Etre et durer

…aus dem gleichnamigen Thread auf Parkour.de – 2. Feb. 2007. Insgesamt SEHR lesenswerter Thread, auch Ylos Gedanken haben mich sehr berührt.
—————————————————

Parkour ist aus meiner Sicht eine verdammt gute Chance, auf genau die Fragen Antworten zu finden. Beziehungsweise, sie gar nicht erst stellen zu müssen.

Wenn ich mir die Frage stelle, ob ich eigentlich BIN, und all die anderen, die Du stellst, dann bin ich bei einem wertvollen Zwischenschritt gelandet. Nicht weniger, nicht mehr.

Denn es ist in der Tat so, daß viele Menschen sich selbst von der Realität abschneiden. Oft ist es der kleine Plappermann auf der Schulter, der einem beständig ins Ohr flüstert: das war nicht gut. Du bist nicht gut. Du solltest anders sein. Mach das doch mal so oder so. Dü müßtest jetzt aber mal. Sei doch mal Du selbst. Und so weiter…

Die ewige, nie stillstehende Gedankenmaschinerie.

Der ständige innere Zweifel, der alles kritisch beäugt.

Doch das ist nicht die Realität. Im Gegenteil, so was schneidet einen davon ab, einfach zu sein. Sich selbst wahrzunehmen. Die Welt um einen herum wahrzunehmen. Realitäten wirklich zu erkennen. Einfach da zu sein, intensiv zu leben.

Viele Menschen sind zu sehr in ihrer inneren Welt, in den scheinbaren Notwendigkeiten des Alltags und nicht zuletzt in ihren Bewertungen, Zweifeln und Ängsten gefangen, um sich selbst und die Welt um sich herum wirklich wahrnehmen zu können. Ja, ich glaube, daß es (zumindest in unserer Zivilisation) den allermeisten Menschen so geht.

Wenn Du Dir die o. g. Fragen stellst, hast Du zumindest schon mal gespürt, daß da was nicht stimmt. Damit bist Du auf einem guten Weg. Doch dabei stehen zu bleiben reicht nicht. Denn das führt auf Dauer in den Frust.

Nun kommt aber Parkour ins Spiel. Im Parkour bist Du zunächst mal frei. Du hast Dich und Deinen Körper und gehst in direkten Kontakt mit Deiner Umgebung. Keine direkten „Notwendigkeiten“ des Alltags. Die Ängste – sehr offensichtlich, damit kannst Du arbeiten. Der Plappermann auf der Schulter mag immer noch da sein, aber gemeinerweise ist Parkour etwas Handfestes, Konkretes, wo Du ein Ergebnis direkt feststellen kannst: Du bist über das Hindernis drübergekommen oder eben nicht.

Im Parkour mußt Du im Moment sein. Dich wirklich auf Dich selbst und aufs Hindernis, auf Deine Umgebung einlassen, sonst legts Dich lang (klare Rückmeldung Freude ). Mit der Zeit wird Dir die Konzentration auf ein Hindernis nicht mehr reichen, schließlich willst Du nicht lernen, ein einzelnes Hindernis zu überwinden, sondern Deinen Weg zu gehen. Du mußt also Deine komplette Umgebung realistisch wahrnehmen. Und Dich mit Dir selbst und Deinen Fähigkeiten auseinandersetzen.

Und wenn Du Dich plötzlich wahrnimmst, dann wirst Du früher oder später feststellen müssen: Du bist!

Damit erübrigen sich dann die o. g. Fragen völlig von selbst.

An diesen Punkt wirst Du aber niemals nur mit Deinem Kopf kommen. Das ist eine Aufgabe, die man mit Nachdenken allein nicht lösen kann. Dafür braucht es eben eine Nutzung all unserer Fähigkeiten. Auch, aber bei weitem nicht nur unserer mentalen Fähigkeiten.

Deshalb vermeide ich inzwischen in Sachen Parkour den Begriff „Philosophie“. Denn dieser klingt so, als würde man begleitend zu dem, was man da tut, mit dem Kopf bestimmte Dinge austüfteln. Es geht aber nicht darum, Dinge kopfmäßig zu erfassen – sonst haben wir wieder eine Trennung zwischen dem Kopf, der meint, alles einordnen zu müssen, und dem Körper, der da draußen irgendwie agiert.

Nein, es geht nicht nur um verstandesmäßiges Verstehen. Damit geht es aus meiner Sicht auch nicht, wie Du schreibst, um irgend eine Metaphorik. Es geht drum, Mensch zu werden. Sich selbst zu erleben, die Grenzen des Geistes zu sprengen und wirklich wieder ein vollständiges menschliches Wesen zu werden, das seine gewaltigen Potenziale erkennt, annimmt und nutzt.

Parkour bedeutet, möglichst effizient Hindernisse zu überwinden. Auch diejenigen, die unsere Gesellschaft und unsere Sozialisation aufbauen, die uns von uns selbst abschneiden.

Parkour ist eine Chance, wieder Mensch zu werden.

Lieben Gruß,

Malte

Dieser Beitrag wurde unter Forenbeitr veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu Etre et durer

  1. Johannes sagt:

    Hi Malte,

    Erst mal ein ganz großes Lob an alle deine Artikel, ich hab mir schon viele durchgelesen und muss sagen, dass du dir viele Gedanken machst und diese auch schön beschreiben kannst. Ich mag auch viele deiner Denkanstöße und Ideen. Der Text hat mir besonders gut gefallen, da ich auch schon so gefühlt habe. Viele Menschen leben im Alltagstrott und oberflächlich, völlig abgestumpft, faul und übersättigt, angeödet oder gelangweilt. Durch Parkour kriegt man ein total intensives Gespür und Gefühl für sich selber, seinen Körper, seine Ängste. Wie du schon gesagt hast man nimmt seine Umgebung viel realistischer wahr. Nach dem Training bin ich immer total mit mir zufrieden, ich habe etwas geleistet, habe Zeit sinnvoll verbracht, habe mich selbst erfahren. Das ist ein ganz wichtiger Punkt im Parkour finde ich.
    Nach deinen Worten: Parkour ist eine Chance, wieder Mensch zu werden.

    lg Johannes

Kommentare sind geschlossen.