür aber gründlicher aufbaut.

Und ja, eigentlich wäre es sinnvoll so anzufangen. Erst von vornherein langsam aufzubauen und die „großen“ Sachen erst langsam mit dazuzunehmen.

Doch, Dilemma Nr. 1: es sind gerade die größeren Dinger, die motivieren. Diese Motivation auf „später“ zu verlegen, um erst mal klein anzufangen, übersteigt erheblich die Geduld der meisten Anfänger.

Und natürlich wäre es sinnvoll, so anzufangen, wie der Trainer in jenem Video das mit seinen Kindern machte: viel experimentieren lassen, viel ausprobieren lassen, und erst nach und nach kleine Hilfen anzufüttern, so daß die Kinder sich die Grundtechniken praktisch von selbst erarbeiten und sie damit flexibler nutzen können, als wenn man ihnen gleich ein Standardrepertoire von Bewegungen zeigt. Vgl. dazu auch meinen Beitrag „Lernwege“. Das Lernen wäre somit erheblich gründlicher, das erlernte Wissen nutzbringender, die Bewegungen natürlicher statt auf einige Bewegungsmuster limitiert.

Dilemma Nr. 2 ist daher die häufige Fixierung auf die Grundtechniken – die Ungeduld verleitet dazu, schnell vorankommen zu wollen. Und diese Grundbewegungen bieten sich hier geradezu an – nur überspringt man dabei das eigene Erarbeiten, welches an sich unglaublich lehrreich ist und die Basis für natürliche, freie Bewegung darstellt.

(zu freier Bewegung übrigens einen neuen, mehr als sauguten Beitrag von Hebertiste im parkour.net-Forum: http://parkour.net/forum/index.php?s=&showtopic=13448&view=findpost&p=164907; Lang, aber lohnt sich. Aber so was von!)

Doch wenn ich mir das Video so ansehe; wenn ich nach dem Training die Kinder fragen würde: „so, und was habt Ihr heute gelernt?“ wüßten die wahrscheinlich nicht allzu viel zu sagen. Klar, würden sie sagen, wir haben eine gute Zeit gehabt. Aber gelernt?
Ich mein, klar haben die Kinder dabei gelernt. Sie haben einen Ansatz bekommen, sich mehr oder weniger natürlich zu bewegen.

(Dabei Dilemma Nr. 3: wie natürlich war das wirklich? Es waren langsame, gezielte Aktionen. Die Kinder bewegen sich, statt vor der Glotze zu sitzen, das ist ein verdammt guter Anfang. Aber war das wirklich spielerisch, war das wirklich frei? War das so, wie Kinder sich über all die Jahrhunderte und Jahrtausende spielend draußen bewegt haben, bevor es Computer gab? Denn eigentlich geht es doch darum, sich frei zu bewegen, und da können an sich wir von Kindern noch ne Menge lernen – solange sie gewissermaßen natürlich aufwachsen konnten. Bringt nun Training dieser Art Kinder näher an ihr Bewegungspotenzial oder entfernt es sie sogar von der Freiheit der Bewegung, die sie mit ihrer unbeschwerten Art so haben, indem wir ihnen Aufgaben und Muster aufdrücken?)

Aber zurück zum Lernen, denn das ist Dilemma Nr. 4. Was also haben sie gelernt? Wären sie nach der Trainingseinheit in der Lage, weiter zu trainieren, und würden das treffen, was Parkour ausmacht? Müssen wir überhaupt ständig was lernen? Aber ist nicht genau das Aufgabe eines Workshops? Haben sie einen Durchblick erhalten, in welche Richtung es weiter zu trainieren gilt, oder sind sie für weitere Trainings von einem Coach abhängig?

Im hier vorliegenden konkreten Fall ging es drum, Parkour an Kinder weiterzuvermitteln. Kleines Seitendilemma Nr. 5: bei aller Bewegungsfreude, die Kinder so haben: verdammt noch mal, wie kann man denen Parkour vermitteln, ohne die noch jungen Körper zu überlasten? Einerseits sind genau Kinder wie geschaffen dafür, sich entsprechend zu bewegen. Andererseits ist gerade ein Körper in dem Alter noch zu verformbar für Dinge wie Krafttraining, Drops etc. Wie kann ein sinnvolles Kinderprogramm aussehen, wie unterscheidet sich das von einem guten Erwachsenentraining? Da gibts bisher m. W. auch noch wenig Infos und Erfahrungen zu.

Das Hauptdilemma aber: Was ist eigentlich freie Bewegung? Wie kann man die leben, wie kann man die vermitteln? Entgegen aller Sensationslust, aber auch nicht zu statisch. Spontan und gern auch mal schnell, aber in einem gewissen Rahmen. Frei und doch strukturiert. Als Trainer Unabhängigkeit lehren. Wie, verdammt, geht das?

Whatever. Maybe you got my point.

Lieben Gruß,

Malte

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6 Kommentare zu Das Dilema von Parkour, Bewegung und Lehre

  1. Phil sagt:

    Hi Malte,

    meinte wegen kannst du das video auch verlinken. Ich hoffe aber, dass es schnell auf PkONE kommt.

    Wir sehen/sprechen uns am freitag

    lg
    Phil

  2. Gregor sagt:

    Hi,
    ich bin der Ansicht das man immer wenn man sich bewegt, etwas neues lernt. Wenn nicht bewusst, aber man lernt. Deshalb investiert man ja soviel Zeit ins Training.
    Mir ist das oft erst klar geworden als ich im Zug auf dem Nachhauseweg sahs und mir nochmal mein Training durch den Kopf gehen lassen hab.
    Ein kleines Kind wird nicht das Verständnis dafür haben, um genau die Frage jemanden zu beantworten aber wenn es das gleiche (Hangeln, Klettern, Balance) an einem anderen Tag wiederholen würde, wüsste das Kind besser, wie man Füße platzieren müsste oder die Hände hilfreich einsetzen kann.

    Mich würde das Video auch interessieren, kannst du mir nen Link zukommen lassen?

    freundliche Grüße
    Gregor

  3. Trickstar sagt:

    Ich hatte letztens einen Gedankengang, der eine parallele zum Grundgedanken von dir hat: Wir wollen rausgehen aus unseren Zimmern und Parkour machen – aber um Parkour zu machen, muss man erstmal Parkour lernen, und um Parkour zu lernen, muss man als allererstes Laufen lernen, und um Laufen zu lernen, muss man erstmal das Gehen erlernen, und um Gehen zu lernen muss man erstmal aus dem Zimmer rausgehen und es tun, und dafür ist es notwendig seinen Alltag umzuändern und auf Bequemlichkeiten zu verzichten, und letzteres wollen wir meistens nicht, und dann müssen wir uns überwinden, und wenn wir uns überwinden müssen verlieren wir die Freude daran.

    Die Schlußfolgerung wäre, dass wir wirklich zuerst die Freude an der Bewegung entdecken müssen, dann die Freude am Gehen, und dann am Laufen, und dann am Lernen, und dann an Parkour.

    meine zehn cent 😛

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