Gesundes Laufen

Folgenden Beitrag verfaßte ich am 14. Juli 2007 auf Parkour.de. Vorher hatte ich in Bezug auf Feiyue-Schuhe einiges in der Richtung angedeutet. Hier antworte ich auf eine Nachfrage dazu.

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Das Thema ist ein sehr großes. Ich hab mich mal eine Zeit lang damit beschäftigt, wie Naturvölker liefen und wie wir das tun. Unser Laufstil ist erheblich degeneriert. Ich deute mal paar Sachen zärtlich an Freude

Wir laufen nicht mehr in unebenem Gelände, sondern auf geebneten Straßen ohne Hindernisse. Deswegen haben wir nicht mehr die Notwendigkeit, die Füße zu heben – die unseren verlassen oft nur wenige Zentimeter den Boden. Und wir brauchen nicht mehr vorsichtig aufzutreten – es gibt kaum was, worüber wir stolpern könnten.

Geh mal bewußt ein paar Schritte auf Straße mit normalen Schuhen. Wahrscheinlich wirst Du feststellen, daß Du bei jedem Schritt mit der Ferse aufkommst. (Der Künstler Hugo Kükelhaus schrieb mal sinngemäß: Laufen ist ein ständiges Abfangen des Falls). Und achte mal drauf: Bumm. Bumm. Jeder Schritt, jedes Aufkommen mit der Ferse ist ein Schlag in die Gelenke, in die Wirbelsäule! Jedem, der gewohnt ist, so zu laufen (rund 95% unserer Bevölkerung) kann ich nur empfehlen, Schuhe mit ordentlicher Fersendämpfung zu tragen. Alles andere geht entsprechend mehr auf den Körper – was der Hauptgrund ist, warum ich Feiyues nur eingeschränkt empfehlen kann.

Einer meiner Lehrer hat sich mal neben einem mittelmäßig genutzten Waldweg eingraben lassen. Immer, wenn sich jemand näherte, konnte er das auf weite Entfernung hören – weil jeder Schlag mit der Ferse bei jedem einzelnen Schritt im Boden deutlich zu hören war. Bumm. Bumm. Bumm…

Dazu kommt, daß wir durch unsere modernen Fußbetten nicht mehr selbst den Fuß halten müssen. Ohne Fußbettgewöhnung würde der Außenspann des Fußes einen Bogen bilden, der den Fuß trägt. Heute treten die meisten Leute, wenn sie denn mal barfuß laufen, mit der ganzen Fußsohle auf, weil die Körperspannung an den entsprechenden Stellen fehlt.

Ach ja, und schau mal, über welchen Zeh Du abrollst. Bei einem normalen Schuh wird das eher die äußere Zehenreihe sein. Wenn jemand mit etwas Übung barfuß läuft, rollt er in der Regel über den dicken Zeh ab, viel gerader als in modernen Schuhen. In den Feiyues ebenso.

Dieses Thema ist mit vielen anderen verknüpft. Durch die gepolsterte Ferse in den meisten Schuhen ist diese in der Regel auch ein wenig höher gelagert, was Auswirkungen auf die komplette Haltung hat.

Und letztlich ist das auch nur ein kleiner Teil vom Ganzen. Forscher im vorletzten Jahrhundert wunderten sich, warum die Indianer oft so kräftige Leute waren, obwohl sie kaum trainierten. Das lag demnach viel an der Körperhaltung, die die pflegten – den ganzen Körper gleichmäßig angespannt, aufrechte Wirbelsäule. Gegenüber unserer Art zu stehen etwas mehr in die Knie (Gelenke durchstrecken halte ich eh nichts von), Hüfte etwas nach vorn geschoben, und den Oberkörper aufgerichtet, als würde die Brust an einem Faden nach Vorne oben gezogen. Zunächst sehr ungewohnte Haltung, aber wohltuend. Interessanterweise ist das auch der Stand, der im T’ai Chi und benachbarten Disziplinen eingeübt wird.
Letztlich ist so ein Grundzustand, der irgendwo in der Mitte zwischen An- und Entspannung liegt, viel erholsamer als Abschlaffen. Ja, die meisten von uns (was sich durch Parkour übrigens ändern kann) haben zu viel Spannung in den Schultern und zu wenig im restlichen Körper.

Zum halbwegs gesunden Laufen kenne ich folgende Varianten, die sich alle dadurch auszeichnen, daß die Ferse eben nicht aufhaut:

– ordentliches Abrollen des ganzen Fußes. Dabei kommt zwar durchaus die Ferse zuerst auf dem Boden auf, überträgt die Energie des Laufens aber nicht auf den Boden. Gutes Joggingtraining beinhaltet auch sauberes Abrollen des Fußes. Mit etwas Achtsamkeit kann da aber jeder hinkommen.

– die Art, wie die Naturvölker liefen, übt man am besten ganz langsam zunächst, bevor das schneller werden kann: dabei setzt man den Fuß mit der Außenkante zuerst auf, also erst mal nicht mit der Ferse. Dabei kann man soar noch tasten, ob da Hindernisse sind – ein zum Schleichen sehr guter Schritt. Erst wenn der Fuß auf dem Boden gut steht, verlagert man das Gewicht darauf. Das Bein wird bei jedem Schritt vor den Körper gehalten, nicht darunter. Man schiebt dabei kontrolliert den Körper vorwärts, statt ihn fallen zu lassen und abzufangen. Und das Ganze möglichst in der o. g. Haltung. Wenns wirklich stimmt, dann bewegt sich beim Laufen der Körper nicht auf und ab, wie bei unserem „normalen“ Laufen, sondern wenn jemand Dich hinter einer flachen Mauer vorbeigehen sehen würde, sähe er Deinen Oberkörper praktisch immer auf einer Höhe dahingleiten. Und das ist, als würde man bei jedem Schritt den Boden streicheln, eine ganz sanfte Bewegung.

Eine Bekannte von mir kam mal zu einem alten Indianer. Sie wollte von ihm etwas über Heilpflanzen lernen. Er sah sie irritiert an und meinte: „Bevor Du die alten Lehren lernst, lerne erst einmal, über die Erde zu gehen“. – genau diese Dinge dürfte er gemeint haben.

– Wenn dieser Schritt etwas schneller werden soll, berührt irgendwann die Ferse den Boden gar nicht mehr, dann rollt man nur noch auf dem Ballen von außen nach innen ab.

Das Thema ist ein verdammt großes und hat viel mit unserer Entfernung von einem natürlichen, lebensbetonten Lebensstil zu tun. Ich übernehme keine Haftung für Eure Versuche zum Thema! Ich habe hier nur einen kleinen Teil des Gesamten darstellen können, und vieles mag mißverständlich sein. Wer keinen erfahrenen Lehrer in der Richtung hat und damit experimentieren möchte, nur zu – aber achtet sehr genau auf die Signale Eures Körpers und richtet Euch danach! Alles andere wäre Verantwortungslos.

Ich freue mich über Kommentare aller Art und beantworte gern konkrete Fragen. Allerdings bin ich ab Mittwoch im Urlaub.

Lieben Gruß,

Malte

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