Parkour bedeutet für mich auch, einen anderen Gang einzulegen.
Ein anderer Gang? Was heißt das?
Ich erinnere mich an eine Exkursion mit der Uni. Geographen. Wir gingen ins Siebengebirge, unter anderem auf den meist bestiegensten Berg Deutschlands, den Drachenfels. Fester Weg. Okay, es geht ein wenig hoch, aber gut zu gehen.
Vorneweg marschierte mein Prof - immerhin damals bereits 63 Jahre alt - munteren Schrittes voran, und rannte der Gruppe weg. Hintendrein die Studenten, nur mit leichtem Tagesgepäck, schwitzend, stöhnend, sich schleppend, fluchend über den schnellen Schritt des alten Mannes.
Ich war schon damals der einzige, der mit dem Prof Schritt halten konnte.
Einige Tage später habe ich meinen Rucksack mit 15 kg Material vollgepackt und bin gemütlich 30 km durch dieses Gebirge gewandert, ohne mich zu überanstrengen. Und die Studentengruppe war schon nach vier Kilometern mit Tagesgepäck fix und alle gewesen…
Woran liegt das? Mein Prof war spindeldürr und alles andere als kräftig. Ich für meinen Teil wanderte damals zwar ab und zu, war aber ansonsten völlig unsportlich, da ich im Studium meinen Körper völlig vernachlässigt hatte. Wieso also konnten der Prof und ich eine ganze Gruppe fitter junger Leute mühelos hinter uns lassen?
Ähnliches diese Woche mit einer Schülergruppe. Eine kleinere Wanderung, drei Kilometer weit etwa. Die Gruppe zog sich von Station zu Station fürchterlich weit auseinander. Vorneweg ich in normalem Schritt mit einigen etwas Fitteren, die insgesamt völlig unterfordert waren. Hinten dran die Gruppe derer, die überhaupt nicht voran kamen. Sprüche wie “Malte, willst Du uns umbringen??” waren durchaus ernst gemeint.
Auch hier fiel mir wieder auf, daß das wenig mit den körperlichen Voraussetzungen zu tun zu haben schien. In der Gruppe vorne waren ebenso sportliche Leute wie solche, die eine völlig erbärmliche Körperspannung hatten.
So weit muß ich noch nicht mal denken. Schaut Euch mal an, wie die Menschen neben Euch die Treppe hochgehen, im Vergleich zu Euch. Die einen schleppen sich rauf, Stufe um Stufe, sind oben angekommen fix und alle und müssen erst mal verschnaufen. Andere flitzen mal eben rauf und scheinen die Belastung kaum zu merken. Liegt das an der Kraft, sportlichen Erfahrung, oder woran?
Ich stelle für mich mehr und mehr fest, daß Menschen bei der gleichen Belastung äußerst ungleich reagieren. Sich damit also sehr unterschiedlich effizient bewegen. Und ich meine zu beobachten, daß das nicht nur mit den körperlichen Gegebenheiten zu tun hat. Wie gesagt - ich persönlich habe kaum Kraft, kaum Ausdauer, und bin bei den genannten Dingen trotzdem immer vorne mit dabei. Warum eigentlich?
Ich beobachte für mich bisher zwei Faktoren, die dies wesentlich zu bestimmen scheinen.
Erst mal - und das hat teilweise mit sportlicher Erfahrung zu tun - die Gewohnheit des Körpers, sich so zu bewegen. Das ist wohl auch mit einer der Gründe, warum viele Anfänger zu Beginn des Parkourtrainings sehr schnell große Erfolge verbuchen, schnelle Fortschritte machen: der Körper lernt, sich effizient zu bewegen.
Eben einen Gang hochzuschalten, sich in einen effizienteren Modus zu begeben.
Das Andere, was damit einhergeht, ist aber mit Sicherheit das Mindset. Wie man sich hängen läßt. In welcher Stimmung man ist, wie man sich auf die Bewegung einläßt, welche inneren Widerstände man hat - jawohl, ich behaupte, die wirken massiv auch auf den Körper. Auch eigene Überzeugungen, Lehrsätze, Erfahrungen - wie wir uns bewegen, wird ganz wesentlich vom Kopf gesteuert.
Jedes der Kinder der Schulklasse hätte die Möglichkeit gehabt, einfach fröhlich mitzulaufen, wenn der Kopf sich drauf eingelassen hätte. Es hätte nur einer Aufgabe der inneren Widerstände (oh ja, die waren motzig, aber hallo) bedurft.
Allein das macht schon einen Gang mehr in Sachen Effizienz. Oder wahrscheinlich gar mehrere.
Ich habe mehrere “Flashs” gehabt, wo die Dinge, die ich tat, plötzlich wesentlich effizienter liefen. Das betrifft sowohl das Parkourtraining als auch Bewegung im Alltag und sogar alltägliche Arbeitsabläufe.
Letztlich haben wir selbst die freie Entscheidung darüber, wie effizient wir handeln. Wir brauchen nur einen Gang höher zu schalten. Manchmal muß man erst das Bewußtsein dafür bekommen, daß es da noch einen Gang mehr gibt, diesen mal kennen gelernt haben. Aber an sich können wir das alle.
Und damit eine gemeine Frage: wieviele solcher Gänge gibt es? Bewegt sich etwa ein David Belle schon im höchsten - oder gibt es da noch mehr?
Und jetzt fragt mich bitte nicht, wie Ihr einen Gang weiter kommt. Den Schritt müßt Ihr selbst gehen - und den Weg dahin finden, wenn Ihr wirklich verstanden habt, was ich meine.
See you flying.
Lieben Gruß,
Malte