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27.10.2007 von parkourblog.
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Freerunning ist in der Parkourszene immer wieder verrufen. Man habe nichts miteinander gemein, so der übliche Tenor. Die Bewegungen seien ähnlich, und das wars. Die Philosophie - falls es denn eine gebe, sei komplett anders. Oder: Parkour minus Philosophie plus akrobatische Einlagen gleich Freerunning. Flips sind kein Parkour, und wenn in einem Video ein Flip auftaucht, ist es damit kein Parkour mehr, sondern Freerunning.
Aber stimmt das alles auch so? In den Diskussionen, so lebhaft sie geführt werden, vermisse ich schon seit langem wirklich fundiertes Wissen über das, was die jeweiligen Disziplinen ausmacht. Und schon lange beobachte ich, daß zunehmend eher unbedeutende Nebensymptome (Flips) zu definitorischen Zwecken herangezogen werden - was eher von einem Mangel an Kenntnis der eigentlichen Inhalte zeugt.
Im Rahmen ausführlicher Recherchen zum Thema Parkour (in der Richtung kommt von mir in nächster Zeit noch mehr) hatte ich in den letzten Wochen die Gelegenheit, in einige der Themen tiefer einzutauchen. Aus den Rechercheergebnissen und meinen Gedanken dazu möchte ich hier einige Dinge zusammenstellen - die einen weniger üblichen Blick auf die Verständnisschwierigkeiten zwischen Freerunnern und Traceuren werfen. Ich weiß, daß die folgenden Zeilen bestehende Bilder angreifen und nicht widerspruchslos bleiben werden. Dennoch ist es mir ein Anliegen, auf eine ganze Reihe von Mißverständnissen hinzuweisen.
Im Folgenden kann ich nicht die ganze Geschichte erzählen; ich verkürze bewußt und beschränke mich auf das, was mir wichtig erscheint.
Fangen wir am Anfang an. In den 1980er Jahren lernte ein kleiner Junge namens David Belle von seinem Vater diverse Dinge, die er dann auf die Verhältnisse der Pariser Vorstädte übertrug. Zunächst war es ein Kinderspiel, und andere Kinder schlossen sich an. Mit den Kindern wurde mit der Zeit auch die Art der Bewegung erwachsen; aus Spiel wurde zunehmend ernsteres Training, Techniken entstanden, Inhalte wurden vertieft. Hieraus entstanden eine Menge Wege; zunächst formierte sich eine Gruppe, die später als die “Yamakasi” bekannt werden sollte. David Belle und ein gewisser Sebastién Foucan, zunächst dabei, trennten sich von dieser Gruppe ab und gingen ihre eigenen Wege, fanden jeweils weitere Menschen, die sich ihnen anschlossen. Inwiefern bei der Trennung persönliche Befindlichkeiten mit im Spiel waren, ist aus heutiger Sicht schwer nachzuvollziehen. Jedenfalls entwickelten alle drei Gruppen ihre Wege recht individuell weiter.
Die wohl bekannteste Trainingsmotivation brachte David Belle selbst mit. Sein Vater hatte im Vietnamkrieg gekämpft und später als Feuerwehrmann gedient, wo er seine Fertigkeiten einsetzte, um Leben zu retten. David, der seinen Vater verehrte und ihm nacheiferte, hatte also eine klare Trainingsmotivation: die Fähigkeit zum Flüchten zu haben und seine Fähigkeiten so zu entwickeln, daß man anderen Menschen damit helfen kann. Parkour ist also rohes Ums-Leben-Rennen - oder seine Skills zum Wohle Anderer einsetzen zu können, gerade auch lebensrettend. Die Bewegungen des Parkour mußten also effizient sein; ohne Effizienz war der Fluchtgedanke abwegig, und auch lebensrettende Maßnahmen in Extremsituationen erfordern effizientes, direktes Handeln.
Sebastién Foucan hingegen bewegte sich ähnlich, hatte aber eine grundsätzlich andere Trainingsmotivation. Ihm ging es weniger um Nützlichkeit für Andere oder den Fluchtgedanken. Foucans Ziel ist es, sich durch die Bewegung auszudrücken und sich persönlich weiterzuentwickeln. Sein Ideal ist es, sich wie Wasser an die Gegebenheiten anzupassen; er sieht die Effizienz in seiner Kunst darin, der jeweiligen Situation angemessen zu handeln. Da ein wesentlicher Fokus im persönlichen Ausdrücken in Form von Bewegung besteht, gehören akrobatische Elemente wie Flips ausdrücklich mit dazu - wenn es eben gerade passend ist. Allerdings - und da täuschen sich viele in der Parkourszene - geht es ihm hierbei nicht um Show: “[I’d like to] show people it’s not show off and money”. Es gehe mehr um den Ausdruck persönlicher Freiheit: “[Freerunning] is a REVOLUTION and something free with no limit!” (Quelle: http://foucan.forumactif.com/bienvenue-welcome-f1/sebastien-foucan-interview-ask-your-questions-t1183.htm - SEHR lesenswertes Foucan-Interview, was so einige Fragen klärt).
Damit hat Freerunning sehr wohl eine “Philosophie”.
Um noch die drei Richtungen zu vervollständigen: die Yamakasi ihrerseits sehen es als Trainingsziel, generell Körper und Geist zu stärken. Die Hintergründe dazu sind in der beeindruckenden Reportage “Yamakasi - Vol au dessus des Cités” (im Internet frei verfügbar) zu sehen.
Und ebenfalls der Vollständigkeit halber: über die genannten hinaus haben sich etliche weitere Richtungen entwickelt, die zumeist von kleineren Gruppen vertreten werden.
Damit noch mal ein Wort zu Flips und anderen akrobatischen Elementen, an denen wir uns so oft zur Unterscheidung der Disziplinen festbeißen: darum ging es nie. Freerunning und Yamakasi beinhalten sie, das ist so weit klar. Aber auch David macht entsprechende Dinge, wenngleich seltener, und schämt sich offenbar nicht dafür. Er sagt deutlich, daß es eigentlich nicht zu Parkour gehört. Dennoch nimmt er selbst offenbar diesen Bereich recht locker. Warum auch nicht? Gelegentlich etwas Ineffizientes zu tun kann sowohl die Freude an der Bewegung fördern - was das Training interessanter und damit wieder effizienter macht - und ist mit Sicherheit auch nicht falsch für die Körperkoordination.
Noch einen drauf: David schließt solche Dinge selbst nicht dogmatisch aus. In einer von ihm häufig zitierten Aussage heißt es: “So if you do acrobatics things on the street with no other goal than showing off, please don’t say it’s parkour.” - solange mal ausnahmsweise bißchen Akrobatik drin ist, es nicht wirklich darum geht und es nicht um Show geht, scheint er demnach nicht wirklich was dagegen zu haben. Nur grenzt er sich eben deutlich und zu Recht von Leuten ab, die auf Show gehen.
Ich glaube wirklich, es sind eigentlich nur wir in der Parkourcommunity, die solche Unterscheidungen so dogmatisch treffen. Warum eigentlich? David selbst betont ja immer wieder die Notwendigkeit des Respekts. Also auch vor Nachbardisziplinen. Warum wählen wir eine Abgrenzung über die Ausdrucksformen, während es eigentlich um handfeste Inhalte geht? Jede der oben genannten Disziplinen hat - na, ich nenns nicht gern eine Philosophie, treffender würd ich in dem Fall sagen: eine Trainingsmotivation. Darum geht es, nicht um das Vorhandensein von Flips oder Show (letztere hat in allen drei Richtungen nichts zu suchen).
A propos: sich durch Bewegung ausdrücken ist nicht gleich Show, himmelweiter Unterschied. Wohl der mißverstandendste Aspekt des Freerunning. Was bedeutet eigentlich sich ausdrücken? Wie geht das? Ich fänds durchaus spannend, das mal näher zu beleuchten. Denn das setzt menschliche Potenziale frei, die bei der reinen Konzentration auf Effizienz verloren zugehen drohen…
Bin gespannt auf Eure Kommentare.
Lieben Gruß,
Malte
Geschrieben in Allgemein | 8 Kommentare »
7.10.2007 von parkourblog.
Folgenden Text schrieb ich am 5. Oktober 2007 im internationalen, englischsprachigen Bereich auf Parkour.net. Ausgangsfrage war, ob Meditation ebenfalls hilfreich für das Parkourtraining sein kann. Da Parkour.net demnächst die meisten seiner Beiträge im Forum komplett löscht, möchte ich den Text hier reinstellen - wäre m. E. schade,wenn er verloren ginge.
Parkour IS a form of meditation!
In my understanding, you do repeat here a mistake about meditation which is very popular.
What is meditation? First of all, it is a state of mind in which you are just calm. There are ideally no thoughts any more, when thoughts pop up, you let them go instead of holding on them, as we often do in everyday life. And you are ideally just in the moment, on a certain way full and empty at the same time. Meditation is this state of calm mind, no more, no less. It is a very powerful state in which nice things are possible.
There are several ways of getting into this state of calmed mind. Some of those ways are mentioned here, and there are much more. One of the easiest: just sit down, relax, and try to find out the most silent sound around you. When you get one, find the next silent one
But whatever, there are hundreds and thousands of ways of getting there. Some are very complicated, some very easy. Some get you very deep into calmness, others not so much (but that depends not on how complicate the way is, but on how deep you give yourself into). Which way you follow is not important, as long as the way works for you.
You can even do meditation in EVERYTHING you do. Once my father gave me a big box of walnuts he had collected unter his tree, and he told me: “there is much meditation inside”. That was when I realized that you can use EVERYTHING you do to get into the moment, into calmness, when you really DO what you do instead of thinking thusands of thoughts parallely. Really: when do we REALLY do anything, being totally inside of what we do, without permanent mental distribution? Means NOT concentration, not fixation on something, but means being empty and open for te moment. I even sometimes meditate while car driving - just being fully present in the moment, really aware on anything along my way without getting into any fixation on thoughts or something around me.
And that is the mistake many people do: meditation is something very practical, which can be done in every moment. You do not have to sit down and cut yourself off the world around you, do not have to meditate away. Yes, the way of taking extra time for meditation can help to get deeper into it, to experience this state, and maybe even to work with it on a spiritual level. But never stop at this! Any meditation exercise is useless when you do not transfer it to everyday life. Every exercise always have to be a bridge to improve your life and your way of acting in reality.
I have seen many people in esoteric contexts who always only meditated in silence and took extra time for it, often in very complicated ways. They often built up new worlds of spirit and lived more and more in these parallel worlds. The effect: they had more and more problems to live their everyday reality. They improved more and more in living in these “spiritual” spaces and paid less and less attention for their physical and everyday reality. What is taht good for?
No, meditation has to be in everything that you do, not only in isolated moments. And you CAN use everything you do as a meditation: just when you let go off thoughts and really dive into the moment, into whatever you do. When you feel yourself, your body, your whole existence (and yes, the physical existence ist at least as real as the spiritual one
) and really do what you do with your full heart.
By the way: meditation is a state you maybe not feel special in. Many people think they have to feel great when they get into meditation - no, that’s not always the case. In Meditation you just don’t care about having to feel special.
…and that is where Parkour enters the game. To me, Parkour is a great, very easy form of meditation. You really have to be aware about what you do in every single moment. When you are not fully present, you may fall on your nose, hurt yourself or even break some of your bones. Normally, when you do Parkour, you are fully present in the moment. That’s already a form of meditation!
Many people I see doing Parkour - including myself - very easy drop into this kind of meditation easily just by doing fully what they do.
And I think Parkour is a very great form of meditation. It not only is an art which makes it easy to dive into, it also involves the body which is an important, but in meditations almost forgotten part of our existence.
Maybe meditation in this understanding is one of the aspects which make Parkour being an Art…
But at this point I have to make one warning: don’t try do find meditation in your Parkour training now! When you are out there, do parkour and think about how to feel meditation in your movements, then you are mentally again not really in what you are doing! Right? So, as in many cases, the sheer act of searching can hinder the finding.
Again: when you search this state actively, you shoot yourself out of the possibility to make it real. When you search those things, you won’t find them.
The only way is: just do what you do with all of your heart! Just do whatever you fell that has to be done, just be aware of yourself and of your surrounding, and really dive into whatever you do. In Parkour this will be easy for you, as you anyway have to be aware and fully present.
So just use Parkour to really BE. That’s it.
Best,
Malte
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