Lügen im Parkour

Hallo zusammen,

an dieser Stelle möchte ich einige der häufigsten Lügen aufzeigen, die ich in der deutschsprachigen Parkour-Community immer wieder und seit einiger Zeit beobachte.

Wenn ich hier von Lügen spreche, meine ich keine bewußten, absichtlich begangenen Täuschungen. Nein, die meisten dieser Dinge geschehen unbewußt. Letztlich sind es Dinge, mit denen sich einzelne Menschen selbst belügen. Oder wenn man so will - Situationen, wo Leute anders handeln, als sie selbst als Anspruch formulieren. Wo Ideale und konkretes Tun auseinandergehen.

Besonders anfällig für solche Dinge ist natürlich alles, was mit der Philosophie des Parkour zu tun hat.

Nun denn, ansprechen möchte ich:

1. Respekt

Das Thema Respekt ist wohl das, gegen welches ständig erheblich verstoßen wird. Offiziell ist Respekt Teil der Philosophie von Parkour: Respekt vor Umgebung und Hindernis. Respekt vor dem eigenen Körper. Respekt gegenüber seinen Mitmenschen.

Daß dieser Anspruch existiert, ist gut und wichtig. Parkour bedeutet ein Stück weit, seine eigene Freiheit wiederzufinden. Freiheit bedeutet aber - so verrückt das klingen mag - immer auch Verantwortung. Dnn wir sind nicht alleine auf dieser Welt. Wird einer plötzlich freier als Andere, setzt sich bewußt über Grenzen hinweg, so kann das u. U. Auswirkungen auf andere Menschen haben. Und ja - jeder Mensch ist für seine Handlungen voll verantwortlich.

Daher finde ich Respekt im Parkour absolut wichtig.

Und das nicht nur vom Standpunkt der Verantwortung aus. Auch für den Ausübenden selbst - Respekt ist eine wichtige Brücke hin zu anderen Menschen. Nur wen ich respektiere, mit dem kann ich auf Augenhöhe umgehen, mit dem kann ich wirklichen Kontakt aufbauen. Menschlichkeit geht letztlich nicht ohne Respekt.

Doch die Realität im Parkour sieht anders aus. Um das zu belegen genügt ein Blick in ein beliebiges Parkourforum im deutschsprachigen Raum. Da wird nicht nur gespamt, da wird immer und immer wieder gegen andere Leute persönlich geschossen. Und das nicht nur von Anfängern, die die Philosophie nicht verinnerlicht hätten - sondern gerade auch und massiv immer wieder von Leuten, die bereits wasweißich wie lange im Training sind. Und das nicht in Einzelfällen, sondern im großen Stil.
Traurig, das so zu sehen.

Und, wenn ich noch eins draufsetzen darf: schaut Euch mal die “Big Players” der Szene an. Daniel, der das Forum hostet und den Markenschutz besitzt. Der hoch Medienpräsente Österreicher Andi. Sandra, die offiziell Parkour nach David Belle vertritt. Von denen kann keiner keinen leiden, soweit ich weiß, und da hat es in vielen Fällen verbale Auseinandersetzungen in der Öffentlichkeit bis hin zu Rechtsstreitigkeiten gegeben. Und viele andere hängen mit drin, viel zu leicht läßt sich die Szene polarisieren.

Warum eigentlich?

Wenn Respekt als Umgangsform postuliert wird, aber dennoch auch unter weit Fortgeschrittenen immer und immer wieder Reibereien auftreten, dann KANN da etwas nicht stimmen. Dann fehlt da etwas im Training, was eben zu dieser Form des Respektes führt - oder der Anspruch an sich ist falsch.

Ich bin ohnehin der Ansicht - jegliches Training mit dem menschlichen Potenzial ist vergeudet, wenn das Herz nicht mitwächst.

Parkour ist auch ein persönlicher Reifungsprozeß. Wer auch nach Jahren Training es immer noch nötig hat, einzelgängerisch aufzutreten, andere anzublaffen und unnötig persönlich zu werden, Fronten zu bilden etc., der hat aus meiner Sicht einige ganz wichtige Teile nicht verstanden. Punkt.

2. freie Bewegung

Parkour ist die Kunst der effizienten Fortbewegung. Parkour ist verdammt noch mal nicht die Kunst, sich mit sorgfältig abgemessenem Anlauf hoch konzentriert vor ein krass hohes Hindernis zu stellen, dieses möglichst spektakulär zu überwinden und danach wieder stehenzubleiben.

Es geht im Parkour darum, mit der Umgebung zu spielen. Sich der Umgebung anzupassen, sich frei durch den Raum zu bewegen und dabei etwaige Hindernisse kreativ zu überwinden.

Wenn Du einen fragst, der Parkour trainiert, dann wird er Dir wahrscheinlich so was ähnliches sagen. Warum aber halten sich die meisten nicht dran? Warum trainieren die meisten wirklich nur einzelne Hindernisse? Bei wem gehört Laufen mit zum Training - worum es im Parkour eigentlich geht? Wer trainiert wirklich Anwendung, Kombinationen, Läufe? Wer baut Parkour ganz selbstverständlich in seine Bewegungsabläufe mit ein, wer “lebt” wirklich Parkour?

Die allermeisten trainieren nur einzelne Bewegungen. Nein, nichts gegen Techniktraining, ist eine nette Grundlage. Aber: wer lernen will, sich frei zu bewegen, sollte genau das AUCH trainieren!

Hab ich die Szene schon beschrieben? Ich ging mal mit einem Trainingspartner durch ein Waldstück, als ein Wildgatter uns den Weg versperrte, vielleicht knapp brusthoch. Drüber durften wir, da ging der Weg weiter. P. spannte seinen Körper an, fixierte das Hindernis, schätzte den Anlauf mit einem Blick ab, sprintete los und flog über das Geländer. Ich hingegen schmunzelte innerlich, ging einfach in meinem normalen Gang weiter und sprang eben am Geländer angekommen ebenfalls über jenes.

P.: *klick* Parkour an, hüpfen, *klick* Parkour aus. Malte: einfach den Sprung eingebaut in den Trott, in dem ich eh gerade war, eben meinen Weg gegangen. Was ist mehr Parkour?

Ganz im Ernst, wie geht eigentlich freie Bewegung? Wie kommt man da hin? Jedenfalls mit Sicherheit nicht, indem man nur einzelne Sprünge trainiert.

3. Parkour ist ungefährlich

Es wird immer wieder Wert drauf gelegt - Parkour ist nicht gefährlich. ODer, wie Andi mal so schön sagte: nur so gefährlich, wie Du es Dir machst. Solange jeder in seinem Rahmen bleibt und nur das macht, was er sicher schafft, ohne Schaden zu nehmen (was nicht nur heißt: kein Krankenheus, sondern auch: ich kann mich in 20 Jahren noch gut bewegen), ist ja alles gut und ungefährlich.

Und offiziell halten sich natürlich alle brav dran.

Aber stimmt das auch? SEHR viele erfahrene Traceure haben sich bereits größere Schäden und Brüche zugezogen. SEHR viele, die auch nur ein paar Monate trainieren, haben Knieprobleme. Macht mal die AUgen auf; hört Euch auf der Straße bei Euren Trainingspartnern um, schaut, was die “Großen” zu berichten haben. Ich kenne genügend Geschichten von Operationen etc.

Schaut hin. Wie viele Leute gibt es, die mehr als ein Jahr trainieren und von keinerlei Schäden zu berichten haben?

Warum ist das so? Das muß durchaus nicht so sein. Es ist kein Automatismus, daß man sich bei Parkour selbst kaputt machen will. Doch ist einiges noch ziemlich heftig drin in den Köpfen. Jugendlicher Übermut, über die eigenen Grenzen zu gehen. Ein bißchen Show noch immer. Ein bißchen sich selbst was beweisen, toll und krass sein zu wollen.

Die Folgen sind da. Kraß find ich, daß viele das so nicht wahrnehmen. Auch Selbstwahrnehmung muß man erst lernen. Wenn die Knie bereits schmerzen, ist höchste Alarmstufe, so weit sollte es gar nicht erst kommen dürfen. Tut es aber leider…

Ehrlich Leute - paßt auf Euch auf.

Anekdote dazu: einst fragte mich in Köln ein Freerunner (einer von der Sorte, der ständig über seine Grenzen geht, anderen Leute blöde Sprüche drückt etc.), ob ich einen seiner Lieblingssprünge nachmachen könne. Das war eine Katze von einem Klettergerüst runter, vom Gerüst über eine Stange in Beckenhöhe und dann zwei Meter abwärts in Sand. Meine Antwort war: “klar schaff ich das, ist ja nicht weiter schwer. Aber warum zum Teufel sollte ich so einen Mist tun?”

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Vielleicht ergänze ich mit der Zeit noch weitere Punkte hier, dieser Artikel ist mit Sicherheit noch nicht vollständig. Ein paar Punkte habe ich bewußt rausgelassen, und auch ich habe mit Sicherheit noch blinde Flecken, wo ich selbst Dinge nicht wahrnehme. Für entsprechende Hinweise bin ich dankbar - denn eben diese blinden Flecke aufzulösen ist mir wichtig.

Lieben Gruß,

Malte

5 Antworten auf “Lügen im Parkour”

  1. ole sagt:

    Hey malte, wiedermal ein toller Beitrag. Einige dieser Lügen sind mir auch selbst aufgefallen.
    Eine weitere Entwicklung die sehr schade ist und mMn aufgrund fehlender Auseinandersetzung mit Parkour und dem allgemeinen Interesse der “Traceure” entstanden ist. Die meisten wissen einfach zu wenig oder es ist ihnen egal und ihr Interesse besteht nur darin vor ihren Freunden gut dazustehen und anzugeben.

    Was mir auch sehr stark aufgefallen ist, ist der mangelnde Respekt. Ich hab es auch im Forum schon geschrieben, dass es teilweise einen Wettbewerb gibt darum, wer mehr weiß oder wer andere korrigieren(teilweise auch beleidigen) kann, weil sie etwas falsches gesagt haben.

    Wünsche dir viel Spaß bei deinem Training und Wildnistrip :).

  2. René sagt:

    Hi malte,
    hab deinen Beitrag mit großem Interesse gelesen. Diese 3 großen Lügen in der Parkour-Community sind DA, ich denke, jeder fühlt es. Was wäre Parkour ohne sie? Parkour?! Am meisten stört mich der mangelnde Respekt vieler Leute (aktuell an der Zerstörung der MP Spots ersichtlich…).

    Ich selbst muss mir wohl ein Stück weit die Lüge der (achso) freien Bewegung eingestehen. Du hast mich mal wieder sehr stark zum denken angeregt^^

    Danke für diesen Beitrag, es war ,wie immer, sehr “anregend”
    Grüße René

  3. Leon sagt:

    Dein Beitrag trifft meiner Meinung (die ich so aus Treffs von Köln etc. mitbekommen habe) sehr zu. Grad die Sache mit dem Respekt anderen gegenüber regt mich im moment auf. Dieser ständige ,,Schwanzvergleich” (wie Dirk es so schön sagt) geht mir im moment sehr auf die Nerven.
    Ebenfalls muss ich mich schuldig sprechen in dem Teil:,, *klick*Parkour an, *klick* Parkour aus ( wenn auch nicht immer ;))
    Hast mich wie immer sehr zum weiternachdenken angeregt :P

    mfg Leon

  4. Johannes sagt:

    Hey Malte,
    Guter Blogpost, allerdings muss ich dir zum Thema “Freie Bewegung” etwas wiedersprechen. Je nachdem wie man diese Freie Bewegung definiert, gibts es sie nämlich wirklich nicht im Parkour. Parkour ist effizient -> z.B. keine Salti. Demnach ist es also nicht frei.
    Allerdings kann man sich effiziennt von den gegeben Grenzen entfernen, was einen “Frei” macht.
    Denke dass das auch ein Punkt ist, der des Öfteren Missverstanden wird ;-)

    MfG,
    Johannes

  5. parkourblog sagt:

    Hallo, Johannes,

    danke für Deinen Beitrag! Freut mich, daß der Artikel Dir weitgehend gefällt. Was die Freiheit der Bewegung angeht, muß ich Dir aber erheblich widersprechen. Und zwar in zwei Punkten, und innerhalb derer gleich mehrfach.

    Punkt 1: Selbstbeschränkung des Parkour contra Freiheit

    Erstens: Parkour definiert sich nicht über die Abwesenheit bestimmter Bewegungen, wie z. B. Flips. Das ist mehr ein Symptom, eine völlige Nebensache, die leider immer wieder zu Definitionszwecken herangezogen wird. Könnte ich eine neue Lüge für diesen Artikel draus machen. Oder ich verlinke Dir einfach einen meiner neuen Beiträge zu genau dem Thema: http://parkourblog.maltehoevel.de/2007/10/27/parkour-und-die-kunste-der-fortbewegung-oder-freerunning-das-ewige-schreckgespenst/

    Zweitens: es kann nicht um Verzicht gehen. Ich bewege mich ja nicht extra ohne Flips, damit ich das Parkour nennen kann. Das wäre ganz einfach Blödsinn. Doch meine Trainingsziele, die Sachen, die ich aus meiner Motivation heraus eben mache, fallen so halbwegs unter die Definition des Begriffes “Parkour”, deswegen benutze ich ihn. Mich interessiert eben die effiziente Bewegung, Flips etc sind für mich derzeit einfach uninteressant. Damit ist es keine Selbstbeschränkung, und damit keine Einschränkung meiner Freiheit. Wenn ich irgendwann gezielt mich für artistische Einlagen interessiere, gut, dann üb ich sie halt. Dann such ich mir eben einen anderen Namen für das, was ich tue. Aber derzeit ist das, was ich mache, weitgehend Parkourtraining.

    Wenn Du nur, um einer Definition zu entsprechen, auf irgend etwas verzichtest, solltest Du Dich m. E. ernsthaft fragen, wofür Du überhaupt trainierst ;-) Sobald Du Dich durch eine Definition einschränken läßt, stimmt was nicht.

    So gesehen - wo schränke ich mich ein? Wo siehst Du einen Verlust von Freiheit?

    Punkt 2: Was ist freie Bewegung?

    Du hast ein wenig mißverstanden, was ich überhaupt mit Freiheit meinte. Wir schränken uns mit so vielem ein. Die bereits angesprochene, wenn vorhanden dämliche, Selbsteinschränkung durch Definitionen sind nur ein kleiner Seitenaspekt. Andere Aspekte sind z. B., wie im Artikel angesprochen, daß wir uns oft nur auf eine sehr beschränkte Auswahl an Bewegungsmustern stützen und uns damit limitieren (”Grundbewegungen”). Oder viele mentale Blockaden - siehe die aktuellen Diskussionen in den Foren zum Training im Regen. Und auch körperlich limitieren wir unsere Leistungen an Stellen, wo das absolut nicht nötig ist. Und oft genug kämpfen wir, wo wir mit Leichtigkeit viel weiter kämen.

    …eigentlich müßte ich noch weitere Aspekte benennen, aber ich lasses mal hierbei. Reicht fürs Erste ;-)

    Lieben Gruß,

    Malte

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