Parkour mit Freerun

…geschrieben im Forum auf Parkour24.de im gleichnamigen Beitrag, 21. Feb. 2007

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Grüß Euch,

die Diskussion ist noch nicht soo alt.Ich greif sie mal auf, denn hier liegt aus meiner Sicht ein wesentlicher Punkt des Parkour.

„Die Technik von Parkour“ ist sehr relativ. Was ist diese Technik? Ja okay, es gibt ein paar Grundbewegungen. Aber die alleine machen Parkour noch nicht zu Parkour.

Den Fehler machen nämlich viele – einfach nur einige Bewegungen trainieren. Ist schade, denn damit reduziert man sich selbst. Parkour ist soo viel mehr…

Wenn ich gerade mal Hebertiste zitieren darf, aka Erwan, der zu den konstruktivesten Leuten im Parkour.net-Forum gehört:

„If parkour to you is only reproducing specific moves you’ve seen on vids, you’re totally missing the point, because you’re just limiting your practice to what you think it is. But parkour is not only the moves you can put a name on, guys wake up !“ – Hebertiste in: http://parkour.net/modules/newbb/viewtopic.php?topic_id=3751&forum=1

übersetzt ungefähr: „Wenn Parkour für Dich nichts anderes ist als bestimmte Moves zu machen, die Du in Videos gesehen hast, dann verfehlst Du das, worum es geht- weil Du Deine Praxis auf diese Bewegungen limitierst. Doch Parkour besteht nicht nur aus den Bewegungen, denen Du einen Namen geben kannst. Leute, wacht auf!“

Parkour ist so viel mehr, als irgend welche Techniken zu trainieren. Parkour ist die Kunst der effizienten Fortbewegung. Parkour bedeutet, seinen Weg zu wählen und ihn dann zu gehen. Hindernisse (auf der Straße wie im eigenen Alltag) kreativ anzugehen und zu überwinden. Nützlich zu werden, indem man seine Fähigkeiten ausbaut.

Im Training ist mir wichtig, immer wieder neue Ideen zu finden. Mit den Hindernissen zu spielen. Klar, ich übe auch die Grundbewegungen, ist ein Teil davon. Aber vor allem spiele ich viel mit den Hindernissen. Wie komme ich da drüber? Wie komme ich da noch drüber? Ganz viele Methoden ausprobieren, kreativ werden. Nicht meine Techniken auf das Hindernis anwenden, sondern Methoden entwickeln, die gerade für das Hindernis passen.

Erst letztens habe ich wieder eine Dreiviertelstunde an einem Geländer verbracht, uns ist immer wieder was Neues eingefallen. Oder letztens am Spielplatz eine halbe Stunde an einer Schaukel. Durchspringen ohne sie zu berühren. Durchspringen, während sie schwingt. Durchspringenwährend sie schwingt aus dem Lauf heraus, wo man sich die Stellung der Schaukel nicht aussuchen kann. Flugrolle durch die schwingende Schaukel (hab ich mich dann nicht mehr getraut). Unter der schwingenden Schaukel durchrobben. Und was weiß ich was noch alles…

Und ich trainiere auch gezielt, nicht nur ein Hindernis anzugehen, sondern möglichst oft mehrere hintereinander. Im Fluß zu bleiben, spontane Entscheidungen zu treffen. Nicht nach jedem einzelnen Hindernis stehen zu bleiben.

Kurz und gut: Parkour ist VIEL mehr als nur die Techniken, die Grundbewegungen.

Daß Parkour im wesentlichen auch vom mentalen Anteil geprägt ist (der eh nach Videos kaum objektiv zu beurteilen ist), ist ja bekannt. Was dazu gehört, weniger. Gute Stichpunkte hier sind eben effiziente Fortbewegung, Kunst, Nützlichkeit, das Überwinden von Hindernissen auch im Denken, Umgang mit Angst, Verantwortung. Und noch so einiges mehr.

Bezüglich eines Videos von den „Grundbewegungen“ auf die „Parkourtechnik“ zu schließen ist also an sich schon recht weit hergeholt.

Und dann die Relation zwischen Freerunning und Parkour… im Parkour geht es ja um die effiziente Fortbewegung, das hat sich so weit rumgesprochen. Flips und andere akrobatische Einlagen haben nichts mit effizienter Fortbewegung zu tun, sind also kein Parkour. Trainieren kann man sie natürlich trotzdem, sind schon nett für die Körperkontrolle etc. Flips kann ich nicht und trainere ich nicht, Handstand dagegen (obwohl auch keine effiziente Fortbewegung) trainiere ich recht intensiv, und kann das auch empfehlen, da gute Basis für vieles.

Manche Leute meinen, sobald mal ein Flip in einem Video ist, ist es damit automatisch kein Parkour mehr. Das ist mir persönlich zu dogmatisch. Klar, Flips sind kein Parkour. Doch solange

– effiziente Bewegungen ganz deutlich den Hauptteil eines Videos ausmachen;
– einige wenige akrobatische Elemente nicht für die Show, sondern aus Freude an der Körperbeherrschung eingebaut werden;
– generell keine Show, sondern Kunst der Fortbewegung rüberkommt;
– und überhaupt die Herangehensweise und Lebenseinstellung des Parkour sichtbar wird,

Ist es für mich Parkour, auch wenn mal ein Flip drin ist. Ich selbst nenne es dann „Parkour plus T“ (T = Tricks), um es sprachlich klar zu differenzieren. Oder ich sage halt, da ist Parkour, wo jemand noch einen Flip mit eingebaut hat.

Wenn aber

– die Tricks ein wesentliches Gewicht im Video gewinnen;
– das Richtung Show zielt;
– jemand immer nur einzelne Hindernisse angeht und wohlmöglich danach direkt stehenbleibt;
– mehr gemacht wird, als für den Körper zumutbar ist (passiert leider oft);
– die Herangehensweise und Lebenseinstellung des Parkour nicht rüberkommt,

ist es für mich auch kein Parkourvideo.

Kurz zusammengefaßt: Parkour ist mehr als paar Bewegungen, die in einer Liste von Grundbewegungen auftauchen mögen. Es ist zwar gut, diese Bewegungen zu trainieren – aber auch, sich davon zu lösen.

Steven aus der Schweiz – definitiv einer der fittesten Traceure im deutschsprachigen Raum – soll kürzlich auf dem PSP-Workshop in Berlin gesagt haben:

„Hört auf, Bewegungen zu trainieren, und lernt Euch zu bewegen“.

Geiler Satz, bringts in aller Kürze auf den Punkt. Noch mal zum Mitschreiben:

„Hört auf, Bewegungen zu trainieren, und lernt Euch zu bewegen“.

DANKE an Steven für diesen Augenöffner…

Lieben Gruß,

Malte

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Ergänzung auf einen Beitrag, noch am selben Tag:

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Unsere Gesellschaft funktioniert leider so, daß man ständig bewertet und verglichen wird, gerade auch in der Schule. Mit der Zeit übernimmt man das sehr leicht. Und will immer „besser“ sein. Viele Leute wollen gleich schon sein und nicht werden. Dabei ist gerade das Werden, die Entwicklung, unglaublich spannend…

Diese ewige Fixierung auf die Bewertung ist aus meiner Sicht eines der mentalen Hindernisse, die es im Parkour zu überwinden gilt.

Denn wir lernen oft, unser Selbstwertgefühl daraus zu ziehen, wie toll wir doch sind und wie gut wir andere damit beeindrucken können, daß wir „besser“ sind als sie.

Wenn Du genau hinguckst: welch ein armseliger Blödsinn! Jeder Mensch ist an sich bereits ein Kunstwerk der Natur. Jeder Mensch hat unglaubliche Potenziale und Fähigkeiten, und mit etwas Neugierde auf sich selbst und viel Ausprobieren kann man diese Potenziale entwickeln.

Und dann kommt auch der Selbstwert aus sich selbst heraus. Dann hat mans nicht mehr nötig, sich mit Anderen zu vergleichen. Und kann plötzlich viel entspannter mit Menschen umgehen, weil man nicht mehr auf Wettbewerb und Vergleiche angewiesen ist.

Dirk aus Köln, ebenfalls recht erfahrener Läufer (vgl. Aktuelle-Stunde-Beitrag) hat das mal wunderschön auf den Punkt gebracht:

„Im Parkour geht es nicht darum, ob ich besser bin als jemand anders. Es geht darum, ob ich besser bin als letzte Woche.“

Ich selbst bin seit einem Jahr dabei. Ich sehe andere Leute, die kürzer dabei sind und mit einem tollen Talent und viel Training mich in den Skills bereits weit überholt haben. Bin ich deswegen schlecht? Nein. Was sind schon die Skills. Ich gehe meinen Weg durch mein Leben. Und diesen Weg gehe ich recht erfolgreich, ich bin mit mir zufrieden. Und Kay, der wesentlich kürzer dabei ist, macht viel weitere Katzensprünge als ich. Hey, was freu ich mich für ihn! Da hat er auch richtig kräftig für gearbeitet. Schön zu sehen, wie er sich macht. Ich trainier echt gern mit ihm. Oder mit Toby, der tierisch Kraft aufgebaut hat und mit dieser einen unglaublich weichen Stil läuft. Das macht richtig Spaß, ihm dabei zuzusehen, und ich lern jedes Mal von seinen vielen Ideen.

Wenn ich jetzt in der Ecke stehen und mich ärgern würde, daß die alle so viel besser sind – ich hätte weniger Spaß, würde weniger von den Anderen lernen, würde mein Wohlergeben von Anderen abhängig machen. Mir würds doof gehen, ich würde mich aus Ehrgeiz im Training vielleicht überfordern und mich leichter verletzen. Und hätte definitiv keinen so guten, entspannten Draht zu genau diesen Leuten, von denen ich jetzt so viel lerne…

Ich gehe meinen Weg. Und ich freue mich, wenn andere die ihren finden. Was sollen die ganzen Vergleiche…

Lieben Gruß,

Malte

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Und noch weiter, auch am selben Tag:

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Danke für den Hinweis.

Eigentlich geht es nicht um den Vergleich an sich, sondern um die Wertung dahinter.

Natürlich schau ich auch: was machen andere anders als ich, um neue Ideen zu bekommen.

Nur, wenn man anfängt, sich deswegen toll oder mies zu fühlen, stimmt da was nicht. Ist nur in unserer Gesellschaft reichlich verbreitet.

Muß zugeben, daß ich mich selbst noch nicht 100% davon gelöst habe. Aber ich gehe sehr bewußt damit um, und kann da schon recht gut differenzieren. Und ist schon viel entspannter geworden bei mir.

Lieben Gruß,

Malte

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Das Gemeine ist: je mehr ich mir um so was Sorgen mache, desto weniger komm ich voran.

Klingt seltsam? Ist aber so.

Wenn ich für mich trainere, eine Leidenschaft entwickle, werd ich sehr schnell besser, was auch immer es geht.

Wenn ich den Blick immer drauf habe, wer sonst noch gut ist, stehe ich selbst unter Druck. Ich arbeite dann nur noch, um Anderen zu genügen. Weniger Freude, weniger Fortschritt…

Wir haben in der Schule gelernt, daß man arbeiten muß, um dieses und jenes zu erreichen – gute Noten, keinen Ärger, Anerkennung und was weiß ich was. Da geht es nicht um die Sache an sich, sondern um das, was man dafür bekommt. Die Psychologen nennen das „sekundäre Motivation“.

Wie viel schöner und effizienter aber ist das Lernen aus Leidenschaft! Was die Psychologen „primäre Motivation“ nennen, das Lernen aus Interesse an der Sache selbst. Gitarre, Parkour, Wildnistraining – die Sachen, die ich recht gut kann, hab ich alle nicht unter Druck, sondern aus Leidenschaft gelernt. Erst da beginnt dann auch Meisterschaft, wenn mans lang genug macht.

Wenn ich wirklich gut werden will, tu ich gut dran, nicht nur auf die Anderen zu schauen. Sondern vor allem die Dinge für mich selbst zu tun.

Lieben Gruß,

Malte

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2 Kommentare zu Parkour mit Freerun

  1. ole sagt:

    Tolle Beiträge Malte! Werden sicher noch einige kommen in den restlichen Posts hier auf dem Blog, aber dieser beschreibt genau das Hauptproblem der Parkourszene. Der Drang sich zu Vergleichen und zu Messen, wenn auch nur im eigenen Kopf.

    Klar haben das die meisten am Anfang gemacht, aber mittlerweile gibt es immer mehr Leute/Anfänger die nicht erkennen warum solche Vergleiche Parkour kaputt machen bzw. im Widerspruch zu den Grundgedanken stehen. Vielen Leuten würde es glaube ich helfen wenn sie sich mal eine Weile aus dem Internet entfernen und komplett auf ihr Training konzentrieren und dieses am besten alleine ausführen.

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