Lernwege

Forenbeitrag vom 12. November 2007 im Forum auf Parkour.de. Das Original seht im Beitrag „die Bewegung geht verloren!!“ von PascalPK. In diesem Beitrag hatte sich eine mehr oder weniger hitzige Diskussion darum entsponnen, ob nun die Grundbewegungen zu trainieren sinnvoll sei oder ob dabei nicht die Bewegung als solche verloren gehe. Der Originalthread steht hier: http://parkour-germany.de/board/wbb/index.php?page=Thread&threadID=8190

Lese gerade ein Buch von einem gewissen Herrn Feldenkrais, der sich intensiv mit Bewegung auseinandergesetzt hat und der damit auch durchaus einige Impulse zu Körperentwicklung und Parkourtraining gibt. Das Buch trägt den wunderschönen Namen „Bewußtheit durch Bewegung“. Aus diesem Buch möchte ich einige Punkte herausnehmen und mit dem Thema hier in Zusammenhang stellen – weils gerade so schön paßt. Dabei gehts mir gerade nicht um Bewegung an sich, sondern darum, wie man sie lernt – die Anwendung auf das Threadthema wird bald deutlich werden.

Feldenkrais hat u. a. untersucht, wie Menschen lernen. Er gliedert dabei drei Möglichkeiten aus, etwas zu lernen:

a) der natürliche Weg. Sprich: man TUT die Dinge einfach. Lernen durch Trial and Error, und das entwickelt sich eben. So haben wir alle mal laufen gelernt. So haben die Steinzeitleute Jagen oder Gerben gelernt. So haben wir ursprünglich als Kinder bevorzugt gelernt: man tut es eben, und dabei entwickeln sich gewisse Fertigkeiten von selbst.

b) mag dann der eine oder andere dabei sein, der ein wenig herumprobiert und feststellt: oh, so geht es noch besser. Er mag Laufen auf dem natürlichen Weg gelernt haben und stellt nun fest: wenn man die Füße so oder so setzt, rennt man kraftsparender. Sprich, er entwickelt seine Fertigkeit eine Stufe weiter. Vielleicht findet jemand anders etwas anderes heraus, und strickt sich sein System daraus. Viele der Künste dürften vor allem so entstanden sein. Und ja, auch Parkour.

c) ist der systematische Weg. Jemand hat sich vielleicht hingesetzt, ein System entworfen, erforscht nun die Möglichkeiten systematisch, bastelt ein Konzept draus, nach dem er arbeitet. Das Ergebnis ist oft hoch effizient. Viele Berufe folgen diesem Muster. Hier würde ich die Entwicklung und das Training der Grundtechniken einsortieren.

Meine persönliche Beobachtung ist, daß bei der Entwicklung eines Weges oft eine dieser Herangehensweisen dominiert; allerdings ist es m. E. durchaus möglich, sich einem Sachverhalt mit mehreren dieser Herangehensweisen gleichzeitig anzunähern.

Feldenkrais hat sich auch Gedanken drüber gemacht, welchen dieser Wege er für den sinnvollsten hält. Hierzu möchte ich ihn selbst sprechen lassen:

„In vielem ist es schwer zu sagen, ob der natürliche Weg der beste sei oder ob einer gleich damit beginnen solle, das methodische Stadium zu erlernen. […] Viele verstehen sich nicht aufs Trommeln, aufs Diskuswerfen, auf Hoch- und Weitsprung, aufs Atmen, aufs Flötenspiel, aufs Zeichnen, Rätselraten und viele andere ’natürliche‘ Tätigkeiten, die früher nie anders als auf dem natürlichen Weg erlernt wurden. Nur, heute wagt’s einer kaum, sich derlei selber beizubringen, da es ja dafür anerkannte Methoden gibt. […] er kann dafür keine Aufmerksamkeit erübrigen und ist vor allem beschäftigt mit Tätigkeiten, die er systematisch und bewußt erlernt hat. Solche Menschen nützen zwar der Gesellschaft wie sie ist, aber es fehlt ihnen an Spontaneität, und auf Gebieten außerhalb ihres beruflichen tun sie sich mit dem Leben schwer.[…]
Die dritte Stufe, die systematische, hat ihre Tücken. Zum Beispiel: was llgemein als ‚Gebiet für Spezialisten‘ gilt, wird von vielen für unzugänglich gehalten von vornherein. Sie versuchen nicht einmal, es zu betreten; sie versuchen nicht einmal, die ersten beiden Stufen zu erreichen, obwohl diese jederman erreichbar sind. Trotzdem ist diese Stufe sehr wichtig. Durch systematisches Tun können wir Verhaltens- und Handelnsweisen finden, die unseren […] Bedürfnissen entsprechen und die wir auf dem ’natürlichen Weg‘ vielleicht nicht finden würden, weil Umstände und äußere Einflüsse uns in Bahnen gelenkt haben mögen, in denen weiterzukommen unmöglich ist.“

Kurz auf den Punkt: systematisches Handeln ist sinnvoll, gut und notwendig, und damit hat das gezielte Training der Grundbewegungen durchaus Wert. Doch ist das Andere, das Ausprobieren, das natürliche Lernen, mindestens ebenso wertvoll. Und, wenn ich das noch ergänzen darf: jede Systematik birgt immer die Gefahr der Unvollständigkeit, was durch das natürliche Lernen wieder aufgefangen werden kann.

Daß das sture Nachmachen von Grundbewegungen gar nicht unbedingt soo systematisch ist, lasse ich hier mal außen vor – immerhin ist es ein System, innerhalb dessen man sich bewegt, wenn man danach trainiert.

Wir werden heute in Schule und Beruf oft darauf getrimmt, den systematischen Weg zu wählen. Ich halte das für notwendig, aber erheblich unvollständig. Die Folgen hat Feldenkrais ja bereits gut auf den Punkt gebracht.

Unsere Wahl, ob wir diese Fehler der Gesellschaft im Parkourtraining – unsere Freiheit, Hobby, Lebensphilosophie, persönlicher Entwicklungsweg – ob wir diese Fehler da wiederholen, oder ob wir endlich mal lernen, unser Potenzial voll zu nutzen.

Darum geht es aus meiner Sicht bei der Diskussion über die Rolle der Grundbewegungen im Parkour.

Und wer jetzt verstanden hat, ich sei für oder gegen ein Training der Grundbewegungen, hat nicht verstanden, was ich sagen wollte. Punkt.

Freue mich über Rückmeldungen aller Art.

Lieben Gruß,

Malte

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2 Kommentare zu Lernwege

  1. Marc sagt:

    Hey hey hey 🙂

    Feldenkrais …ja, von dem habe ich auch schon ein Buch gelesen. Ich denke ich werde es mal wieder ausgraben und mir zu Gemüte führen 🙂
    Freu mich schon auf unser Wiedersehen, wann immer das kommen mag. Ich denke es gibt mehr als reichlich Erfahrung die es auszutauschen gilt 🙂 !!!

    Gruß,

    Marc

  2. forerunner sagt:

    Gibt es noch mehr empfehlenswerte Bücher zu solchen Themen ?
    Also zu Lerntechniken, Gedankengänge etc. die das mentale Lernen im Parkour unterstützen ?
    Wäre schön wenn jmd. oder du welche kennst und empfehlen kannst.

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