Den Körper kennen(lernen)

Erschreckend. Immer wieder…

Ich bin heute abend auf den Seiten von parkour.net herumgesurft und habe versucht, einiges herauszufinden über korrekte Landungen. Und mußte mal wieder feststellen: eigentlich weiß kaum einer so richtig was Genaues. Einige meinen, die einzig und allein richtige Lösung zu haben, doch da diese Leute sich oft genug gegenseitig widersprechen, können sie wohl nun nicht alle recht haben.

Wovon die Diskussion geprägt war, war vor allem von einer großen Unwissenheit über die Zusammenhänge im Körper. Dieses fehlende Wissen ist fürchterlich verbreitet in der Parkourszene. Wie kommen wir eigentlich dazu, unsere Körper gezielt extremen Bedingungen auszusetzen, ohne diese gut zu kennen? Das KANN doch langfristig nur zu Schäden führen.

Wer weiß schon wirklich, wie ein Kniegelenk aufgebaut ist und wie es funktioniert? Wer weiß, welche Körperelemente (es sind nicht nur die Muskeln, oh nein!) am Abfangen eines Aufpralls wirklich beteiligt sind, wie die zusammenarbeiten? Wer hat überhaupt Ahnung vom Tusammenspiel der Einzelteile unseres Körpers und wie man den am besten so ausbildet, daß dieses Zusammenspiel optimal laufen kann (halte ich sogar für wichtiger als Krafttraining)? Welche Möglichkeiten gibt es, den Aufprall bei Drops im Körper zu verteilen, und was davon ist unter welchen Bedingungen (Vorwärtsbewegung? Höhe?) sinnvoll? Welche Belastungen treten dabei eigentlich genau auf, was hat der Körper abzufangen? Was ist eine gute Körperstruktur, und wie wirkt Tätigkeit und Ausbildung unseres Bewegungsapparates auf die anderen Körperfunktionen? Wie ist zB der Zusammenhang zur Atmung? Und wofür sind die kleinen, feinen Muskeln in den unteren Muskelschichten, die sich unserer bewußten Kontrolle entziehen?

Die Liste der Fragen könnte ich noch erheblich weiter stricken. Daß wirklich jemand Antworten weiß, ist selten – aber fast jeder hat Meinungen, Theorien etc was man alles machen sollte und was nicht.

Bevor hier irgend welche Mißverständnisse entstehen, gleich vorweg: nein, viel besser bin ich da auch nicht, auch ich weiß verdammt wenig. Aber ich bin mir dessen voll bewußt und arbeite dran. Wobei, den Anspruch haben wir doch irgendwie alle, oder? Halten wir uns aber auch dran?

Frage ist, wie kann man überhaupt etwas über den Körper lernen? Allein aus Büchern und Internettexten mit Sicherheit nicht. So wichtig Wissen ist – ich behaupte, daß die moderne Wissenschaft viele Dinge noch gar nicht erkannt hat, einige Schwerpunkte anders setzt, als für Parkour nötig wäre, nicht alle Zusammenhänge erklärt. Das sieht man schon daran, daß es zig wissenschaftliche Systeme gibt; allein schon das westliche, welches wir gewohnt sind, und die asiatischen Herangehensweisen, die völlig andere Schwerpunkte setzen. Innerhalb derer gibt es wieder unterschiedlichste Systeme, wie Rolfing, Feldenkrais, Wushu, Chi Gong, T’ai Chi und wasweißichwasnochalles. Diese Systeme widersprechen sich teilweise gegenseitig, aber sind jeweils in sich weitgehend stimmig – davon abgesehen, daß es innerhalb jeder einzelnen Richtung etliche Diskussionspunkte und unterschiedliche Meinungen / Herangehensweisen gibt.

Sprich: es lohnt sich, durch all diese Systeme durchzustöbern und sich selbst seine Zusammenhänge zu knüpfen. Und sich daraus sein eigenes Bild vom Körper zu machen. Man hüte sich aber davor, jemals zu sicher mit seiner eigenen Meinung zu werden! Der Mensch erkennt in der Regel nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit, und jemand, der einen anderen Ausschnitt kennt, kann zu anderen Ergebnissen kommen und hat ebenso recht wie man selbst. Erst wenn man gemeinsam zusammenlegt, erweitert sich der eigene Horizont wirklich.

Doch jede theoretische Beschäftigung ist an sich schon zu wenig. Letztlich muß es ja drum gehen, den Körper, seinen Bau und seine Funktion kennenzulernen. Und das geht nicht rein in der Theorie. Meinen eigenen Körper lerne ich nur kennen, wenn ich mich wirklich mit ihm beschäftige. Wenn ich all die erlernten Theorien auch gleich auf den Körper anwende. Einfach mal nachfühlen: da fühle ich diesen Muskel, jene Sehne. Und wenn ich das jetzt anspanne, bewegt sich das so und so. Und durch die Bewegung passiert auch was mit den anderen Muskeln. Was mit welchen?

Sprich, es geht um die Neugierde, den eigenen Körper und seine Funktion zu entdecken. Das kann mit Hilfe der Theorie sein, die man an sich selbst gleich nachvollzieht (und rechne damit, viel davon als Schwachsinn zu entlarven!). Doch das muß nicht nur in der Theorie sein; viel geht auch übers spielen. Wenn ich so springe, und so lande, wo geht dann der Schlag hin, welche Muskeln arbeiten, was passiert da im Körper? Wie kann ichs anders machen, wo geht der Impact dann hin?

Und bitte, vergiß nicht, daß der Körper erheblich mehr ist als die Summe seiner Einzelteile. Letztlich geht es immer wieder darum, den ganzen Körper als solchen zu spüren, seine Zusammenhänge kennenzulernen. Dich wirklich wahrzunehmen; denn Du hast nicht einen Körper, in erster Linie BIST Du ein Körper. So betrachtet ist es eigentlich krass, was wir alles NICHT wissen und mitbekommen, oder?

Sprich: informiere Dich kräftig, bilde Dir Dein eigenes Bild. Setze es um in die Praxis, probiere es aus, ohne zu sehr den Theorien zu verfallen. Spüre Dich, den Körper, der Du bist. Und genieße es, wie Du Dich bewegst – das ist eine gute Grundlage.

Informationen gibt es im Netz und in Büchern reichlich. Daran solls nicht scheitern. Und Körper bist Du immer, kannst also jederzeit ausprobieren, neugierig sein. Ob Du abends, schon umgezogen, Deinen Körper inspizierst, herauszufinden versuchst, was einige Muskeln genau tun. Ob Du beim Training bewußt spürst, wie sich Dein Körper bewegt. Ob Du Bücher über Trainingslehre (selbst die ist in der Szene reichlich unbekannt!), T’ai Chi oder Anatomie liest. Oder einfach mal ausprobierst, wie dieses oder jenes funktioniert, und auch auf Details Deiner Bewegung achtest.

Wir haben nur den einen Körper. Wenn der gut funktionieren soll, muß der auch gut gepflegt werden – und blindes Krafttraining ohne Hintergrundwissen ist dafür definitiv nicht genug.

Ich wünsch Dir eine gute Portion Neugierde. Viel Spaß beim Erforschen!

Lieben Gruß,

Malte

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