Yu Wei oder: Was ist Gesundheit?

Yu Wei – lt Theo Fischer die Kunst, sich das Leben schwer zu machen.

Ich bin einen langen Weg gegangen. Ich bin in meinem Leben an sehr viele Hindernisse gestoßen. So einige davon haben mich stark eingeschränkt, mein menschliches Potenzial beschnitten. Viele davon musste ich erst mal aufspüren, ansehen, kennenlernen, um sie auflösen oder einen Umgang finden zu können.

Diesen Weg bin ich noch nicht bis zu Ende gegangen, habe aber sehr viel bereits gesehen. Ich möchte hiermit meine Einsichten und Erfahrungen teilen. Denn jedes einzelne dieser Hindernisse lebt nicht nur in mir, sondern auch in vielen anderen Menschen unserer heutigen Zeit. Sehr viele Menschen kommen – gerade, wenn sie sich auseinandersetzen – an unerklärliche innere Grenzen. An Leistungsbeschränkungen im körperlichen oder mentalen Bereich, bekommen Teile ihres Lebens nicht geregelt und den Arsch nicht hoch oder leiden unter innerer Unruhe. Sieht man die Ursachen nicht, so macht die Selbstverurteilung in der Regel alles noch komplizierter: wenn ich nicht in die Pötte komme oder Dinge nicht kann, muss ich ja irgendwie komisch sein? So ging es jedenfalls mir, und das ist mir sehr stark auf das Selbstwertgefühl geschlagen. Zu durchschauen, dass da handfeste Dinge hinterstehen und ich nicht einfach nur diffus komisch bin, war da eine große Hilfe unmd Befreiung.
Nicht alles kann ich erklären, und es gibt sicherlich einige Blockaden, die ich noch nicht geschaut habe. Aber vielleicht sind meine Schilderungen Inspiration, sich einige Dinge noch mal näher anzusehen.

Sei nur vorsichtig: einige Dinge mögen Dir von Dir selbst oder Deinen Freunden bekannt vorkommen. Das heißt aber nicht, dass die selbe Ursache vorliegt – viele der hier beschriebenen Hürden produzieren unspezifische Symptome. Da muss man im Einzelfall näher hinsehen; mit schnellen tölpelhaften Diagnosen ist selten geholfen.

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Ich war ein sehr stilles Kind. Ein stiller Beobachter. Als Kompensation wurde ich später schnell, oft hektisch, aber damit auch fahrig. Ich war immer innerlich stark unruhig und getrieben. Fing vieles an, führte aber wenig wirklich weiter. Ich war immer ein Kopfmensch, mit praktischen Dingen oft überfordert; vor allem damit, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Meine Selbst- und Körperwahrnehmung war schlecht. Körperlichwar ich immer gut in explosiven Dingen wie Weitsprung, konnte aber mit zunehmendem Alter immer schlechter Muskelkraft aufbauen; auch an der Kondition haperte es immer. Training, um beides aufzubauen, war so mühsam, dass ich es nicht weiter verfolgte.

Sozial war ich oft überfordert, zurückgezogener Außenseiter. Entsprechend erste Freundin erst mit 23. Sprechen lernte ich erst mit ca. 3 Jahren. Innerlich war ich immer unruhig, nervös, konnte nicht meditieren, kannte keine innere Ruhe. Mit 26 dann begannen massivste Herzrhythmusstörungen. Denken konnte ich immer gut, aber der Bezug zur Realität fehlte oft; durch das starke Versunkensein war auch meine Wahrnehmung meiner Umgebung stark getrübt, bis hin zu häufigen Stolperern; ich lebte wie durch einen Schleier hindurch. Mit neun entwickelte ich starke Tics (Muskelzuckungen, in meinem Fall in Form von Zwangshandlungen). Und spätestens seit Anfang zwanzig war ich chronisch tendenziell freudlos.

All diese Dinge isolierten mich menschlich und drückten auf mein Selbstwertgefühl. Natürlich hatte ich auch Talente und habe meinen Rahmen gut zu nutzen gewusst, doch diese Einschränkungen nervten zunehmend.

Ich merkte immer, dass ich in machen BEreichen anders war als Andere, konnte das aber nicht richtig greifen und festmachen. War ich einfach nur schlecht? War ich einfach nicht richtig? Diese Fragen drückten meinen Selbstwert enorm.

Ich ging auf die Suche, auf die Suche nach mir selbst. Ein wichtiges Medium dafür war Parkour; weitere starke Beiträge leisteten das Wildnistraining und das Ki-Training. Viel wurde in einem Gespräch mit meiner Mutter über meine Entwicklungsgeschichte klar, und einige medizinische Erkenntnisse taten ihr Übriges.

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Schauen wir ein wenig in meine Stolperfallen:

1. Geburt – Epilepsie – Medikamente

Diesen Part beginne ich gerade erst richtig aufzuarbeiten. Bei der Geburt hatte ich die Nabelschnur um den Hals, die mir die Luft abschnürte; ich kam mit einiger Nachhilfe blau angelaufen und zitternd zur Welt. Dabei ist es zu Hirnschädigungen gekommen; ich vermute, dass diese auch das Sprachzentrum getroffen haben.

Bei Kindern, die so geboren werden, gibt es offenbar einige typische weitere Verläufe, die in Richtung ADS (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom) gehen. Ich gehe davon aus, dass dieses bei mir vorliegt, eine Diagnose gibts bisher nicht. Die inhaltliche Aufarbeitung dessen steht noch aus. Eine der Folgen ist wohl meine sprunghafte, zerstreute Art zu denken.
Wohl ebenfalls in der Folge dieses Geburtsverlaufes entwickelte ich als Kleinkind eine ausgewachsene Epilepsie. Diese wurde medikamentös behandelt – mit schweren Medikamenten, die zwar erfolgreich waren, aber schwere Nebenwirkungen zeigten. So gelten diese Medikamente als persönlichkeitsverändernd und dämpfend. Ich bekam sie neben meiner Kindergartenzeit, von 3 – 6 Jahren – genau in der Zeit, in der man grundlegende soziale Erfahrungen macht. Aus dieser Zeit gibt es Fotos von Klein-Malte, abseits am Rand der Gruppe, mit hängenden Schultern, fehlender Körperspannung und ohne jedes Zeichen von Freude.

Vermutlich als Spätfolge dieser ganzen Geschichten entwickelte ich mit neun Jahren massive Tics – Muskelzuckungen. In meinem Fall waren die nicht unwillkürlich, sondern aktiv ausgeführt; eine klassische Zwangshandlung, die sich verschieben oder mühsam unterdrücken lässt, aber eigentlich ausgeführt werden muss – der Antrieb ist vergleichbar mit dem Gähnen. Diese Tics habe ich abgemildert bis heute, weiß sie aber besser zu verstecken als noch damals.

2. Scheidung

Noch komplett unbearbeitet ist, was genau die Trennung meiner Eltern bewirkt hat – ich war vier damals. Was ich weiß, ist, dass ich in dieser Zeit ein schwarzes Loch in meinem Gedächtnis habe. Und dass ich irgendwo in dieser Zeit mein Urvertrauen verloren haben muss – was aber auch mit den Medikamenten zusammenhängen kann.

3. Händigkeit

Darauf bin ich mit 29 Jahren durchs Ki-Training gekommen: ich bin Linkshänder, bin aber als Rechtshänder aufgewachsen. Ich erinnere mich noch an die Zeit um die Einschulung – ich hielt mich für einen Beidhänder, musste aber mich für eine Hand entscheiden, als es ans Schreibenlernen ging. Ich sah, dass das fast alle mit Rechts tun und beschloss, das auch zu tun… Seitdem hielt ich mich für einen Rechtshänder.

Eine verkappte Händigkeit schraubt einem einen Knoten ins Gehirn. An der Uni München gibts da extra ein Institut zu: tue ich dauernd etwas mit der falschen Hand, bekommt also die zuständige Hirnhälfte einen Input. Die sagt: schöner Input, das ist aber nicht meine Aufgabe – und schiebt die Information rüber in die andere Hirnhälfte. Die sagt: ja, mein Job, aber ich hab keinen Input – und schiebt die Information wieder zurück… Folge ist, dass ein verkappter Linkshänder dauernd kreisende Gedanken hat, das Gehirn stark beschäftigt ist. In der selben Zeit braucht ein solches Gehirn tatsächlich drei Mal mehr Rechenleistung als ein normales, richtig gepoltes Gehirn…

Kaum ein Mensch ist 100% stimmig in der Aufteilung der Händigkeit, und das ist ein spannendes Experimentierfeld; aber das Hirn kann vieles ausgleichen. Ein dauerndes Verdrehen aber überlastet ein Gehirn auf Dauer.

Nachdem ich zurückgeschult habe auf linkshändig, sortierte sich mein Gehirn. Erstmals erlebte ich so was wie innere Ruhe, mein Wahrnehmungsschleier hob sich ein wenig, ich wurde sortierter, praktischer, lebendiger, präsenter, bekam plötzlich Dinge geregelt. Einer der ganz großen Wendepunkte in meinem Leben…

…und ich bin nicht der einzige Betroffene. In Deutschland gibt es offiziell 8% Linkshänder. In Großbritannien rund ein Drittel, in Japan rund 1%. Wie kann das?
In einer mir bekannten Kita wird drauf geachtet, die Kinder nicht festzulegen. Und hier erweisen sich rund ein Drittel der Kinder als Linkshänder.
Die Hälfte aller Tiere sind Linksfüßler; wer Spuren lesen kann, kennt den Unterschied. Von der Genetik her gibt es Zeichen, dass auch beim Menschen ein Drittel oder die Hälfte Linkshänder sein müssten.

Wir sind bei 8%? Wo sind die Anderen? Wie viele Menschen gibt es, die in sich nicht reibungsfrei laufen? Nicht alle davon werden verkappte Linkshänder sein, aber einige sind sicherlich dabei.

Aus gegebenem Anlass: in der Thematik kommt es schnell zu Fehldiagnosen, und einfach alles andersrum zu machen ist keine geeignete Therapie. Wer sich für betroffen hält, beschäftige sich bitte intensiv damit, ggfs unter Einbezug von Fachleuten, um sich nicht noch weiter zu verdrehen. Es gibt auf diesem Gebiet sehr viele Stolperfallen!

4. Hypoglykämie

Die Hypoglykämie war die nächste bahnbrechende Entdeckung. Im November 2012 war ich gut vier Wochen lang nicht arbeitsfähig – ich war fürchterlich schwach, kam kaum noch eine Treppe rauf. Gut vier Wochen Ärztemarathon, vier Tage Krankenhaus, gut vier Wochen stabil-miserabler Zustand ohne jede Besserung. Die Ärzte fanden nichts, erklärten mich für organisch gesund. Meiner Hausärztin fiel als letztes Mittel nur noch ein, mich in die Psychosomatik zu schicken.

Sie alle übersahen mein Zuckerproblem, welches mir letztlich selbst auffiel. Als meine Hausärztin auch hier keine Besonderheit entdecken konnte, ging ich zu einem sauteuren Privatarzt, und der konnte schließlich eine Diagnose stellen: Hypoglykämie. Eine Krankheit, die sehr real, aber erstaunlicherweise sehr vielen Medizinern schlicht unbekannt ist.

Hypoglykämie bedeutet Unterzuckerung und ist genau das Gegenteil von Diabetes. Ironischerweise löst Zuckeraufnahme (auch in Form von Stärke, nur da viel schwächer) genau jene Unterzuckerung aus. Meine Bauchspeicheldrüse ist schlicht überaktiv – nehme ich Zucker zu mir, baut sie durch Insulinausschüttung mehr Zucker ab, als ich aufgenommen hatte. Folge ist ein zu geringer Blutzuckerspiegel – und damit verbunden wieder eine massive Lust auf Süßes.

Blutzucker ist lebenswichtiger Bestandteil vieler Vorgänge im Körper. Das Gehirn benötigt ihn für seine Aktivität, und die Muskeln ebenfalls (daher wohl auch die Einschränkungen in Ausdauer, Maximalkraft und Muskelaufbau).

Ist eine Drüse durcheinander, werden in der Regel auch die Anderen darauf reagieren. Fällt der Blutzucker zu stark, wird ein weiteres Hormon verstärkt ausgeschüttet: das Adrenalin. Es soll Reserven aus Leber und Muskeln mobilisieren, die aber irgendwann natürlich aufgebraucht sind. Folge aber war ein ebenfalls seit vielen Jahren chronisch erhöhter Adrenalinspiegel – Ursache für innere Unruhe, Herzrhythmusstörungen, mentale Blockaden.

Offenbar hatte ich dieses Problem chronisch seit vielen Jahren und eben in jenem November war es akuter geworden.

Die Behandlung bestand schlichtweg in einer angepassten Diät. Innerhalb vier Tagen ging es mir wieder gut, nach zwei Wochen ging es mir besser als je zuvor. Ich war wieder leistungsfähiger und bald kräftiger als je zuvor; ich beginne seitdem, Muskelmasse aufzubauen. Die Herzrhythmusstörungen sind Geschichte, ich bin in mir viel ruhiger und sortierter und kann manchmal inzwischen sogar meditieren.

Ebenfalls einer der ganz großen Wendepunkte in meinem Leben…

4. Borreliose

“Das haben Sie nicht auch noch gebraucht” stöhnte meine Osteopathin, als ich ihr von dieser neuen Diagnose erzählte. Ich war schon immer viel draußen gewesen, und irgendwann muss ich mir mal eine Zecke gefangen haben, die den Erreger trug. Jedenfalls habe ich Borreliose, und bereits in der chronischen Form, die so ziemlich nicht mehr behandelbar ist. Ich habe massive Schübe bekommen, in denen ich mich wochenlang fiebrig fühlte, mit entsprechenden Erschöpfungszuständen und teilweise Gliederschmerzen. Auch zwischen den Schüben fühlte ich mich schlapp, wobei ich nicht sagen kann, ob das nicht auch auf die Hypoglykämie oder Geburtsfolgen oder sonstwas zurückzuführen ist. Zustände, die in meinem anstrengenden Job geradezu fatal sind.

Die klassische Medizin war in meinem Fall ratlos. Eine alternativmedizinische Maßnahme scheint aber gewirkt zu haben; jedenfalls habe ich seitdem keine Schübe mehr gehabt. Ich muss aber davon ausgehen, diese Krankheit mein Leben lang mit mir herumzutragen; sie kann jederzeit wieder losbrechen. Ich muss daher verstärkt auf mein Wohlergehen achten.

Diese Krankheit haben die Ärzte übrigens auch erst auf Nachfrage gefunden. Ich weiß nicht, warum sie bei allen meinen Arztbesuchen der letzten Jahre nie getestet wurde, passen die Symptome der letzten Jahre doch auch zu dieser Krankheit. Offensichtlich muss man die Ärzteschaft da noch treten. Wer immer wieder schlappe Phasen episodenweise hat, tut gut daran, sich testen zu lassen – macht auf Nachfrage jede allgemeinmedizinische Praxis auf Kassenkosten. Allerdings können die finanzierten Tests auch falsch-negativ sein.

5. Kopfsteuerung

Keine Krankheit, aber eine falsche Denkweise, teilweise als Kompensation der genannten Krankheiten möchte ich noch ansprechen.

Es fiel mir erstmals beim Spurenlesen auf. Ich hatte gerade einen Spurenkurs besucht und fand auf meinem Eifeler Hausberg eine Fuchsfährte im Schnee. Ich folgte ihr rückwärts quer über die Hügel zu tollen Plätzen in der Landschaft. Dabei kam ich, der Fährte folgend, an eine quadratische Wiese, die ringsum von Büschen umgeben war, mit Durchlässen in zwei gegenüberliegenden Ecken. Ich sah, dass der Fuchs nicht direkt über diese Wiese gegangen war, sondern in einem Bogen, als hätte der Schutz der Hecken ihn angezogen. Warum tat er das, wo er im Schnee doch auf absolute Effizienz angewiesen ist?
Ich verlor die Fuchsfährte etwas später im Gebüsch. Frierend, zähneklappernd und mit der Aussicht auf einen Tee und eine heiße Badewanne ging ich den selben Weg zurück und auch wieder quer über die genannte Wiese, möglichst direkt, dem Ruf der Wärme folgend. Als ich mich aus einem Impuls heraus noch mal umdrehte, bemerkte ich an meinen Spuren, dass ich denselben Bogen gemacht hatte wie der Fuchs auf dem Hinweg. Warum, wenn ich doch möglichst schnell nach Hause wollte?

Ich fidn an zu begreifen, dass meine wahren Antriebe wenig mit dem zu tun haben, was ich bewusst mitbekomme. Seitdem achte ich auf Antriebe, die nicht aus meinem Kopf kommen.

Bisher war ich Meister darin, aus Kopfbeschluss heraus die Dinge zu tun, von denen ich logisch annahm, dass sie anlägen. Oder eben nicht zu tun, weil mein Kopf sich irgendwann nicht mehr gegen das Restsystem durchsetzen konnte und ich mich dann selbst blockierte. Entsprechend sah meine Wohnung aus, ebenso wie die Erledigung der meisten wichtigen Dinge – ich hinkte immer hinter allem her, bis es sich nicht mehr verschieben ließ und ich mit purem Willen mich denn doch aufraffte.

Was dabei auf der Strecke blieb, war neben meiner Ordnung auch meine Lebensfreude. Denn ich tat nur wenig aus meinem Inneren heraus.

Wenn ich ehrlich bin, kann ich wenig über mich sagen. Wie bin ich, was treibt mich? Ich weiß es nicht. Aber mein bewusster Anteil beobachtet meine Neigungen und Triebe, und ich bemühe mich, möglichst viel davon einfach umzusetzen, quasi geschehen zu lassen. Die Botschaften des Unterbewussten zu erkennen ist befreiend – unser bewusster Anteil ist nur ein Bruchteil unseres Selbst, die andere Seite fordert auch ihren Raum. Ich habe gelernt, neugierig zu sein auf das, was mich antreibt. Ich habe gelernt, möglichst wenig Pläne zu machen und den Impulsen zu vertrauen. Oft kann ich sie inzwischen identifizieren und ihre Richtung angeben. Und siehe da – richte ich mich danach, kommt Lebensfreude zurück. Ja, ich kann wieder Spaß am Leben haben! Das ist noch nicht lange so. Toll, gelle?

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Ich bin bescheiden geworden. Ich weiß, dass ich große Anteile meines Lebens nicht verstehe. Aber es lohnt sich, die Dinge zu suchen, die unser Handeln und Denken bestimmen. Gerade, wenn ich in einigen Bereichen nicht reibungsfrei funktioniere, schaue ich näher hin und versuche mir selbst auf die Schliche zu kommen. Dieser Prozess ist mühsam und kann schmerzhaft sein, aber er ist unendlich befreiend. Für mich war er notwendig – ich weiß nicht, ob und wie ich sonst jetzt noch leben würde.

Ich habe diese Aspekte meiner Geschichte hier aufgeschrieben, weil ich genau dazu inspirieren möchte: genau hinzuschauen, was uns treibt und was uns hält. Vielleicht erkennen sich einige in meinen Ausführungen wieder und mögen sich das näher anschauen. Vielleicht findest Du auf Deinem Weg auch andere Stolperfallen als ich auf meinem. Wichtig ist nur: wach bleiben und neugierig auf Leben und Lebendigkeit.

Ich stehe für Austausch gerne zur Verfügung.

Liebe Grüße,

Malte

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Geschützt: Interviews: Parkour-Philosophie

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Training

Ich trainiere wieder.

Ich habe jetzt dreieinhalb Jahre lang Trainingspause gehabt. Ich hatte in dieser Zeit einen Job, der mich körperlich und geistig sehr beansprucht hat. Wie sich kürzlich herausgestellt hat, habe ich außerdem eine Stoffwechsel-Anomalie, die meinen Energiehaushalt im Körper beeinträchtigt. Das erklärt, wieso meine Trainingserfolge immer recht bescheiden waren – und warum ich in den letzten Jahren neben der Arbeit einfach nicht mehr viel zustande gebracht habe.

Mein neuer Job ist ähnlich füllend, aber mir geht es viel besser, und so zieht es mich wieder ins Training.

Was aber genau trainiere ich? “Parkour” ist immer noch ein Teil dessen, aber ich nenne es nicht mehr so. Ich gehe meinen sehr eigenen Weg, und meine persönliche Zielrichtung hat mit der im Parkour proklamierten nur teilweise zu tun. Mich zieht es zu einem Bild, welches größer ist als Parkour. Teil dessen ist die Bewegungskunst, von der Parkour wiederum ein Teil ist. Teil wird die Kampfkunst sein. Teil sind aber durchaus auch die feinen Künste, derzeit vor Allem der Gesang. Teil ist natürlich auch die Alltagsorganisation, die Meditation und einiges mehr. Und auch das Wildnistraining wird für mich gerade wieder aktuell.

Was ist der rote Faden, das verbindende Element, das alles vereinigende Zielbild? Mit dem Bild des Kriegers kann ich mich nicht mehr wirklich identifizieren. Der Nomade oder Pilger durchs Leben bin ich in dem Sinne auch nicht. Geht es darum, einfach Mensch zu werden, das Potenzial auszuleben und zu erkunden? Wenn ja, warum eigentlich?

Muss ich wirklich ein Zielbild haben? Es würde so vieles einfacher machen. Wenn ich mich als Traceur identifiziere, weiß ich recht genau, was ich zu tun habe, um da hinzukommen. Wenn ich dem Ideal des Kriegers folge, habe ich Vorstellungen davon, was darunter zu verstehen ist und welche Disziplinen ich also üben muss. Ja, ein Idealbild gibt einen roten Faden und strukturiert das Training, kann es durchaus effizienter machen.

Aber es stimmt für mich nicht mehr.

Im Moment, solange ich noch rudere, mach ich einfach die Dinge, zu denen es mich hinzieht. Das passiert recht chaotisch und unstrukturiert und verlangt von mir, immer wieder reinzuspüren, was für mich jetzt gerade mal wieder ansteht.

So oder so – es ist ein lebendiger Weg. Ich weiß, dass ich viele dieser Interessen mit sehr vielen Menschen teile.

Ich freue mich über jeden, der ein Stückchen meines Weges mit mir zusammen geht.

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Fußgewölbe

Ich bin soeben per PN im Forum gefragt worden, wie ich es denn geschafft habe, mein Fußgewölbe wieder aufzurichten. Diese Frage ist mir schon öfters gestellt worden, aber ich hab sie glaub ich nie so ausführlich beantwortet wie hier. Ich stelle meine Antwort daher hier ein – vielleicht dient sie ja dem einen oder anderen als Inspiration.

Hallo, xxx,

huah, die wesentlichsten Sachen kann ich Dir nicht “mal so eben” erklären. Aber Deine Frage ist verdammt gut und wichtig, und ich wills zumindest versuchen. Ich betone hiermit ausdrücklich, dass ich kein Arzt o. ä. bin und hier nur meine Erfahrungen und meine persönliche Herangehensweise benenne, dass das nicht 1:1 auf jeden Menschen übertragbar und bei Interesse kritisch zu hinterfragen und anzupassen ist.

Zunächst, ich stecke seit über drei Jahren in einem Training, in dem es unter anderem um eine sinnvolle Organisation der Körperstruktur geht. Obwohl das eher ein Nebenaspekt des Trainings ist, hat sich mein Körper seitdem kräftig neu organisiert; das Fußgewölbe trägt wieder, meine Beine sind wieder gleich lang, mein Hohlkreuz ist fast weg und eine ganze Reihe weiterer Haltungsstörungen haben sich behoben. Das Ganze nennt sich Ki-Training, eigentlich gehts um ganz andere Dinge, und die Körperstruktursachen sind nur ein kleiner Nebenerfolg. Dummerweise gibts das Ki-Training in dieser Form nur relativ selten – unter dem Namen wird auf dem Markt auch allerlei Mist angeboten^^

Die Methoden stammen teilweise aus dem T’ai Chi und dem Qi Gong – wobei auch da auf dem Markt wiederum eine Menge Schrott unterwegs ist.

Von dem, was ich mal eben so weitererzählen kann: Mir gehts ganz viel darum, dem Fuß seine natürliche Funktionalität wiederzugeben. Diese ist in unserer modernen Zeit sehr zurückgegangen. Was tut so ein Fuß von Natur aus? Stell Dir vor, Du bist ein Indianer und barfuß oder in Mokassins unterwegs. Was hat Dein Fuß zu tun?

Erst mal muss er überhaupt das Körpergewicht tragen. Dafür verfügt der Fuß über eine gewisse Statik. Im Grunde verteilt sich das Gewicht auf drei Punkte: äußerer Ballen, innerer Ballen, Ferse. Dazwischen spannt sich das Fußgewölbe auf, welches wie eine Brücke das Gewicht trägt und über diese drei Punkte verteilt.

Dann muss er für das Gleichgewicht sorgen. Deswegen ist der Fuß von einer ungeheuren Zahl von Muskeln durchzogen, die ihn in sich erstaunlich beweglich machen. Damit kann sich der Fuß anpassen – bedenke, zu damaligen Zeiten war der Boden höchst uneben, nicht so glatt wie heute. Auch die Greiffunktion dr Zehen ist hier zu nennen – die Zehen sind in der Lage, sich richtig in den Boden zu krallen und hier ebenfalls für Halt zu sorgen.

Und nicht zuletzt wurden Füße immer schon als Werkzeuge eingesetzt. Vor allem, um sich voranzutasten. Auch in unebenem Gelände konnte ein Indianer es sich nie leisten, die ganze Zeit auf den Boden zu schauen, wohin er denn nun seine Füße setzt. Seine Augen brauchte er für die Landschaft, denn da konnte ein Tiger, ein Freund, ein Feind, ein Beutetier lauern. So was sieht man besser, bevor man selbst gesehen wird. Also: Augen in die Landschaft, Aufmerksamkeit. Mit dem Untergrund mussten die Füße schon selbst klarkommen. Und das möglichst so, dass es nicht dauernd knackst… das heißt, vor allem die Ballen sind tastempfindlich, mit denen wurde der Untergrund oft erst vorsichtig betastet, bevor wirklich das Gewicht auf den Fuß kam. Mit etwas Übung kann man sich so recht zügig in unebenem Gelände bewegen, ohne ständig auf den Boden schauen zu müssen. Und ja, die Funktionalität der Füße ist auch etwa bei japanischen Zimmerleuten genutzt worden, die auf Balken kletterten und teilweise wohl sogar Werkzeuge mit den Füßen hielten.

So, schauen wir uns doch mal an, was von dieser Funktionalität heute noch aktiv verwendet wird. Wir tragen heute Schuhe mit Stützfunktion. Mit steifen Sohlen, mit Schäften, die das Fußgelenk stabilisieren, mit Fußbetten, die das Gewicht auf die ganze Sohle verteilen statt auf diese drei Kontaktpunkte und damit dem Fußgewölbe die Arbeit abnehmen. Die Sohlen sind so steif, dass die Greiffunktion der Zehen nutzlos geworden ist, die Füße kaum noch Spielraum haben. Moderne Schuhe verändern sogar das Abrollverhalten. Die gedämpfte Ferse verführt zu einer sehr seltsamen Gehweise, die ohne diese Dämpfung alles andere als gesund wäre. Gleichzeitig wird in der Regel die Ferse hochgelagert, was zu einer völlig anderen Körperstruktur und -haltung führt.

Unsere Straßen, auf der wir uns für gewöhnlich bewegen, sind komplett eben, es gibt keine unebenen Flächen mehr. Tasten ist unnötig geworden, wir müssen nicht mal mehr die Füße haben. Wenn doch mal eine Unebenheit auftaucht, fängt sofort das Stolpern an. Hast Du mal in der Stadt jemanden gesehen, der einen Bordstein übersehen hat? Da haben sich Leute schon was dran gebrochen. Bei einem natürlichen Laufverhalten sollte so eine Unebenheit – auch überraschend – kein Problem darstellen.

Im Grunde, wenn Du diesen Gedanken weiterdenkst, betrifft das die gesamte Person, nicht nur den Fuß. Das moderne Leben mit all seinen Zerstreuungen udn Sorgen lässt viele von uns in Gedanken sein, was gegenüber der gelassenen Aufmerksamkeit der Indianer sich heftig auf den Körper auswirkt. Hat ein “natürlich” lebender Mensch eine gewisse Grundspannung in Körper und Nervensystem und eine gewisse dauernde Aufmerksamkeit, die ihn vor Tigern warnt, leben viele von uns heute sehr stark im Kopf, gehen ihren Gedankenwelten nach, sind nicht mehr wirklich aufmerksam in der Umgebung, nicht mehr präsent im Körper. Moderne Menschen haben oft zuviel Spannung in den Schultern – oft mit dazwischen eingeklemmtem Kopf – und zu wenig Spannung im Rest des Körpers. Wirklich achtsam mit sich und seiner Umgebung sind nicht mehr viele. Und das hat erhebliche körperliche Auswirkungen, viele unserer Zivilisationserscheinungen haben damit zu tun.

Zurück zum Fuß. Wenn Du seine Möglichkeiten und Bestimmungen anschaust und siehst, wie wir ihn heute nutzen, dann wundert eigentlich überhaupt nicht mehr, dass seine Funktionen inklusive der Stützfunktion des Fußgewölbes verkümmern, oder? Unsere Fußmuskeln sind untrainiert und mangels Muskeln miteinander verklebt, unser Körper weiß die oft gar nicht mehr anzusteuern. Das Gewölbe stützt nicht mehr richtig,

Ein wesentlicher Teil meiner Herangehensweise ist es, diese natürlichen Funktionen wieder zu aktivieren, notwendig zu machen. Und: überhaupt wieder Bewusstsein in die Füße zu kriegen, welches eine wichtige Basis für die reale Nutzung der Füße ist. In der Regel reagiert nach meinen Erfahrungen der Fuß dann selbst und stellt seine Funktionen wieder her. Das ist auch der einzige mir bekannte praktikable Weg – da ein Teil der Muskeln, vor allem in Sachen Fußgewölbe, autonom arbeitet und nicht willentlich angesteuert werden kann. Sehr wohl aber kann man dem Körper die Notwendigkeit geben und die unbewussten Programme damit aktivieren.

So, konkret, was kann man tun? Grundsätzlich, natürliche Bedingungen wieder herzustellen. Dazu gehört für mich, dass ich sehr viel barfuß laufe. Zu Hause eigentlich nur. Manchmal auch draußen. Wenn ich rausgehe, trage ich Schuhe, die eine dünne, flexible Sohle haben, ohne die Ferse anzuheben. Zu meinen Lieblingsschuhen gehören verschiedene Arten von Mokassins, Jika-Tabis, die teureren Feiyues (deren Sohle einfach dünner und flexibler ist als bei den Billigimitaten). Über letztere beide habe ich hier im Forum schon einiges geschrieben, siehe das.

Ich bin viel draußen, bin viel im Wald, bewege mich dabei bewusst viel auf unebenem Boden, gehe sehr oft von den Wegen runter. Das ist schon mal eine gute Grundlage.

Dann gibt es noch einiges, was man tun kann, um etwas gezielter dran zu arbeiten. Wenn ich irgendwo sitze, massiere ich mir öfters die Füße, um etwas Bewusstheit dort hin zu bekommen. Dann bewege ich die Füße viel in sich, versuche, welche Bewegungen damit gehen. War zum Beispiel erstaunt zu bemerken, dass ich den Ballen am großen Zeh separat bewegen kann. Auch andere Muskeln kann ich inzwischen gezielt ansteuern – aber das muss der Körper erst mal lernen, am Anfang tut sich wahrscheinlich erst einmal noch gar nichts.

Dann taste ich mit den Füßen öfters gezielt. Suche mir unebene Untergründe – und sei es meine Couchmatratze, die auf dem Boden liegt – und versuche, mit den Füßen die Form zu ertasten. Und versuche mal mit den Zehen zu greifen. Allein schon einen Bleistift aufzuheben, der auf dem Boden liegt, ist mit untrainierten Füßen gar nicht so leicht. Zwischen großem Zeh und Nachbarzehen Dinge einzuklemmen geht noch, aber wenn ich wirklich alle Zehen einsetzen will…? Hab auch schon mal eine Matratze mit den Zehen abgezogen, also vom Laken befreit, das ist auch witzig.

Dann, im Stehen barfuß kann man versuchen, mit den Zehen sich voranzuziehen. Mit beiden Füßen gleichzeitig mit den Zehen sich so in den Boden graben, dass man etwas nach vorne rutscht.

Und versuch mal im Stehen, die Muskeln der drei Kontaktpunkte zum Boden direkt anzusteuern. Also mal die Muskeln des inneren Ballens anspannen, dann die Muskeln des äußeren Ballens, dann die Fersenmuskeln (ja! da sind auch welche!).

Ja, und dann experimentiere ich gerade sehr erfolgreich mit der Laufmethodik. Ich habs zum Thema Hackenpolsterung und Tasten schon angesprochen, dass ich es für wenig natürlich halte, mit den Hacken zuerst aufzukommen, wie fast jeder das tut. Zu dem Thema hab ich mal ausführlicher was in meinem Blog geschrieben. Wenns Dich näher interessiert, schau mal hier: http://parkourblog.maltehoevel.de/2008/06/03/ballengang-ein-selbstversuch/

Vielleicht hast Du ja noch weitere Ideen?

Okay. Das ist noch nicht alles, was ich zu sagen hätte, noch lange nicht. Aber das ist der Part, den ich Dir “mal eben” erklären kann. Der Rest würde nicht über das Wort, nicht übers Netz gehen. Aber ich glaube, das hier reicht auch fürs Erste. Ist ja nu schon ne ganze Menge an Ansätzen 😉

Freue mich natürlich über Feedback von Dir.

Du bist nicht der Einzige, den diese Frage interessiert, aber so ausführlich hab ich bisher noch nicht drüber geschrieben. Ich erlaube mir daher mal, diesen Text hier in meinen Blog zu stellen – da kommt er auch Anderen noch zugute.

Lieben Gruß,

Malte

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Die eigenen Grenzen

Zwei Aussagen haben mir in der letzten Zeit arg zu denken gegeben.

erstens, David Belle, im “New Yorker”-Interview:

“Ein guter Krieger kann überall kämpfen. Im Parkour ist es ähnlich: du musst dich an alles anpassen, was da ist, und handlungsfähig sein. Akrobatik ist was anderes. Du kannst ein bisschen davon machen, aber keine Stunde lang. Einen Parkour laufen aber kannst Du eine lange Zeit.” – eigene Übersetzung

Yann Hnautra in der “Generation Yamakasi – Vol au dessus des Cités”-Reportage zu den Häftlingen:

“Ihr seid jetzt alle müde. Nicht, weil ihr das Training nicht beenden könntet. Sondern, weil ihr handelt wie verrückt. […] Versucht nicht, schnell zu sein, denn dann werdet ihr müde, und ihr glaubt, ihr könntet das hier nicht tun. Das ist falsch! Ihr könnt alles tun! Ihr irrt euch, ihr habts noch nicht verstanden. Ihr habt nicht verstanden, was ihr tun solltet. Es ist nicht leicht, im Leben konkret zu sein. […] Relativität ist wichtig. Es ist wichtig, fair zu anderen Menschen zu sein, und wichtig, fair zu sich selbst zu sein. […] das ist kein Ausdauerwettbewerb.” eigene Übersetzung

Ach!? Es ist in der Tat möglich, Parkour eine sehr lange Zeit zu betreiben? Okay, ich hab auch schon an sieben-Stunden-Trainings teilgenommen, ja. Aber wenn ich ehrlich bin, bestanden diese Trainings jeweils zu höchstens 50% aus wirklicher körperlicher Betätigung, wenn überhaupt. Parkour, so, wie ich es bisher kennengelernt habe, in wirklich durchgängiger Bewegung mehr als ein, zwei Minuten zu betreiben, geht dermaßen an die Substanz und macht dermaßen platt, das ist schon nicht mehr schön. Ein Run quer über den Stangenspielplatz in Köln, alle Hindernisse mitnehmend, und ich bin platt. Bei einer “Tour de Mediapark”, ebenfalls alle Hindernisse mitnehmend, werden mir selbst bei nur schnellerem Joggingtempo sehr bald die Beine schwer, und ich kann nur noch langsam weiterlaufen.

Wenn ich also den gewohnten Trainingsstil mehr als wenige Minuten durchziehe, geht das heftigst an die Substanz. Von “ich kann jederzeit alles tun, was ich mag” ist das weit entfernt. Von wirklicher Nutzbarkeit – da muss ich nicht mal mit dem abgegriffenen Verfolgungsbeispiel kommen – auch. Sprich: wenn ich ehrlich bin, gehe ich in meinem alltäglichen Parkourtraining ständig über die Grenzen hinaus. Nicht über die Grenzen des Machbaren. Sondern über die Grenzen des dauerhaft Sinnvollen.

Hab schon häufig beobachtet, dass wir Menschen uns dazu neigen, uns in allen möglichen Zusammenhängen so zu verausgaben, dass wir letztlich ausgepowert sind. Teilweise tun wir das sogar im sozialen Bereich und werfen es dann Anderen vor, dass wir uns ausgepowert haben. Beliebtes Spiel etwa in Beziehungen. Oder im Arbeitsleben.

Oder eben im Parkour. Wenn man sich das genau ansieht, wird dieser Mechanismus da leicht sichtbar. Man muss nur einfach mal versuchen, fünf Minuten ohne Unterbrechung, ohne Stehenbleiben in dem gewohnten Stil zu trainieren.

Wäre es nicht spannender – oder zumindest auch spannend – seinen Rahmen zu entwickeln, in dem man dauerhaft aktiv bleiben kann? Welcher ist dieser Rahmen eigentlich, den wir so dauernd überschreiten?

Ich habe gestern u. a. mit Yves trainiert, hier in der Eifel in einem wunderschönen von Steinen durchsetzten Waldgebiet. Yves hatte zwischendurch eine gute Idee: einfach mal zehn Minuten in Bewegung zu bleiben. Nicht auszuruhen, nicht abzusetzen, sondern durchgängig in Bewegung zu bleiben. Dabei ruhig auch kleinere Sprünge einzubauen. Oder was auch immer einem gerade gefällt – sich möglichst frei durch das Gebiet zu bewegen, eben ohne anzuhalten, abzusetzen. Immer mal wieder zwischendurch waren kleinere Sprünge oder Klettereinlagen dabei, aber wir waren durchgängig in Bewegung. Aus diesem Spiel wurde erheblich mehr als zehn Minuten, könnte eine halbe Stunde geworden sein. Wir haben gemerkt, dass das schon auf gewisse Art erschöpfte, eine Art von “Ausdauer” ansprach, die mir so bisher nicht bekannt war. Aber gleichzeitig, dass wir auf diese Art in der Tat uns sehr lange kontinuierlich bewegen konnten. In einem ganz anderen Rahmen als bei den großen Sprüngen, kleinteiligere, verspieltere Bewegungen, mehr Leichtigkeit.

Ja, Techniktraining, Suche nach Herausforderungen etc. sind schon gut und wichtig. Aber eben diesen Rahmen kennen zu lernen, in dem man seinen Körper wirklich dauerhaft nutzen kann, finde ich ebenfalls einen wichtigen Trainingsinhalt. Wird für mich ab sofort einen Teil meiner Trainingsaufmerksamkeit bekommen.

Lieben Gruß,

Malte

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Ballengang? Ein Selbstversuch

ACHTUNG! Dieser Artikel ist für Anfänger komplett ungeeignet. Er behandelt Themen, deren Umsetzung bei nicht sachgerechtem Vorgehen, unkritischer Übernahme, mangelnder eigener Wahrnehmung oder fehlender Übung in eigener Erarbeitung und Körperarbeit durchaus zu körperlichen Schäden führen können. Nur, wer sich bereits mit Körperstruktur wirklich auseinandergesetzt hat, sollte hier weiterlesen.

Ich weise darauf hin, dass ich hier persönliche Erfahrungen mit einem Konzept schildere, die mit Sicherheit nicht auf die Gesamtheit aller Menschen übertragbar ist. Jedes eigene Experiment dazu muss mit Sorgfalt und unter hoher Eigenverantwortung angegangen werden. Die hier geschriebenen Dinge sind subjektiv; ich selbst bin kein Arzt oder sonstwie ausgebildeter Fachmann. Daher ist eine kritische Prüfung des Gesagten notwendig, bevor irgendwas selbst übernommen wird; im Zweifel sind Fachleute (Sportmediziner, Physiotherapeuten etc.) zu konsultieren. Wer nach dem Lesen dieses Beitrags einfach nur anfängt, auf dem Vorfuß zu laufen, hat Erhebliches nicht verstanden – es geht um einiges mehr.

Ich bin sogar felsenfest und aus guten Gründen davon überzeugt, dass das hier Gesagte nicht für jeden Mensch zutrifft. Zunächst sollte sich jeder Leser darüber klar werden, ob ihm das Thema persönlich zusagt. Und nach Lesen ist entsprechend zu prüfen, ob das für den eigenen Körper so Sinn macht.

Seit nun gut zwei Wochen übe ich eine andere Art des Gehens: den Ballengang. Dabei komme ich beim Gehen nicht, wie die meisten Menschen, mit der Ferse auf, sondern mit dem Ballen, und rolle dann nach hinten, zur Ferse hin, ab.

Wie das und vor allem: warum?

Nun, Kritik am heute üblichen Fersengang erscheint mir schon lange angebracht. Wenn wir uns mal in die Fußgängerzone stellen und schauen, wie Leute laufen, kommen wir in der Regel zur Beobachtung des folgenden Bewegungsablaufes: der Körper ist leicht vorgebeugt, das Gewicht wird nach vorne verlagert, und das Bein wird mehr oder weniger vorgestreckt, so dass das komplette Gewicht des vorstrebenden Körpers zunächst mit der Ferse abgefangen wird. Hugo Kükelhaus sagte mal sinngemäß: das Gehen ist ein permanentes Abfangen des Falls. Für den normalen Fersengang hat er wohl zweifelsohne recht.

Unsere Ferse ist eigentlich nicht dafür da, Stöße abzufangen. Warum soll man im Parkour auf dem Ballen landen? Das hat viel damit zu tun, dass wir ein Fußgelenk haben und uns somit ein weiterer Hebel zur Verfügung steht. Eigentlich wissen wir das alle: wenn man auf der Ferse landet, geht der Schlag gleich durch in die Gelenke und die Wirbelsäule. Ja, die ganze Knochenleitung ist betroffen, wie man leicht ausprobieren kann: man stecke sich die Finger in die Ohren und lande so einmal auf dem Ballen, einmal auf der Ferse; eine geringe Höhe reicht für dieses Experiment. Es ist schockierend, wie stark der Schlag bei Landung auf der Ferse über die Knochenleitung direkt bis ins Hirn steigt. Eine Landung auf den Ballen ist erheblich sanfter.

Das lässt sich ohne Weiteres auch auf den Ballengang anwenden. Der Finger-in-die-Ohren-Test greift auch, wenn man einfach nur ein paar Schritte zügig hin und her geht. Auch hier wird man schnell ein Tock-Tock-Tock hören, welches sich bei jedem Schritt durch die gesamte Knochenleitung bis zu den Ohren hoch, also auch durch alle dazwischen liegenden Gelenke, zieht. Bei jedem Schritt geben wir unseren Gelenken einen Schlag mit! Selbst das oft propagierte Abrollen nimmt nur einen Teil dessen raus.

Leisten können wir uns ohnehin diese Gangart nur, weil wir mit gepolsterten Schuhen durch die Gegend laufen, in der Regel noch mit erhöhter Ferse (was die Haltung komplett verändert), deren Sohle uns meist auch noch beim Abrollen unterstützt. Und weil wir uns vorwiegend auf geebneten Wegen bewegen und nicht mehr in unebenem Gelände. Mit natürlicher Bewegung hat das nicht mehr allzu viel zu tun.

Nicht umsonst gibt es viele Trainer, die fürs Joggen ebenfalls die Nutzung des Vorfußes empfehlen. Warum ist noch keiner drauf gekommen, dass das auch für die normale Bewegung im Alltag sinnvoll sein könnte?

Ich bin schon länger auf der Suche nach Alternativen. Aus dem Wildnistraining kenne ich den sog. “Fuchsgang”, bei dem die Außenseite des Fußes zuerst den Boden berührt und dann nach innen abgerollt wird. Diese Bewegungsform mag beim Schleichen sinn machen, für die Bewegung im Alltag fand ich sie bisher immer unbefriedigend. Schon besser als den Fersengang, ja. Aber der Fuchsgang verzog mir immer einige Beinkomponenten seitlich, was auf Dauer auch nicht gesund war, und wollte und wollte auch nicht zur Routine werden.

Auf den Gedanken, es mal mit dem Ballengang zu probieren, kam ich durch einen Freund, der mir das Buch von Dr. Peter Greb über den Ballengang, die “Godo-Methode”, empfahl. Greb, selbst Mediziner, behauptet, der Ballengang sei die natürlichste Form des Ganges, nutze den Bewegungsapparat des Menschen sachgerecht und so, wie er gebaut sei (Der Fersengang nutzt lt. einem mir bekannten Fachmann nur ein Drittel der zum Gehen vorgesehenen Muskulatur). Er behauptet, durch Umstellung auf den Ballengang würden seine Patienten regelmäßig von einer ganzen Menge Zivilisationskrankheiten genesen, und auch die Psyche profitiere enorm.

Das wollte ich näher wissen und habe es daher selbst ausprobiert. Zunächst beobachtete ich mein normales Gangverhalten. Tatsächlich, in vielen Situationen – barfuß, in unebenem Gelände, beim vorsichtigen Vortasten, beim Tanzen etc. – nutzte ich ohnehin schon den Vorfuß.

Also begann ich, gezielt umzustellen. Konsequent achtete ich darauf, ausschließlich mit dem Ballen auf der Erde aufzukommen und von da aus nach hinten, zur Ferse hin, abzurollen. Und Überraschung: dieser Gang war mir spontan sympathisch, schon nach einer Woche war er so selbstverständlich geworden, dass ich nicht mehr darauf achten musste. Das Laufen wurde sanfter, weicher. Und mein Körper reagierte dermaßen heftig positiv auf diese Umstellung, dass ich gerade nicht anders kann, als meine Erfahrungen hier zu teilen.

In der ersten Woche merkte ich vor allem, dass meine vorher dauerhaft verspannten Waden sich zu lösen begannen. Kein Wunder eigentlich – für den Fersengang wird ja der Fuß bei jedem Schritt vorne hochgezogen, wogegen er beim Ballengang recht entspannt hängen bleibt. Klar wirkt das auf die Waden.

Die Waden gelten nicht umsonst als wichtige Schaltstelle für die komplette Körperstruktur, verbinden sie doch die Füße, unseren Kontakt zur Erde, mit allem, was darüber auszubalancieren ist. Tatsächlich ging die Wirkung von den Waden aus weiter – meine kräftige Hyperlordose (Beckenvorkippung mit folgender zu starker Krümmung der Lendenwirbelsäule, Erscheinungsform ist u. a. ein Hohlkreuz) verbesserte sich innerhalb weniger Tage dermaßen erheblich, dass ich jetzt viel aufrechter stehe und viele mögliche Folgeschäden erheblich abgemildert sind. Wow! Genau diese Hyperlordose hatte ich schon lange sehr kritisch beäugt.

Gleichzeitig richtete sich mein Fußgewölbe erheblich mehr auf als vorher und ist jetzt wirklich in der Lage, meinen Fuß zu tragen. Ich hatte bis vor einigen Monaten kaum Fußgewölbe, weswegen mich jeder Schritt und um so mehr jeder Sprung verzog und mir folglich in die Knie schlug. In den letzten Monaten hatte mein Fußgewölbe durch verschiedene Übungen bereits einiges an Aufrichtung erreicht, aber die Fortschritte in der ersten Woche nach der Umstellung waren wirklich enorm.

In der zweiten Woche habe ich dann vor allem eine Lockerung meiner hinteren Oberschenkelmuskulatur gemerkt, welche ebenfalls dauerhaft verspannt und wahrscheinlich auch verkürzt war. Überhaupt, mein gesamter Unterkörper ist viel lockerer, präsenter, bewusster geworden. Und überhaupt fühlt sich Gehen jetzt völlig anders an, viel leichter…

In der selben Zeit hat sich auch mein Alltag und meine Herangehensweise ans Leben an sich, an Beruf, der Umgang mit Mitmenschen und mit mir selbst enorm entspannt. Ich kann allerdings schwer differenzieren, inwiefern das mit der Laufumstellung zu tun hat oder inwiefern da die anderen Prozesse, denen ich gerade nachgehe, eine Rolle spielen. Wahrscheinlich beides ein Stück weit.

Sprich, dieses Experiment ist aus meiner Sicht ein voller Erfolg, und ich werde das weiter beibehalten. Scheint mir sinnvoll.

Wie geht jetzt der Ballengang? Das sollte ich noch erwähnen, denn das ist mehr, als einfach nur auf dem Vorfuß zu gehen, wiewohl sich einige Anpassungen von selbst ergeben mögen. Das hat vor allem viel mit der Bewusstheit des Bewegungsablaufes “Gehen” zu tun. Der Gang ist nicht mehr vorgelehnt-auffangend, wie im Fersengang. Der Körper bleibt aufrecht, geht ein kleines bisschen runter, also Beine nicht ganz durchgestreckt, sondern immer leicht federnd. Dann wird – zunächst im Stand – ein Bein angehoben und vorgenommen. Der Fuß hängt locker runter, ohne groß gehalten werden zu müssen. Wenn man jetzt das Bein absenkt, kommt ganz von selbst der Ballen zuerst auf. Der Ballen ist taktil empfindlicher als die Ferse, das kann beim Laufen durchaus genutzt werden: der Ballengang ist ein sehr bewusstes Gehen. Das Gewicht kommt eigentlich erst auf den Fuß, wenn dieser auf der Erde steht; er muss daher nichts auffangen, es ist mehr eine gleitende Bewegung. Ideal ist, wenn die Körperspannung in ein federndes Gefühl kommt. Der Körper sollte ich sich insgesamt recht locker sein.

Ich wiederhole noch einmal die Warnung von oben: beschäftige Dich sehr ernsthaft mit dem Laufen und begreife, dass es hier um mehr as nur um eine andere Fußhaltung geht. Oder lass die Experimente damit und trag weiter Deine Polsterschuhe.

Ach ja, Thema Schuhe ist noch ein Wichtiges: die ersten Versuche mit dem Ballengang sollte man tunlichst barfuß oder mit geeigneten Schuhen machen. Geeignet sind Schuhe, die eine dünne, flexible Sohle haben und deren Ferse nicht erhöht ist – und ja, die sind schwer zu kriegen^^ Später kann man das eigentlich in fast jedem Schuh machen, wobei die oben beschriebenen Schuhe auch dann erheblich angenehmer sind.

Feiyues übrigens sind sehr tauglich. Vielleicht verstehst Du jetzt, warum ich sie Anfängern nicht unbedingt empfehle – solange man im Fersengang geht, haben die Feiyues einfach keine Dämpfung, die die im Fersengang üblichen Schläge reduziert. Für den Ballengang sind sie aber mit die besten Schuhe, die ich kenne, neben Römersandalen, Jika-Tabis und Barfüßen 😉

Wer sich über den Ballengang weiter informieren will – Peter Greb hat darüber auch ein Buch geschrieben (Peter Greb: GODO – Mit dem Herzen gehen. Der Gang des neuen Menschen. 3. Auflage 2005. Koha-Verlag, ISBN 3-929512-72-6). Greb ist Mediziner und definitiv ein Freak, mit lachenden Augen und einem Bart, wie man ihn sonst nur von ZZ Top kennt. Seine Allüren, über den Ballengang die komplette Welt von fast sämtlichen Krankheiten bis hin zum Weltfrieden erklären zu wollen, gehen mir gelegentlich auf den Sack, und auch seine Erklärungsmuster zur Psychologie sind nicht ganz meins. Aber er hat definitiv recht, dass das ein interessantes Experiment ist und dass da ganz, ganz viele Sachen mit dranhängen. Und das Buch ist definitiv engagiert geschrieben.

Freue mich über Rückmeldungen aller Art – und über das Teilen von Erfahrungen, sollte noch wer dieses Experiment eingehen.

Lieben Gruß,

Malte

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Landing

Diesen Beitrag schrieb ich am 20. April 2008 im Forum auf parkour.net. Der Thread, auf den ich antwortete, drehte sich um Landung im Allgemeinen und versuchte, Tipps für Landung insgesamt zusammenzutragen.

Mir persönlich fehlten in der Diskussion einige wichtige Aspekte. Daher schrieb ich diesen Beitrag, um weitere Elemente aus meiner Sicht in die Diskussion einzubringen.

Wie die gesamte Diskussion ist dieser Artikel auch auf englisch.

I agree in some way – there is not really a need for high jumps. But anyway, after performing any technique you have a landing, not only as a drop. Reaching the ground again after a saut de chat or another passement is a landing as well. And for sure, you should not risk too high impacts, even on that. But the way of landing may decide whether you can still use your knees in ten years or so, bearing the memories of some thousands of small landings which you did in training sessions while performing passements of all kinds.

For that reason, I find it to be important to discuss about landing technique – even if you do not plan to perform drops.

But besides that, I want to open another point of view. Me personally, I do not care which muscles I use for what kind of landing. I do care much more for [i]how [/i]I use them. I think I have to explain that a little…

Look at our bodies. Ever recognized what a miracle they are? It is composed of many, many different parts, working all together. For our purposes, we often do focus only on our muscles. But even them, there are hundreds of them, working all together to keep us moving.

When we move – and much more in a complex process as landing – there NEVER is only one muscle working. There is always the whole system of your body involved.

Look what is happening in a landing situation. Try that: go out, perform some landings (not too high impact, of course, but in a way that you can watch your body working). Feel inside of you: what parts of the body are used? Which muscles are really in tension? You will see that it is much more than only your legs. Also feel in parts of the body which you absolutely do not expect to be working…

I think you will feel tension in your abs, your arms, shoulders, maybe in your back or belly, even in your feet, in your neck, in your face and anywhere else. So it is absolutely not only your legs involved.

Hey, ain’t that great? Your whole body is involved in landing! There is much more about landing than only working with your legs.

When you dive deeper into that topic, you will recognize some more things being involved. Maybe your heartbeat changes. Maybe there is adrenaline. And watch about the activity of your breath – is it stocking, is it pressing, does it work normally? When pressing or stocking, also the diaphragm is involved. And as the diaphragm massages your inner organs, even they are influenced. And what about the fascia (which are wrongly seen as not important in body culture)?

What you will not feel is what your adenoids do.

But maybe you also feel influence on the working of your brain – in some drops the brain stops awareness for one moment and works automatically for the time of the landing.

Hey, landing involves your whole body system! See how incomplete it is to discuss only about squads?

And, see the good message in it? When you can use your whole body for landing (as you usually DO), it is not only your legs and knees who have to handle the impact. You have a whole body to deal with that.

This whole system is really complex. Me personally, I will never get to the point that I really can influence all that happens in my body while landing. So conscious control has its limits here. Especially, as even more important than the fact that very many components work togehter is that all there components have to be coordinated, so that they act together well. This cannot be controlled totally by conscious mind. Any try in that direction always has to be incomplete.

But our body itself has a – subconscious – coordinating system which will help us act properly. My question now is, how can I use this automatic system to improve my landings?

First, some reflections about muscular tension. There are in general several ways you can use your muscles. And this has enormous relevance for landing. Imagine pressure hitting one of your extremities. Your muscles (and the whole system) have to interact with it. What will happen if a muscle is too loose? it will not give any resistance, the shock will go through completely – into other muscles or into the bones and joints. What will happen if a muslce is under full tension? – it will try to absorb the shock alone, may take damage, and as it is not flexible any more, the things surrounding it will take part of the shock. What happens if a muscle is exactly in between, not too much, but not too less in tension? Yes. It will take a part of the shock and leave the rest for other muscles (which are hopefully in the same state). And it will act flexibly, so that there will be less problem with the surrounding parts of the body.

In my experience, I found the body to be enormeously strong when completely being in that state – not being relaxced, but not too much under tension.

Those of you doing T’ai Chi or similar forms may know this state. And maybe have experienced that there is much more about this state – maybe I tell of that later, it is the key to some really fascinating things around body strength. In this state my body can bear much more – REALLY much more – than it could ever with pure force. Those who meet me in trainings can ask me about that, I will be glad to share that.

I think that has something to do with the body’s ability to really work together in this state instead of some muscles trying to be the “heroes” alone or doing nothing. When I am able to land in this state nearly everything happens on its own. The impact distributes itself throughout my muscles, my body acts well, and so it is.

But – in our modern world there are only very few people being able to get into this equilibrium of body structure. Many people have muscle areas which are always under tension, others that are not activated at all. This has different reasons – unnatural way of movement and body usage is a part of that. Emotional aspects are the other thing – they easily find their similarities in body structure.

There are many people in this world pulling up the shoulders all the time, stretching their heads forward or pulling it between the shoulders, rounding the back, lacking of tension in the abs (which is a well-spread problem in learning a proper roll). Usually exactly those parts of the body which do not have equilibrium tension are not even felt by those people. At these places, they often simply do not have awareness of themselves. When you talk to them, you will often find shy persons, often with fear in their backgrounds, watching out all the time for things which they do not like, not living the Greatness which we definitely do have as human beings.

And this is only one example. Many of us have such “dead spots” of their bodies where tension is too high or too low.

Maybe you have discovered some of them in the training I told you about before. Maybe you have found out that your neck was in tension while landing. When you felt inside properly you may also have felt that a part of the shock hits right into this muscle, if it was the neck shaking through your whole head…

So my personal first goal is to get back to medium tension on my whole body again. There are several ways to do. Basic for all is just to stand anywhere – stand really on your feet – and to feel oneself. Do you feel comfortabely? Do you feel any tensions or subtensions? Can you feel your whole body? Can you fell your legs, your feet, your toes, your knees, your belly, your abs, your back, your whole spinal column, your shoulders, arms, hands, every single finger, your neck, your face, your head, your mandible, your…

When there are any dead spots in your awareness, try to feel inside. Do not get inpatient, do not force it – maybe first time you do not get all, and thats okay, thats normal.

When you recognise any things with much tension, let go. Surrender, let it loose. When you recognise places with low tension, maybe you do a little in it – but not too much, as our conscious muscles are not made to hold our bodies up. So when you let go of hard muscles, it is often only a thing of allowing the sub-tensioned muscles to take up their tension again. As this may be unusual for those muscles, sometimes you need a little more tension there than you feel to be medium.

Get your head back into its position. It should not be stretched forward; its place is right on top of you, on top of your spinal column. There is one position where you do not have to carry your head, it is levitating there. Your view should be slightly above the horizon. And yes – this may be an emotional thing. It definitely helps to open up, feeling big into all directions, letting go of worries and allowing yourself to be a big, great, room-filling person. Many of us do not allow themselfes such a thing, but that’s what we are made for. Everyone is a leader.

Your body is able to hold himself up completely without the help of ANY consciously controlled muscle. When it is right, you do not feel any more working muscle. It truly is like levitating…

So now, try to move. But very slowly. Maybe you already feel the impulse of moving inside of you. Then just let your body do. Also in moving, you should not work with your muscles, it should be completely easy and flowing. Do not move faster than you can feel this feeling.

There are many more things to go further; I stop here, I only wanted to set you on a path if you are interested.

Using that in a landing has still another problem.

You can have THE perfect balanced body before you jump. But you will soon recognize that your body gets out of this equilibrium once you are in the air. So why that!?

Our body has a natural reaction to falling, acts in an instinctive way to protect itself. It is a very old part of our brains which coordinates that. In this process tensions appear.

There are two ways to handle that, from my point of view: either, you learn to hold medium tension even in that situation. Or, you take this instinctive reaction in your way of landing; I do that when I roll, and since my rolls have become much softer. But this second option you should do with a teacher who can guide you. Many people dealing with Feldenkrais Theory can help you with that.

So, much talk, time for bed. I would be glad to hear some opinions about this, and for sure I answer questions. When I do not answer here – I do not look in here too often – feel free to contact me on parkour (at) maltehoevel.de.

Maybe not everyone shares my experiences on that. But even then I hope I could open your view for some more things being relevant in landing and in body cultivation in general.

Best,

Malte

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Wettertraining, Diskomfort und Kreativität im Training

Den folgenden Text veröffentlichte ich aus aktuellem und generellem Anlass am 20. April 2008 im Forum von Parkour.de.

Hallöchen, zusammen,

in den letzten Tagen ist es mir immer mal wieder über den Weg gelaufen, das Thema: Winter und Regenwetter scheinen viele Traceure vom Training abzuhalten. In den Forendiskussionen ist das ja immer wieder zu beobachten: ich suche für den Winter eine Halle, damit ich weitertrainieren kann. Ich komm heute nicht zum Training, weil es regnet. Und so weiter…

Witzig auch zu beobachten: in den Foren sind immer ganz schnell Leute zur Stelle, die widersprechen und auf Trainingseffekte durch widrige Umstände hinweisen. Sieht man aber in der Realität nach, dann sind die Wintertrainings höchstens ein fünftel so groß wie die im Sommer, und selbst im Sommer hatte ich zu durchaus nciht ungünstigen Zeiten den kompletten Kölner Mediapark schon für mich alleine, wenns geregnet hat^^

Ich finde das immer wieder schade, da sich viele damit von einigem Trainingspotenzial abschneiden – ohne es selbst zu bemerken. Als Begründungen werden meistens zwei Argumente gebracht: a) könne man bei Nässe oder Kälte gar nicht so viel machen; b) das sei ja unbequem, und daher lege man das Training doch lieber auf trockenere, weniger kalte Zeiten.

Ich möchte im Folgenden auf beide Argumente eingehen, weil ich beide für blödsinnig halte.

a) was kann man noch trainieren, wenns nass oder kalt ist?

Diese Frage zu beantworten hat viel mit der Trainingseinstellung, mit den Zielen hinter dem Training zu tun. Warum trainiere ich Parkour, und was macht Parkour für mich aus? Ausgehend von allen möglichen spektakulären Videos scheinen viele der Ansicht zu sein, Parkour sei, wenn man fürchterlich spektakuläre Sprünge machen könne. Wenn man PArkour so definiert – ja klar, dann ist Nässe hinderlich, denn da gehen einfach lange nicht so große, “krasse” Sachen wie im Trockenen. Überhaupt gar keine Frage.

Doch geht es wirklich nur um die großen Sachen? Parkour ist für mich viel mehr, erheblich mehr. Parkour ist für mich die Kunst der effizienten Fortbewegung. Mir geht es um eigene Fortentwicklung. Mich selbst vernünftig bewegen zu lernen. Meine Umgebung anders wahrzunehmen, einen kreativen Umgang mit Hindernissen zu entwickeln. Mein Handlungsrepertoire zu erweitern, mein menschliches Potenzial zu entdecken und nutzen zu lernen. Mir geht es darum, mich mental weiterzuentwickeln. Darum, in jeder nur denkbaren Situation handlungsfähig zu sein. Dass man auch spektakuläre Sachen machen kann, ist für mich eher ein Nebenprodukt dessen, was ich eigentlich trainiere. Es geht nicht um die große Show, um sich oder anderen was beweisen müssen. Es geht um eigene Freiheit in einem ganz gewissen Sinne.

Ich will lernen, in jeder Situation klarzukommen. Eine durchaus häufige real existierende Situation ist nun mal, dass es draußen nass ist. Ganz ehrlich, wenn ich in die Richtung will, die ich gerade beschrieben habe, dann kann man Training im Regen gar nicht ausklammern. Dann ist sogar gerade das ein wichtiger Trainingsinhalt. Eben WEIL da nicht mehr alles so geht wie im Trockenen…

Ja, die ganz großen Sprünge wirst Du im Regen nicht lernen. Wenns Dir nur drum geht, krass zu sein und nichts weiter, dann brauchst Du hier gar nicht mehr weiterzulesen. Dann geht das alles Dich nichts an. Geh in Deine Halle und zauber da rum. Viel Spaß dabei.

Was aber geht noch, wenns nass ist? Alles ist erheblich rutschiger, man muss sich auf die unterschiedlichen Oberflächen völlig neu einstellen, muss richtig vorsichtig sein, was man tut. Doch mit etwas Kreativität findet man schnell die Antworten: Nässe ist gerade DAS geniale Trainingsfeld, um Sorgfalt zu üben. Gerade wenn es rutschig ist, ist man auf richtig gute Technik angewiesen, damit die Dinge funktionieren. Ein Präzisionssprung etwa auf nasse Fliesen oder gar auf ein nasses Geländer braucht eine richtig gute Landung, wenn nichts passieren soll. Ein Katzen-Absprung auf nassem Holzboden darf nicht zu nachlässig sein, wenn der Absprung gelingen soll. Beste Gelegenheit also, um Präzision und Sorgfalt in allen Techniken zu üben (was ohnehin wichtiger Trainingsinhalt sein sollte) – nasse Oberflächen geben einem sehr schnell eine deutliche Rückmeldung, wenn eine Technik nicht funktioniert hat ^^

Gleichzeitig erfordert Nässe noch mal eine erheblich bessere Selbsteinschätzung. Was kann ich, wie weit sind meine Skills, wie zuverlässig kann ich die nötige Sorgfalt aufbringen? Training im Nassen stellt permanent die Herausforderung, immer wieder aufs Neue abzuschätzen, was geht und was nicht.

Glaub mir, das fördert das Zusammenspiel zwischen Dir, Deinem Körper und den Hindernissen ganz enorm.

Sei Dir bewusst, wenn Du im Nassen rausgehst, dass Du erheblich sorgfältiger vorgehen musst. Dann aber ist Training gerade in der Nässe eine hervorragende Schulung für unglaublich viele Skills, die hinter unserer Kunst stehen.

Ja, und was, wenn man gar nicht rauskann, wenn vor der Tür meterhoch Schnee liegt? Noch heute las ich so was in einem reaktivierten Winterthread…

Man, wie geil ist denn bitte Schnee? Was man da alles lernen kann. Bei einem meiner ersten Trainings in Köln lag eine dünne Schneeschicht. Ich hab das gleich erst mal für Rolltraining genutzt – im Schnee sah man wunderschön meine Rolllinie. Vielleicht findest Du sogar einen (dick genug) zugefrorenen See – ich warte schon zwei Winter lang vergeblich darauf, dass die Dorftümpel hier zufrieren und ich etwas Eistraining machen kann (Körperspannung und Sorgfalt bis zum Abwinken; Landungen und Rollen auf Eis stell ich mir witzig vor^^) Sollte der Schnee meterhoch liegen, kannst Du durchaus damit spielen, Dir Deinen Weg da durch zu bahnen, DIch selbst darin noch mühelos zu bewegen. Und ein mentales Training ists sowieso, dazu später.

Und selbst wenn Du gar nicht rauskannst, geht erheblich mehr als reines Krafttraining auch zu Hause. Da ist ebenfalls Kreativität gefragt – ob Du Deine BEttkante zum Hindernis umfunktionierst, an einer Stuhllehne übst oder wasweißichwas. Und selbst auf noch so begrenztem Raum kann man durchaus üben, sich ökonomisch zu bewegen – effizientes Bewegen fängt nicht erst beim Flug über Hindernisse an, die meisten Menschen bewegen im Alltag ihre Körper schon völlig unökonomisch.

Aber ich komm ins erzählen. Ich wollte hier eigentlich nur zärtlich andeuten, dass man wirklich jeder Situation trainingsmäßig was abgewinnen kann, wenn man nicht nur Riesensprünge zum Trainingsziel erklärt. Und dass es eigentlich sogar eine Notwendigkeit ist, das zu nehmen, was eben gerade da ist – diese Fähigkeit find ich ebenfalls einen wichtigen Trainingsinhalt.

b) aber es ist doch kalt!?

Stimmt. Und?

Das ist durchaus auch etwas, was ich oft beobachte: dass viele Menschen vor einem gewissen Diskomfort zurückschrecken. Sprich: es ist kalt, ich könnnte frieren oder mir mehrere Schichten anziehen müssen. Und da kommt doch tatsächlich mein innerer Schweinehund an und sagt: och nö. Und deswegen trainier ich lieber den ganzen Winter über nicht…

Oder was!?

Es ist immer wieder ernüchternd zu sehen, wie viel Macht eben dieser Innere Schweinehund über Menschen hat. Ein bisschen davon ist ja völlig in Ordnung. Doch wenn er anfängt, mich von erheblichen Teilen meines Trainings abzuschneiden, dann stimmt da was nicht. Denn in diesem Fall nimmt mir dieser innere Schweinehund eine wichtige Erfahrung.

Die Welt da draußen ist bei Regen oder im Winter eine völlig andere, durchaus spannend zu entdecken. Traurig daher, dass viele Menschen dann nicht rausgehen…

Eben dieser Diskomfort birgt eine ganz erhebliche Erfahrung in sich, die auch mit innerer Freiheit zu tun hat. Nämlich: was ist Luxus und was brauche ich wirklich zum Leben? Was ist nur inneres Genöle, und was ist wirklich wichtig? Wo beschränke ich mich mit meinen Glaubenssätzen selbst, und was ist Realität?

Natürlich will ich hier niemanden auffordern, bei -40° C nackt draußen rumzulaufen und sich Erfrierungen zu holen. Das wäre ganz einfach Blödsinn. Aber dieser Diskomfort, das “Unangenehme”, ist noch WEIT davon entfernt, meinem Körper wirklich zu schaden. Alles, was passiert, ist, dass mein Körper ein Signal sendet: “es ist kalt”. Dieses Signal kommt in unserem Kopf an, und dort passiert dann die Assoziationskette. Da werten wir “kalt” als “ungemütlich”, da haben wir die Hektik unserer Eltern vor Augen, die uns als Kindern immer sagten, Kind, zieh Dich warm an, es ist sooo fürchterlich kalt da draußen, oder geh besser gar nicht erst raus. Da ist das Gefühl der bequemen Zentralheizungswärme, die uns der Notwendigkeit enthebt, die Welt um uns rum wirklich wahrzunehmen, weil sie uns vor gewissen Sinneseindrücken “schützt”. Und natürlich der Innere Schweinehund. Und all das sagt in uns: “och nö”, wenn wir den Regen sehen oder die Kälte spüren. Aber noch einmal: die Realität ist zu 99,9%, dass diese Kälte weit jenseits eines gefährlichen BEreiches ist. Und es ist nicht die Sinnesempfindung selbst, die uns die Dinge unangenehm erscheinen lässt, sondern unsere endlose Kette von Assoziationen, die wir da dranhängen.

Merkst Du was? Wir selbst sind es, die uns da selbst beschränken. Auf ein Training zu verzichten, nur weils unbequem sein könnte? Mit innerer Freiheit, wie viele sie im Parkour suchen, hat das nichts zu tun. Freiheit, ja bitte, aber nur bei Sonnenschein?

Mach mal ein Experiment, wenn Du magst. Wenns nächstes Mal draussen kalt und össelig ist – ein Wetter, bei dem Du nicht gern vor die Tür gehen würdest – dann geh raus. Eben drum. Und zieh weniger an als sonst für so ein Wetter. Klar, nicht so, dass es richtig eklig wird. Aber Du solltest in der Lage sein, die Kälte und ggfs die Nässe auf Deiner Haut zu spüren. Und raus mit Dir, und streif ein wenig durch die Gegend.

Was passiert? Vermutlich folgendes: Deine Körper zieht sich zusammen, der Kopf geht vor und klemmt sich zwischen die Schultern, Du gehst etwas vornübergebeugt, der Atem wird flacher, der Körper geht etwas in Spannung, vielleicht bildet sich Gänsehaut oder der Körper zittert sogar etwas, und wahrscheinlich wird Deine Laune missmutig.

Interessant bereits an dieser Stelle. Hier liegt eine mehr oder weniger automatische Reaktion des Körpers vor. Und zwar eine erlernte, aber dennoch eine Schutzreaktion, die versucht, uns von dem abzuschneiden, was da um uns herum vorgeht. Wer sich ernsthaft für seinen Körper und sein eigens Verhalten interessiert, hat hier ein fantastisches Studienobjekt für automatische Körperreaktionen. Und für das Zusammenspiel zwischen Körper, Geist und Seele, denn dieses krampfartige Verhalten macht sich auf allen Ebenen bemerkbar. Die Schuld an unseren Empfindungen und der Laune geben wir nur zu oft dem Regen; dabei ist es eigentlich ein Prozess, der in unserem Inneren läuft, der uns das antut. Es sind unsere Bewertungsmuster und Handlungsweisen, die diesen Zustand hervorrufen. Der Regen oder die Kälte dagegen sind ja zunächst im ungefährlichen Bereich.

Okay. Versuchen wir mal, dieses Spiel zu durchbrechen. Wenn Du an diesem Punkt gelebten Diskomforts angekommen bist, dann mach mal auf. Atme tief und kräftig durch. Entspanne Deinen Körper, richte Dich wieder auf. Erlaube es dem “unangenehmen” Gefühl, dass es da sein darf. Begrüße die Kälte und Nässe wie einen Freund, lasse sie durch Dich hindurchfließen. Auch Kälte ist so was wie eine Energie. Gib Dich diesen Empfindungen völlig hin – Realität sind sie sowieso. Wenn Wind da ist, lasse Dich bewusst durchpusten. Du kannst den Atem für die Entspannung benutzen. Aber entspanne Dich, lass los.

Vielleicht merkst Du, wie plötzlich auch die angespannte Geisteshaltung, die schlechte Laune, schwindet. Und dass Du plötzlich eine ganz andere Wahrnehmung für Deine Umgebung entwickelst, erheblich mehr mitbekommst, als vorher in der wehrigen Haltung.

Spür mal rein: wie schlimm ist es wirklich, jetzt hier draußen zu sein? Wenns stimmt, dann fühlst Du zwar die Kälte, aber sie ist nicht mehr schlimm. Gegenüber dem motzigen Zustand vorher, der sich gegen jede Lösungsmöglichkeit sträubt, werden dir plötzlich jetzt Dinge einfallen, die Du tun kannst, um Dich warmzuhalten – und sei es, durch die Gegend zu hüpfen, die Hände zu reiben oder was auch immer.

Wenn Du das Gefühl hast, Du hast jetzt genügend mitbekommen, dann geh wieder rain. Zieh Dich um, wenn Du magst, dusche warm, setz Dich mit einem guten Buch und einem guten Tee an die Heizung und genieße die Vorzüge modernen Wohnungsbaus (die man dann plötzlich richtig zu schätzen lernt).

Es ist nicht schlimm, wenn mal etwas “unangenehm” ist. Gerade diese Dinge bergen meist verdeckte Lehren in sich, die aufzuspüren spannend sein kann. Gerade aus der Beschäftigung mit Dingen, die ich ohne wirklichen Grund als unangenehm empfand, habe ich einige der wichtigsten Lektionen meines Lebens ziehen können. Der Umgang mit Kälte ist hier ein wunderbares Modell, um das zu trainieren…

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Ich bin nicht der Typ, der extra rausgeht, nur weils regnet. Aber ich lasse mich von Regen, Winter etc. nicht vom Training abhalten, wenn ich Lust zu trainieren habe. Noch einmal: es kann nicht drum gehen, fahrlässig Unterkühlungen oder Erfrierungen in Kauf zu nehmen. Wie überall (und gerade im Parkour) geht es auch hier darum, das richtige Maß zu finden. Doch hält unser Körper erheblich merh aus, als wir oft für möglich halten, und mit unserer überdimensionierten Bequemlichkeit und oft fehlendem Bewusstsein für Möglichkeiten unter ungünstigen Bedingungen beschneiden wir uns nur zu oft selbst.

Parkourtraining bietet die Möglichkeit, auch hier einen anderen Umgang mit den Dingen zu finden.

Lieben Gruß,

Malte

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Kreativer Ausdruck und Bewegungskunst

Ein Hindernis ist wie eine Leinwand die man auf unterschiedlichste Weise gestalten kann, wie ein Künstler erschafft man etwas, nur in Form von Bewegung.” – Jason, August 2006 im Forum von parkour.de

Kreativer Ausdruck ist ein Aspekt von Kunst, auf den sich vor allem das Freerunning beruft. Für Traceure ist das aber auch nicht uninteressant – zum einen vermischen sich in den individuellen Trainingsstilen Parkour und Freerunning ohnehin mehr, als so mancher wahrhaben will, andererseits gehört dieser Aspekt von Kunst m. E. eigentlich in jede Handlung, sei es Alltag, Sporttraining oder Tanzstunde.

Aber was ist kreativer Ausdruck eigentlich? In der allgemeinen Forendiskussion ist das fast ausschließlich ein Schlagwort, was begründet, daß man sich nicht nur an Effizienz orientiert, sondern auch artistische Einlagen mit einbaut. Darüber hinaus scheint mir dieser Begriff in den meisten Diskussionen eine leere Worthülse zu sein. Dabei ist das, was dahintersteht, eigentlich gigantisch und ein m. E. mehr als bedeutender Aspekt von Kunst an sich und Lebenskunst im Besonderen.

Ausdruck bedeutet zunächst, etwas innerlich Vorhandenem eine reale Form zu geben. Ich kan mit Worten etwa ein Gefühl ausdrücken. Das kann ich rein inhaltlich tun, indem ich beschreibe, was ich fühle. In der Regel wird das aber nur ein Abbild meines Gefühls sein und kein vollständiger Ausdruck. Ein lautes Lachen, ein Weinkrampf, ein lautes Stöhnen oder ein genußvolles Räkeln in der Sonne wird in der Regel mein Gefühl erheblich besser in die Realität umsetzen als das reine Wort. (Übrigens neigen besonders negative Gefühle durch direkten, aber nicht überzogenen Ausdruck dazu, sich schneller aufzulösen).

Sich ausdrücken in dem Sinne also meint, dem, was in mir vorgeht, einen Ausdruck zu schaffen, es zu manifestieren. In der Regel wird der Körper das dazu verwendete Medium sein. Was dabei passiert, ist vor allem eine komplette Integration des Menschen – ein Gefühl bleibt nicht nur auf der emotionalen Ebene, sondern drückt sich auch im Körper aus.

Wie oft doch schneiden wir uns von unserem Potenzial ab. Wie oft meinen, wir, Probleme nur mit dem Kopf, nur mit emotionalen Ausbrüchen oder nur mit dem Körper lösen zu müssen. Ja, wie oft handeln wir völlig anders, als wir eigentlich denken und fühlen. Der “Freund”, mit dem ich höflich telefoniere, obwohl ich nun wirklich gerade keinen Bock auf den habe. Oder wie oft hab ich schon unwillig Sachen getan, aus Höflichkeit oder weil ich mich nicht traute, Nein zu sagen – obwohl ichs gar nicht wollte?

Ein Schauspieler ist genau dann gut, wenn er die Rolle gut fühlt und das ausdrücken kann. Musik wird (für mich) genau dann gut, wenn sie nicht nur leise und laute Töne korrekt harmonisch aneinanderreiht, sondern Musiker und Zuhörer berührt. Bewegung wird für mich zur Kunst, wenn jemand nicht nur seinen Körper bewegt und emotional unbeteiligt bleibt, sondern wirklich voll mit Kopf, Herz und Hand bei der Sache ist.

Vielleicht ahnst Du langsam, was ich meine mit “kreativem Ausdruck”. Eben Körper, Geist und Emotionen miteinander zu verbinden. Raum geben, daß sich das, wonach ich mich fühle, sich in meinem Handeln ausdrücken kann. Eigentlich ist das mit die größte Freiheit, die es gibt. Und setzt ein ungeheures Potenzial frei. Leute, die das, was sie machen, mit Leidenschaft und Hingabe (neben der notwendigen Bedachtsamkeit) tun, werden sich erheblich leichter, besser, ausdrucksstärker bewegen als Leute, die nur ihren Körper bewegen. Ja, ich rede hier von Leidenschaft, von Hingabe, von Voll-bei-der-Sache-sein, von die Sau rauslassen ebenso wie von leisen Tönen – was halt gerade so anliegt. Ausdruck! Das tun, was gerade anliegt. Das, was da ist, Wirklichkeit werden lassen. Das braucht Größe – wer sich selbst ausdrückt, nimmt sich nicht um jeden Preis zugunsten von Anderen zurück (was nicht heißt, daß er das reine Arschloch werden muß – wenn er nicht ganz gefühlskalt ist, wird er auch Freundschaft und Nähe viel intensiver empfinden und ausdrücken können). Kreativer Ausdruck heißt, seine eigene Größe annehmen, seine Freiheit in Anspruch zu nehmen, man selbst zu sein.

Kreativer Ausdruck ist oft das Argument des Freerunning. Aber einen Salto oder Wallspin zu machen muß noch lange nicht kreativer Ausdruck sein. Kreativer Ausdruck wird sich sicherlich nicht auf einige wenige einstudierte Techniken beschränken. Sich auszudrücken heißt Lebendigkeit zu leben.

Das kann mit Sicherheit sehr unterschiedlich aussehen. Das kann sich in Bewegung à la Parkour, FR oder Yamakasi ausdrücken. Das kann aber genauso gut auch in sehr stiller Form passieren. Alles zu seiner Zeit.

Wie genau geht kreativer Ausdruck? Und was gibts eigentlich auszudrücken? Genau an diesem Punkt schick ich Dich los zum Ausprobieren – denn diese Antworten kannst Du nur für Dich selbst finden.

Freue mich auf Deine Rückmeldungen.

Lieben Gruß,

Malte

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Körpertraining und Körperstruktur

Hinweis: ich bin kein ausgebildeter Arzt, Körpertherapeut oder ähnliches. Die folgenden Ausführungen resultieren aus einer intensiven Beschäftigung mit dem Thema, beeinflußt aus verschiedenen Lehren. Diese Beschäftigung ist noch lange nicht abgeschlossen und damit unvollständig. Ich erhebe daher keinen Anspruch auf Richtigkeit und Allgemeingültigkeit der hier dargestellten Sachverhalte. Dieser Artikel soll Impulse für eigenständiges Erforschen des eigenen Körpers setzen und eine Basis für den fachlichen Austausch mit anderen Menschen sein. Inhalte sind vor deren Umsetzung ausführlichst zu prüfen und ggfs auf die eigenen Umstände anzupassen, ggfs unter Hinzuziehung eines Fachmanns. Überdies ist der hier beschriebene Weg höchst individuell und somit sicherlich nciht direkt übernehmbar. Ich empfehle die Lektüre dieses Artikels erst, wenn die anfängliche Begeisterung am Sport einer kontinuierlichen Auseinandersetzung mit Körper und Training gewichen ist und sich Kontinuität eingestellt hat.

Ich möchte mich ein wenig erklären.

Ich habe bereits in den vergangenen Monaten immer mal wieder fallen gelassen, daß ich für mich nicht den klassischen Weg des parkourbegleitenden KRafttrainings gehe, sondern mich an Methoden aus T’ai Chi und Qi Gong sowie Arbeiten von Feldenkrais und Rolf anlehne und über meine Lehrer noch weitere Ansätze kennengelernt habe. Wenn konkrete Nachfragen dazu kamen, wurde ich meist ausweichend; etwas selbst zu erforschen und umzusetzen heißt noch lange nicht, daß man es sinnvoll erklären kann, gerade bei einem Thema wie diesem. Nachdem ich aber in letzter Zeit immer wieder auch Trainingspartner auf Körperhaltung etc. hingewiesen und verschiedene Weisheiten abgesondert habe (à la “die meisten Menschen können noch nicht mal richtig stehen oder gehen und wollen gleich Riesensprünge machen”) habe, ist es nun wohl an der Zeit, einige Dinge zu erklären.

Vorweg: was ich hier beschreibe, hat keine so schnellen Trainingserfolge wie intensives Krafttraining etc. Dafür sind die Erfolge erheblich langfristiger. Mein Ziel ist nicht, schnell krasse Sachen machen zu können. Mein Ziel ist, meinen Körper vernünftig bewegen zu können – auch noch in 20, 40, 60 Jahren – und dabei gesund zu bleiben. Das ist mit dem klasischen Krafttraining m. E. nicht gegeben.

Erst mal bin ich entsetzt, wie wenig wirkliche Kenntnisse über den Körper in der Parkourszene kursieren. Bestenfalls gibt es noch ein wenig Austausch, wie Krafttraining auf die Muskulatur wirkt. Klassische Trainingslhre ist allerdings nach meiner Beobachtung in der Szene kaum bekannt. Ebenso wie Wissen über Körperstruktur, Körperfunktionalität, Zusammenhänge im Körper. Ist das nicht verrückt? Dabei ist doch der Körper unser Werkzeug, mit dem wir agieren. Ich beobachte so oft, daß Körper falsch gehalten, bewegt, eingesetzt werden, daß es ein Jammer ist, daß das kaum wen zu interessieren scheint.

Was ist in diesem Sinne Körperstruktur? Vorsichtig angenähert: der Körper besteht aus unglaublich vielen Bestandteilen, die alle ihre Aufgaben haben und so zusammenwirken, daß ein möglichst sinnvolles Gesamtergebnis entsteht. Im Körper hat letztlich alles mit allem zu tun. Werden die Muskeln viel bewegt, wird sich der Stoffwechsel anpassen. Registriert das Nervensystem Anspannung, wird sich die Durchblutung ändern, der Stoffwechsel verändert sich, die Muskeln gehen in Anspannung. Und so weiter – auch wenn er aus vielen Elementen besteht, ist der Körper eine funktionelle Einheit.

Diese zusammenwirkenden Elemente des Körpers sind in diesem räumlich angeordnet. Nicht nur, aber gerade beim Bewegungsapparat hängt von dieser räumlichen Anordnung wesentlich ab, wie der Körper arbeiten kann. Eine sinnvolle Körperstruktur ist meiner Ansicht nach gegeben, wenn der Körper so angeordnet ist, daß er seine Aufgaben optimal wahrnehmen kann. Logisch, oder?

Das ist für Parkour alles andere als unerheblich. Ein in sich stimmiger Körper bewegt sich erheblich leichter, flüssiger, beweglicher, und vor allem nachhaltig gesünder als ein schlecht organisierter.
Die meisten Menschen aber haben erhebliche Tücken in ihrer Körperorganisation. Auf Details komme ich später noch zu sprechen. Die Ursachen sind vielfältig: wenig Bewußtsein für die Kultivierung des Körpers, Bewegungsmangel durch einseitige Arbeiten oder Dauersitzen in Schule oder Büro. Und wahrscheinlich etliches mehr.

Da liegt es doch nahe, seinen Körper zu trainieren, Kraft aufzubauen, um das alles wieder ins Lot zu bringen, oder?

So leicht ist es leider nicht. Gehen wir noch mal einen Schritt zurück. Der Körper ist unglaublich komplex, und alles hängt mit allem zusammen. Eine Veränderung an einer Stelle wird auch immer das Gesamtsystem betreffen, ob nun positiv oder negativ. Was passiert jetzt, wenn wir einfach nur Krafttraining machen, einzelne Muskelpartien stärken? Die Verhältnisse im Körper verändern sich, und da nur die Muskeln trainiert werden, ist das ein ungezielter, einseitiger Eingriff. Ob das wohl so gut ist?

Schauen wir doch mal hin, was passiert da im Körper? Was gibts da eigentlich noch? Zunächst ist zu betonen, daß Muskeln nicht gleich Muskeln sind. Muskeln haben unterschiedliche Aufgaben, und nur einen Teil davon können wir überhaupt willentlich ansteuern. Klingelt da was? Selbst mit dem besten Krafttraining kann ich noch nicht mal das gesamte Muskelsystem trainieren. Bereits da wird ein Ungleichgewicht entstehen – ich trainiere eben automatisch einige Bereiche stärker als andere. Und was hängt da noch mit dran?

Die Muskeln beeinflussen auch die Stellung der Körpersegmente zueinander. Viele Leute, die die Brustmuskeln viel trainiert haben, ohne die entsprechenden Antagonisten (Gegenspielermuskeln) gleichermaßen mitzutrainieren, riskieren eine Verkürzung eben dieser trainierten Muskeln. Siehe da – gegenüber einer ausgewogenen Stellung wandern die Schultern nach vorn. Die Muskeln der Waden und Schenkel ziehen letztlich am Becken, können dieses kippen, so daß es seine Funktion, die Organe zu beherbergen, nicht mehr richtig erfüllen kann und so im organischen Bereich Funktionseinschränkungen oder gar -störungen mit sich ziehen kann. Huch, gemerkt? Ich hab doch nur meine Muskeln trainiert, und plötzlich sind die Organe mit im Spiel?
Sind sie sowieso. Körperliche Aktivität an sich wirkt ja schon auf den Stoffwechsel. Zum einen direkt, durch den Energiebedarf. Zum zweiten durch die Ausschüttung von Hormonen aller Art, die im Körper verschiedene Steuerprozesse bewirken. Und nicht zuletzt über die Atmung. Ja, Atmung ist ein großes Thema im Sport. Wer hat das noch nicht gemerkt, daß ich je nach Bewegung u. a. auch meinen Atemstrom beeinflusse? Mal schneller atme, mal presse oder was auch immer? Das wirkt natürlich auch auf die Organe. Über das Zwerchfell. Weil dieses sich beim Atmen permanent hebt und senkt und dabei auf die Organe… ach was, les es nach, wenns Dir wichtig ist, wirst Du schon rauskriegen, wie Organe und Zwerchfell zusammenhängen. Hier nur so weit: das ist an sich natürlich, aber je nachdem, wie wir mit Atem umgehen, hab ich manchmal meine Bedenken.

An dieser Stelle natürlich der unvermeidliche Hinweis, daß auch Atmung ein Thema für sich ist…

So, ich glaube, damit ist genug gesagt, warum ich von reinem, isoliertem, blindem, leistungsorientierten Krafttraining rein gar nichts halte. Meine Güte, unser Körper ist erheblich mehr als nur Muskeln. Muskeln bilden sich schnell, der ganze Rest – auch schon der Rest des Bewegungapparates – braucht erheblich länger. Versteh mich keiner falsch – ein gewisses Maß an Krafttraining find ich schon sinnig, und Körperentwicklung insgesamt auch. Nur erheblich bewußter, als wir es bisher tun.

Bei den komplexen Wechselwirkungen im Körper brauchen wir noch nicht mal so weit zu gehen, es reicht schon, beim Bewegungsapparat an sich zu bleiben und da genauer hinzusehen. Eine gute Basis für Verständnis in dieser Richtung hat Hebertiste in einem famosen Post auf Parkour.net gelegt: Thread “Wrist and Ankle Strenghtening”. Er betont dabei, daß es nicht drum gehen kann, einzelne Körperregionen zu trainieren, sondern daß es vielmehr um das Zusammenspiel der Muskeln insgesamt geht. Hebertiste hat das so ausführlich rübergebracht, daß ich das hier nicht mehr vertiefen möchte.

Einige Beispiele aber möchte ich noch anbringen für solche komplexen Körperzusammenhänge.

Erstens.

Ich habe mir vor einigen Monaten den Atlaswirbel korrigieren lassen. Das ist der oberste Halswirbel, auf dem der Kopf ruht. Der war etwas verschoben gewesen. Als der korrigiert war, waren plötzlich meine Beine gleich lang – vorher waren sie deutlich unterschiedlich gewesen. Wahnsinn, oder? Offensichtlich war durch den verschobenen Wirbel eine Spannung in der Wirbelsäule entstanden, die sich die ganze Wirbelsäule entlang bis ins Becken übertragen und dieses leicht schief gestellt hatte. Und wenn das Becken schief ist, ist es kein Wunder, wenn die Beine unterschiedlich lang sind.

Ganz im Ernst – wie viele Leute rennen mit unterschiedlich langen Beinen durch die Gegend, nutzen ihre Gelenke ab oder bekommen Einlagen, die in den allermeisten Fällen rein gar nichts verbessern? Okay, das mit dem Wirbel mag nicht die einzige mögliche Ursache sein. Doch kennen selbst wenige Ärzte solche Möglichkeiten von Zusammenhängen.

Zweitens.

Immer, immer, immer hatte ich im Parkour Probleme mit den Knien. Da bin ich nicht der einzige. Ich hab sogar schon Leute getroffen, deren Knie kaputt waren – bis hin zur Unfähigkeit, sich schmerzfrei zu bewegen – ohne daß sie Sport gemacht hatten. Viele Leute im Parkour haben mit ihren Knien zu tun. Wie kann das sein? Unachtsamkeit bei Landungen, zu große Sachen? Auch. Aber ich vermute, daß viele Leute (nicht nur Traceure, generell in unserer Gesellschaft) Haltungsschäden haben, die bewirken, daß die Knie in Mitleidenschaft gezogen werden. Bei jedem einzelnen Schritt.

Bei vielen Leuten etwa sind die Beine unnatürlich nach außen gedreht, wobei die Drehung bereits im Becken oder auch woanders liegen kann. Das Knie ist aber ein Scharniergelenk, welches nur in der Vor-Zurück-Bewegung ordentlich arbeitet. Wenn es jetzt schräg gestellt ist, aber eine Bewegung nach vorne ermöglichen soll, ist eigentlich offensichtlich, daß das nicht lange gut geht.

Bei mir wars der Plattfuß. Ebenfalls ein häufiges Problem. Ein gesunder Fuß verteilt beim Stehen seine Last auf drei Punkte: innerer Ballen, äußerer Ballen, Ferse. Bei vielen Dingen in Bewegung (Landungen aller Art sowieso, aber auch z. B. Fuß absetzen beim Barfußgehen) fällt die Ferse als Druckpunkt weg, aber der Fuß verteilt seine Last immer noch auf äußeren und inneren Ballen gleichmäßig. Darüber hinaus hat der Fuß ein doppeltes Gewölbe, wölbt sich also längs und quer. Und genau dieses Gewölbe fehlte bei mir. Die Folge: das Gewölbe trug nichts, der Fuß knickte bei jeder Bewegung nach innen. Auch bei Landungen, ganz fatal. Und wenn der Fuß nach innen knickt, ist entsprechend auch die Gewichtsverteilung eine andere, werden die Muskeln zwischen Unterschenkel und Fuß anders belastet. Das führte zu einer Einseitigkeit, die sich bis ins Knie fortsetzte – welches damit auch unausgewogen belastet wurde. Ich habe in der letzten Zeit verstärkt Übungen gemacht, die das Fußgewölbe wieder aufrichten, und siehe da – meine Haltung hat sich enorm verbessert. Ich hab am letzten Wochenende mal wieder Parkour trainiert, und das war das erste, bei dem ich wirklich vollständig beschwerdefrei nach Hause ging, was die Knie angeht. Auch hier wieder, oft wird gesagt, man müsse nur die Beine kräftigen, damit die Knie die Belastung aushalten. Dabei gehts aus meiner Sicht zuallererst immer darum, den Gelenken die Funktionalität wieder zu ermöglichen, für die sie vorgesehen sind.

Und? Geschnallt, wie komplex der Körper ist und was wir ihm da dauernd antun?

Ja, wie kann man da jetzt sinnvoll gezielt vorgehen, um seinen Körper gut zu entwickeln? Ich schicke vorweg, daß ich nur extrem wenigen Menschen zutraue, darauf eine sinnvolle Antwort zu haben. Das ist mit ein Grund, warum ich diesen Artikel schreibe – um weitere Menschen auf diese Spur zu setzen. Das hat eben mit der Komplexität zu tun und damit, daß Menschen gern zu separativem Denken neigen. Das betrifft leider im hohen Maße auch die (Sport-)Medizin – sicherlich sind in Sportmedizin und Trainingslehre einige gute Aspekte zu holen, aber den kompletten Überblick haben da meiner Erfahrung nach nur wenige. Das hat viel mit Fragestellung und Untersuchungsmethoden zu tun. Viele der medizinischen Erkenntnisse sind am Seziertisch gewonnen worden, am toten Menschen. Nur lassen sich an toten Körpern eben Haltungsaspekte nur schwer herausfinden – da man eben nicht direkt beobachten kann, was im lebenden Körper passiert. Es gibt wissenschaftliche Gebiete, die sich mit so was näher auseinandergesetzt haben – etwa dem Rolfing, welches sich gezielt mit eben diesen Fragen auf körperlicher Ebene beschäftigen. Äußerst spannende Ansätze gibt es auch etwa bei Feldenkrais, der Bewußtheit für und durch Bewegung untersucht und ein System der Selbstregulation des Körpers entworfen hat, oder in den fernöstlichen Disziplinen, wie dem T’ai Chi und dem Qi Gong. Aber auch hier gilt wieder, daß das oft dogmatisch auf die Bewegungen reduziert worden ist und es nur wenige Lehrer gibt, die wirklich die Zusammenhänge begriffen haben und lehren können. …und so kommt man kaum drumrum, sich in allen diesen Lehren mal umzusehen, fähige Lehrer und Quellen zu findn, sich ein eigenes Bild zu machen, viel selbst auszuprobieren und all das zu einem Gesamtbild zusammenzufügen. Sprich: seinen eigenen Weg zu gehen. Eben: Parkour.

Was aber kann man jetzt wirklich tun, wirklich trainieren? Da komme ich jetzt an mein Problem. Es gibt sehr gute, kraftvolle Übungen – aber die kann ich in diesem Rahmen nicht zeigen. Das sind Sachen, die im Rahmen einer längeren, systematischen und persönlich angepaßten Ausbildung laufen müßten, und die kann ich noch niemandem geben. Aber es gibt dennoch zumindest einige Richtungen und vereinzelt auch Übungen, die ich hier erläutern kann.

Zunächst: sieh das Training, was ich hier vorschlage, als Ergänzung. Bei aller Kritik an blindem Krafttraining solltest Du Dein bisheriges Training m. E. ruhig weiterführen, wenn es nicht ganz und gar verheerend ist. Oft ist es besser, etwas nicht ganz perfektes zu tun, als überhaupt nichts zu tun. In vielen Fällen dürften die Folgen von Bewegungslosigkeit erheblich tragischer sein als ein nicht 100% ideales Training. Von daher, laß Dir von mir bloß nichts ausreden. Je bewußter Du wirst, je besser Du Deinen Körper kennenlernst, desto mehr wird sich ohnehin Dein Training anpassen und verändern.

Schon ein kleines bißchen Training am Tag reicht. Es geht mehr um die Qualität, um die Intensität der Wahrnehmung, als um Dauer. Ich persönlich mache täglich zwei Mal Arbeit dieser Art – nach dem Aufstehen und vor dem Schlafengehen. Gibt mir gleichzeitig viel Sammlung für genau diese Zeiten. Trainingsdauer ist bei mir. jeweils zwischen fünf Sekunden und dreißig Minuten – je nachdem, was gerade anliegt.

Und noch etwas vorweg: versuche nicht, blindlings irgend welche Haltungen willentlich korrigieren zu wollen. Es mag sein, daß Dir beim Lesen dieses Textes Fehlhaltungen Deines Körpers auffallen. Doch ich habe ja bereits dargelegt, daß Fehlhaltungen ihre Ursache oft ganz woanders haben. Wie wir noch sehen werden, muß das noch nicht mal im Körper sein. Wenn Du jetzt einfach nur angespannt Dich drauf konzentrierst, das Becken vor- oder zurückgeschoben zu halten oder so was, wirst Du nicht viel ändern, was wieder mit den strukturellen Gegebenheiten im Körper zu tun hat. Ein verdrehtes Knie etwa wirst Du nicht dadurch “heilen” können, daß Du Dein Bein anders hältst, wenn die Ursache z. B. in der Hüfte oder im Fuß liegt. Im Gegenteil fügst Du nur eine weitere Spannung hinzu. Und: was ich hier beschreibe, braucht Zeit. Keine Eile. Es kann sogar sein, daß Du zunächst eine Verschlechterung wahrnimmst – was dann aber oft eher eine gesteigerte Wahrnehmung als eine Vwerschlimmerung ist udn damit eigentlich ein Zeichen für Fortschritt.

So, los gehts:

Aus meiner Erfahrung heraus stelle ich hiermit die These auf: die Basis ist Bewußtheit, ist Aufmerksamkeit. Die meisten Menschen spüren ihre Körper nicht wirklich. Die allermeisten Menschen sind in ihrer Wahrnehmung sehr weitgehend auf ihren Kopf fixiert. Menschen, die sich durch Training schon mit ihrem Körper beschäftigt haben, mögen das nicht mehr so ausgeprägt haben. Dennoch frag Dich mal, hier und jetzt: wo spürst Du Dich?

So ziemlich jeder Mensch hat Wahrnehmungslücken, was den eigenen Körper betrifft. Wie erwähnt sind manche nur auf ganz wenige Punkte zurückgezogen, bei vielen der Kopf. Aber Lücken hat fast jeder. Und in der Regel sind es genau diese Lücken, die funktionell nicht ordentlich arbeiten. Es gibt tolle Übungen – wie gesagt, schwer zu vermitteln – die viel im Körper wieder geraderücken. Aber die Basis ist und bleibt eben die Bewußtheit, die Aufmerksamkeit, dem Körper entgegenzubringen. Bzw uns überhaupt – wir haben ja nicht nur einen Körper, in erster Linie sind wir ein Körper.

Wo die Aufmerksamkeit nicht ist, da können die einzelnen Elemente des Körpers nicht wirklich zusammenarbeiten. Meine Überzeugung. Es gibt zudem Theorien, daß genau an diesen Stellen im Rahmen des “Körpergedächtnisses” oft unbequeme Erinerungen gespeichert sind und wir das daher meiden, da näher hinzusehen. Ob das so ist oder nicht lasse ich mal dahingestellt – daß die Seele mit der ganzen Geschichte zu tun hat, sehen wir aber gleich auch noch.

Ganz am Anfang habe ich behauptet: die meisten Menschen können noch nicht mal vernünftig stehen. Okay, greifen wir das auf und schauen mal, wie Stehen eigentlich funktioniert. Stellen wir uns mal hin – jetzt beim Lesen vielleicht erst einmal im Geiste, laß es Dir aber nicht nehmen, das später mal wirklich auszuprobieren.

Eine sinnvolle Körperstruktur, schrieb ich oben, sei dann gegeben, wenn der Körper so angeordnet ist, daß er seine Funktionen bestmöglich erledigen kann. Ein Grundgedanke übrigens, der das Rolfing prägt und mit dem ich mich mehr als anfreunden kann. Welche Funktionen hat denn der Körper? Zum einen natürlich die Lebenserhaltung und Selbstversorgung, wozu Atmung, Kreislauf, Stoffwechsel, Entgiftung etc. gehören. Natürlich Reizaufnahme (Sinnesorgane) und deren Verarbeitung und Umsetzung in angemessene Handlung (Nervensystem). Diese BEreiche lasse ich, so wichtig sie für sich sind, hier erst mal außer Betracht; sie müssen selbstverständlich mit gewährleistet sein, aber an dieser Stelle interessiert mich als Traceur zunächst der Stütz- und Bewegungsapparat, der natürlich mit allen anderen Funktionen verbunden ist; soweit das bedeutend ist, werden wir diese später mit einbeziehen.

Dieser Teil, der uns hier interessiert, hat für den Körper die Aufgabe: sich zu bewegen. Und: den Körper gegen die Schwerkraft zu halten.

Das mit der Schwerkraft ist unbedeutend? Oh nein, durchaus nicht. Es gibt im Tierreich kaum Lebewesen, die dauerhaft auf zwei Beinen stehen können, so wie wir. Das ist ein kleines Wunder der Evolution. Die Techniker versuchen immer noch, das zu imitieren. Es gibt ganze Robotermeisterschaften im Fußball, und die wohl komplizierteste Disziplin dabei ist, die Roboter wirklich auf zwei Beinen stehen und laufen zu lassen. Wir Menschen haben es bisher nicht überzeugend geschafft, das zu imitieren, was wir vom ersten Lebensjahr an unser ganzes Leben lang so selbstverständlich tun. Ein kleines Wunder der Natur – von denen wir Menschen so unglaublich viele beherbergen.

Es ist die Schwerkraft, die uns immer wieder gen Boden zieht. Es ist für unseren Körper eine (meist unbemerkt ausgeführte) Daueraufgabe, uns mit möglichst wenig Aufwand im Lot zu halten. Ständig wird unser Kopf mit vollem Gewicht runtergezogen und drückt über den Hals auf den Körperstamm, vor allem die Wirbelsäule. Oberkörper und Kopf drücken gemeinsam mit vollem Gewicht ständig auf das Becken. Und das leitet den Druck weiter durch die Beine über die Knie bis hin in die Füße, wo der Druck im Erdboden verschwindet. Der Körper ist so genial organisiert, daß er in gutem Zustand sich selbst völlig mühelos gegen die Schwerkraft halten kann.

Dieser Idealzustand ist allerdings nicht gerade weit verbreitet. Die meisten Menschen leisten Haltearbeit, die eigentlich gar nicht notwendig wäre, oder geben an den falschen Stellen dem Zug der Schwerkraft nach. Bei manchen stimmt das mehr, bei manchen weniger, aber richtig gut ausgewogene Menschen sind sehr selten.

Von daher: steh einfach mal, spür den Druck der Schwerkraft, und spüre, was Dein Körper damit macht. Experimentiere ein bißchen, wie sich das Haltemuster Deines Körpers verändert, wenn Du Dich leicht nach vorne oder nach hinten neigst. Oder zur Seite. Wenn Du Dich streckst, wenn Du Dich klein machst.

Wenn Du ausgewogen stehst, stehst Du von alleine gerade, ohne Dich zu halten. Der Kopf schwebt dann mühelos über dem Körper, Ohren, Schultern, Hüfte, Becken, Knie und Knöchel bilden eine senkrechte Linie, so daß die Kraft nicht gehalten werden muß, sondern die Körperstatik selbst Dich aufrecht hält. Das kann der Körper nämlich ganz von allein, ohne daß jedwede Anstrengung nötig ist.

Noch einmal: wenn Du nicht ideal stehst, versuch gar nicht erst, eine andere Haltung anzunehmen, das ist meist kontraproduktiv. Nimms einfach wahr und spür rein. Stehst Du wirklich auf Deinen Füßen? Ist Dein Schwerpunkt ordentlich unten, oder wackelt Dein Oberkörper über dem Becken? (daß der “gefühlte” Schwerpunkt weit hochrutscht passiert n. m. B. vor allem Menschen leicht, die sonst nur ihren Kopf spüren). Stell Dich – mehr mit Deinem Gefühl als mit Deinem Körper – richtig auf die Füße. Die Beine nicht ganz durchstrecken, dennoch entspannt (ja, das geht!). Und dann spür in Deinen Körper rein. Stehst Du locker? In einer guten Haltung sind Deine Muskeln in einem recht neutralen Zustand. Nicht völlig abgeschlafft, aber definitiv auch nicht angespannt. Scanne Deinen Körper durch. Gibt es Stellen, die Du nicht bewußt ansteuern kannst, von denen keine Rückmeldung kommt, wie es ihnen gerade geht? Dann werden diese Stellen in der nächsten Zeit etwas Aufmerksamkeit nötig haben. FIndest Du Stellen, die zu stark angespant sind? Dann laß sie los. Beobachte, was dadurch sich in Deinem Körper verändert.

Und glaube nicht, Du müßtest irgend etwas anspannen, um Dich zu halten. Die zum Halten benötigte Muskulatur unterliegt zum allergrößten Teil gar nicht Deiner bewußten Willenskraft; es ist ein alter, unbewußter Teil des Hirns, welcher das steuert; deswegen lassen sich diese Muskeln auch nicht wirklich trainieren. Wir meinen oft, uns halten zu müssen – und benutzen die willkürliche, die Bewegungsmuskulatur für Halteaufgaben. Und riskieren damit, daß die Haltemuskeln dabei verkümmern. Und haben auch noch einen Teil unserer Kraft und Beweglichkeit dauerhaft gebunden. Blöde, nicht wahr?

Daher: loslassen. Alles, was angespannt ist.

Dann achte mal auf Deine Füße. Bei den Füßen fängt alles an, sie sind das Grundfundament unseres Stehens. Ich hab zu ihnen ja oben schon was geschrieben. Wie sind Füße eigentlich aufgebaut? Welche Knochen geben die Struktur, welche Muskeln, die wo ansetzen, ermöglichen die Bewegung? Ein Fuß ist ein wahrhaft irres Konstrukt. Hast Du wirklich mit jenen drei Punkten Bodenkontakt? Hält sich Dein Fuß selbst durch das Gewölbe? Spürst Du den Fuß als einen Klumpen, der halt auf dem Boden aufhaut beim Gehen, oder ist er mehr? Vor allem lange Menschen scheinen mir oft wenig Bezug zu ihren Füßen zu haben. Füße haben eine Greiffunktion – kannst Du die nutzen? Kannst Du Dich barfuß im Stehen mit den Zehen vorwärts ziehen? Kannst Du Dinge mit den Zehen vom Boden aufheben? Wie beweglich sind Deine Füße? Probiere viel mit ihnen rum. Vielleicht untersuchst Du sie mal genauer, fühlst nach, wo die einzelnen Teile sitzen. Probierst Bewegungen damit aus. Experimentierst mit dem Kontakt zum Boden beim Stehen. Oder gibst ihnen einfach mal eine ausführliche Massage – aber nicht rein “technisch”, sondern etwas achtsam und bewußt dabei. Das alles mag ein wenig verrückt klingen, aber aus Erfahrung bin ich der Überzeugung: mit Bewußtheit in den Füßen wird der Kontakt zum Boden besser – und ja, auch die Haltung.

Dieselbe Art von Aufmerksamkeit sollte man jedem Körperteil ab und zu geben. Sich dafür interessieren, reinspüren, Spannungen auflösen, sofern vorhanden. Gerade auch bei Körperteilen, die man wenig spürt. Meine Erfahrung: durch die Bewußtheit integrieren sich die einzelnen Teile in den Körper, womit sich auch die Beweglichkeit erheblich steigert.

Dann noch ein paar Worte zu Deinem Kopf: viele Leute rennen mit vorgestrecktem Kopf herum und erzeugen damit eine deutliche Spannung in der Wirbelsäule, an die der Kopf mit angeschlossen ist. Ein Kopf gehört schwebend über die Wirbelsäule, wenn er ständig nach vorn gestreckt wird, wird er zwangsläufig schwer und muß vom Körper mühevoll gehalten werden. Leute, die viel im Kopf sind, viel denken, sind besonders anfällig dafür – der berühmte “schwere Kopf”. Oder eben Leute, die sich verstecken – sich im Alltag kleiner machen, als sie eigentlich sind, sich zurückziehen, eher defensiv sind, vielleicht Angst haben. Typisches Bild: Kopf eingezogen, meist Die Schultern hochgezogen, manchmal vornübergebeugt. Wozu das? Da geht fürchterlich KRaft verloren. Wenn Du also in Deiner Übung stehst, dann achte mal drauf, wo Dein Kopf rumhängt, wie Du Dich damit fühlst. Es sind meist seelische Dinge, die solche Deformierungen hervorrufen, oft Gefühle, an die wir uns so gewöhnt haben, daß es Normalzustand ist. Solche Dinge lösen eine Menge Spannungen und Fehlhaltungen im Körper aus – wer einen funktionsfähigen Körper haben will, kommt also nciht drumrum, sein Leben in den Griff zu kriegen. Daß der Körper Ausdruck seelischer Prozesse ist, ist eine Binsenweisheit, absolut nicht neu. Daß ein ausgewogener Körper es der Seele leichter macht, stimmt ebenso.

Zurück zu Deinem Kopf: wenn Du stehst, dann spür mal Deine eigene Größe. Hey, Du bist ein Mensch, nicht mehr, aber vor allem auch nicht weniger! Du hast Deinen Platz auf unserer Erde, kein Grund, den Kopf hängen zu lassen. Nimm Dir Deinem Raum, spür (nicht denk! Spür!), wie Du Dich ausweitest, in alle Richtungen, nach vorn, nach hinten, nach links, nach rechts, nach unten und nach oben. Nimm Dir Deinen Raum – und schau mal, was Dein Kopf so tut…

Von daher, experimentiere mit Deinem Körper. Spür rein, löse Spannungen, schau, wie Du Dich veränderst. Du wirst u. U. auf echt verrückte Sachen stoßen, die keiner Dir glauben wird, die aber reichlich real sind. Vergiß aber nie, daß Dein Körper mehr ist als die Summe seiner Teile. Schau, daß Du auch regelmäßig in Deinen ganzen Körper reinspürst.

Das ist für mich die Basis. Wenn Du das drauf hast, kannst Du damit experimentieren, die Leichtigkeit des sich-selber-Tragens in die Bewegung mit reinzunehmen. Allerdings erst mal nur in langsame Bewegungen, sonst verlierst Dus sehr schnell wieder. Keien Sorge, in Deinen Parkour und Deinen Alltag baut sich das von selbst mit ein – mit der Zeit. Und ich rede hier nicht von zwei Tagen, sondern von Monaten. Aber dafür dauerhaft.

Eine dringende Mahnung an dieser Stelle: auf diese Weise kannst Du an körperliche Grenzen kommen, und auch seelisch kann einiges abgehen. Wahre Deine Grenzen, paß auf Dich auf! Mach immer nur das, was für Dich gerade angemessen ist, gehe nicht leichtfertig über gewisse Schwellen drüber! Bei Bedarf such Dir die richtige Hilfe. Du wirst wissen, was ich meine.

Ja, wie weiter? Ich hatte das Glück, einen sehr fähigen Lehrer zu haben und nebenbei über die richtigen Quellen zu stolpern. Den Luxus hat nicht jeder. Es gibt etliche Wege, sich weiter Impulse zu holen:

– eigenes Experimentieren. Da kommst Du letztlich nicht dran vorbei, wenn Du Deienn Körper angemessen entwickeln willst.
– Sportmedizin, Trainingslehre und klassische Anatomie können Dir viel über Deinen Körper zeigen – vorausgesetzt, Du sammelst kein totes Wissen an, sondern überträgst die Erkentnisse auf Dich.
– entsprechend können auch Fachleute dieser Richtungen Dich ein Stück weit begleiten – Sportmediziner, Orthopäden, Physiotherapeuten, Körperarbeiter etc. Wirst bald ein Gefühl dafür kriegen, welche Dich auf Deinem Weg weiterbringen und welche nur Symptome kurieren.
– Rolfing ist ein System, welches sich eben mit der Ausrichtung des Körpers beschäftigt und in etlichen Details körperstrukturelle Feinheiten untersucht hat, mit teilweise erstaunlich guten Ergebnissen, wissenschaftlich wertvoll, aber noch kaum in die Praxis integriert. Für ein Verständnis des Körpers find ich die Rolfing-Werke (ergänzend) gut. Allerdings ist deren Richtung extrem sparsam mit Hinweisen, was man selber machen kann – man soll doch bitte in deren Praxen kommen und sich gegen entsprechende Bezahlung ausrichten lassen. Ist bestimmt nicht übel, kann für mich aber eigene Auseinandersetzung mit Körper und Bewegung nicht ersetzen.
– Feldenkrais hat ähnliche Ziele wie Rolfing, geht aber ganz andere Wege: “Bewußtheit durch Bewegung”. Feldenkrais paßt nicht den Körper den Bewegungen an, sondern korrigiert Bewwegung an sich, so daß der Körper sich entsprechend einrichtet. Durchaus veritabler Ansatz, und im Gegensatz zu Rolfing schmeißt Feldenkrais in seinen Büchern mit praktischen Übungen nur so um sich. Aber es gibt durchaus auch nicht zu teure Gruppen, in denen unter fachkundiger Anleitung trainiert werden kann.
– sollten tatsächlich psychische Dinge auftauchen, ist natürlich bei entsprechendem Bedarf der Psychotherapeut zuständig. In leichteren Fällen helfen auch gute Freunde oder andere Vertrauenspersonen weiter 😉
– die asiatischen Ansätze wie T’ai Chi und Qi Gong haben gute Grundlagen für Körperkorrektur. Allerdings laufen da die Dinge nicht allzu offensichtlich ab, man muß dem Lehrer vertrauen, daß das auch weiterbringt (zumindest am Anfang, bis man paar Dinge verstanden hat). Setzt allerdings voraus, daß der Lehrer nicht nur ein Programm abzieht, sondern auch wirklich weiß, was er tut. In der Szene laufen sowohl Idioten rum wie sehr fähige Leute – und das ist leider schwer auseinanderzuhalten am Anfang. Stark aufs Gefühl hören. Wenns gut ist, ist das ein sehr kraftvoller Weg zu sich selbst, auch aber nicht nur auf der körperlichen Ebene.
– und natürlich: Deinen eigenen Weg gehen. Wer weiß, was Dir so alles begegnet, woher Du DIr noch so Impulse ziehen kannst.

Noch einmal meine Warnung: verlaß Dich nicht auf das, was Du hier gelesen hast. Es ist in jedem Fall erheblich unvollständig, manche Dinge mögen vielleicht Mißverständnisse meinerseits sein. Wenn Du Deinen Weg gehen willst, mußt Du es ohnehin auf Deinen eigenen Füßen tun. Prüfe alles hier Geschriebene sorgfältig, bevor Du es für Dich übernimmst. Und mach Dein eigenes draus. Mir ging es nur drum ,aufzuzeigen, was es noch so alles gibt – den Blick zu schärfen für eigene Beschäftigung mit einigen Themen. Wenn mir das gelungen ist, dann hat sich all die Tipperei letztendlich gelohnt 😉

Ich würde mich riesig über Rückmeldungen freuen. Über Tipps, Korrekturen, Ergänzungen, Kommentare, Fortschrittsberichte aller Art. Scheu Dich nicht, Dich zu melden. Gerade in solchen Dingen freue ich mich über jede Art von Austausch. Hier als Kommentar an den Text oder gern unter parkour (at) maltehoevel.de.

Viel Spaß beim Ausprobieren – und meld Dich mal! Wird eh kaum Leute geben, die bis zum Ende dieses Textes durchgehalten haben.

Lieben Gruß,

Malte

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