Training: der mentale Anteil

Den folgenden Beitrag schrieb ich am 8. Juni 2007 in Parkour.de. Vorangegangen war die Frage, wie man denn den mentalen Anteil von Parkour gezielt trainieren könne.

Das Original ist hier zu finden (Anmeldung erforderlich): http://www.parkour.de/forum/thread.php?postid=78929#post78929

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Hey Jonas,

geile Frage.

Richtig, in meinem Blog habe ich nur einen kleinen Teil dessen angerissen, was – zumindest für mich – den mentalen Teil ausmacht.

Schwer, da was wirklich gezielt zu trainieren. Wenn man gar nicht genau weiß, wo die Reise hingehen soll, wie sollte man da gezielt trainieren können? Schwer, wenn man nicht einen bereits weit fortgeschrittenen Lehrer hat.

Ganz wesentlich aber kommt man an den mentalen Anteil dran, wenn man wirklich ernsthaft trainiert. Mit reinem Nachdenken kommt man nicht sonderlich weiter – da kommt man nur zu theoretischen Ergebnissen und nicht zu wirklich praktischen Ideen.

Wenngleich es natürlich auch wichtig ist, das, was man tut, zu reflektieren. Aber eben nicht nur.

Einige Eckpunkte, die nötig sind, damit das Training auch was bringt in der Richtung:

– Effizienz ist schon eine gute Leitlinie. Nicht jede Bewegung muß effizient sein, aber dennoch sollte das ein wesentliches Trainingsziel sein. Und damit läßt sich spielen: was ist jetzt wirklich effizient? Ist es effizient, immer nur einzelne Bewegungen separiert auf Maximum zu trainieren? Ist ein Katzensprung über eine Tischtennisplatte effizient oder könnte ich auch was anderes machen oder drumrumlaufen? Was wäre effizient, wenn ich jetzt die Hände nicht benutzen könnte? Wie würde Effizienz aussehen, wenn hier nicht eine kleine Stufe, sondern ein großer Abgrund wäre? Oder wenn ich Kleidung trage, die ich nicht schmutzig machen darf, weil ich gerade auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch bin?

– Parkour bedeutet, seinen eigenen Weg zu wählen und ihn effizient zu gehen. Das ist nicht nur ein körperlicher Prozeß, sondern läßt sich auch auf Schwierigkeiten (=Hindernisse) im Alltag anwenden. Schau mal, wo Du in Deinem Alltag lernen kannst, selbständig auf Deine Art Deinen selbst gewählten (Lebens-)Weg zu gehen.

– Lerne, auf Deinen Körper und seine Signale zu hören. Und auf Deine Intuition. Dafür ist Parkour recht klasse. Schmerzen meine Gelenke? Dann mach ich etwas falsch. Autsch, das hat reingehauen, so was sollte ich noch lassen. Und hey, das hat sich jetzt voll flüssig angefühlt. Und den Sprung da spür ich, also mach ich ihn. Wenn ich ihn nicht fühle, laß ichs lieber. Und so weiter…

– Parkour bedeutet wesentlich mehr Freiheit. Freiheit bedeutet aber auch Verantwortung. Kann ich voll zu dem stehen, was ich tue? Würde ich das auch tun, wenn der Grundstücksbesitzer oder ein Polizist danebenstehen würde? Damit lernst Du, was okay ist und was nicht, lernst gleichzeitig, zu Dir selbst zu stehen – oder die Dinge eben zu lassen, wenn Du das nicht kannst. Aber übernimm die Verantwortung! Für Dich und für das, was Du tust.

– Entsprechend, lern auch, die Dinge um ihrer Selbst Willen zu tun und nicht, um damit anzugeben (wenn das der Fall ist). Hättest Du den Sprung jetzt auch gemacht, wenn keine Zuschauer da gewesen wären?

Im Idealfal ist es Dir dann irgendwann egal, ob Zuschauer da sind oder nicht. Leute stacheln Dich nicht zu irgend etwas an, was eigentlich zu viel ist, und da Du zu etwas stehen kannst, was Du tust, ist es aber auch völlig egal, wenn Du mitten in einer Menschenmenge trainierst.

– Entdecke, wofür Du trainierst. Da mußt Du nicht sofort eine Antwort drauf haben. Aber beobachte das mal. Trainierst Du, um stark zu werden? Um nützlich zu werden, anderen helfen zu können? Um zum Muskelprotz zu werden und Dein Sixpack vorzeigen zu können, bei Partys alle möglichen „Tricks“ zu reißen? Oder gar, um Dich als Mensch weiterzuentwickeln? Trainierst Du, um möglichst schnell möglichst krasse Sachen zu können? Oder geht es Dir mehr um Beweglichkeit, die Du auch in vierzig Jahren noch hast?
Deine eigene Antwort darauf wird sich immer mal wieder verändern, und das ist gut und richtig so. Aber beobachte ruhig Deine Motivation und passe Dein Training drauf an, statt nur das zu trainieren, was die Anderen auch trainieren. Auch das ist ein Stück Gehen des eigenen Weges.

– lerne volle Präsenz und Aufmerksamkeit, in jedem Moment Deines Handelns. Das hilft enorm für die Klarheit auch in Deinem Alltag.

…das ist das, was mir gerader so spontan einfällt. Kannst ja mal schauen, was davon Dich anspricht.

Letztlich geht es immer darum, nicht nur in Trainings Parkour zu trainieren, sondern Parkour, das effiziente Gehen Deines ganz persönlichen, eigenen Weges zu einem Teil von Dir selbst werden zu lassen. DU BIST PARKOUR.

Lieben Gruß,

Malte

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2 Kommentare zu Training: der mentale Anteil

  1. Tom sagt:

    Ich finde es immer wieder interessant, dass andere Leute nur gut trainieren können, WENN andere Menschen um sie herum sind – egal ob Sportler oder Passanten.

    Ich kann im Moment nur frei trainieren, wenn NIEMAND um mich herum ist. Ich weiß nicht genau warum, es ist nicht, dass ich mich schäme, aber irgendwie möchte ich nicht, dass die Person denkt, ich möchte angeben.

    Irgendwie paradox.

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